François Höpflinger
Frauen im Alter - die heimliche Mehrheit
Geschlechtsspezifische Unterschiede der Lebenserwartung - ein globales Phänomen moderner Gesellschaften
Im allgemeinen leben Mächtige und Reiche länger als Benachteiligte und Diskriminierte. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es paradox, dass die Frauen - bis heute in vielerlei Hinsicht benachteiligt - länger leben als Männer. Die höhere Lebenserwartung der Frauen bzw. die Übersterblichkeit der Männer ist ein weltweites Phänomen geworden. Nur noch in wenigen Regionen Afrikas und Asiens weisen Frauen noch keine höhere Lebenserwartung auf als Männer, aber auch in diesen Ländern zeichnet sich ein Trend zu verstärkten geschlechtsspezifischen Ungleichheiten der Lebenserwartung ab. In Europa, wie auch in anderen hochentwickelten Regionen, ist die Langlebigkeit der Frauen durchgehend ausgeprägt, auch wenn Form und Ausmass der geschlechtsspezifischen Unterschiede je nach Land bzw. sozialer Schicht variieren.
Die markant längere Lebenserwartung der Frauen ist weitgehend ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. In einigen Gebieten Europas (Schweiz, Schweden) begann der Trend zu weiblicher Langlebigkeit zwar schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts, aber zu einer deutlichen Ausweitung der geschlechtsspezifischen Unterschiede der Lebenserwartung kam es in Europa vor allem im 20. Jahrhundert. Im allgemeinen vergrössern sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede der Lebenserwartung mit steigender industrieller Entwicklung und verstärkter Urbanisierung, und die relative Langlebigkeit der Frauen ist ein wichtiges gesellschaftliches Phänomen jeder modernen Gesellschaft.
Die hie und da geäusserte Vermutung, dass erhöhte Frauenerwerbstätigkeit
und Frauenemanzipation zu einer Gleichstellung der Lebenserwartung von Frauen
und Männern führen würden, hat sich nicht bestätigt. Intereuropäische
Vergleiche etwa belegen, dass hohe Frauenerwerbsquoten nicht zur Verringerung
der geschlechtsspezifischen Unterschiede der Lebenserwartung beitragen. Somit
ist auch in Zukunft mit signifikanten geschlechtsspezifischen Unterschieden
der Lebenserwartung zu rechnen, selbst wenn in einigen hochentwickelten Ländern
seit den 1980er Jahren eine gewisse Angleichung der Lebenserwartung der beiden
Geschlechter zu beobachten ist. So reduzierte sich etwa in der Schweiz der
geschlechtsspezifische Unterschied der Lebenserwartung zwischen 1970 und 2006
von fast 7 Jahren auf nur noch rund 5 Jahre. Sehr hoch sind hingegen die Unterschiede
der Lebenserwartung nach wie vor in einigen osteuropäischen Regionen
(Weissrussland, Russland u.a.), was teilweise mit negativen Veränderungen
der gesundheits- und sozialpolitischer Strukturen zusammenhängt.
Zur historischen Entwicklung der Lebenserwartung von Frauen und Männern
in der Schweiz, vgl. Lebenserwartung-historisch1.pdf
In europäischen Ländern sind bezüglich der geschlechtsspezifischen Unterschiede der Mortalitätsraten zwei Sachverhalte auffallend: Erstens zeigt sich eine Übersterblichkeit der Männer in allen oder nahezu allen Altersgruppen. Die Sterberaten der Männer sind sowohl im Säuglings- und Kindesalter, im Jugend- und Erwachsenenalter als auch bei Hochaltrigen höher. Zweitens weisen Männer bei allen Todesursachen - sofern sie nicht, wie Brustkrebs u.a., geschlechtsspezifisch sind - höhere Risiken auf. Das gilt für Unfälle und Selbsttötungen als auch für Krebskrankheiten, Kreislaufstörungen usw. Bis zum Alter von 40 Jahren liegt ein Hauptgrund der männlichen Übersterblichkeit im höheren Risiko tödlicher Unfälle und höheren Selbsttötungsraten. Seit Ende der 1980er Jahre ist zudem das Aids-Risiko jüngerer Männer deutlich angestiegen. Nach dem Alter von 40 Jahren wird die männliche Übersterblichkeit stark durch geschlechtsspezifische Unterschiede von Herz-Kreislaufkrankheiten verursacht. Bis in die 1980er Jahren stieg das Risiko, vorzeitig an Krebs und kardiovaskulären Krankheiten zu sterben, bei Männern in einigen europäischen Ländern weiter an, um erst ab den 1990er Jahren wieder rückläufig zu sein. Für Frauen waren hingegen schon seit der Nachkriegszeit in vielen Ländern rückläufige Trends zu verzeichnen.
