François Höpflinger

Alter/n heute und Aspekte einer modernen Alterspolitik Thesen

A) Beobachtungen zum Wandel des Altern/s

1) Die wirtschaftliche und soziale Lage, aber auch das gesundheitliche und psychische Befinden älterer Menschen haben sich in den Jahrzehnten mehrheitlich verbessert. Wir sind deshalb erstmals in der Menschheitsgeschichte mit einer qualitativ hochstehenden nachberuflichen Phase konfrontiert.

2) Die späteren Lebensphasen sind biographisch eingebettet, und gerade Längsschnittbeobachtungen zeigen die Vorprägung (wenn auch nicht Determination) des Alters durch frühere Lebensprozesse.

3) Viele Feststellungen und Beobachtungen, welche über heutige AHV-RentnerInnen gemacht werden können, vermitteln wenig Hinweise auf die zukünftige Gestaltung des Altern/s. Dies hängt mit dem enormen Generationenwandel oder präziser den markanten Kohortenunterschieden in Zusammensetzung, Lage und Befindlichkeit älterer Menschen zusammen..

4) Gleichaltrige Frauen und Männer weisen in allen Lebensbereichen enorme Unterschiede auf, und das Altern verläuft differentiell. Damit werden nicht allein Fragen sozialer Ungleichheit angesprochen, sondern im Brennpunkt stehen auch die grundsätzliche Heterogenität und Vielfältigkeit von Alternsprozesse.

5) Das menschliche Altern ist in hohem Masse gestaltbar, und auch bei betagten und hochbetagten Menschen ergeben sich beträchtliche, heute oft noch zu wenig ausgeschöpfte Interventions- und Präventionsmöglichkeiten. Behinderungen und Pflegebedürftigkeit im hohen Lebensalter, aber auch soziale Vereinsamung, Desintegration und Verarmung im Alter lassen sich wenn nicht vollständig, so doch wirkungsvoll reduzieren.

Die bedeutsamen Kohorteneffekte des Alterns sowie die biographische Verankerung der nachberuflichen Lebensphase in einer Situation hoher Heterogenität implizieren, dass eine vorausschauende Planung und Gestaltung der Altersvorsorge und -sicherung am besten durch (kohortenspezifische) Längsschnittdaten erreicht werden kann. Angesichts der Tatsache, dass die demographische Alterung wesentlich durch das Älterwerden der geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge bestimmt wird, wäre es ideal, wenn gute Wirtschafts- und Strukturdaten über die 50+-jährige Bevölkerung (=zukünftige RentnerInnen) vorlägen.

B) Wandel des Alters und neue Formen der Alterssicherung

1) Das drei Säulenprinzip der schweizerischen Altersvorsorge hat sich bewährt, und auch die Alterssicherung der Zukunft sollte mehrsäulig gestaltet sein. Dank guter Altersvorsorge ist das Armutsrisiko der RentnerInnen klar gesunken.

2) Die wirtschaftliche und soziale Lage, aber auch das gesundheitliche und psychische Befinden älterer Menschen haben sich in den Jahrzehnten mehrheitlich verbessert. Zu entwickeln ist deshalb eine aktive und gesellschaftlich positiv geprägte Gestaltung der nachberuflichen Lebensphase. Klassische Formen der Alterssicherung müssen durch eine partizipative Alterskultur ergänzt werden.

3) Die späteren Lebensphasen sind biographisch eingebettet, und Kontinuität ist in vielerlei Hinsicht ein zentrales Merkmal der nachberuflichen Phase. Die Alterssicherung nimmt gerade wegen ihres Charakters als Kontinuitätsgarantie einen zentralen Stellenwert ein.

4) Die markanten Generationenunterschiede in Zusammensetzung, Lage und Befindlichkeit älterer Menschen zwingen zu generationenspezifischen Anpassungen der Alterssicherung, z.B. in der Richtung, dass die zukünftige Alterssicherung flexibler auf wechselhafte Berufsbiographien angepasst werden kann.

5) Gleichaltrige Frauen und Männer weisen in allen Lebensbereichen enorme Unterschiede auf, und auch das Altern verläuft differentiell. Unter diesem Gesichtspunkt werden flexible Formen der Pensionierung wie auch individuelle Formen der Alterssicherung bedeutsam. Angesichts der sozialen Ungleichheit im Alter sind bedarfsorientierte Angebote weiter zu stärken. Vermehrte Beachtung sollten namentlich die älteren MigrantInnen erfahren.

6) Das menschliche Altern ist in hohem Masse gestaltbar, und die Alters- und Pflegesicherung der Zukunft ist verstärkt mit präventiven sozialen und gesundheitspolitischen Strategien zu verbinden. Alterssicherung und Gesundheitsvorsorge sind stärker zu verknüpfen.

7) Die Zukunft der Alterssicherung liegt aufgrund heutiger Langlebigkeit immer stärker auch in der Sicherung des Pflegerisikos in der letzten Lebensphase. Die Absicherung gegenüber dem ÔRisiko eines zu späten TodesÕ dürfte im nächsten Jahrhundert eine finanzindustrielle Wachstumsbranche sein.

C) Notwendigkeit von zwei Alterskulturen?

Die gerontologische Forschung zeigt somit, dass die nachberufliche Phase vielfältig ist. Das kalendarische Alter stellt ein schlechtes Kriterium dar, gerade auch für Regelung von Gesundheits- fragen. Ein grosser und wachsender Teil der älteren Menschen ist und bleibt autonom. Es ist auch bei den betagten Menschen immer nur eine Minderheit, welche pflegebedürtig ist.

