François Höpflinger

Gerontologie - Definition und Entwicklung im Blick auf den gesellschaftlichen Fortschritt

Einstieg - zwei scherzhafte Definitionen von Gerontologie

Zum Einstieg zwei scherzhafte Definitionen von Gerontologie:

A) Gerontologie ist eine zunehmend erfolgreich benützte Strategie jüngerer Menschen schon in jungen Jahren an der demografiischen Alterung zu verdienen. Die GerontologInnen sind deshalb existentiell daran interessiert, dass niemand vorzeitig wegstirbt und den Alten die Probleme nicht ausgehen.

B) Gerontologie ist eine kluge Strategie von Berufsfachleuten, sich durch die Beschäftigung mit hochbetagten Menschen auch noch mit 50 jung zu fühlen, was Personen, die sich mit Jugendfragen befassen, eindeutig schwieriger fällt.

Die erste (scherzhafte) Definition spricht an, dass die Beschäftigung mit dem Alter ihren Ursprung darin hat, dass das Alter als bedeutsames gesellschaftliches Problem entdeckt und definiert wurde. Die Gerontologie - die Wissenschaft über das Alter - verdankt ihre Entstehung einer ausgeprägten Defizit-Orientierung des Alters: Alt gleich arm, krank und einsam, diese Gleichung stand am Anfang der angewandten Gerontologie und auch der konkreten Altersarbeit im Zentrum. Inzwischen hat die Gerontologie Defizit-Modelle des Alters zum wesentlichen Teil hinter sich gelassen, zumindest in theoretischer Hinsicht. Ressourcen- und kompetenzorientierte Modelle bestimmen heute klar das Denken und Handeln gerontologisch ausgebildeter Fachleute, und die kompetenzorientierten Modelle erweisen sich in der Alltagsarbeit denn auch als ausgesprochen fruchtbar und wirksam, etwa auch in der Arbeit mit dementen Menschen.

Gesellschaftlich und politisch wird jedoch die Altersforschung und -arbeit primär deshalb unterstützt, weil sich die gesellschaftlichen Entscheidungsträger von ihr die Lösung oder zumindest die Bewältigung eines epochalen Problems - die zunehmende Zahl älterer und hochbetagter (kranker) Menschen - erwartet. Die Gerontologie und vor allem die angewandte Gerontologie lebt weiterhin von den wahrgenommenen Defiziten des Alters, und entsprechend beschäftigen sich sehr viel mehr Studien und Arbeiten mit den negativen Seiten des Alters als etwa mit der Altersweisheit oder dem Altersglück.

Die starke Problembezogenheit der Gerontologie führt auch dazu, dass die Definition einer nützlichen Gerontologie von aussen, nicht von der Gerontologie selbst, kommt: 'Es gibt wohl nur wenige wissenschaftliche Arbeitsgebiete, in denen Vorstellungen der Forscher und der Gesellschaft über das Wünschenswerte und Notwendige die Auswahl der Fragestellungen und die Interpretation der Befunde so stark prägen wie in der Altersforschung.' (Mayer et. al. 1996: 599). Die aussengesteuerte Prägung von Themen und Konzepten trägt zwar einerseits zur Vielfalt und Dynamik der Altersforschung bei. Andererseits können sich damit neben theoretischen Defiziten auch eigentliche Nützlichkeitsillusionen etablieren.

Die zweite (scherzhafte) Definition spricht Aspekte an, die oft verdeckt bleiben, jedoch deshalb nicht weniger zentral sind: Beruflich ausgebildete GerontologInnen, aber auch die meisten MitarbeiterInnen von Alterseinrichtungen sind zumeist jünger als die Menschen über die sie schreiben, mit denen sie arbeiten und die sie pflegen. Die Beschäftigung erwerbstätiger Frauen und Männer mit gerontologischen Fragen ist immer auch Beschäftigung mit der eigenen, denkbaren Zukunft, und speziell in der ambulanten und stationären Alterspflege ist diese Zukunft nicht selten dunkel und bedrohlich. Bei nicht repräsentativen Umfragen bei KrankenpflegeschülerInnen oder GerontologInnen mittleren Lebensalter sind denn nicht alle (zukünftigen) GerontologInnen besonders erpicht, 90 Jahre alt zu werden. Gerontologie beinhaltet immer eine persönliche Zukunftssicht, und sie enthält dadurch auch immer ein Element der Zukunftsgestaltung. Das Ideale wäre es, durch die eigene gerontologische Arbeit - im Spital, im Heim, bei der Spitex usw. - die Beratung, Betreuung und Pflege langlebiger Menschen so zu verbessern, dass man/frau später selbst davon profitiert.

