François Höpflinger
Hochaltrigkeit - demographische, gesundheitliche und soziale Entwicklungen

Einführung

In vielen aktuellen Diskussionen werden - gemäss chronologischer Altersdefinition - die über 80-jährigen Menschen, teilweise auch die über 84-jährigen Menschen zur Gruppe der Hochbetagten gezählt. Angesichts der Vielfältigkeit und Heterogenität individuellen Alterns ist allerdings auch beim Thema der Hochaltrigkeit eine rein chronologische Abgrenzung fragwürdig.

Unter biologischen Gesichtspunkten beginnt das hohe Lebensalter, wenn altersbedingte körperliche EinschrŠnkungen zu Anpassungen des Alltagsleben zwingen. Einige Menschen werden schon früh - unter Umständen vor dem AHV-Alter - mit körperlichen Beschwerden konfrontiert, wogegen andere Menschen noch mit neunzig Lebensjahren beschwerdefrei leben. Wer lange lebt, gelangt jedoch früher oder später zwangsläufig an die Grenzen körperlichen Lebens, etwa bezüglich Fitness oder Gedächtnisleistungen.

Soziologisch betrachtet lässt sich etwa Hochaltrigkeit als jenes Lebensalter festhalten, das nur jeweils von einer Minderheit der Zeitgenossen erreicht wird. Damit wird ein zentraler Aspekt der Hochaltrigkeit, nämlich sein hoch selektiver Charakter, angesprochen. Wer länger lebt als seine Mitmenschen wird zudem mit dem Phänomen konfrontiert, dass sich die Kontakte mit Gleichaltrigen verdünnen, wogegen die Welt immer mehr von jüngeren Menschen und ihren Modeströmungen und Werten beherrscht wird. So sind auch Alters- und Pflegeheime unweigerlich multigenerationelle Lebenswelten, in denen Betreuung und Pflege hochaltriger BewohnerInnen von jüngeren Generationen geprägt werden.

Unter biographischen Gesichtspunkten bedeutet ein langes Leben, dass sich erstens die persönlichen Erfahrungen ausweiten, und zweitens, dass die Erinnerungen immer weiter in die Vergangenheit reichen. Voranschreitende Lebenszeit schliesst biographisch ein immer weiteres Zurückgehen in die Gesellschafts- und Kulturgeschichte ein. Kohortenbezogen betrachtet bedeutet voranschreitende Lebenszeit immer auch ein weiteres Zurückgehen in die Gesellschafts- und Kulturgeschichte einer Gesellschaft. Entsprechend sind langlebige Menschen oft eine wertvolle Informationsquelle über längst verloren gegangene Zeiten.

In vielerlei Hinsicht bedeutet Hochaltrigkeit - konzipiert als relativ aussergewöhnliche Lebensdauer - immer mehr auch ein Vorrücken an die Grenzen des Lebens; sei es bezüglich Generationenbeziehungen, sei es bezüglich körperlicher oder kognitiver Funktionen.

Die angesprochenen Grundaspekte eines (aussergewöhnlich) langen Lebens sollen im folgenden etwas ausführlicher diskutiert werden. Vorerst folgen jedoch einige historische Anmerkungen zur Entwicklung der Lebenserwartung.

Historische Entwicklung der Langlebigkeit

Die (maximale) biologische Lebensspanne menschlicher Wesen hat sich evolutionsbedingt mit der Entwicklung des modernen Menschen erhöht, wie die Daten in Tabelle 1 andeuten. In den letzten paar tausend Jahren hat sie sich jedoch kaum bedeutsam erhöht. In den späten 80er Jahren wurde die durchschnittliche maximale Lebenserwartung des Menschen allerdings erst auf rund 85.6 Jahre geschätzt (vgl. Imhof 1988: 92). Heute liegt die Schätzung eher bei 93-94 Jahren (und inskünftig sind genetisch bedingte Veränderungen der Lebensspanne nicht auszuschliessen). Die biologische Langlebigkeit hat durchaus genetische Komponenten, wobei Menschen interessanterweise eine längere biologische Lebensspanne aufweisen als andere (gleich grosse) Säugetiere. Auch die individuellen Chancen, überdurchschnittlich lang zu leben, sind in signifikanter Weise genetisch mitgeprägt. Allerdings darf dabei nicht von einer einfachen genetischen Determination ausgegangen werden. Genetisches Erbe erklärte etwa bei einer dänischen Zwillingsstudie 20-30% der festgestellten Langlebigkeit und maximal 50% des Risikos für altersbedingte Fragilität (vgl. McGue et al. 1993; Yashin, Iachine 1994). Entscheidend für Langlebigkeit sind (komplexe) Wechselbeziehungen zwischen Umweltfaktoren und genetischen Dispositionen.