Die höhere Lebenserwartung der Frauen führt zu einer deutlichen 'Feminisierung des Alters', und heute ist die Mehrheit der älteren Bevölkerung und namentlich der Hochaltrigen weiblichen Geschlechts. als Männer. Aus diesem Grund sind Frauen in vielerlei Hinsicht von den Problemen des Alterns stärker betroffen. Dies dürfte auch inskünftig der Fall sein, selbst wenn demographische Prognosen von einer gewissen Angleichung der geschlechtsspezifischen Mortalität ausgehen. Hoch bleiben wird insbesondere der Anteil von betagten Frauen, und gemäss UN-Projektionen dürften auch im Jahre 2025 je nach europäischem Land der Frauenanteil an der 75 und älteren Bevölkerung zwischen 60% bis 70% betragen. Auch in einigen afrikanischen und asiatischen Ländern dürften dazumal auch die Frauen die Mehrheit aller Betagten darstellen.
Frauen sind primär deshalb häufiger von hirnorganischen Problemen betroffen als Männer, weil sie häufiger jenes hohe Alter erreichen, in denen hirnorganische Störungen häufiger werden, und nicht weil sie ein höheres Risiko von Demenz aufweisen. Die Ergebnisse der Berliner Altersstudie lassen erkennen, dass viele geschlechtsspezifische Unterschiede - etwa zur psychischen Gesundheit, sozialen Integration oder Persönlichkeit - verschwinden, wenn Alter und sozio-demographische Faktoren (wie Zivilstand, Lebensform) kontrolliert werden. Oder in anderen Worten: Ein Grossteil der geschlechtsspezifischen Unterschiede von Mortalität sind mit geschlechtsspezifischen Unterschieden von Lebensstil und Gesundheitsverhalten (und nicht mit biologischen Differenzen) verhängt.
Bei der Untersuchung von geschlechtsspezifischen Unterschieden der Prävalenz spezifischer psychischer oder physischer Erkrankungen im Alter ist zusätzlich zu berücksichtigen, dass Frauen auch im Alter nicht nur generell länger leben, sondern auch bei hoher Pflegebedürftigkeit eine längere residuale Lebenserwartung aufweisen. Auch bei hoher Pflegebedürftigkeit (sechs von sechs negativen ADL-Kriterien) leben betagte Frauen länger als gleichaltrige Männer. Oder anders formuliert: Ein Teil der zusätzlichen Lebenserwartung von Frauen wird auch durch eine längere Pflegephase 'erkauft'. Damit wird die Feminisierung der Pflegebedürftigkeit im Alter zusätzlich verstärkt; ein Punkt, der bei der Planung der Alterspflege oft zu wenig beachtet wird.