Aber die Beschäftigung mit älteren Menschen ist nicht nur Zukunftssicht, sondern auch gleichzeitig immer ein Blick in die Vergangenheit. Die heute Hochbetagten sind die Jugend von Gestern; heute etwa ehemalige VertreterInnen der Jazz- und Swing-Generation und allmählich erreichen auch die ersten Elvis Presley-Fans das hohe Lebensalter). Eine lebensnahe (und damit auch lebensbejahende) Gerontologie schliesst auch die Beschäftigung mit der Lebensgeschichten von Menschen ein, sei es in positiven wie im negativen Aspekten. Die Lebensgeschichte lebenserfahrener Frauen und Männer kann sich als reichhaltige Wundertüte erweisen, aber unter Umständen auch als Verlies verdrängter Wünsche und Krisen. In Gesprächen mit älteren Menschen widerspiegelt sich die ganze Vielfalt des Lebens, und erst im Alter wird klar, was ein Leben 'wert' war.

Die Gerontologie ist - und dies bleibt oft vergessen - eine der wenigen wissenschaftlichen und angewandten Themenfelder, welche eine hohe zeitliche Lebensperspektive in sich schliesst, sei es, dass die Auswirkungen früherer Lebensphasen auf das höhere Lebensalter sichtbar wird; sei es, dass in erzählenden Gesprächen deutlich wird, wie unterschiedlich Menschen mit (kritischen) Lebensereignissen umgehen können; sei es aber auch, dass deutlich wird, wie stark sich das eigene zukünftige Alt-Werden vom dem unterscheiden wird, was heutige Hochbetagte erleben.

Eine professionelle Gerontologie vereint Vergangenheit und Zukunft in sich zusammen, und damit wird die Gerontologie - ob sie es will oder nicht - immer auch mit grundlegenden lebensphilosophischen Fragen konfrontiert.

Gerontologie - eigentlich ein transdisziplinärer Oberbegriff

Etymologisch leitet sich der Begriff Gerontologie ab vom griechischen Begriff 'Geront', was so viel bedeutet wie 'Alter Mensch'. Die Zusatzsilbe 'ologie' ist bekanntermassen die Bezeichnung für die zugehörige Wissenschaft. Erstmals verwendet wurde der Begriff 'Gerontologie' vom russisch-französischen Gelehrten Elie Metchnikoff, der ihn 1903 in die Wissenschaftsgemeinde einführte (vgl. Wahl, Heyl 2004: 35). Eine einheitliche, allgemein akzeptierte Definition von Gerontologie fehlt, allerdings aufgrund der Heterogenität der Altersthemen. Gerontologie ist eigentlich ein Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Tätigkeitsfelder, wie dies auch die seit 1953 bestehende Schweiz. Gesellschaft für Gerontologie (SGG) versteht. Die Breite des Feldes wird in der Definition von Paul B. Baltes und Margret Baltes (1992) deutlich: 'Gerontologie beschäftigt sich mit der Beschreibung, Erklärung und Modifikation von körperlichen, psychischen, sozialen, historischen und kulturellen Aspekten des Alterns und Alters, einschliesslich der Analyse von alternsrelevanten und alternskonstituierenden Umwelten und sozialen Institutionen' (S. 8).
Hans-Werner Wahl und Vera Heyl betonen in ihrem wertvollen Buch 'Gerontologie - Einführung und Geschichte' (2004: 40ff.) folgende zwölf Essentials:
Altern ist ein:
1) dynamischer Prozess, der sowohl Verluste wie Gewinne beinhaltet,
2) biologisch und medizinisch bestimmter Prozess,
3) lebenslanger und biografisch verankerter Prozess,
4)
sozial und sozio-kulturell bestimmter Prozess
5) Produkt von Person und räumlicher Umwelt,

