François Höpflinger
Zur Entwicklung der behinderungsfreien Lebenserwartung in der Schweiz
Erhöhte Lebenserwartung - mehr gesunde Lebensjahre oder länger krank?
In den letzten Jahrzehnten hat sich auch in der Schweiz die Lebenserwartung weiter erhöht. Gegenwärtig können Männer mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von rund 76.5 Jahren rechnen, Frauen werden durchschnittlich sogar 82.5 Jahre alt. Die zentrale gesundheitspolitische Frage ist allerdings, ob die erhöhte Lebenserwartung tatsächlich gewonnene Lebensjahre bedeutet, oder ob nicht vielmehr die Lebenszeit mit Behinderungen ausgedehnt wurde. Zur Qualität der erhöhten Lebenserwartung stehen sich zwei gegensätzliche Thesen gegenüber:
Die eine These geht davon aus, dass der Rückgang der Sterblichkeit überwiegend auf ein Hinauszögern des Todes von Menschen mit chronisch-degenerativen Krankheiten zurückzuführen ist. Menschen leben länger, aber primär, weil Kranke aufgrund medizinischer Interventionen länger überleben (These einer Expansion der Morbidität). Mortalität und Morbidität klaffen gemäss dieser These immer stärker auseinander. Sollte dies zutreffen, wirft dies die ethisch schwierige Frage auf, ob die moderne Spitzenmedizin den Tod kranker Menschen nicht unnötig aufschiebt.
Die Gegenthese geht hingegen davon aus, dass vor allem die gesunden Lebensjahre angestiegen sind. Chronische Krankheiten treten gemäss dieser These später im Leben auf, weil Menschen aufgrund besserer Ernährung und lebenslanger Gesundheitsvorsorge länger gesund bleiben. Das spätere Auftreten chronisch-degenerativer Krankheiten führt gemäss dieser These zu einer Verkürzung der in Krankheit verbrachten Lebenszeit (These einer Kompression der Morbidität).
Die beiden alternativen Thesen waren in den letzten zwei Jahrzehnten Ausgangspunkt bedeutsamer wissenschaftlicher Auseinandersetzungen. Entsprechend wurden in den letzten Jahren die Anstrengungen verstärkt, um auf der Grundlage detaillierter Angaben zum gesundheitlichen Befinden der Bevölkerung die sogenannte behinderungsfreie Lebenserwartung zu erfassen. Unterschiede in Definition und Erfassung von Gesundheit und Behinderungen führen dazu, dass die Ergebnisse unterschiedlicher Studien nicht immer leicht zu vergleichen. Zur Koordination der Forschungsanstrengungen wurde deshalb ein 'International Healthy Expectancy Network' (REVES) gegründet. Damit konnte die Messung der behinderungsfreien Lebenserwartung international stärker aufeinander abgestimmt werden.
Aktuelle Ergebnisse
Neue empirische Analysen zur behinderungsfreien Lebenserwartung lassen immer deutlicher erkennen, dass Männer und Frauen in hochentwickelten Ländern nicht nur lange leben, sondern im Durchschnitt auch lange Zeit gesund und ohne massive Behinderungen verbleiben. Auch in der Schweiz lässt sich eine analoge Entwicklung festhalten.
In der nachfolgenden Tabelle sind Lebenserwartung insgesamt und errechnete behinderungsfreie Lebenserwartung von Männern und Frauen in der Schweiz für die Periode 1981/82 bis 1997/99 aufgeführt.
Lebenserwartung und behinderungsfreie Lebenserwartung von Männern und Frauen in der Schweiz 1981/82 und 1997/99
A) Ab Geburt:
|
Männer
|
Frauen
|
|||||
|
A
|
B
|
C
|
A
|
B
|
C
|
|
| 1981/82 |
72.6
|
65.9
|
6.7
|
79.3
|
69.7
|
9.6
|
| 1997/99 |
76.5
|
70.3
|
6.2
|
82.5
|
75.0
|
7.5
|
B) Im Alter von 65 Jahren:
|
Männer
|
Frauen
|
|||||
|
A
|
B
|
C
|
A
|
B
|
C
|
|
| 1981/82 |
14.6
|
11.5
|
3.1
|
18.5
|
12.2
|
6.3
|
| 1997/99 |
16.7
|
13.0
|
3.7
|
20.6
|
16.3
|
4.3
|
Anmerkungen:
A: Durchschnittliche Lebenserwartung insgesamt,
B: Durchschnittliche Lebenserwartung ohne Behinderungen (engl. disability
free life expectancy).
