Gerontologie
- Definition und Entwicklung im Blick auf den gesellschaftlichen Fortschritt
Einstieg - zwei scherzhafte Definitionen
von Gerontologie
Zum
Einstieg zwei scherzhafte Definitionen von Gerontologie:
A)
Gerontologie ist eine zunehmend erfolgreich benützte Strategie jüngerer
Menschen schon in jungen Jahren an der demografiischen Alterung zu verdienen.
Die GerontologInnen sind deshalb existentiell daran interessiert, dass niemand
vorzeitig wegstirbt und den Alten die Probleme nicht ausgehen.
B)
Gerontologie ist eine kluge Strategie von Berufsfachleuten, sich durch die
Beschäftigung mit hochbetagten Menschen auch noch mit 50 jung zu fühlen,
was Personen, die sich mit Jugendfragen befassen, eindeutig schwieriger
fällt.
Die
erste (scherzhafte) Definition spricht an, dass die Beschäftigung mit dem
Alter ihren Ursprung darin hat, dass das Alter als bedeutsames gesellschaftliches
Problem entdeckt und definiert wurde. Die Gerontologie - die Wissenschaft
über das Alter - verdankt ihre Entstehung einer ausgeprägten Defizit-Orientierung
des Alters: Alt gleich arm, krank und einsam, diese Gleichung stand am Anfang
der angewandten Gerontologie und auch der konkreten Altersarbeit im Zentrum.
Inzwischen hat die Gerontologie Defizit-Modelle des Alters zum wesentlichen
Teil hinter sich gelassen, zumindest in theoretischer Hinsicht. Ressourcen-
und kompetenzorientierte Modelle bestimmen heute klar das Denken und Handeln
gerontologisch ausgebildeter Fachleute, und die kompetenzorientierten Modelle
erweisen sich in der Alltagsarbeit denn auch als ausgesprochen fruchtbar
und wirksam, etwa auch in der Arbeit mit dementen Menschen.
Gesellschaftlich
und politisch wird jedoch die Altersforschung und -arbeit primär deshalb
unterstützt, weil sich die gesellschaftlichen Entscheidungsträger von ihr
die Lösung oder zumindest die Bewältigung eines epochalen Problems - die
zunehmende Zahl älterer und hochbetagter (kranker) Menschen - erwartet.
Die Gerontologie und vor allem die angewandte Gerontologie lebt weiterhin
von den wahrgenommenen Defiziten des Alters, und entsprechend beschäftigen
sich sehr viel mehr Studien und Arbeiten mit den negativen Seiten des Alters
als etwa mit der Altersweisheit oder dem Altersglück.
Die
starke Problemebezogenheit der Gerontologie führt auch dazu, dass die
Definition einer nützlichen Gerontologie von aussen, nicht von der
Gerontologie selbst, kommt: 'Es gibt wohl nur wenige wissenschaftliche Arbeitsgebiete,
in denen Vorstellungen der Forscher und der Gesellschaft über das Wünschenswerte
und Notwendige die Auswahl der Fragestellungen und die Interpretation der
Befunde so stark prägen wie in der Altersforschung.' (Mayer et. al.
1996: 599). Die aussengesteuerte Prägung von Themen und Konzepten trägt
zwar einerseits zur Vielfalt und Dynamik der Altersforschung bei. Andererseits
können sich damit neben theoretischen Defiziten auch eigentliche Nützlichkeitsillusionen
etablieren.
Die
zweite (scherzhafte) Definition spricht Aspekte an, die oft verdeckt bleiben,
jedoch deshalb nicht weniger zentral sind: Beruflich ausgebildete GerontologInnen,
aber auch die meisten MitarbeiterInnen von Alterseinrichtungen sind zumeist
jünger als die Menschen über die sie schreiben, mit denen sie arbeiten und
die sie pflegen. Die Beschäftigung erwerbstätiger Frauen und Männer mit
gerontologischen Fragen ist immer auch Beschäftigung mit der eigenen, denkbaren
Zukunft, und speziell in der ambulanten und stationären Alterspflege ist
diese Zukunft nicht selten dunkel und bedrohlich. Bei nicht repräsentativen
Umfragen bei KrankenpflegeschülerInnen oder SAG-GerontologInnen mittleren
Lebensalter sind denn nicht alle (zukünftigen) GerontologInnen besonders
erpicht, 90 Jahre alt zu werden. Gerontologie beinhaltet immer eine persönliche
Zukunftssicht, und sie enthält dadurch auch immer ein Element der Zukunftsgestaltung.
