François Höpflinger
Gerotranszendenz
und Generativität im höheren Lebensalter - neue Konzepte für alte Fragen
In den letzten Jahrzehnten wurde
der theoretische Ansatz von Erikson und sein psychosoziales Phasenmodell
zur Entwicklung der Identität im Lebenszyklus stärker auf das
hohe Lebensalter ausgeweitet. Während Erikson (1966) das Konzept der
Generativität (versus Stagnation und Selbstabsorption) primär
auf das mittlere Erwachsenenalter bezog, wird heute vermehrt auch die Generativität
des höheren Lebensalters betont. Das Konzept der Integrität (versus
Verzweiflung) - bei Erikson auf das späte Erwachsenenalter ausgerichtet
- wurde durch andere metaperspektivische Theorieansätze ergänzt.
Zu erwähnen ist namentlich die von Lars Tornstam entwickelte Theorie
der Gerotranszendenz, welche seit Jahren auf grosses Interesse (wie auch
Kritik) stösst.
Im folgenden soll zuerst die
Theorie der Gerotranszendenz vorgestellt werden, um danach Konzepte zur
Generativität des höheren Lebensalters anzusprechen. In beiden Fällen geht
es dabei grundsätzlich um die Antwort auf eine uralte Menschheitsfrage:
Wie lässt sich im hohen Lebensalter bzw. gegen Lebensende eine sinnerfüllte,
über das eigene Ego hinausreichende Lebens- und Weltbetrachtung gewinnen?
Zur
Theorie der Gerotranszendenz - ein Gegenmodell zum hyperaktiven Altern
Ursprünglich als eine Neuformulierung
der Disengagement-Theorie des Alters konzipiert (Disengagement als Form
von Weisheit) (vgl. Tornstam 1989) erfuhr die Theorie der Gerotranszendenz
im Verlauf ihrer Entwicklung eine stärker entwicklungspsychologische
Ausrichtung, mit starker Betonung eines Wechsels der Metaperspektive im
Alter, von einer mehr materialistisch und rationalistisch definierten Weltsicht
zu einer mehr kosmisch und transzendentale Welt- und Lebensperspektive.
Damit sind nach Lars Tornstam unter anderem folgende Elemente verknüpft:
eine weniger self-zentrierte Ausrichtung (in Anlehnung an das Konzept der
Ego-Transzendenz von Erikson), eine verstärkte Selektion sozialer Aktivität,
eine erhöhte Affinität mit früheren Generationen sowie einÊ
grösseres Bedürfnis für spirituelle und kosmische
Werte. Im Rahmen dieser persönlichen Entwicklung wird - gemäss
Tornstam - eine 'positive Solitude' wichtiger wie auch das Bedürfnis
nach Meditation und Reminiszenz (vgl. Tornstam 1994, 1996, 1999).
Gemäss Intensivinterviews mit
50 SchwedInnen im Alter von 52 bis 97 Jahren erwiesen sich vor allem drei
Entwicklungs- bzw. Wertverschiebungsdimensionen als zentral (Tornstam 1997a):
a) eine kosmische Dimension ('cosmic
transcendence'): Dazu gehören eine verstärkte Auseinandersetzung mit früheren
Generationen, ein gelasseneres Verhältnis zu Leben und Tod, eine erhöhte
Akzeptanz der mysteriösen Seiten des Lebens. Bedeutsam ist dabei auch ein
Wandel des Zeiterlebens, indem die Grenzen zwischen Früher und Jetzt transzendiert
werden, und beispielsweise mit abwesenden oder verstorbenen Verwandten oder
Freunden 'kommuniziert' wird.
b) eine Neu-Definition des Self
(ego-transcendence), sei es in der Akzeptanz bisher verheimlichter positiver
wie negativer Seiten seines Ichs, sei es aber auch in einer verringerten
Ich-Zentriertheit. Prozesse der Ich-Integrität und Lebenskohärenz
gehören ebenso dazu wie Wiederentdeckung der Kindheit und des inneren
Kinds (etwa im Kontakt mit Enkelkindern)
c) eine soziale Neuorientierung,
indem oberflächliche soziale Beziehungen aufgegeben werden, wogegen andere
Beziehungen intensifiert werden. Wichtig ist auch die Transzendenz der Dualität
von richtig/falsch wie auch die Freude, unsinnige soziale Normen und Rollengefügen
zu überschreiten. Tornstam spricht in diesem Zusammehang von 'emanzipierter
sozialer Unschuld'. In dieser Phase entsteht der Theorie gemäss auch ein
erhöhtes Bedürfnis nach 'solitude'.