Biologisch kann Hochaltrigkeit damit als Chance definiert zu werden, länger zu leben als es der durchschnittlichen biologischen Lebensspanne entspricht

Tabelle 1:
Biologische Lebensspanne im evolutionären Vergleich der Menschheitsentwicklung

 
Durchschnittliche biologische Lebensspanne*
Protohominids (4-5 Mio. BC)
30-40 Jahre
Ramapithecus (4 Mio. BC
42 Jahre
Australopithecus (3 Mio. BC)
51 Jahre
Neolithischer Homo erectus
71 Jahre
Moderner Mensch
93-95 Jahre

*english: maximum life span (mean), Quelle: Crews 1990: 12.

Wenn heute mehr Menschen ein hohes Lebensalter erreichen, liegt der Hauptgrund allerdings primär darin, dass weniger Menschen vorzeitig absterben. Die Tatsache, dass heute primär deshalb mehr Menschen ein Alter von 80 oder 90 Jahren erreichen, weil mehr Menschen ihre biologisch gegebene Altersspanne ausleben dürfen - primär aufgrund hohen Wohlstandsniveaus - hat eine zentrale Konsequenz: Immer mehr Menschen bleiben zwar lange gesund und geniessen damit eine relativ hohe behinderungsfreie Lebenserwartung, gleichzeitig stossen aber immer mehr Menschen biologisch-funktional an die oberen Grenzen des menschlichen Lebens.

Soziologisch - im Gegensatz zur oben erwähnten biologischen Definition - kann Hochaltrigkeit als Chance definiert werden, klar länger zu leben als Angehörige des gleichen Geburtsjahrgangs. In Anlehnung an die Idee einer Zwei-Drittel-Gesellschaft, beginnt Hochaltrigkeit dann, wenn man/frau länger lebt als zwei Drittel seiner Kohortenangehörigen.

Wird Hochaltrigkeit definiert als Möglichkeit bzw. Chance länger zu leben, als die Mehrheit der Zeitgenossen, waren in früheren Jahrhunderten schon 50-jährige Menschen 'alt'. Die in Tabelle 2 aufgeführten historischen Daten illustrieren in aller Deutlichkeit, dass ein Alter von 70 oder gar 80 Jahren lange Zeit die Ausnahme war. Von 100 Genfer BürgerInnen erreichten im späten 17. Jh. höchstens 4 das 70. Altersjahr und nur 1 Person wurde 80. Erzählungen aus früheren Jahrhunderten über Frauen und Männer, welche 140 Jahre alt wurden, erweisen sich historisch als falsch (vgl. Jeune 2000). Auch im ganzen 18. Jh. erreichte nur eine Minderheit von - je nach Wohlstand einer Region - zwischen 14-27% der Bevölkerung das 60. Altersjahr, und den 80. Geburtstag konnten nur 2-4% aller Geborenen feiern (primär auch, weil viele Menschen schon im Säuglings- und Kinderalter starben). In wohlhabenden Regionen - wie etwa den Bündner Weinbaugebieten (Maienfeld) lag die Lebenserwartung im 18. Jh. höher als etwa in damaligen Städten (London, Berlin, Wien).

Zum Mehrheitsphänomen wurde ein Ueberschreiten des 60. Altersjahr bei Frauen erst nach 1900/1910 und bei Männern erst nach 1920. Erst in späten 1930er Jahren wurde in der Schweiz auch das 70. Altersjahr bei Frauen zum Mehrheitsphänomen, und bei Männern sogar erst in den späten 1950er Jahren. Seit den späten 1970er Jahren erreicht die Mehrheit aller Frauen das 80. Altersjahr, und gegenwärtig werden rund 70% aller Frauen 80 Jahre und älter. Bei den Männern stirbt auch heute die Hälfte vor dem 80. Altersjahr. Ein hohes Alter von 80 Jahre und mehr ist speziell bei Männern ein sozial selektiver Prozess.

Tabelle 2:
Wahrscheinlichkeit zu unterschiedlichen Zeitperioden das 60., 70., 80. oder 90. Altersjahr zu erreichen

   
Von 1000 Geborenen erreichten ... das entsprechende Altersjahr:
   
60. Altersjahr
70. Altersjahr
80. Altersjahr
90. Altersjahr
Stadt Genf 1561-1600
86
41
12
  17. Jh.
150
81
25
  18. Jh.
259
145
45
  19. Jh.
323
179
55
London 1728-1757
135
72
27
Wien 1728-1753
143
71
23
Leipzig 1749-1759
199
105
26
Berlin 1752-1755
137
74
22
Igis-Landquart 1703-1768
268
158
Maienfeld/Jenins 1762-1802
285
155
Stadt Luzern Ende 18. Jh.
260
136
34
Schweiz total:  
A) Männer  
  1889/1900
426
252
76
5
  1920/21
556
348
116
8
  1939/44
694
482
189
19
  1958/63
792
586
277
39
  1988/89
862
705
417
97
  1997/98
890
763
500
131
B) Frauen  
  1889/1900
485
300
93
7
  1920/21
617
427
156
9
  1939/44
770
592
279
37
  1958/63
876
738
428
80
  1988/89
928
850
652
249
  1997/98
940
875
703
296