Das Ideale wäre es, durch die eigene gerontologische Arbeit - im Spital,
im Heim, bei der Spitex usw. - die Beratung, Betreuung und Pflege langlebiger
Menschen so zu verbessern, dass man/frau später selbst davon profitiert.
Aber
die Beschäftigung mit älteren Menschen ist nicht nur Zukunftssicht,
sondern auch gleichzeitig immer ein Blick in die Vergangenheit. Die heute
Hochbetagten sind die Jugend von Gestern; heute etwa ehemalige VertreterInnen
der Jazz- und Swing-Generation und allmählich erreichen auch die ersten
Elvis Presley-Fans das hohe Lebensalter). Eine lebensnahe (und damit auch
lebensbejahende) Gerontologie schliesst auch die Beschäftigung mit
der Lebensgeschichten von Menschen ein, sei es in positiven wie im negativen
Aspekten. Die Lebensgeschichte lebenserfahrener Frauen und Männer kann
sich als reichhaltige Wundertüte erweisen, aber unter Umständen
auch als Verlies verdrängter Wünsche und Krisen. In Gesprächen
mit älteren Menschen widerspiegelt sich die ganze Vielfalt des Lebens,
und erst im Alter wird klar, was ein Leben 'wert' war.
Die
Gerontologie ist - und dies bleibt oft vergessen - eine der wenigen wissenschaftlichen
und angewandten Themenfelder, welche eine hohe zeitliche Lebensperspektive
in sich schliesst, sei es, dass die Auswirkungen früherer Lebensphasen auf
das höhere Lebensalter sichtbar wird; sei es, dass in erzählenden Gesprächen
deutlich wird, wie unterschiedlich Menschen mit (kritischen) Lebensereignissen
umgehen können; sei es aber auch, dass deutlich wird, wie stark sich das
eigene zukünftige Alt-Werden vom dem unterscheiden wird, was heutige Hochbetagte
erleben.
Eine
professionelle Gerontologie vereint Vergangenheit und Zukunft in sich zusammen,
und damit wird die Gerontologie - ob sie es will oder nicht - immer auch
mit grundlegenden lebensphilosophischen Fragen konfrontiert.
Gerontologie - eigentlich ein transdisziplinärer
Oberbegriff
Altern
ist ein:
1) dynamischer Prozess, der sowohl Verluste wie Gewinne beinhaltet,
2) biologisch und medizinisch bestimmter Prozess,
3) lebenslanger und biografisch verankerter Prozess,
4)
5) Produkt von Person und räumlicher Umwelt,
6) ökonomisch bestimmter Prozess,
7) geschlechtsspezifischer Prozess,
8) differentieller Prozess und zwar bezüglicher aller Dimensionen des
Alterns
9)
10) multidirektionaler Prozess, der je nach Ebenen unterschiedliche Verläufe
zeigt
11) Prozess, der sich zwischen Objektivität und Subjektivität
bewegt
12) plastischer Prozess mit Grenzen. Altern ist innerhalb von Grenzen gestaltbar
Das nachfolgend aufgeführte Schemata verdeutlicht aus einer anderen Perspektive die Breite an gerontologischen Arbeitsfeldern (wobei zusätzlich zur fachspezifischen Unterscheidung teilweise eine Unterscheidung zwischen theoretischer und angewandter Gerontologie üblich ist). Das Schema deutet aber auch, dass die professionelle Institutionalisierung der einzelnen gerontologischen Teilbereiche unterschiedlich ist, und es ist z.B. auffallend, dass die Alterspflege - trotz ihrer praktischen Relevanz - noch keinen international anerkannten Fachbegriff kennt.
Schema:
Gerontologie umfasst folgende Teilgebiete bzw.
Berufsgruppen:
1 Medizinische Gerontologie
11 Geriatrie (Alters- bzw. Alternsmedizin)
1131 Gerodentologie (Alterszahnmedizin im engeren Sinne)
12 Gerontopsychiatrie (Psychiatrie des späten Lebensalters)
13 Alterspflege (Fachbegriff: Gero-Care?)
2 Gerotechnologie (Technik zugunsten älterer Menschen)
3 Sozialgerontologie
31 Gerontopsychologie
(Psychologie älterer Menschen)
32 Alternssoziologie
33 Geragogik/Gerontagogik (Lernen im Alter)
34 Kulturgerontologie (Literarische Behandlung des Alters)
35 Geschichte des Alters
36 Seniorenmarketing
Weitere Fachgebiete, die in Teilgebieten mit Altersfragen konfrontiert sein können: Architektur, Demografie,
Ethnologie, Oekonomie, Sozialarbeit, Theologie.