Schon diese kurze, unvollständige
Beschreibung lässt deutlich werden, dass unter dem Konzept der Gerotranszendenz
unterschiedliche Lebensaspekte vereint werden.
Erste empirische Studien (Tornstam
1994), durchgeführt bei zuhause lebenden dänischen Männern
und Frauen liess positive Beziehungen zwischen kosmischer Wertorientierung
sowie Ego-Transzendenz und Lebenszufriedenheit erkennen. Im Gegensatz zur
ursprünglichen, inzwischen fallengelassenen These (Tornstam 1989) impliziert
Gerotranszendenz nicht soziales Disengagement oder sozialen Rückzug,
sondern die Beziehung zwischen transzendentalen Ausrichtungen und sozialen
Aktivitäten war positiv. Eine nachfolgend durchgeführte Querschnittserhebung
bei über 2000 Schwedinnen über eine breite Alterspalette (von
20 bis 85 Jahren) verdeutlichte neben einem Alterseffekt auch den Effekt
von Lebensumständen und -erfahrungen, und eine transzendentale Ausrichtung
war mit erlebten und bewältigten Lebenskrisen positiv assoziiert, dies
gilt namentlich für die kosmische Dimension (vgl. Tornstam 1997b).
In einer holländischen Studie
(Braam et al. 1998) bei über 550 Personen im Alter zwischen 56 und
76 Jahren wurden ebenfalls zwei gerotranszendentale Dimensionen sichtbar:
kosmische Transzendenz und Ego-Transzendenz. Kosmische Transzendenz war
besonders bei nicht-verheirateten Personen, welche physische Einschränkungen
erfahren, ausgeprägt sowie bei Katholiken. Ego-Transzendenz hingegen
war höher bei gut ausgebildeten Menschen mit wenig sozialen Kontakten.
Alle Beziehungen sind allerdings recht bescheiden, und die mit den beiden
gerotranszendentalen Skalen erklärte Varianz ist gering. Zudem blieb
in dieser Studie offen, inwiefern gerotranszendentale Strategien zur Kompetenzerhöhung
im Alter beitragen.
Eine detaillierte und kritische
Betrachtung der Theorie der Gerotranszendenz (vgl. dazu auch Hauge 1998)
lässt erkennen, dass die Theorie durchaus eine innere Kohärenz aufweist.
Sie wirft zudem ein eindeutig positiveres Licht auf Altersprozesse als viele
bisherige Theorien. Eine Hauptstärke dieser Theorie ist auch, dass sie Passivität
und Rückzug älterer Menschen neu - nämlich positiv - interpretiert, und
damit bildet sie einen interessanten Gegenpunkt zu aktivitätsorientierten
Modellen. Gerotranszendenz ist ein Modell, welches den Trend zum hyperaktiven
Alter grundlegend in Frage stellt.
In einem gewissen Sinne wird
zudem an traditionelle (östliche) spirituelle und religiöse Ansätze
angeknüpft. Gleichzeitig passen Vorstellungen einer kosmischen Transzendenz
durchaus gut in post-moderne Werthaltungen. Inwiefern dabei ein sehr idealisiertes
(und daher ein eher elitenorientiertes) Bild von Altersprozessen gezeichnet
wird, bleibt offen.