Anmerkungen und Quellen zu Tabelle 2: Die historischen Sterbetafeln wurden gemäss der Halleyschen Methode berechnet, d.h. sie beruhen auf einem stationären Bevölkerungsmodell, welches ausschliesslich die Altersgliederung der Gestorbenen einbezieht. Entsprechend kann eine Zunahme bzw. Abnahme der Bevölkerung zu Verzerrungen der Daten führen.
Quellen: Bickel 1947, 1949 (Genf); Burri 1975 (Luzern), Igis-Landquart: Der neue Sammler, ein gemeinnütziges Archiv für Bünden, 1809, Maienfeld/Jenins: Bündnerisches Monatsblatt No. 7, 1863 und No. 7, 1865. Süssmilch 1765: Genf: Bd. II: 300, London: Bd. II: Tab. X, Wien: Bd. II: Tab. XI, Leipzig: Bd. II: Tab. XXV, Berlin Bd. II: Tab. XIII. Schweiz: Statistische Jahrbücher der Schweiz und Bevölkerungsbewegung der Schweiz.

Wer ein gewisses Alter erreicht hat, geniesst allerdings oft die Vorteile des Überlebens. Dies galt auch in früheren Epochen, und in Genf des 17. Jh. lebte die - geringe Minderheit - derjenigen, die 80 Jahre alt waren, durchschnittlich weitere 6-7 Jahre (was nicht viel geringer ist als bei heutigen 80-jährigen). In anderen Regionen lag die Restlebenswahrscheinlichkeit 80-jähriger Menschen allerdings während des ganzen 18. und 19. Jh. bei rund 4-5 Jahre. Eine klare Zunahme der Restlebenserwartung hochbetagter Menschen ist somit eigentlich erst in den letzten Jahrzehnten feststellbar, möglicherweise weil eine gute Altersbetreuung es auch fragilen Hochbetagten ermöglicht, weiter zu leben. 90-jährige Frauen und Männer leben gegenwärtig durchschnittlich weitere 4-4.5 Jahre (vgl. Tabelle 3). Höchstbetagte weisen denn oft eine recht hohe Resilienz auf, auch weil diese Minderheit konstitutive Stärken aufweist. Allerdings halten viele geäusserte Alltagsvermutungen zu den Gründen, weshalb Leute etwa hundert Jahre alt werden, strengen methodischen Anforderung nicht statt, so dass die Frage, warum es gerade diese Personen sind, die so alt werden, als weitgehend unbeantwortet angesehen werden muss. Langlebige Menschen sind - wie die Heidelberger Hundertjährigen Studie illustriert - sehr verschiedenartig und es lässt sich kaum ein gemeinsames Muster finden. Am ehesten noch scheint ihre Persönlichkeit Besonderheiten aufzuweisen. Hundertjährige sind häufig sehr dominante Personen, die immer wussten, was sie im Leben wollten und sich wenig um die Meinung anderer kümmerten (vgl. Martin et al. 2000; Rott 1999).

Alterspolitisch sind Studien bei Höchstbetagten - mit Ausnahme der positiven Aussage, dass es durchaus möglich ist, so alt zu werden - nur von beschränktem Nutzen, da sie wenig Aussagen darüber erlauben, welche Faktoren zum vorzeitigen Tod der Mehrheit geführt haben.

Tabelle 3:
Durchschnittliche restliche Lebenserwartung von 70, 80 und 90-jährigen Menschen

Durchschnittliche Lebenserwartung bei:
Alter 70 Jahren
Alter 80 Jahren
Alter 90 Jahren
Genf 17 Jh.
9
6.7
Schweden 1740-1790
4.7
Schweiz total:  
A) Männer  
  1889/1900
7.6
4.1
2.2
  1920/21
8.0
4.3
2.2
  1939/44
8.9
4.8
2.5
  1958/63
10.0
5.5
2.8
  1988/89
12.1
6.8
3.7
  1997/98
13.1
7.3
3.9
B) Frauen  
  1889/1900
7.7
4.2
2.4
  1920/21
8.4
4.2
1.8
  1939/44
10.0
5.3
2.7
  1958/63
11.7
6.1
3.1
  1988/89
15.6
8.6
4.2
  1997/98
16.5
9.1
4.3

Quellen für Tabelle 3: Bickel 1949 (Genf), Schweden: Historik statistik för Sverige 1969: 118. Schweiz: Schweizerische Sterbetafeln.

Es ist allerdings unverkennbar, dass die Zahl langlebiger Menschen in allen hochentwickelten Ländern rasant ansteigt, wie auch Tabelle 4 illustriert. Entscheidend ist allerdings auch bei diesem Trend die schon früher gemachte Feststellung: Die Zahl der über 99-jährigen Menschen nimmt nicht so sehr zu, weil die Menschheit biologisch-genetisch stärker geworden ist, sondern primär, weil mehr Menschen ihr biologisch mögliches Potential ausschöpfen.

Tabelle 4:
Hochbetagte in der Schweiz: Aktuelle Zahl und voraussichtliche Entwicklung

 
99+-jährige Menschen in der Schweiz
 
absolute Zahl
pro 1 Mio. Einwohner
1960
24
4.5
1990
405
60.7
2000
1432
199.9
2020
2220
300.6
2040
2848
388.7
2060
4303
608.8

Projektion gemäss Szenario A-00 2000: Trend. Quelle: Bundesamt für Statistik, Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz 2000-2060.