Weibliche Langlebigkeit und Feminisierung des Alters in ausgwählten europäischen Ländern
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Durchschnittliche Lebenserwartung 20006
|
Frauenanteil an der 75 und älteren Bevölkerung
|
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Frauen
|
Männer
|
1996
|
2025
|
|
| Ausgewählte europäische Länder: | ||||
| - Deutschland |
82
|
79
|
71%
|
60%
|
| - Frankreich |
84
|
77
|
65%
|
60%
|
| - Grossbritannien |
81
|
77
|
65%
|
60%
|
| - Irland |
82
|
77
|
62%
|
60%
|
| - Italien |
84
|
78
|
64%
|
60%
|
| - Slowakei |
78
|
70
|
67%
|
69%
|
| - Russische Föderation |
73
|
60
|
78%
|
70%
|
| - Schweden |
84
|
79
|
62%
|
58%
|
| - Schweiz |
84
|
79
|
65%
|
59%
|
Quelle: Eurostat
Zu den Ursachen weiblicher Langlebigkeit
Die Ursachen für die höhere Lebenserwartung von Frauen bzw. für die Übersterblichkeit der Männer sind vielfältig. Ein Ursachenbündel sind einerseits immunbiologische und hormonale Unterschiede. So weisen Frauen - als Geschlecht das Schwangerschaften und Geburten zu tragen hat - konstitutionelle und immunbiologische Vorteile auf, die allerdings nur bei guter Ernährung hervortreten. So sind Frauen aufgrund hormonaler Unterschiede gegenüber kardiovaskulären Erkrankungen besser geschützt als Männer, und in Wohlstandsgesellschaften mit ausgebauter medizinischer Versorgung können solche immunbiologische Unterschiede mit zu den signifikanten Mortalitätsunterschieden zwischen den Geschlechtern beitragen. Andererseits sind auch das geschlechtsspezifische geprägte Gesundheits- und Risikoverhalten sowie die Unterschiede in der Lebenswelt von Männern und Frauen bedeutsame Erklärungsfaktoren. So sind Frauen aufgrund ihres Monatszyklus stärker für körperliche Unregelmässigkeiten sensibilisiert. Gekoppelt mit der Tendenz, dass Frauen eher sozialisiert werden, Emotionen und körperliche Symptome zu äussern, führt dies zu einer besseren Gesundheitsvorsorge. Frauen betreiben zum Beispiel mehr Prävention und suchen häufiger ärztliche Hilfe auf. Gleichzeitig ergeben sich enorme Unterschiede im Lebensstil und Risikoverhalten; sei es, dass Frauen seltener in tödliche Unfälle verwickelt werden und weniger oft Selbsttötungen betreiben; sei es, dass sie seltener ein stark gesundheitsschädigendes Verhalten zeigen. In den letzten Jahrzehnten haben namentlich die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Zigarrettenkonsum zur Ausweitung der geschlechtsspezifischen Mortalitätsunterschiede beigetragen.
Insgesamt zeigen Frauen im Durchschnitt ein weniger risikoreiches Verhalten als Männer. In einem gewissen Sinn hat das aggressivere Verhalten mancher Männer seinen Preis. Frauen leben im Durchschnitt gesundheitsbewusster oder genauer formuliert, weniger Frauen weisen einen krass gesundheitsschädigenden, lebensverkürzenden Lebensstil auf. In vielerlei Hinsicht widerspiegeln die krassen Unterschiede in der Lebenserwartung von Frauen und Männer die weiterhin vorherrschende Trennung von männlich und weiblich geprägten Lebenswelten.
Zusätzliche Informationen über geschlechtsspezifische Unterschiede und deren Entwicklung erhalten wir, wenn wir die Ursachen vorzeitigen Sterbens von Frauen und Männern zwischen 1970 und 2003 betrachten. Zwei Beobachtungen stechen dabei hervor:
Erstens haben sich die Risiken eines vorzeitigen Todes zwischen 1970 und 2003 für beide Geschlechter weiter reduziert, und nur wenige Todesursachen zeigten zeitweise steigende Tendenzen. Dies galt etwa für infektiöse Krankheiten, namentlich aufgrund der zeitweisen Ausbreitung von AIDS. Bei den Frauen relativ an Gewicht gewonnen haben zudem alkoholbedingte Lebensverluste sowie Selbsttötungen. Aber auch 2003 war der Verlust an Lebensjahren (bis zum 70. Lebensjahr) durch Selbsttötungen bei Männern rund dreifach so hoch als bei Frauen. Ähnliche Differenzen ergeben sich bei tödlichen Unfällen. In beiden Fällen führt primär männlich geprägtes aggressives Verhalten zu Lebensverlusten.