6) ökonomisch bestimmter Prozess,
7) geschlechtsspezifischer Prozess,
der Frauen und Männer unterschiedlich berührt,
8) differentieller Prozess und zwar bezüglicher aller Dimensionen des Alterns

9)
multidimensionaler Prozess, der sich auf verschiedenen Ebenen vollzieht
10) multidirektionaler Prozess, der je nach Ebenen unterschiedliche Verläufe zeigt
11) Prozess, der sich zwischen Objektivität und Subjektivität bewegt
12) plastischer Prozess mit Grenzen. Altern ist innerhalb von Grenzen gestaltbar

Das nachfolgend aufgeführte Schemata verdeutlicht aus einer anderen Perspektive die Breite an gerontologischen Arbeitsfeldern (wobei zusätzlich zur fachspezifischen Unterscheidung teilweise eine Unterscheidung zwischen theoretischer und angewandter Gerontologie üblich ist). Das Schema deutet aber auch, dass die professionelle Institutionalisierung der einzelnen gerontologischen Teilbereiche unterschiedlich ist, und es ist z.B. auffallend, dass die Alterspflege - trotz ihrer praktischen Relevanz - noch keinen international anerkannten Fachbegriff kennt.


Schema: Gerontologie als Oberbegriff und die damit verbundenen Teildisziplinen

Gerontologie umfasst folgende Teilgebiete bzw. Berufsgruppen:

1 Medizinische Gerontologie

11 Geriatrie (Alters- bzw. Alternsmedizin)

111 Palliative Medizin/Pflege

112 Physiotherapie in der Geriatrie

113 Gerostomatologie (Orale Gesundheit im Alter,

1131 Gerodentologie (Alterszahnmedizin im engeren Sinne)

12 Gerontopsychiatrie (Psychiatrie des späten Lebensalters)

13 Alterspflege (Fachbegriff: Gero-Care?)

2 Gerotechnologie (Technik zugunsten älterer Menschen)

3 Sozialgerontologie

31 Gerontopsychologie (Psychologie älterer Menschen)

32 Alternssoziologie

33 Geragogik/Gerontagogik (Lernen im Alter)

34 Kulturgerontologie (Literarische Behandlung des Alters)

35 Geschichte des Alters

36 Seniorenmarketing

37 Gerourbanism (Entwicklung von Seniorenstädten).

Weitere Fachgebiete, die in Teilgebieten mit Altersfragen konfrontiert sein können: Architektur, Demografie, Ethnologie, Oekonomie, Sozialarbeit, Theologie.

Fett: relativ hohe Institutionalisierung (eigene Fachgruppe innerhalb der SGG und/oder eigene Fachstrukturen.


Ein wichtiges Merkmal der gerontologischen Arbeitsfelder - und damit aber auch der gerontologischen Ausbildungen - ist ihre ausgesprochen interdisziplinäre Ausrichtung. Gerontologie wird gemeinhin als eine interdisziplinäre Wissenschaft verstanden. Verschiedene Disziplinen, z.B. Psychologie, Soziologie, Demografiie, Politologie, Medizin oder Kulturwissenschaften leisten ihren Beitrag zur Beschreibung und Erklärung des Phänomens. Themen und Probleme im Altersbereich haben viele Facetten und halten sich nicht an die disziplinären Grenzen. Alter und Altern gehören zu den gesellschaftlichen Problemen, welche interdisziplinäre bzw. transdisziplinäre Ansätze erfordern.

Nur Interdisziplinarität - die integrative Synthese der verschiedenen Ansätze und Erkenntnisse - kann ein vollständiges Bild ergeben. Problemorientierte Forschung ist aber nicht nur interdisziplinär, sondern im eigentlichen Sinne transdisziplinär, und sie bezieht idealerweise auch Akteure ausserhalb des eigentlichen Wissenschaftsbereichs in den Forschungs- und Umsetzungsprozess ein, beispielsweise externe Experten/Expertinnen aus der Praxis oder die direkt Betroffenen selbst.