Soziale Selektivität hochaltriger Menschen

Hochaltrigkeit ist sozial sehr selektiv, und entsprechend unterscheiden sich hochaltrige Menschen auch sozial von ihren früher verstorbenen Kohortenangehörigen. Zwei Prozesse sind dabei besonders markant:

a) die geschlechtsspezifischen Unterschiede: Da Frauen länger leben als Männer ergibt sich mit steigendem Lebensalter eine steigende Feminisierung des Alters (Höpflinger 1994). Gekoppelt mit geschlechtsspezifischem Partnerschafts- und Heiratsverhalten zeigt sich zudem im höheren Lebensalter ein ausgeprägtes Auseinanderfallen in der Lebensform hochaltriger Männer und Frauen. Verwitwung und Alleinleben im hohen Lebensalter ist primär Frauenschicksal, wogegen auch hochbetagte Männer häufig auf eine Partnerin zurückgreifen können. Während beispielsweise gut 70% der 85-89-jährigen Frauen in der Schweiz verwitwet sind und nur noch 12% verheiratet bleiben, sind von den gleichaltrigen Männern 54% weiterhin oder erneut verheiratet (gegenüber 36% Verwitweten). Hochaltrigkeit und weiblich bestimmte Lebensschicksale sind eng verknüpft, und gerade bei hochaltrigen Menschen sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede zentrale Lebenselemente.

b) die soziale Unterschiede der Lebenserwartung: Die Wohlhabenden bleiben länger gesund und leben länger als die Armen. Das Sterberisiko der 'besser Gestellten' - gemessen an Ausbildung, Einkommen, sozialer Schichtzugehörigkeit usw. - ist in faktisch allen Altersgruppen geringer. Die markanten sozialen Ungleichheiten in Einkommen, beruflicher Stellung und sozialer Sicherheit schlagen sich offensichtlich in einer bedeutsamen sozialen Ungleichheit vor dem Tod nieder. Und in einem gewissen Sinne sind namentlich hochbetagte Männer sozial eine positiv ausgewählte Gruppe, namentlich verglichen mit den vorzeitig Verstorbenen.

Soziale Unterschiede im altersspezifischen Sterberisiko widerspiegeln im übrigen nicht nur eine soziale Ungleichheit der Lebenserwartung, sondern dahinter verbergen sich auch soziale Ungleichheiten der gesunden Lebensjahre, des erfolgreichen Alterns und allgemein der Lebensqualität. Deshalb sind soziale Unterschiede der Mortalitätsraten bzw. der Lebenserwartung 'harte Indikatoren' für die negativen Auswirkungen sozialer Chancenungleichheiten. "Unterschiede der Lebenserwartung stellen eine sehr elementare Dimension sozialer Ungleichheit im Sinne unterschiedlicher Lebenschancen dar." (Klein 1993: 714, vgl. auch Klein, Unger 2001). Die Unterschiede der Lebenschancen sind absolut gesehen beträchtlich. So zeigt eine finnische Studie für die Periode 1986-1990, dass Männer aus der höchsten Sozialschicht im Durchschnitt 6 Jahre länger leben als Männer aus der untersten Sozialschicht. Bei Frauen ist der entsprechende Unterschied mit 3 Jahren dagegen deutlich schwächer (Valkonen 1994: 134). In einer Studie bei 15-74-jährigen Schweizer Männern erwies sich vor allem das Mortalitätsrisiko manuell tätiger Arbeitskräfte als überdurchschnittlich. Leitende Anstellte (Direktoren, universitäre und selbständige Berufe) wiesen dagegen ein Sterberisiko auf, dass rund ein Drittel unter dem durchschnittlichen Mortalitätsrisiko lag (Minder, Beer, Rehmann 1986).

In vielen untersuchten Ländern (und vor allem in England) haben sich die bildungsbezogenen und ganz allgemein die sozialen Mortalitätsdifferenzen in den 1970er und 1980er Jahren eher ausgeweitet (Valkonen 1994). Dieser Trend dürfte sich in den 1990er Jahren fortgesetzt haben. Eine Pluralisierung von Lebensformen und eine Individualisierung von Lebensstilen haben wahrscheinlich zu einer verstärkten gesellschaftlichen Heterogenisierung des gesundheitsrelevanten Verhaltens - inkl. Ernährung und Konsum von Suchtmittel - geführt, wodurch sich in konsumorientierten Wohlstandsgesellschaften die sozialen Mortalitätsunterschiede eher wieder verstärken. Verstärkte soziale Ungleichheit von Einkommen und Erwerbschancen sowie eine verstärkte Desintegration marginaler Gruppen haben diesen Trend noch verstärkt. Soziale Unterschiede der altersspezifischen Sterbeziffern können in post-industriellen Gesellschaften sowohl das Ergebnis negativer Prozesse (Trend zur Zwei-Drittel-Gesellschaft) als auch die Folge positiver Prozesse (erhöhte Wahlmöglichkeiten und damit Heterogenisierung von Lebensstilen und Gesundheitsverhalten) darstellen.