Potentiell verlorene Lebensjahre nach Geschlecht, Schweiz 1970 und 2003
|
Potentiell verlorene Lebensjahre zwischen 1. und 70.
Lebensjahr pro 100'000 Einwohner (altersstandardisiert)
|
||||||
|
Frauen
|
Männer
|
Quotient Männer/ Frauen |
||||
|
1970
|
2003
|
1970
|
2003
|
1970
|
2003
|
|
| Alle Todesursachen |
4091
|
2092
|
8157
|
3956
|
2.0
|
1.9
|
| Unfälle |
582
|
181
|
2122
|
596
|
3.6
|
3.3
|
| Selbsttötung |
224
|
180
|
681
|
488
|
3.0
|
2.7
|
| Infektiöse Krankheiten/AIDS |
104
|
47
|
82
|
290
|
1.6
|
2.1
|
| Krebskrankheiten |
1416
|
867
|
1692
|
1022
|
1.2
|
1.2
|
| Kreislaufsystem/Herzkrankheiten |
699
|
233
|
1737
|
656
|
2.5
|
2.8
|
| Atmungsorgane |
217
|
42
|
402
|
89
|
1.9
|
2.1
|
| Alkoholische Leberzirrhose |
36
|
40
|
202
|
103
|
5.6
|
2.6
|
Quelle: Statistisches Jahrbücher der Schweiz.
Zweitens sterben weiterhin mehr Männer als Frauen vorzeitig an Krebskrankheiten, Kreislaufproblemen oder Erkrankungen der Atmungsorgane. Die diesbezüglichen geschlechtsspezifischen Differenzen sind entweder gleich geblieben oder haben sich sogar verstärkt. Einzig bei den Todesfällen durch Leberzirrhose zeigt sich eine eindeutige Angleichung der Lebensverluste von Frauen an diejenige der Männer. Die Analyse der Ursachen vorzeitigen Sterbens deutet somit nur bei ausgewählten Krankheiten auf eine 'Infizierung' von Teilen der weiblichen Bevölkerung durch 'schlechte männliche Verhaltensweisen' hin. Bei vielen Todesursachen haben Frauen wie Männer von einer reduzierten Mortalität profitiert, wobei die erhöhte Lebenserwartung auch zu mehr gesunden Lebensjahren geführt hat. Gemäss Schätzungen der WHO sind in der Schweiz gegenwärtig über 90% der gesamten Lebenserwartung von Frauen und Männern gesunde Lebensjahre.
Bei der Betrachtung von Lebenserwartung und Todesursachen sind allerdings zwei gesundheitspolitisch zentrale Einschränkungen zu beachten: Erstens führen medizinische Fortschritte dazu, dass Morbidität und Mortalität auseinanderfallen können, oder anders formuliert: dank hochtechnisierter Medizin ist es teilweise möglich, langjährig ungesunde Verhaltensweise medizinisch zu kompensieren. Zweitens wirkt sich ungesundes Verhalten erst mit beträchtlicher Verzögerung auf die Lebenserwartung. Der erhöhte Anteil jugendlicher Raucherinnen in den 90er Jahren wird sich beispielsweise erst in Zukunft in den Mortalitätsstatisiken widerspiegeln.