Interdisziplinarität bzw. Transdisziplinarität als eine Form sozialer Kommunikation stellt allerdings hohe Voraussetzungen an die beteiligten Fachleute. Schwierigkeiten beim interdisziplinären Arbeiten sind beispielweise:

a) Kommunikations- und Sprachschwierigkeiten, weil jede Fachrichtung ihre eigenen Konzepte und Definitionen aufweist.

b) Disziplinenspezifische Vorstellungen über die Konstruktion der Wirklichkeit und entsprechende Unterschiede von Theorien und Methoden

c) Vorurteile und falsche Erwartungen durch mangelndes Verständnis anderer Disziplinen,

d) Gruppendynamische Probleme in der Teamarbeit und unterschiedliche Status- und Hierarchiemodelle je nach Fachgebiet.

Entsprechend funktioniert eine inter- bzw. transdisziplinäre Zusammenarbeit nur, wenn mindestens folgende Voraussetzungen gegeben sind:

a) Intellektuelle Sicherheit durch eigene Fachkompetenz

b) Toleranz gegenüber anderer Disziplinen

c) Wissen um Handlungsformen anderer Disziplinen

d) Team- und kommunikative Kompetenz

Zur Entwicklung gerontologischer Fragestellungen - ein kurzer Rückblick

Seit Anfang koexistieren innerhalb der Gerontologie zwei grundsätzliche Denktraditionen, die zum einen die Kompetenzen bis ins Alter und zum anderen die mit dem Alter eher nachlassenden sozialen und individuellen Ressourcen betonen. In den 1960er Jahren fanden diese zwei Denkmodelle ihren Niederschlag in den Ansätzen von Aktivitäts- und Disengagementthesen. Bis heute ziehen sich diese oftmals vereinfachenden Sichtweisen in unterschiedlichen Konjunkturen durch gerontologische Arbeiten: Aktivität vs. Rückzug, Ressourcen und Potentiale vs. Kosten und Lasten des Alters. Die Balance zwischen Gewinnen und Verlusten ist ein durchgehendes gerontologisches Thema. Seit den 1970er Jahren werden innerhalb der Gerontologie kompetenzorientierte Ansätze stark betont, indem auf Ressourcen des Alters oder auf die Chancen 'erfolgreichen Alter(n)s' verwiesen wird. In öffentlichen Diskursen sind defizit- und problembezogene Themen jedoch weiterhin dominat geblieben.

Seit den 1950er Jahren lassen sich - ausgehend vom deutschsprachigen Raum - in der Gerontologie - und namentlich der Sozialgerontologie - vier Themenkonjunkturen festhalten:

1) Alter als individuelles Phänomen bzw. Problem: (50er Jahre, frühe 60er Jahre): In der ersten Phase ihrer Entwicklung ist die Gerontologie primär geprägt durch die Deskription des individuellen Alter(n)s und der damit verbundenen physischen und psychischen sowie später auch der sozialen Verluste. Die verschiedenen Disziplinen unterscheiden sich primär darin, ob sie die Grenze zum Alter als Ergebnis der biologischen, psychologischen oder sozialen Entwicklung sehen. Alter wird primär als individuelles Phänomen oder individuelle Entwicklungsaufgabe gesehen. Eine historische Einbettung ist kaum entwickelt; entsprechend grob fallen die Vergleiche von früher und heute aus. Eine Kohortenperspektive ist kaum vertreten, und entsprechend werden primär chronologische Altersgrenzen betont. Inhaltliche Verbindungslinien, etwa der Vorbereitung auf das Alter als Konsequenz dessen, was man über Alternsbedingungen weiss, werden noch nicht gezogen. Eine systematische Analyse der gesellschaftlichen Formung des Alter(n)s fehlt. Mit ihrer Konzentration auf biologisch-medizinische und psychologische Ansätze unterscheidet sich die damalige deutschsprachige Gerontologie deutlich von der englischen und angloamerikanischen, in denen soziologische Analysen bereits in einem relativ frühen Stadium eine bedeutsame Position einnehmen.