Die soziale Selektivität der Hochaltrigkeit weist eine zentrale methodische Konsequenz auf: Die soziale Selektivität des Überlebens führt im Extremfall dazu, dass Personen unterschiedlichen Alters eine je unterschiedliche interne Homogenität und eine je unterschiedliche soziale Zusammensetzung aufweisen. So verschieben sich mit steigendem Alter - wie erwähnt - die Geschlechterproportionen systematisch in Richtung eines zunehmend höheren Frauenanteils. Auch innerhalb beider Geschlechter führt selektive Mortalität zu Veränderungen der sozialen Zusammensetzung, und Armut bei Betagten wird beispielsweise durch die Tatsache reduziert, dass arme Personen häufig gar nicht hochbetagt werden. Speziell bei hochbetagten Männern - einer kleinen, selektiven Gruppe - können solche Survival-Effekte sich in vergleichsweise geringen Prävalenzraten etwa von hirnorganischen Störungen widerspiegeln (Perls 1995). Unter diesem Blickwinkel lässt sich bei gerontologischen Studien immer die prinzipielle Frage stellen, inwiefern unterschiedliche Altersgruppen tatsächlich vergleichbar sind. Ein analoges Problem stellt sich auch in Längsschnittstudien betagter Menschen, da sich die Überlebenden in Bezug auf viele wichtige gesundheitliche, soziale und psychologische Merkmale von den Gestorbenen unterscheiden können. Nur ein sorgfältiger Vergleich von Gestorbenen und Überlebenden vermag solche Punkte aufzuhellen.

Hochaltrige Menschen - Kohortenprägung durch eine weit zurückliegende Vergangenheit

Hochaltrige Menschen sind immer auch Menschen, welche auf eine lange Vergangenheit zurückblicken können, und mit steigendem Alter blicken Menschen immer weiter in die Gesellschafts- und Kulturgeschichte zurück (was hochbetagte Menschen als lebende ZeugInnen vergangener Zeiten wertvoll werden lässt). Gleichzeitig zeigen sich bei hochaltrigen Menschen immer weiter zurückgreifende Lebensprägungen: Hochbetagte Frauen und Männer sind etwa häufig entweder in traditionellen bäuerlichen Milieus oder in Arbeiterkreisen aufgewachsen; sie erlebten in ihrer Jugend noch eine durchaus ländlich-kleinstädtische Schweiz (und mit steigendem Alter werden sie immer mehr mit einer verlorenen Jugend konfrontiert. Viele Hochbetagte erlebten eine harte Jugend, was bis heute ihre Lebenszufriedenheit mitbestimmen kann, und manche der heutigen Hochbetagten erlebten Armut und Not. Namentlich hochbetagte Frauen, aber auch viele hochbetagte Männer konnten aus wirtschaftlichen Gründen keine weiterführende Ausbildung absolvieren, was in späteren Jahren nicht nur zu tiefem Einkommen geführt hat, sondern teilweise auch die Bewältigung des Alters erschwerte. Deshalb sind denn viele Hochbetagte auch im Alter wirtschaftlich weniger gut abgesichert als spätere Generationen. So sind gut 25% der 90-jährigen Männer und rund 36% der 90-jährigen Frauen El-Bezügerinnen (wobei neben Kohorteneffekten allerdings auch Alterseffekte (Pflegeheimkosten) relevant. Viele Hochbetagte wuchsen umgekehrt in religiös-konfessionell klar gegliederten Milieus auf, und entsprechend ist traditionelle Kirchlichkeit stark vertreten. Die Stellung der Frau war früher eindeutig festgelegt, was bis heute in den Ansichten hochbetagter Menschen nachwirkt. So unterstützten 1994 weiterhin 58% der 1900-09 geborenen Genfer und Walliser die Meinung, dass der natürliche Platz einer Frau im Haus, ihrem Haushalt sei, verglichen mit nur 30% der l930-1934 Geborenen. Allerdings haben sich einige der Hochbetagten an moderne Ansichten angepasst, und fünfzehn Jahre früher (1979) unterstützten gar 68% der 1900-09 Geborenen das traditionelle Frauenbild (vgl. Lalive d'Epinay et al. 2000: 372).

Da Kohortenprägungen und ihre Wirkungen sich im Laufe des Lebens verändern, zeigt sich allerdings auch bei den Hochbetagten häufig eine Kombination von Kohorten- und Alterseffekten. Dies lässt sich am Beispiel des Lebenstils im Alters- und Kohortenvergleich schön illustrieren (vgl. Tabelle 5): So sind die 1994 über 80-jährigen Genfer und Walliser zwar oft weniger aktiv als die jüngeren RentnerInnen. Der Zeitvergleich 1979-94 zeigt allerdings, dass diese Personen auch in früheren Lebensjahren weniger oft einen aktiven Lebensstil pflegten als heutige RentnerInnen. Der im Querschnittsvergleich zwischen 65-69 Jahren und 80-84 Jahren sichtbare Rückgang an aktiven Menschen (-30%) ist somit fast zu 60% kohortenbedingt, und nur zu 40% das Resultat altersmässiger Einbussen.