Gesundheitseinschätzung von Männern und Frauen
In vielen Studien wurde festgestellt, dass Frauen sich teil- und zeitweise
gesundheitlich schlechter einschätzen als Männer, und auch ihr psychisches
Wohlbefinden liegt teilweise - etwa wegen Doppelbelastungen - unter demjenigen
gleichaltriger Männer. Noch 1997 zeigte sich dass Muster, dass zwar 79%
der 65-74-jährigen Männer eine gute bis sehr gute Gesundheit angaben,
wogegen damals jedoch nur 68% der gleichaltrigen Frauen ihre Gesundheit gleich
gut einschätzten. Zehn Jahre später (2007) haben sich die entsprechenden
Unterschiede allerdings stark reduziert (80% gute Gesundheit bei 65-74-jährigen
Männern, gegenüber 75% bei den 65-74-jährigen Frauen). Die
Verringerung geschlechtsspezifischer Unterschiede in Arbeitswelt - wie auch
ein erhöhtes Selbstbewusstsein jüngerer Frauengenerationen - können
dazu beitragen, dass sich das gesundheitliche Befinden von Männern und
Frauen tendenziell angleicht. In den heutigen Generationen älterer Frauen
und Männer zeigen sich allerdings weiterhin klare Unterschiede etwa bezüglich
Rauch- und Alkoholverhalten, Unterschiede, die bei jüngeren Generationen
nicht mehr im gleichen Masse auftreten.
Selbsteingeschätzte Gesundheit und Gesundheitsindikatoren der über 55-Jährigen nach Geschlecht 2007
|
Männer
|
Frauen
|
|||||
|
Altersgruppe:
|
55-64 J.
|
65-74 J.
|
75+ J.
|
15-64 J.
|
65-74 J
|
75+ J.
|
| Subjektive Gesundheit: gut/sehr gut |
81%
|
80%
|
68%
|
82%
|
75%
|
63%
|
| Rauchen zum Befragungszeitpunkt |
31%
|
23%
|
11%
|
20%
|
11%
|
6%
|
| Nie/selten Alkohol |
24%
|
20%
|
25%
|
47%
|
51%
|
64%
|
Quelle: Schweiz. Gesundheitsbefragung 2007 (Grundlage: In Privathaushaltungen wohnende Personen).
Im höheren Lebensalter wird die höhere Lebenserwartung von Frauen teilweise durch eine längere Zeit mit Beschwerden und Behinderungen begleitet, und im Alter klagen Frauen signifikant häufiger über Beschwerden, wie etwa Gelenk- und Rückenschmerzen. Die höhere Häufigkeit von Gelenk- und Rückenschmerzen sowie von rheumatischen Beschwerden bei älteren Frauen ist zu einem wesentlichen Teil hormonal bedingt. Hormonale Unterschiede tragen dazu bei, dass Frauen länger leben als Männer, jedoch im höheren Lebensalter häufiger mit chronischen Beschwerden konfrontiert werden.
Die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der gesundheitlichen Selbsteinschätzung sind allerdings weniger ausgeprägt als die Unterschiede in Lebenserwartung und Gesundheitsverhalten, und Studien, welche Frauen und Männer in ähnlicher Lebenslage (gleiches Einkommen, gleiche Erwerbstätigkeit oder Familiensituation) vergleichen, kommen zum Schluss, dass sich die subjektive Gesundheit von Männern und Frauen heute nur noch punktuell unterscheidet. Sozialer Status und Lebensstil erweisen sich insgesamt als wichtiger als das Geschlecht.
Auffallend ist im übrigen die mehrheitlich hohe gesundheitliche Selbsteinschätzung auch im höheren Lebensalter, und dies gilt gleichermassen für Frauen und Männer. Auch ältere Menschen fühlen sich mehrheitlich als gesund. Gleichzeitig steigt das psychische Wohlbefinden im höheren Lebensalter an, und am meisten psychische Probleme zeigen junge Frauen und Männer. Mit steigendem Lebensalter zeigt sich namentlich ein Zuwachs an Gelassenheit und Ausgeglichenheit und eine Abnahme von Nervosität und Gereiztheit. So gesehen verändern sich gesundheitliches und psychisches Wohlbefinden im Lebenslauf gegenläufig. Im höheren Lebensalter wird eine abnehmende gesundheitliche Situation (mit vermehrtem Risiko von körperlichen Beschwerden) durch ein erhöhtes psychisches Wohlbefinden kompensiert.