2) Alter/n als individuell und sozial unterschiedlich geprägtes Phänomen: (ab späten 60er Jahre) und beginnendes soziales Problem: Zentral ist hier die Erkenntnis, dass es kein einheitliches Alter gibt, sondern erhebliche Differenzen nach individuellen und sozialen Bedingungen bestehen. Damit anererkennt man die Notwendigkeit des Gruppenvergleichs sowohl innerhalb des Alters als auch im Vergleich mit anderen Altersgruppen. Letzteres gewinnt dabei an Bedeutung, und die altersspezifische soziale Ungleichheit wird verstärkt betont. Alter wird zum sozialpolitisch zu lösenden, gesellschaftlich mit verursachten sozialen Problem definiert. Drängende Probleme, wie Wohnsituation und Armut im Alter, stehen - neben der Frage des Berufsausstiegs - mit im Vordergrund empirischer Studien und sozialpolitischer Diskussion.

Die klassischen Alter(n)skonzepte werden weiterentwickelt: Disengagement-, Aktivitäts- und Kontinuitätsthesen sowie - weitaus weniger rezipiert - auch auf das Alter bezogene interaktionistische Ansätze (Alter als Stigma) und sozialpolitische Ungleichheitskonzepte (Lebenslage, soziale Gefährdung, soziale Schwäche). Dies führt dazu, dass - neben den Ungleichheiten älterer im Vergleich zu jüngeren Altersgruppen - erhebliche Unterschiede auch innerhalb der Gruppe alter Menschen untersucht werden. Der an Gerontologie gerichtete Problemlösungsdruck bleibt auf der sozialen und individuellen Ebene. Noch ist nicht von einer Krise der Arbeitsgesellschaft, der Familie und der Sozialpolitik im Zusammenhang mit Alter(n) die Rede.

3) Alter/n als sozial ungleiche und sozial problematische Lebenslage: (verstärkt ab 70er Jahren): Alter(n) wird erkannt als zu differenzierendes soziales Problem sozial ungleicher Gruppen älterer Menschen: Die Erkenntnis, dass grosse Unterschiede innerhalb des Alters existieren, führt zu verstärkter sozialwissenschaftlicher Forschung und Konzeptentwicklung. Zum einen kristalliert sich eine primär psychologisch ausgerichtete differentielle Gerontologie, und zum anderen bildet sich eine primär sozialpolitisch-soziologisch ausgerichtete sozialstrukturell differenzierende Gerontologie heraus. Zwischen beiden Richtungen ergeben sich regelmässige Auseinandersetzungen. Gleichzeitig entwickelt sich ein stärkeres Bestreben nach Erklärung. Der Blick in den Lebenslauf wird erweitert, und das kalendarische Alter verliert an Bedeutung. Deutlicher sieht man den Strukturwandel des Alters und damit die Zusammenhänge von Alter, Sozialpolitik und gesellschaftlichem Wandel. Es finden sich erste verstärkte Ansätze der Betrachtung geschlechtsspezifischen, das heisst zu dieser Zeit fast ausschliesslich weiblichen, Alter(n)s.

4) Gerontologische Ueberlegungen angesichts der zunehmenden Bedeutung des Alters für die Gesellschaft: (ab zweite Hälfte der 80er Jahre): Im Zuge des fortschreitenden demografiischen Wandels und des Strukturwandels des Alters kristallisiert sich Alter(n) als für die Gesellschaft bedeutsam heraus. In den Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung treten Probleme der alternden Gesellschaft bei gleichzeitigem Fortbestehen der sozialen und individuellen Probleme des Alter(n)s. Auch in den Sozialwissenschaften wird das sich problematisch gestaltende Verhältnis von Alter(n) und Gesellschaft zumindest angesprochen. Indikatoren hierfür sind Themen und Begriffe, wie überalterung, Rentenkrise, Frühausgliederung aus dem Erwerbsleben, Krise der Sozial- und Gesundheitspolitik im Zusammenhang mit der demografiischen Entwicklung sowie das sozialpolitische und praktische Problem der Alterspflege und vieles mehr. Statt der Gerontologie eignen sich andere Sozialwissenschaften (Volkswirtschaftslehre, Demografiie, Sozialpolitiktheorie, Politologie) das Thema aus ihrer Perspektive an, ohne dies als expliziten Beitrag zur Gerontologie zu verstehen.