Fett: relativ hohe Institutionalisierung (eigene Fachgruppe
innerhalb der SGG und/oder eigene Fachstrukturen
Ein
wichtiges Merkmal der gerontologischen Arbeitsfelder - und damit aber auch
der gerontologischen Ausbildungen - ist ihre ausgesprochen interdisziplinäre
Ausrichtung. Gerontologie wird gemeinhin als eine interdisziplinäre
Wissenschaft verstanden. Verschiedene Disziplinen, z.B. Psychologie, Soziologie,
Demografiie, Politologie, Medizin oder Kulturwissenschaften leisten ihren
Beitrag zur Beschreibung und Erklärung des Phänomens. Themen und
Probleme im Altersbereich haben viele Facetten und halten sich nicht an
die disziplinären Grenzen. Alter und Altern gehören zu den gesellschaftlichen
Problemen, welche interdisziplinäre bzw. transdisziplinäre Ansätze
erfordern.
Nur
Interdisziplinarität - die integrative Synthese der verschiedenen Ansätze
und Erkenntnisse - kann ein vollständiges Bild ergeben. Problemorientierte
Forschung ist aber nicht nur interdisziplinär, sondern im eigentlichen
Sinne transdisziplinär, und sie bezieht idealerweise auch Akteure ausserhalb
des eigentlichen Wissenschaftsbereichs in den Forschungs- und Umsetzungsprozess
ein, beispielsweise externe Experten/Expertinnen aus der Praxis oder die
direkt Betroffenen selbst.
Interdisziplinarität
bzw. Transdisziplinarität als eine Form sozialer Kommunikation stellt allerdings
hohe Voraussetzungen an die beteiligten Fachleute. Schwierigkeiten beim
interdisziplinären Arbeiten sind beispielweise:
a)
Kommunikations- und Sprachschwierigkeiten, weil jede Fachrichtung ihre eigenen
Konzepte und Definitionen aufweist.
b)
Disziplinenspezifische Vorstellungen über die Konstruktion der Wirklichkeit
und entsprechende Unterschiede von Theorien und Methoden
c)
Vorurteile und falsche Erwartungen durch mangelndes Verständnis anderer
Disziplinen,
d)
Gruppendynamische Probleme in der Teamarbeit und unterschiedliche Status-
und Hierarchiemodelle je nach Fachgebiet.
Entsprechend
funktioniert eine inter- bzw. transdisziplinäre Zusammenarbeit nur, wenn
mindestens folgende Voraussetzungen gegeben sind:
a)
Intellektuelle Sicherheit durch eigene Fachkompetenz
b)
Toleranz gegenüber anderer Disziplinen
c)
Wissen um Handlungsformen anderer Disziplinen
d)Ê Team- und kommunikative Kompetenz
Zur Entwicklung gerontologischer Fragestellungen
- ein kurzer Rückblick
Seit
Anfang koexistieren innerhalb der Gerontologie zwei grundsätzliche Denktraditionen,
die zum einen die Kompetenzen bis ins Alter und zum anderen die mit dem
Alter eher nachlassenden sozialen und individuellen Ressourcen betonen.
In den 1960er Jahren fanden diese zwei Denkmodelle ihren Niederschlag in
den Ansätzen von Aktivitäts- und Disengagementthesen. Bis heute ziehen sich
diese oftmals vereinfachenden Sichtweisen in unterschiedlichen Konjunkturen
durch gerontologische Arbeiten: Aktivität vs. Rückzug, Ressourcen und Potentiale
vs. Kosten und Lasten des Alters. Die Balance zwischen Gewinnen und Verlusten
ist ein durchgehendes gerontologisches Thema. Seit den 1970er Jahren werden
innerhalb der Gerontologie kompetenzorientierte Ansätze stark betont, indem
auf Ressourcen des Alters oder auf die Chancen 'erfolgreichen Alter(n)s'
verwiesen wird. In öffentlichen Diskursen sind defizit- und problembezogene
Themen jedoch weiterhin dominat geblieben.