Tabelle 5:
Aktiver Lebensstil zuhause lebender älterer Menschen: Genf und Zentralwallis: Alters- versus Kohorteneffekt

%-Anteil zuhause lebender Menschen mit aktivem Lebensstil:
 
60-64 J.
65-69 J.
70-74 J.
75-79 J.
80-84 J.
85-94 J.
1979
60%
57%
46%
40%
19%
1994
82%
77%
75%
58%
47%
25%

60% und /47%: gleiche Geburtsjahrgänge (1910-1914 Geborene).Quelle: Lalive dÕEpinay et al. 2000: 368.

Hochaltrigkeit und Verschiebung an die Grenzen menschlichen Lebens

Wer länger lebt als seine ZeitgenossInnen rückt unweigerlich im hohen Lebensalter an die Grenzen menschlichen und gesellschaftlichen Lebens. Dies zeigt sich sowohl in sozialen als auch körperlichen Grenzziehungen:

Wer lange lebt, wird sachgemäss mit mehr Verlusten, an Bekannten, FreundInnen und Angehörigen konfrontiert. Im höheren Lebensalter verschieben sich sachgemäss die sozialen Kontaktstrukturen in eindeutiger Weise: EhepartnerIn sterben, und die Zahl der (gleichaltrigen) FreundInnen, aber auch der Geschwister schwindet. Umgekehrt werden etwa Ur-Enkelkinder geboren (vgl. dazu auch den Studientext "Sozialbeziehungen im Alter".

Ein überdurchschnittliches Lebensalter bedeutet generell, dass sich die Zahl gleichaltriger Menschen verdünnt. Hochbetagte Menschen finden sich immer stärker in einer Gesellschaft wieder, welche immer stärker durch Jüngere bestimmt und beherrscht wird. Hochbetagte Menschen befinden sich zwar sozusagen an der Spitze des Generationengefüges, und daraus kann sich ein gewisser Status ergeben, gleichzeitig wird die Generationenspitze gegen oben immer dünner, und für Hochbetagte ist die Gefahr gross, sich wie gestrandete Zeitreisende zu fühlen. Selbst eine permanente Beschäftigung mit neuen gesellschaftlichen Wandlungen verhindert nicht, dass sich hochbetagte Menschen zwangsläufig in einer Gesellschaft bewegen, in der Jüngere bzw. VertreterInnen später geborener Generationen das Geschehen beherrschen. Daraus kann sich auch bei hoher sozialer Integration und vielen Kontakten das Gefühl einer existentiellen Einsamkeit ergeben.

Tabelle 6:
Angaben zu gesundheitlichen und körperlichen Einschränkungen älterer Menschen in der Schweiz

A) Epidemiologische Studie 1995/96: Querschnittsvergleich

 
75-79 J.
80-84 J.
85-89 J.
90+ J.
Prävalenz von Demenz (Genf/Zürich 1995/96
6.4%
13.6%
21.2%
24.8%*
Mind. 1 funktionale Alltagseinschränkung (Genf/Zürich 1995/96
8.2%
17.5%
22.5%
31.2%

*europäische Studien zeigten höhere Werte von 32.2%. Quelle: Höpflinger, Stuckelberger 1999.

B) Längschnittbeobachtung bei ursprünglich 80-84-jährigen Personen aus Genf und dem Zentralwallis

 
Funktionelle Gesundheit im Alter von 80-84 Jahren (Erstbeobachtung)
 
unabhängig
fragil
abhängig
Situation nach 60 Monaten      
- unabhängig
45.2%
12.1%
3.6%
- fragil
6.6%
13.8%
8.9%
- abhängig
17.5%
34.5%
26.8%
- verstorben
30.7%
39.7%
60.7%

Quelle: Lalive d'Epinay et al. 2001.

Im höheren Lebensalter erhöhen sich sachgemäss auch die Risiken körperlicher und kognitiver Einschränkungen oder gar von Einbussen. Wer lange lebt, stösst unweigerlich - und zwar auch bei durchaus gesundem Altern - auf die Grenzen körperlichen Lebens, und selbst gesunde Hochbetagte sind durch eine erhöhte Fragilität gekennzeichnet. Selbst wenn das Muster einer linearen Abnahme der funktionalen Selbständigkeit und körperlichen Gesundheit nicht zutrifft, ist es dennoch unverkennbar, dass Frauen und Männer im hohen Lebensalter häufiger Beschwerden und funktionalen Einschränkungen unterworfen sind. Im Alter von 85 Jahren werden gut 40-50% der residualen Lebenszeit mit Behinderungen verbracht. Während bei den 75-79-jährigen Menschen erst 6-6.5% an hirnorganischen Störungen leiden, sind dies bei den 85-89-Jährigen schon rund 21-22%. Und von den über 90-jährigen Menschen leiden - je nach Studie - zwischen 25-37% an demenziellen Erkrankungen. Entsprechend steigt das Risiko einer massiven funktionalen Einschränkung (bzw. klarer Pflegebedürftigkeit) mit steigendem Lebensalter (bzw. mit nahewerdendem Tod) deutlich an. Gegenwärtig sind in der Schweiz gut 23% aller 85-89-Jährigen und gut 31% der 90-jährigen und ältereren Bevölkerung in ihren Alltagsaktivitäten klar eingeschränkt. Beschwerden und kommunikativen Einschränkungen sind bei im hohen Lebensalter ebenfalls nichts aussergewöhnlich. Obwohl die behinderungsfreie Lebenserwartung klar angestiegen ist, ist und bleibt Hochaltrigkeit eine Lebensphase verstärkter gesundheitlicher Risiken. Und wer länger leben (will) als Andere, muss sich unweigerlich - ob gewollt oder ungewollt - mit der Begrenztheit des menschlichen Körpers auseinandersetzen.