Die heutige Langlebigkeit und die zunehmende Zahl gesunder, aktiver und kompetenter AHV-RentnerInnen bedeutet, dass wir heute immer mehr von zwei unterschiedlichen Alterskulturen ausgehen müssen; zwei Alterskulturen, in welchen Menschenwürde ein jeweils völlig anders Gesicht aufweist

Alterskultur für aktive Rentner und Rentnerinnen: Für aktive und kompetente Frauen und Männer in der nachberuflichen Phase - und dies ist eine immer grössere Mehrheit der älteren Bevölkerung - bedeutet Würde die Anerkennung ihres gesellschaftlichen Stellenwertes. Worte wie Überalterung, Rentnerschwemme usw. sind herabwürdigend. Für diese Frauen und Männer ist Teilnahme und Aktivität die Grundlage für ein würdiges Leben. Zu einer würdigen Alterskultur in dieser Lebensphase gehören auch vielfältige Kontakte mit anderen Generationen, wie aber auch die Pflicht, sich für andere Generationen einzusetzen. So weiss man heute, dass Kinder heute häufiger unter Armut leiden als AHV-RentnerInnen, und die Lücken der Familienpolitik tragen nachweisbar dazu, dass in der Schweiz die Kinderlosigkeit rascher ansteigt als in anderen Ländern, wodurch schlussendlich auch die Altersvorsorge negativ tangiert wird.

Für aktive und kompetente Frauen und Männer im AHV-Alter gehören Würde, soziale Teilnahme, persönliche Aktivität und gute Generationenbeziehungen zusammen. Gleichzeitig sind wir bei dieser Gruppe von Menschen eigentlich in der glücklichen Lage, dass wir auf immer mehr fachliche und soziale Kompetenzen zählen können. Die heutige Lage vieler AHV-RentnerInnen bedeutet eigentlich eine enorme Ausweitung menschlicher Ressourcen und Kräfte.

Schon heute leisten pensionierte Frauen und Männer beträchtliche Mengen an unbezahlten Leistungen. Nicht nur übernehmen viele ältere Frauen und zunehmend mehr ältere Männer weiterhin vielfältige Haus- und Famialienarbeiten, sondern manche RentnerInnen sind auch freiwillig tätig oder in Nachbarschaftshilfe usw. tätig. Bei der Detailbetrachtung heute vorliegender Daten werden zwei interessante Sachverhalte sichtbar:

a) Nur eine Minderheit von 22% aller jüngeren RentnerInnen (bis zum Alter von 74 Jahren) ist in der organisierten Ehren- und Freiwilligenarbeit aktiv, und der Anteil organisiert freiwilliger RentnerInnen liegt deutlich unter dem Anteil bei jüngeren Altersgruppen. In bezug auf Freiwilligenarbeit älterer Menschen bestehen somit noch einige Lücken.

b) Häufiger als organisiert freiwillig tätig übernehmen ältere Menschen informelle unbezahlte Tätigkeiten, sei es in Form von Nachbarschaftshilfe, bei der Betreuung ihrer Enkelkinder oder sei es in Form kleiner Hilfeleistungen für Fremde. Von den jüngeren RentnerInnen sind 40% in irgendeiner Weise informell tätig, was mehr ist als bei jüngeren Altersgruppen.

Hilfeleistungen älterer Menschen geschehen häufig informell und unorganisiert, und auch deshalb wird der Beitrag älterer Menschen am sozialen Geschehen oft unterschätzt.

Alterskultur für behinderte und pflegebedürftige Menschen: Für die Minderheit behinderter, pflegebedürftiger alter Menschen - heute zumeist hochbetagte Frauen und Männer - ist eine andere Alterskultur notwendig, um ihre Würde zu schützen: Wichtig sind hier Solidarität und Anteilnahme, aber auch Rücksichtnahme auf ihre persönlichen Lebenserfahrungen. Wichtig ist in diesem Fall aber auch die Anerkennung der Endlichkeit und der Einschränkungen menschlichen Lebens, um etwa zu garantieren, dass beispielsweise ein hochdementer Mensch als wertvoller Mensch anerkannt wird. Es ist in diesem Bereich, wo unweigerlich ethische Dilemmas zutage treten, etwa zwischen Sicherheit versus Autonomie, zwischen medizinischen Interventionen und einem würdevollen Sterben. Würde ist hier eng verknüpft mit sensiblem Umgang mit menschlichen Grenzerfahrungen und Trauer. Vom Personal ist in diesem Bereich der Alters- und Pflegetätigkeit eine Professionalität mit Herz verlangt. Dies bedeutet konkret, dass bei der Entwicklung eines würdevollen Umgangs mit pflegebedürftigen Betagten andere fachlich-berufliche Gesichtspunkte zentral werden als dies üblicherweise bei Management-Schulungen oder im akademischen Bereich der Fall ist. Oder pointierter formuliert: Würde für pflegebedürftige betagte Menschen erfordert Modelle des 'New Public-Managements', welche ethische Dilemmas und menschliche Grenzerfahrungen als Leitlinien miteinbeziehen. Zentral ist bei dieser zweiten Alterskultur bzw. einer Kultur des Lebensendes in einer langlebigen Gesellschaft auch eine Abkehr von den üblichen Leistungsbegriffen unserer Gesellschaft, und auch die aktivitätsorientierten gerontologischen Konzepte und Modelle müssen in dieser Lebensphase relativiert und transzendiert werden. Das Hauptthematik sollte dabei weniger das Alter sein, als die Langlebigkeit und die mit Langlebigkeit sichtbaren Grenzen des menschlichen Lebens.

 

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