Gleichzeitig entsteht eine zunehmende soziale Differenzierung der Lebenssituation im Alter, wie auch eine erhöhte Betonung unterschiedlicher Phasen des nachberuflichen Lebens Ebenso wie die sozial und individuell differenzierenden Lebens- und Arbeitsbedingungen, die zum Alter hinführen, ist diese weiterhin verstärkt Gegenstand gerontologischer Forschung. Der Strukturwandel des Alters trägt nicht nur zu veränderten Lebenslagen, sondern auch zu veränderten Werten und Normen wie Handlungsmustern in den verschiedenen Altersphasen bei, ein Themenspektrum, das von der Gerontologie entdeckt und sukzessive beschrieben wird.

Ein Entwicklungsmerkmal der Altersarbeit der Schweiz besteht darin, dass zwar schon sehr früh spezielle Altersinstitutionen, Beratungsdienste und Betreuungseinrichtungen für ältere Menschen entstanden, diese lange Zeit jedoch weitgehend losgelöst von fachlich-wissenschaftlichen Perspektiven arbeiteten. Es ergab sich das Muster einer hochentwickelten Altersarbeit ohne wissenschaftliche Begleitung bzw. einer Praxis ohne Theorie. Eine ausdifferenzierte Altersarbeit entstand früh, aber getrennt von der Entwicklung einer gerontologischen Forschung. So gibt es in der Schweiz schon eine lange Praxis der Altersvorbereitung, aber zu einer wissenschaftlichen Evaluation der Altersvorbereitung kam es erst spät.

Wichtige Impulse aus sozialpolitischer und politischer Richtung vermittelten in der Schweiz insbesondere die Berichte der eidgenössischen Kommissionen für Altersfragen (1966 und 1979). Während der erste Bericht - neben der Analyse der Bevölkerungsentwicklung - vor allem Fragen der materiellen Grundbedürfnisse der älteren Bevölkerung ansprach, erweiterte der zweite Bericht die Thematik um Fragen der sozialen Stellung älterer Menschen. 1995 erschien ein neuer, umfangreicher Altersbericht, der in verstärktem Masse die inzwischen erarbeiteten gerontologischen Forschungsergebnisse einbezog.

In der Schweiz kam es erst in den 90er Jahren zu einer verstärkten Institutionalisierung der Gerontologie, sei es bezüglich Forschung (1992: Gründung des Centre Interfacultaire de Gérontologie CIG) in Genf, sei es bezüglich Ausbildung (Gründung der Schule für Angewandte Gerontologie SAG in Zürich). Forschungsmässig illustrieren umfangreiche, im Prinzip auf Längsschnittvergleich orientierte Studien - wie etwa die Berliner Alterstudie, der deutschen Alterssurvey oder der Genfer Zeitvergleich 1979-1994 - den Wert komplexer interdisziplinär ausgerichteter Studien für eine differenzierte Erfassung von Alternsprozessen. Zur Entwicklung der Gerontologie in der Schweiz im Detail

Auf konzeptueller Ebene gewinnen vier neuere Denkperspektiven verstärkte Relevanz:

a) Das nachberufliche Leben wird nicht mehr als einheitliche, kalendarisch definierte Legensphase konzipiert, sondern es verschiedene Phasen des höheren Lebensalters differenziert (gesundes Rentenalter, fragiles Rentenalter, Phase der Pflegebedürftigkeit). In diesem Rahmen interessiert zunehmend, wie und warum es einigen Frauen und Männern gelingt, auch mit hundert Lebensjahren noch ein autonomes Leben führen zu können.

b) Das Altern bzw.die Alternsprozesse werden ins Zentrum des Interesses gerückt, und weniger das Alter. Damit wird eine lebenslaufbezogene Perspektive gewonnen. So zeigen neuere Studien, dass etwa das mittlere Lebensalter und das höhere Lebensalter viel stärker verschränkt sind als bisher angenommen.