Leben nach 80 - von 80-84 Jahren zu 85-89 Jahren - Ergebnisse einer Längsschnittbeobachtung

Als Fortsetzung der vom "Centre interfacultaire de gérontologie" (CIG) in Genf durchgeführten umfassenden Studie zur Lebenslage älterer Menschen werden hochbetagte Menschen im Rahmen einer Längsschnittstudie weiter beobachtet. Die Ausgangsgruppe waren 340 Genfer und Walliser Frauen und Männer im Alter zwischen 80 und 84 Jahren. Im folgenden werden neue Ergebnisse zu den Veränderungen im Leben dieser Menschen innerhalb von 60 Monaten aufgeführt (vgl. Lalive d'Epinay et al. 2001).

Von den ursprünglich 340 Befragten starben 26% innerhalb dieser Zeitperiode. Die Wahrscheinlichkeit innert 30 Monaten bzw. innert 60 Monaten zu sterben, war sachgemäss höher bei Menschen mit vielen körperlichen Beschwerden, und Männer starben erwartungsgemäss auch in diesem Alter häufiger als Frauen. Dagegen zeigten sich in dieser Altersgruppe keine klaren regionalen oder sozialen Unterschiede der Sterbewahrscheinlichkeit. Etwas überraschend zeigte sich in dieser Studie, dass 80-84-jährige Personen mit aktiver religiöser Teilnahme häufiger überlebten als religiös nicht aktive Personen; was möglicherweise damit zusammenhängt, dass ein Weiterleben im hohen Lebensalter auch mit Sinnaspekten verhängt ist.

Von den überlebenden Betagten erlebten 60% im Laufe der fünf Jahre einen Spitalaufenthalt. Erstaunlich hoch - mit 60% der ursprünglich 80-84-jährigen Befragten - war im übrigen der Anteil derjenigen, welche in dieser Zeitperiode einen Sturz erlebten. Diese Angaben belegen erneut das hohe Sturzrisiko bei Hochbetagten. Gleichzeitig verdeutlicht das im Rahmen des EIGER-Projekts durchgeführte präventive Gesundheitsprogramm, dass das Sturzrisiko von betagten Menschen durchaus reduziert werden kann (etwa durch regelmässige Gleichgewichtsübungen).

Der Anteil der funktional autonomen Betagten sank in den 60 Monaten von 59% auf 49%, wogegen der Anteil der funktional abhängigen Menschen von 17% auf 37% anstieg. Trotz erhöhten gesundheitlichen Anfälligkeiten und beträchtlichem Sterberisiko bestand die grösste Gruppe jedoch aus Personen, welche eine stabile Gesundheit aufwiesen. Daneben zeigten sich auch in Gruppe von über 80-jährigen Menschen teilweise und zeitweise gesundheitliche Verbesserungen. So verbesserte sich der gesundheitliche Zustand bei nahezu jedem zehnten Betagten merkbar. Eine genaue Verlaufsanalyse weist auf vielfältige Muster hin, welche die Idee relativieren, dass es nach 80 Lebensjahren 'nur noch abwärts geht'. Die Wahrscheinlichkeit, auch nach 80-84 Lebensjahren unabhängig zu bleiben, war sachgemäss eng mit dem anfänglichen Gesundheitszustand verbunden. Zusätzlich zeigte sich jedoch auch ein Effekt der psychischen Verfassung: Personen mit guter psychischer Moral blieben häufiger unabhängig oder erlebten sogar häufiger eine Verbesserung ihres gesundheitlichen Befindens als Befragte mit depressiven Symptomen.

Die psychische Gesundheit sowie die moralische Lebenseinstellung zeigten in den nachfolgenden Jahren keine negativen Entwicklungen. Oder in anderen Worten: Trotz teilweise verschlechterter körperlicher Verfassung blieb die psychische Verfassung bei den meisten Betagten stabil. Der Anteil derjenigen mit depressiven Symptomen sank bei den überlebenden sogar leicht. Die Vorstellung, dass depressive Stimmungen mit steigendem Lebensalter häufiger werden, wird auch durch diese Studie widerlegt.