Lebensformen im Alter: Effekte von weiblicher Langlebigkeit und weiblichem Familienverhalten
Im höheren Lebensalter zeigt sich in allen Ländern auch ein zunehmendes Auseinanderfallen der Lebensformen von Männern und Frauen. Darin widerspiegeln sich zusätzlich zur geschlechtsspezifischen Ungleichheit vor dem Tod auch tiefverwurzelte kulturell-soziale Unterschiede in Partnerschafts- und Heiratsverhalten von Männern und Frauen. Die Folgen der weiblichen Langlebigkeit werden sozusagen durch soziale Normen verschärft. So ist die Kombination von weiblicher Langlebigkeit und traditionellen Normen der Partnerwahl (Männer heiraten meist eine Frau, die jünger ist) dafür verantwortlich, dass Verwitwung vorwiegend ein Frauenschicksal darstellt. Von 100 Schweizer Frauen der Geburtsjahrgänge 1908/12 wurden 61 Frauen im Verlaufe ihres Ehelebens mit dem Tod des Ehepartners konfrontiert. Bei den Ehemännern erfuhren hingegen nur 27 von 100 dieses Schicksal. Ähnliche geschlechtsspezifische Unterschiede des Verwitwungsrisikos zeigen sich in Deutschland, wobei der Anteil von verwitweten Frauen in diversen Geburtsjahrgängen kriegsbedingt anstieg.
Mit steigendem Lebensalter werden die geschlechtsspezifischen Differenzen in der Lebensform markanter. Während 2008 gut 62% aller 85-89-jährigen Männer in der Schweiz in einer Partnerbeziehung lebten, waren dies nur 18% der gleichaltrigen Frauen. Neben Unterschieden der Lebenserwartung und des Heiratsalters ist dafür auch die höhere Wiederverheiratungsquote älterer Männer verantwortlich. So gehen Männer nach einer Verwitwung häufiger eine neue Ehe bzw. Partnerbeziehung ein als Frauen. Von allen Witwern dürften zehn Prozent sich wieder verheiraten, gegenüber 2% aller Witwfrauen (was damit zusammenhängt, dass Männer im höheren Alter von einem günstigen Heiratsmarkt profitieren können). Hohes Verwitwungsrisiko sowie geringe Wiederverheiratungsquoten nach Verwitwung oder Scheidung sind Hauptfaktoren, weshalb Frauen im höheren Lebensalter deutlich häufiger in einem Ein-Personen-Haushalt wohnen als Männer.
Das höhere Verwitwungsrisiko älterer Frauen ein globales Phänomen, das sogar in Ländern auftritt, wo Männer und Frauen noch eine ähnliche Lebenserwartung aufweisen. Dies hängt damit zusammen, dass in vielen aussereuropäischen Ländern der Altersunterschied von Ehemann und Ehefrau deutlicher höher liegt als in Europa (und in manchen aussereuropäischen Ländern ist der Ehemann durchschnittlich zwischen 5-6 Jahren älter als seine Ehefrau. Und je grösser der entsprechende Altersunterschied zwischen Ehefrau und Ehemann ist, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau den Mann überlebt. In Ägypten zum Beispiel sind 60% aller über 60-jährigen Frauen Witwfrauen. Hohe Anteile von Witwfrauen finden sich aber auch in Südkorea sowie in Bangladesch (hier trotz gleicher Lebenserwartung beider Geschlechter). Zu erwähnen ist, dass ein hoher Altersunterschied (Mann wesentlich jünger als Frau) sozio-kulturell auch mit einer schwächeren Stellung der Frau verknüpft ist. Gleichzeitig entstehen im höheren Lebensalter oft unauflösliche eheliche Pflegeverhältnisse patriarchaler Art.