C: Durchschnittliche Lebensjahre mit Behinderungen.
Zu beachten: Es handelt sich hier um Querschnittsdaten und nicht um Kohortendaten.
Quellen: Bisig, Gutzwiller 1994; World Health Organisation (2000 sowie eigene Berechnungen aufgrund von Sterbetafeln und Gesundheitsdaten zur Schweiz.
Es wird deutlich, dass sich die behinderungsfreie Lebenserwartung stärker erhöht hat als die Lebenserwartung insgesamt. Ein Trend zur Kompression der Morbidität ist primär bei den Frauen zu beobachten: Zwischen 1981/82 und 1997/99 erhöhten sich die behinderungsfreien Lebensjahre um gut 5 Jahre, während sich die Lebensjahre mit Behinderungen um 2 Jahre reduzierten. Bei den Männern erhöhten sich die behinderungsfreien Lebensjahre in der gleichen Periode um mehr als 4 Jahre, wogegen sich die behinderten Lebensjahre um ein halbes Jahr reduzierten.
Erwartungsgemäss leben Frauen nicht nur länger als Männer, sondern sie bleiben auch länger gesund. Allerdings wird die höhere Lebenserwartung der Frauen teilweise durch längere Behinderungszeiten erkauft (weil Frauen häufiger an chronischen Erkrankungen leiden). So leben Frauen in der Schweiz gegenwärtig um die 5 Jahre länger behinderungsfrei als Männer, gleichzeitig aber mehr als 1 Jahr länger behindert. Beide, Frauen wie Männer, verbringen ihr Leben jedoch durchschnittlich zu gut 90% behinderungsfrei.
Betrachten wir nur die Gruppe der 65 und älteren Bevölkerung zeigt sich die selbe Entwicklung wie bei der Gesamtbevölkerung, und bei den Rentnerinnen waren die zusätzlichen Lebensjahre primär gewonnene Jahre: Die Zahl der behinderungsfreien Rentenjahre (d.h. die Jahre ohne Alltagseinschränkungen) stieg um gut 4 Jahre an, wogegen die Zahl behinderter Jahre um 2 Jahre sank. Dagegen stieg bei den Rentnern die Zahl behinderter Jahre leicht an, um gut 1/2 Jahr, aber der Anstieg der behinderungsfreien Rentenjahre war mit 1 1/2 Jahren stärker. Gegenwärtig können 65-jährige Frauen und Männer durchschnittlich nahezu 80% ihrer restlichen Lebenszeit ohne massive Alltagsbehinderungen verbringen.
Die relative wie absolute Ausweitung der behinderungsfreien Lebenserwartung namentlich bei älteren Menschen in der Schweiz lässt sich einerseits auf Verbesserungen der sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Lage heutiger RentnerInnen zurückführen. Andererseits gab es in den letzten Jahrzehnten vermehrte Fortschritte in der ambulanten und stationären Behandlung und Rehabilitation von (chronischen) Krankheiten, wodurch sich die Gesundungschancen oder zumindest die Chancen zur Beibehaltung der Alltagsautonomie ebenfalls erhöht haben. Die Durchschnittswerte verbergen allerdings unterschiedliche Schicksale; eine Minderheit von Menschen, welche lange Zeit pflegebedürftig bleibt - etwa aufgrund hirnorganischer Störungen oder langjähriger körperlicher Krankheiten - und eine grosse Gruppe von Menschen, welche erst gegen Lebensende eine Phase der Pflegebedürftigkeit erfahren.
Insgesamt unterstützen die heute vorhandenen empirischen Daten in keiner Weise die These einer Expansion der Morbidität. Namentlich für ältere Menschen kam es im Gegenteil in manchen hochentwickelten Ländern in den letzten Jahrzehnten offensichtlich zu einer relativen und teilweise sogar absoluten Kompression der Morbidität, speziell bezüglich schwerer Krankheiten und Behinderungen.
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letzte Aenderung: Juli 2003.