Seit
den 1950er Jahren lassen sich - ausgehend vom deutschsprachigen Raum - in
der Gerontologie - und namentlich der Sozialgerontologie - vier Themenkonjunkturen
festhalten:
1) Alter als individuelles Phänomen
bzw. Problem: (50er Jahre, frühe 60er Jahre): In der ersten Phase
ihrer Entwicklung ist die Gerontologie primär geprägt durch die
Deskription des individuellen Alter(n)s und der damit verbundenen physischen
und psychischen sowie später auch der sozialen Verluste. Die verschiedenen
Disziplinen unterscheiden sich primär darin, ob sie die Grenze zum
Alter als Ergebnis der biologischen, psychologischen oder sozialen Entwicklung
sehen. Alter wird primär als individuelles Phänomen oder individuelle
Entwicklungsaufgabe gesehen. Eine historische Einbettung ist kaum entwickelt;
entsprechend grob fallen die Vergleiche von früher und heute aus. Eine
Kohortenperspektive ist kaum vertreten, und entsprechend werden primär
chronologische Altersgrenzen betont. Inhaltliche Verbindungslinien, etwa
der Vorbereitung auf das Alter als Konsequenz dessen, was man über
Alternsbedingungen weiss, werden noch nicht gezogen. Eine systematische
Analyse der gesellschaftlichen Formung des Alter(n)s fehlt. Mit ihrer Konzentration
auf biologisch-medizinische und psychologische Ansätze unterscheidet
sich die damalige deutschsprachige Gerontologie deutlich von der englischen
und angloamerikanischen, in denen soziologische Analysen bereits in einem
relativ frühen Stadium eine bedeutsame Position einnehmen.
2) Alter/n als individuell
und sozial unterschiedlich geprägtes Phänomen: (ab späten
60er Jahre) und beginnendes soziales Problem: Zentral ist hier die Erkenntnis,
dass es kein einheitliches Alter gibt, sondern erhebliche Differenzen nach
individuellen und sozialen Bedingungen bestehen. Damit anererkennt man die
Notwendigkeit des Gruppenvergleichs sowohl innerhalb des Alters als auch
im Vergleich mit anderen Altersgruppen. Letzteres gewinnt dabei an Bedeutung,
und die altersspezifische soziale Ungleichheit wird verstärkt betont. Alter
wird zum sozialpolitisch zu lösenden, gesellschaftlich mit verursachten
sozialen Problem definiert. Drängende Probleme, wie Wohnsituation und Armut
im Alter, stehen - neben der Frage des Berufsausstiegs - mit im Vordergrund
empirischer Studien und sozialpolitischer Diskussion.
Die
klassischen Alter(n)skonzepte werden weiterentwickelt: Disengagement-, Aktivitäts-
und Kontinuitätsthesen sowie - weitaus weniger rezipiert - auch auf das Alter bezogene interaktionistische
Ansätze (Alter als Stigma) und sozialpolitische Ungleichheitskonzepte
(Lebenslage, soziale Gefährdung, soziale Schwäche). Dies führt
dazu, dass - neben den Ungleichheiten älterer im Vergleich zu jüngeren
Altersgruppen - erhebliche Unterschiede auch innerhalb der Gruppe alter
Menschen untersucht werden. Der an Gerontologie gerichtete Problemlösungsdruck
bleibt auf der sozialen und individuellen Ebene. Noch ist nicht von einer
Krise der Arbeitsgesellschaft, der Familie und der Sozialpolitik im Zusammenhang
mit Alter(n) die Rede.
3) Alter/n als sozial ungleiche
und sozial problematische Lebenslage: (verstärkt ab 70er Jahren):
Alter(n) wird erkannt als zu differenzierendes soziales Problem sozial ungleicher
Gruppen älterer Menschen: Die Erkenntnis, dass grosse Unterschiede
innerhalb des Alters existieren, führt zu verstärkter sozialwissenschaftlicher
Forschung und Konzeptentwicklung. Zum einen kristalliert sich eine primär
psychologisch ausgerichtete differentielle Gerontologie, und zum anderen
bildet sich eine primär sozialpolitisch-soziologisch ausgerichtete
sozialstrukturell differenzierende Gerontologie heraus. Zwischen beiden
Richtungen ergeben sich regelmässige Auseinandersetzungen. Gleichzeitig
entwickelt sich ein stärkeres Bestreben nach Erklärung. Der Blick
in den Lebenslauf wird erweitert, und das kalendarische Alter verliert an
Bedeutung. Deutlicher sieht man den Strukturwandel des Alters und damit
die Zusammenhänge von Alter, Sozialpolitik und gesellschaftlichem Wandel.
Es finden sich erste verstärkte Ansätze der Betrachtung geschlechtsspezifischen,
das heisst zu dieser Zeit fast ausschliesslich weiblichen, Alter(n)s.