Generativität
im höheren Lebensalter
Erich H. Erikson (1966) konzipierte
Generativität (versus Stagnation und Selbstabsorbtion) - wie erwähnt
- an und für sich als Entwicklungsaufgabe des mittleren Erwachsenenalters
konzipiert; eine Lebensphase, welche nach Erikson durch die Erzeugung und
Erziehung der nächsten Generation oder anderer kreativer und produktiver
Aktivitäten gekennzeichnet sei. Im späteren Erwachsenenalter stand
gemäss Erikson primär die Entwicklungsaufgabe der Ich-Integrität
versus Verzweiflung im Zentrum. Die Ausweitung der Generativität auf
das höhere Lebensalter - und namentlich auf die nachberufliche und
nachelterliche Lebensphasen - ist eine neuere Denkentwicklung.
Generativität im höheren
Lebensalter bezieht sich nach heutigem gerontologischem Verständnis
sowohl auf die Vermittlung und Weitergabe von Erfahrung und Kompetenz an
jüngere Generationen als auch auf eine Vielzahl unterschiedlicher Aktivitäten,
durch die ältere Menschen einen Beitrag für das Gemeinwesen leisten.
Es kennzeichnet generative Personen, dass sie für nachkommende Generationen
Sorge tragen, sich ihrer Verantwortung für jüngere Personen bewusst
sind und sich dabei als Meinungs- und Normenträger erleben (vgl. Ray
1993, Ryff, Heincke 1983). Im Begriff der Generativität ãkommt die
Erwartung zum Ausdruck, dass ältere Menschen sich in ihren sozialen
Beziehungen als weise erweisen, kooperativ, kontaktfähig und ihren
Sozialpartnern zugewandt." (Lang, Baltes 1997: 161). Nach Ansicht von
Erhard Olbrich umfasst Generativität des höheren Lebensalters
dabei auch Prozesse der Verlustverarbeitung: ãSpätestens jetzt geht
es darum, zu erkennen, dass wir nicht ständig schöner, stärker
oder sonstwie besser werden." (Olbrich 1997 191).
Eine inhaltsreiche Konzeptualisierung
verschiedener Formen der Generativität des Alters - theoretisch in das Modell
der selektiven Optimierung mit Kompensation eingebettet - entwickelte in
ihren letzten Lebensjahren Margret M. Baltes, zusammen mit Frieder R. Lang
(vgl. Baltes 1996; Lang, Baltes 1997). Dabei werden drei sich gegenseitig
beeinflussbare Formen der Generativität im Alter unterschieden:
a)
die Schaffung von überdauernden Werte, was eine Selektion adäquater Werte,
Lebensziele und Sozialkontakte einschliesst,
b)
die Wahrung kultureller Identität und damit eine Optimierung der Verknüpfung
von Wandel und Kontinuität, sei es durch die Betonung sozio-kultureller
Konstanten im Wandel, sei es durch Integration von Neuem in das Alte,
c)
Selbstbescheidung und Selbstverantwortlichkeit, namentlich im Sinne auch
im Alter Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, um die Belastung
anderer (jüngerer) Menschen zu minimieren, beispielsweise durch kompensatorische
Strategien zur Alltagsbewältigung.
Während die zwei ersten
aufgeführten Formen der Generativität (Schaffung überdauernder
Werte und Wahrung kultureller Identität) häufig angesprochen werden,
werden Selbstbescheidung und Selbstverantwortlichkeit in Alltagsdiskussionen
kaum je mit Generativität in Verbindung gebracht: "Generativität bedeutet hier,
Verantwortung nicht nur anderen gegenüber zu übernehmen, sondern
vor allem auch sich selbst gegenüber. Letztere ist letztendlich ebenfalls
Verantwortung anderen gegenüber, da dadurch die Belastungen anderer
verhindert bzw. verringert werden. Diese Art der Selbstverantwortung als
Generativität zu bezeichnen, läuft der gängigen Meinung zuwider,
die eine solche Selbstverantwortung häufig als Selbstbezogenheit und
damit als Verantwortungsabwehr betrachtet." (Lang, Baltes 1997: 172).