Verwitwung ist und bleibt weltweit primär ein Frauenschicksal (wobei einer Verwitwung im Alter in vielen Fällen eine längere Pflegephase vorausläuft). Möglicherweise ist es denn kein Zufall, dass Verwitwung sowohl wissenschaftlich wie medial oder sozialpolitisch relativ wenig thematisiert bleibt. Zudem wird bei vielen gerontologischen Studien zum sozialen und psychischen Befinden dem lebenskritischen Ereignis Verwitwung - und den vorausgegangenen Pflegebelastungen - zu wenig Rechnung getragen. Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Prävalenz depressiver Symptome reduzieren sich - erwartungsgemäss - deutlich, wenn Verwitwung als Variable mitkontrolliert wird.
Sachgemäss wirkt sich die Kombination von geschlechtsspezifischer Lebenserwartung und geschlechtsspezifischem Partnerschafts- und Heiratsverhalten in analoger Weise auch auf das Generationengefüge aus: Da Frauen häufig länger leben und früher heiraten als Männer, ist die gemeinsame Lebensspanne von Kindern mit ihrer Mutter deutlich länger als diejenige mit dem Vater. Wobei die gemeinsame Lebensspanne mit den Eltern aufgrund der allgemeinen Erhöhung der Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten generell angestiegen ist. Die matrilineare Tendenz der Generationenbeziehungen wird im übrigen noch durch familiale Strukturen verstärkt. Die engsten intergenerationellen Beziehungen sind diejenigen zwischen Müttern und Töchtern, wogegen sich die flüchtigsten familialen Generationenverhältnisse zwischen Söhnen und Vätern. Auch bei den Generationenbeziehungen werden demographische Faktoren (Langlebigkeit der Mütter) durch familienkulturelle Aspekte (matrilineare Orientierung der Generationenbeziehungen) verstärkt.
Analoge weiblich geprägte Beziehungsmuster - aufgrund einer Kombination von weiblicher Langlebigkeit, geschlechtsspezifisch geprägtem Familiengründungsverhalten und matrilinearer verwandtschaftlicher Orientierung - zeigen sich auch bei den Enkelkind-Grosseltern-Beziehungen. So können Kinder meist länger mit Grossmüttern als Grossvätern aufwachsen. Gleichzeitig engagieren sich Grossmütter weiterhin stärker als Grossväter, auch wenn sich die diesbezüglichen geschlechtsspezifischen Unterschiede verringert haben. Auch bezüglich der Freiwilligenarbeit im Alter zeigen sich weiterhin geschlechtsspezifisch geprägte Muster, in dem ältere Männer häufiger ehrenamtlich tätig sind, während Frauen stärker informell - etwa in der Nachbarschaftshilfe engagiert sind.
Freiwilligenarbeit nach Geschlecht 2006
|
Frauen
|
Männer
|
|||
| In den letzten vier Wochen: |
40-64 J.
|
65-69 J.
|
40-64 J.
|
65-69 J.
|
| ehrenamtlich tätig |
10%
|
3%
|
22%
|
9%
|
| andere formelle Freiwilligenarbeit |
16%
|
11%
|
11%
|
14%
|
| Informelle Freiwilligenarbeit |
44%
|
42%
|
30%
|
33%
|
Quelle: Freiwilligenmonitor 2006
Schlusswort
Die höhere Lebenserwartung von Frauen ist zu einem nahezu globalen Phänomen geworden, und es kann mit Fug und Recht als ein zentrales Phänomen moderner Gesellschaften bezeichnet werden. Eine gewisse Angleichung in der Lebenserwartung von Männern und Frauen zeichnet sich in einigen Ländern ab, aber auch inskünftig ist mit einer klaren Feminisierung des Alters zu rechnen. Die Wirkungen der längeren Lebenserwartung der Frauen auf Lebensform und Generationenbeziehungen werden durch (tiefverankerte) sozio-kulturelle Differenzen im Partnerschafts- und Heiratsverhalten von Frauen und Männern verstärkt. Damit ist und bleibt etwa Verwitwung primär ein Frauenschicksal, und der Anteil an Witwfrauen ist selbst in Ländern hoch, wo die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Lebenserwartung noch gering sind. Auch die Generationenbeziehungen sind durch die Kombination von weiblicher Langlebigkeit und matrilinearer verwandtschaftlicher Orientierung geprägt.