4) Gerontologische Ueberlegungen angesichts der zunehmenden Bedeutung
des Alters für die Gesellschaft: (ab zweite Hälfte der 80er Jahre):
Im Zuge des fortschreitenden demografiischen Wandels und des Strukturwandels
des Alters kristallisiert sich Alter(n) als für die Gesellschaft bedeutsam
heraus. In den Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung treten Probleme
der alternden Gesellschaft bei gleichzeitigem Fortbestehen der sozialen
und individuellen Probleme des Alter(n)s. Auch in den Sozialwissenschaften
wird das sich problematisch gestaltende Verhältnis von Alter(n) und Gesellschaft
zumindest angesprochen. Indikatoren hierfür sind Themen und Begriffe, wie
überalterung, Rentenkrise, Frühausgliederung aus dem Erwerbsleben, Krise
der Sozial- und Gesundheitspolitik im Zusammenhang mit der demografiischen
Entwicklung sowie das sozialpolitische und praktische Problem der Alterspflege
und vieles mehr. Statt der Gerontologie eignen sich andere Sozialwissenschaften
(Volkswirtschaftslehre, Demografiie, Sozialpolitiktheorie, Politologie)
das Thema aus ihrer Perspektive an, ohne dies als expliziten Beitrag zur
Gerontologie zu verstehen.
Gleichzeitig
entsteht eine zunehmende soziale Differenzierung der Lebenssituation im
Alter, wie auch eine erhöhte Betonung unterschiedlicher Phasen des nachberuflichen
Lebens Ebenso wie die sozial und individuell differenzierenden Lebens- und
Arbeitsbedingungen, die zum Alter hinführen, ist diese weiterhin verstärkt
Gegenstand gerontologischer Forschung. Der Strukturwandel des Alters trägt
nicht nur zu veränderten Lebenslagen, sondern auch zu veränderten Werten
und Normen wie Handlungsmustern in den verschiedenen Altersphasen bei, ein
Themenspektrum, das von der Gerontologie entdeckt und sukzessive beschrieben
wird.
Ein
Entwicklungsmerkmal der Altersarbeit der Schweiz besteht darin, dass zwar
schon sehr früh spezielle Altersinstitutionen, Beratungsdienste und Betreuungseinrichtungen
für ältere Menschen entstanden, diese lange Zeit jedoch weitgehend losgelöst
von fachlich-wissenschaftlichen Perspektiven arbeiteten. Es ergab sich das
Muster einer hochentwickelten Altersarbeit ohne wissenschaftliche Begleitung
bzw. einer Praxis ohne Theorie. Eine ausdifferenzierte Altersarbeit entstand
früh, aber getrennt von der Entwicklung einer gerontologischen Forschung.
So gibt es in der Schweiz schon eine lange Praxis der Altersvorbereitung,
aber zu einer wissenschaftlichen Evaluation der Altersvorbereitung kam es
erst spät.
Wichtige
Impulse aus sozialpolitischer und politischer Richtung vermittelten in der
Schweiz insbesondere die Berichte der eidgenössischen Kommissionen für Altersfragen
(1966 und 1979). Während der erste Bericht - neben der Analyse der Bevölkerungsentwicklung
- vor allem Fragen der materiellen Grundbedürfnisse der älteren Bevölkerung
ansprach, erweiterte der zweite Bericht die Thematik um Fragen der sozialen
Stellung älterer Menschen. 1995 erschien ein neuer, umfangreicher Altersbericht,
der in verstärktem Masse die inzwischen erarbeiteten gerontologischen Forschungsergebnisse
einbezog.
In
der Schweiz kam es erst in den 90er Jahren zu einer verstärkten Institutionalisierung
der Gerontologie, sei es bezüglich Forschung (1992: Gründung des
Centre Interfacultaire de Gérontologie CIG) in Genf, sei es bezüglich
Ausbildung (Gründung der Schule für Angewandte Gerontologie SAG
in Zürich). Forschungsmässig illustrieren umfangreiche, im Prinzip
auf Längsschnittvergleich orientierte Studien - wie etwa die Berliner
Alterstudie, der deutschen Alterssurvey oder der Genfer Zeitvergleich 1979-1994
- den Wert komplexer interdisziplinär ausgerichteter Studien für
eine differenzierte Erfassung von Alternsprozessen.