c) Um eine isolierte Betrachtung zu vermeiden, werden Alter/n und Generationenbeziehungen vermehrt verknüpft. Die späteren Lebensphasen sind eingebettet in umfassendere Generationengefüge, und das Auseinanderfallen von Jung-Alt kann reduziert werden. Zudem zeigt sich immer deutlicher, dass Generativität (auch im Sinne eines Engagements und Interesse älterer Menschen an den nachwachsenden Generationen für die Lebensqualität entscheidend sind.

d) Kreativität, Spiritualität wie generell auch die geistig-seelische Entwicklung (bis hin zur Entwicklung von Weisheit im Alter) erhalten auch innerhalb der gerontologischen Forschung vermehrt einen Stellenwert. Gerade eine professionell ausgerichtete Gerontologie wagt sich - selbstsicher geworden - verstärkt an traditionelle lebensphilosopische Fragen heran. (vgl. dazu auch: Gerotranszendenz und Generativität im höheren Lebensalter - neue Konzepte für alte Fragen)

Aktuelle und zukünftige Themenschwerpunkte der Gerontologie

Als thematische Schwerpunkte einer (interdisziplinär orientierten) Sozialgerontologie in den nächsten Jahren lassen sich stichwortartig folgende Themen auflisten:

- a) Demografische Alterung und erhöhte Lebenserwartung und deren Konsequenzen auf Migration, Gesundheitswesen, Pflege und gesellschaftliche Strukturen allgemein.

- b) die Stellung älterer ArbeitnehmerInnen und neue Formen der Pensionierung wie flexible Formen der Pensionierung, aber auch verstärkte Altersteilzeitarbeit.

- c) entwicklungspsychologische und zunehmend auch genetische Längsschnittstudien, um die biografiische, aber auch genetische Prägung des Alters bzw. ausgewählter Alterskrankheiten zu erforschen.

- d) Kohortenwandel bei den älteren Menschen sowie die Verknüpfung älterer Menschen mit anderen Generationen (Strukturwandel des Alters und die ältere Generation im Generationenwandel)

- d) Kulturgerontologische Fragen, sei es bezüglich eines interkulturellen Vergleichs verschiedener Altersbilder - auch in Hinblick auf das Aelterwerden erster Generationen von MigrantInnen; sei es bezüglich der Altersbilder in Literatur, Medien, Film oder den Umgang älterer Menschen mit neuen Medien (Internet),

- e) Alter, Raum und Technologie, sei es bezüglich der wohnlichen und räumlichen Gestaltung der Lebenslage langlebiger Menschen; sei es bezüglich Anwendung und Design von Technologien zur Kompensatioln körperlicher und sensorischer Einbussen.

Was die Altersmedizin betrifft, ist aufgrund zellbiologischen und anderen medizinischen Fortschritten teilweise eine Renaissance von defizitorientierten Grundvorstellungen feststellbar, indem Alterskrankheiten als vermeidbare bzw. behandelbare Krankheiten wahrgenommen werden (und das Ziel der Medizin darin liegt, körperliche Alternsprozesse überhaupt zu verhindern (auch im Rahmen einer ausgeprägten 'anti-aging'-Bewegung).

Ein zentrales Gegenwarts- und Zukunftsproblem liegt auch für die Geriatrie im Auseinanderfallen der späteren Lebensphasen: Auf der einen Seite zeigt sich eine klare Aktivierung und sozio-kulturelle Verjüngung von RentnerInnen, auf der anderen Seite erfahren Menschen im hohen Lebensalter zwangsläufig die Grenzen körperlicher und kognitiver Lebensdimensionen. Die Ausdifferenzierung des Alters kann inskünftig dazu führen, dass es innerhalb der Geriatrie bzw. der medizinisch orientierten Alterspflege zu einer verstärkten Trennung in zwei gegensätzlichen Forschungs- und Tätigkeitsfeldern kommt:

a) eine Alternsmedizin mit starker Gewichtung primärer wie sekundärer Prävention (Verhinderung von Behinderungen) wie auch klinischer und rehabilitativer Behandlungen, namentlich für Menschen im Alter von unter 80 bzw. 85 Jahren. Diese Alternsmedizin kann sich in ihren Methoden und Werthaltungen stark an die Medizin für (jüngere) Erwachsene anlehnen (wenn auch mit verstärkter Betonung von hirnorganischen Fragen und Aspekten der Polymorbidität). Die Alternsmedizin kann so gesehen durchaus eine wichtige Säule aktiven Alterns darstellen, gleichzeitig kann sie auch Teil einer nicht unproblematischen 'anti-aging'-Bewegung darstellen.