Ausgewählte Literaturhinweise zum Thema:
Backes, Gertrud (1993) Frauen zwischen 'alten' und 'neuen' Altern(n)srisiken, in: Gerhard Naegele, Hans Peter Tews (Hg.) Lebenslagen im Strukturwandel des Alters, Opladen: Westdeutscher Verlag: 170-187.
Backes, Gertrud (1999) Geschlechterverhältnisse im Alter, in: Brigit Jansen, Fred Karl, Hartmut Radebold, Reinhard Schmitz-Scherzer (Hrsg.) Soziale Gerontologie. Ein Handbuch für Lehre und Praxis, Weinheim: Beltz-Verlag: 453-469.
Backes, Gertrud M. (2007) Geschlechter - Lebenslagen - Altern, in: Ursula Pasero, Gertrud M. Backes, Klaus R. Schroeter (Hrsg.) Altern in Gesellschaft - Ageing - Diversity - Inclusion, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften: 151-183.
Baumgartner, D. (2008) Die flexible Frau. Frauenerwerbstätigkeit im Werte- und Strukturwandel, Zürich: Seismo.
Baltes, Margaret M.; Freund, Alexandra M., Horgas, Ann L. (1999) Men and women in the Berlin aging study, in: Paul B. Baltes, Karl Ulrich Mayer (eds) The Berlin Aging Study. Aging from 70 to 100, Oxford: Academic Press: 259-281,
Fabre, J.; Delachaux, E.; Weber A. (1996) Le devenir des femmes et des hommes qui ont perdu leur conjoint, Genève: Uni 3 de l'Université de Genève
Hoff, Andreas (2006) Intergenerationale Familienbeziehungen im Wandel, in: Clemens Tesch-Römer, Heribert Engstler, Susanne Wurm (Hrsg.) Altwerden in Deutschland. Sozialer Wandel und individuelle Entwicklung in der zweiten Lebenshälfte, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften: 231-287.
Höpflinger, François (1994) Frauen im Alter - Alter der Frauen, Zürich: Seismo (2. Aufl. 1997).
Höpflinger, François; Stuckelberger, Astrid (1999) Demographische Alterung und individuelles Altern. Ergebnisse aus dem NFP 32 'Altern', Zürich: Seismo (2.Auflage: 2000).
Höpflinger, François (2000) Auswirkungen weiblicher Langlebigkeit auf Lebensformen und Generationenbeziehungen, in: Pasqualina Perrig-Chiello, François Höpflinger (Hrsg.) Jenseits des Zenits. Frauen und MŠnner in der zweiten Lebenshälfte, Bern: Haupt-Verlag: 61-74.
Höpflinger, François, Hugentobler, Valerie (2005) Familiale, ambulante und stationäre Pflege im Alter. Perspektiven für die Schweiz, Bern: Huber.
Höpflinger, François; Hummel, Cornelia (2006) Heranwachsende Enkelkinder und ihre Grosseltern - im Geschlechtervergleich, Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 39, 1: 33-40.
Perrig-Chiello, Pasqualina; Höpflinger, François (Hrsg.) (2000) Jenseits des Zenits. Frauen und Männer in der zweiten Lebenshälfe, Bern: Haupt-Verlag.
Perrig-Chiello, Pasqualina; Höpflinger, François., Suter, Christian (2008) Generationen - Strukturen und Beziehungen. Generationenbericht Schweiz, Zürich: Seismo.
Stuckelberger, Astrid; Höpflinger, François (1996) Vieillissement différentiel: hommes et femmes, Zürich: Seismo-Verlag.
letzte Aenderung: 21. Sept. 2008