Kruse (1996) spricht in diesem Zusammenhang von der 'Aufgabe des selbstverantwortlichen
Lebens'. Tatsächlich wird im hohen Lebensalter Generativität in
Form von Selbstverantwortung wichtiger, da die Möglichkeiten, aktiv
Verantwortung für jüngere Menschen zu übernehmen, eine Einschränkung
erfahren. Faktisch entspricht diese Form der Generativität der Lebenseinstellung
mancher älterer Menschen, die lieber keine Hilfe in Anspruch nehmen,
als sich von anderen abhängig zu fühlen. Bei pflegebedürftigen
älteren Menschen kann Generativität dagegen darin bestehen, dass
sie Sorge für ihr (jüngeres) Pflegepersonal tragen und es nicht
zu stark beanspruchen.
Aufschlussreich ist bei der Konzeptualisierung
von Generativität durch Baltes und Lang, dass - im Gegensatz zu einer
häufigen Alltagsvorstellung - die Ausübung von Generativität
Kontakte mit jüngeren Menschen nicht erfordert: "Zunächst
könnte man bei der Entwicklungsaufgabe, Generativität zu zeigen,
annehmen, dass der Kontakt mit jüngeren Menschen unumgänglich
ist. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass auch für diese
Entwicklungsaufgabe der Kontakt nur bedingt notwendig ist, nämlich
bei solchen Formen generativen Handelns und Verhaltens, bei denen es um
das unmittelbare Weitergeben von Erfahrungswissen and Jüngere oder
auch die Weitergabe von Verantwortung an Jüngere geht. Aber selbst
hier kann die Vermittlung von Wissen, Verantwortung und Erfahrung in allgemeiner
Weise, zum Beispiel über kreative Produkte wie Bücher, Memoiren,
Bilder oder anderem, geschehen." Lang, Baltes 1997: 172).
Ein Verständnis von Generativität
des Alters, das symbolische kommunikative und kulturelle Prozesse einbezieht,
reduziert zum einen das Risiko, dass es in demographisch alternden Gesellschaften
zu einer 'kommunikativen überforderung bzw. überschichtung junger
Menschen durch zahlenmässig dominierende ältere Generationen kommt.
Zum anderen kommt es einer gerontologischen Perspektive entgegen, in denen
passiven und geistigen Formen der Lebensgestaltung ebenfalls einen (positiven)
Stellenwert eingeräumt werden (wie dies auch die Theorie der Gerotranszendenz
einschliesst).
Abschlussbetrachtung
Geistig-seelische Erfahrungen
und Entwicklungen sind für ein geglücktes Leben ebenso wichtig
wie äusserlich sichtbare Aktivitäten. Gerotranszendenz und symbolische
Generativität des höheren Lebensalters können zentrale Gegenmodelle
gegenüber einem hyperaktiven Altern darstellen. Die Gefahr sowohl aktivitätsorientierter
Altersmodelle wie aber auch der 'anti-aging'-Bewegung liegt darin, dass
jugend- und leistungsorientierte Normen auch das hohe Lebensalter durchdringen,
wodurch auch das hohe Lebensalter allmählich 'harten' Leistungszwängen
unterworfen wird. Die 'späte Freiheit' der Menschen in der nachberuflichen
Lebensphase kann damit gefährdet sein, bevor sie überhaupt richtig
aufblühte.
Angeführte
Literatur
Baltes,
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in: M.M. Baltes, L. Montada (Hrsg.) Produktives Leben im Alter, Frankfurt:
Campus: 393-408).
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Erikson,
E.H. (1966) Identität und Lebenszyklus, Frankfurt: Suhrkamp.
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in: E. Liebau (Hrsg.) Das Generationenverhältnis. über das Zusammenleben
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of reminiscence, Journal of Aging and Identity, 4,3: 155-166.
Schriftliche Fassung eines Vortrags,
gehalten am 3. Münsterlinger Symposium zur Alternspsychotherapie 'Kreativität,
Psychotherapie, Spiritualität' vom 30.5.-1.6.2002
Informationen zu Geropsychiatrie und Psychotherapie im Alter unter: www.alter-nativen.ch
letzte Aenderung:
28.9.2002
Zu generationensoziologischen Ueberlegungen zur Generativität im höheren Lebensalter:
François Höpflinger, Generativität im höheren Lebensalter - Generationensoziologische Ueberlegungen zu einem alten Thema, Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 35/2002: 328-334.