Trotz der weitgehenden Stabilität der Haushaltslage zeigten sich in den sozialen Beziehungen einige merkbare Veränderungen. Der Anteil von Betagten, welche noch mindestens einen Bruder oder eine Schwester aufwiesen, sank deutlich. Auf der anderen Seite erlebten mehr als 14% die Geburt eines Enkel- oder sogar Grossenkelkindes. Ueber 80% der 85-89-jährigen Betagten haben zumindest ein Kind, und 78% zumindest ein Enkelkind. Entsprechend häufig sind bei Hochbetagten Beziehungen über drei Generationen hinweg, wogegen sich die Zahl von Gleichaltrigen verdünnt. Dies verweist darauf, dass die Pflege intergenerationeller Beziehungen und eine positive Grundhaltung zu den nachfolgenden Generationen auch im hohen Lebensalter bedeutsam werden. In modernen Gesellschaften sind neben familial-verwandtschaftlichen Beziehungen zunehmend auch ausserfamiliäre Beziehungen bedeutsam. Trotz Verlusten wiesen weiterhin über 70% der hochbetagten Befragten enge Freundschaftsbeziehungen auf, und im Zeitverlauf blieb der Anteil der sozial isolierten Betagten in etwa gleich hoch (zwischen 9-10%).

Die Mehrzahl der über 80-jährigen Menschen bleibt somit familial oder freundschaftlich integriert, allerdings zeigt sich im Zeitverlauf eine bedeutsame Verschiebung der informellen Austauschbeziehungen: Der Anteil derjenigen, welche informelle Hilfe erhalten, steigt deutlich. Bei der ersten Befragung erhielten 60% eine informelle Unterstützung, 60 Monate später waren es 77%. Auch formelle Hilfe wird mit steigendem Alter häufiger beansprucht. In den erhobenen fünf Jahren erhöhte sich der Anteil derjenigen, welche professionelle Hilfe (Haushilfe, Spitex) erhielten bzw. beanspruchten, von 27% auf 55%. Es scheint, dass gerade die Lebensperiode nach 80-84 Jahren für viele Menschen eine kritische Lebensphase darstellt; eine Lebensphase, in der externe Hilfe und Unterstützung wichtiger wird. Der Anteil derjenigen, welche keine externe Hilfe erhielten, sank von 35% auf 14%. Auffallend ist, dass bei gut einem Drittel aller Betagten nur informelle Hilfe durch Angehörige, Partnerin oder Freunde geleistet wird, während relativ wenige Befragte (je nach Periode 4-8%) allein professionelle Hilfe erhalten. Sehr häufig, vor allem bei den Hochbetagten, welche Zuhause leben, ist eine Kombination professioneller und familialer Unterstützung (und der Aqnteil derjenigen, welche formelle und informelle Hilfe kombiniert erhielten, erhöhte sich von 23% auf 47%.

Die Detailanalyse lässt allerdings die Vermutung aufkommen, dass die verstärkte Betreuung und Hilfe gegenüber den über 80-Jährigen nicht allein mit akuten gesundheitlichen Verschlechterungen verhängt ist. Denn es zeigt sich, dass im Zeitverlauf auch gesunde, unabhängige Betagte mehr professionelle Betreuung erhalten. Dies kann präventive Strategien widerspiegeln, möglicherweise aber auch Defizitvorstellungen, welche alle über 80-jährigen Menschen als Risikogruppe definieren.

Während die gesundheitliche Lage und Betreuung durch markante Wandlungen gekennzeichnet ist, zeigt sich bei den religiösen Einstellungen und allgemeinen Werthaltungen auch im hohen Alter eher ein Muster von hoher Stabilität bzw. Kontinuität. Mit steigendem Alter sinkt einzig der Anteil derjenigen, welche aktiv an kirchlichen Ereignissen teilnehmen. Auch einige Werthaltungen wurden im Verlauf der zweieinhalb Jahre leicht häufiger, etwa die Betonung der Häuslichkeit sowie die Einstellung, das 'Leben zu nehmen, wie es kommt'. Das allgemeine Muster ist jedoch eine hohe Stabilität der Werthaltungen und Einstellungen auch im späteren Leben, und der Anteil derjenigen, welche nur noch auf den Tod warten, erhöht sich ebenfalls nicht.

Die Werthaltungen der befragten Betagten erweisen sich im Detail stark geprägt durch ihre Generationenzugehörigkeit: Einerseits wurden sie in ihrer späten Kindheit und Jugend geprägt durch die Wirtschaftskrise der 30er Jahre und anschliessend durch den II. Weltkrieg. Andererseits erlebten sich als Erwachsene die ersten Wohlstandsjahre der Nachkriegszeit sowie den Aufbau des Sozialstaates. Entsprechend widerspiegelt ihre Weltanschauung häufig eine ambivalente Kombination von öffnung gegenüber Neuem und Beharren auf Traditionen. Im Gegensatz zu früheren Generationen von Hochbetagten fühlen die heutigen 80+-Jährigen jedoch mehrheitlich weder als desengagiert noch als verlassen.

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letzte Aenderung: 26.April 2003

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