b) eine geriatrische Pflege und Betreuung gegen Lebensende: Hier geht es um eine Medizin und Pflege, welche genau durch die Anerkennung ihrer Grenzen mitdefiniert wird. Pflege und Betreuung ist dabei ebenso wichtig wie Diagnose und medizinische Interventionen. Es ist eine Medizin, welche die Werte einer nicht-aktivitätsorientieren, sondern spirituell orientierten Alterskultur vertritt. Strategien wie palliative Medizin, aber auch basale Stimulation bei dementen Patienten sind ebenso zentral, wie Angehörigenbetreuung und die Garantie eines würdevollen Sterbens.

Die Ausdifferenzierung einer Alternsmedizin und einer geriatrischen Lebensendbegleitung bedeuten vorläufig nicht zwangsläufig eine Zweiteilung der Geriatrie (und geriatrischen Pflege), sondern vorerst einmal die Anerkennung eines Spannungsfelds von Tun und Lassen, von Intervention und Nicht-Intervention. Da es faktisch oft der Fall ist, dass dieselbe Person den Umschwung vom aktiven zum pflegebedürftigen Alter erfährt, kann durchaus die gleiche Fachperson beide Phasen begleiten. Zentral ist eher, dass je nach Altersphase unterschiedliche Werthaltungen, ethische Prinzipien, aber auch Zeit- und Stellenpläne sowie Lebensrhythmen ins Zentrum rücken.

Benützte Literatur:

Baltes, Paul B.; Baltes, Margret M. (1992) Gerontologie: Begriff, Herausforderung und Brennpunkte, in: Paul B.Baltes, Jürgen Mittelstrass (Hrsg.) Zukunft des Alterns und gesellschaftliche Entwicklung, Berlin, Walter de Gruyter, Berlin 1992: 1-34.

Höpflinger, François; Stuckelberger, Astrid (1999) Demografiische Alterung und individuelles Altern. Ergebnisse aus dem Nationalen Forschungsprogramm 'Alter / Vieillesses / Anziani', Zürich: Seismo.

Höpflinger, François (1999) Soziale Gerontologie in der Schweiz, in: Birgit Jansen, Fred Karl, Hartmut Radebold, Reinhard Schmitz-Scherzer (Hrsg.) Soziale Gerontologie. Ein Handbuch für Lehre und Praxis, Beltz-Verlag: Weinheim: 65-76.

Höpflinger, François (2000) Entwicklung und Stand der Gerontologie in der Schweiz, Studientext erhältlich auf Internet

Mayer, K.-U.; Baltes, P.B. (Hrsg.) (1996) Die Berliner Altersstudie, Berlin: Akademie Verlag.

Michel, Jean-Pierre; Stuckelberger, Astrid; Grab, Bernard (1993) Switzerland, in: Erdman B. Palmore (ed.) Developments and Research on Aging. An International Handbook, Westport: Greenwood Press: 299-315.

Perrig-Chiello, Pasqualina; Arber, Werner (2001) Interdisziplinäres Lehren und Lernen - zwischen akademischem Anspruch und gesellschaftlichem Bedürfnis, Sion: IUKB.

Schneider, Hans-Dieter (1997) Die Gerontologie auf dem Wege zur Interdisziplinarität, in: Schweiz. Gesellschaft für Gerontologie (Hrsg.) Späte Freiheit?! - Agé et libéré?!, Jahrestagung 5.-7.November 1997 in Gwatt, Bern: SGG:59-67.

Wahl, Hans-Werner; Heyl, Vera (2004) Gerontologie - Einführung und Geschichte, Grundriss Gerontologie, Band 1, Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.

 Letzte Aenderung: Juli 2012

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