Auf
konzeptueller Ebene gewinnen vier neuere Denkperspektiven verstärkte Relevanz:
a)
Das nachberufliche Leben wird nicht mehr als einheitliche, kalendarisch
definierte Legensphase konzipiert, sondern es verschiedene Phasen des höheren
Lebensalters differenziert (gesundes Rentenalter, fragiles Rentenalter,
Phase der Pflegebedürftigkeit). In diesem Rahmen interessiert zunehmend,
wie und warum es einigen Frauen und Männern gelingt, auch mit hundert
Lebensjahren noch ein autonomes Leben führen zu können.
b)
Das Altern bzw.die Alternsprozesse werden ins Zentrum des Interesses gerückt,
und weniger das Alter. Damit wird eine lebenslaufbezogene Perspektive gewonnen.
So zeigen neuere Studien, dass etwa das mittlere Lebensalter und das höhere
Lebensalter viel stärker verschränkt sind als bisher angenommen.
c)
Um eine isolierte Betrachtung zu vermeiden, werden Alter/n und Generationenbeziehungen
vermehrt verknüpft. Die späteren Lebensphasen sind eingebettet
in umfassendere Generationengefüge, und das Auseinanderfallen von Jung-Alt
kann reduziert werden. Zudem zeigt sich immer deutlicher, dass Generativität
(auch im Sinne eines Engagements und Interesse älterer Menschen an
den nachwachsenden Generationen für die Lebensqualität entscheidend
sind.
d)
Kreativität, Spiritualität wie generell auch die geistig-seelische
Entwicklung (bis hin zur Entwicklung von Weisheit im Alter) erhalten auch
innerhalb der gerontologischen Forschung vermehrt einen Stellenwert. Gerade
eine professionell ausgerichtete Gerontologie wagt sich - selbstsicher geworden
- verstärkt an traditionelle lebensphilosopische Fragen heran.
Aktuelle und zukünftige Themenschwerpunkte
der Gerontologie
Als
thematische Schwerpunkte einer (interdisziplinär orientierten) Sozialgerontologie
in den nächsten Jahren lassen sich stichwortartig folgende Themen auflisten:
- a) Demografische Alterung und erhöhte
Lebenserwartung und deren Konsequenzen auf Migration, Gesundheitswesen,
Pflege und gesellschaftliche Strukturen allgemein.
- b) die Stellung älterer ArbeitnehmerInnen
und neue Formen der Pensionierung wie flexible Formen der Pensionierung,
aber auch verstärkte Altersteilzeitarbeit.
- c) entwicklungspsychologische und zunehmend
auch genetische Längsschnittstudien, um die biografiische, aber auch genetische
Prägung des Alters bzw. ausgewählter Alterskrankheiten zu erforschen.
- d) Kohortenwandel bei den älteren Menschen
sowie die Verknüpfung älterer Menschen mit anderen Generationen (Strukturwandel
des Alters und die ältere Generation im Generationenwandel)
- d) Kulturgerontologische Fragen, sei es
bezüglich eines interkulturellen Vergleichs verschiedener Altersbilder
- auch in Hinblick auf das Aelterwerden erster Generationen von MigrantInnen;
sei es bezüglich der Altersbilder in Literatur, Medien, Film oder den
Umgang älterer Menschen mit neuen Medien (Internet),
- e) Alter, Raum und Technologie, sei es
bezüglich der wohnlichen und räumlichen Gestaltung der Lebenslage langlebiger
Menschen; sei es bezüglich Anwendung und Design von Technologien zur Kompensatioln
körperlicher und sensorischer Einbussen.
Was
die Altersmedizin betrifft, ist aufgrund zellbiologischen und anderen medizinischen
Fortschritten teilweise eine Renaissance von defizitorientierten Grundvorstellungen
feststellbar, indem Alterskrankheiten als vermeidbare bzw. behandelbare
Krankheiten wahrgenommen werden (und das Ziel der Medizin darin liegt, körperliche
Alternsprozesse überhaupt zu verhindern (auch im Rahmen einer ausgeprägten
'anti-aging'-Bewegung).
Ein
zentrales Gegenwarts- und Zukunftsproblem liegt auch für die Geriatrie im
Auseinanderfallen der späteren Lebensphasen: Auf der einen Seite zeigt sich
eine klare Aktivierung und sozio-kulturelle Verjüngung von RentnerInnen,
auf der anderen Seite erfahren Menschen im hohen Lebensalter zwangsläufig
die Grenzen körperlicher und kognitiver Lebensdimensionen. Die Ausdifferenzierung
des Alters kann inskünftig dazu führen, dass es innerhalb der Geriatrie
bzw. der medizinisch orientierten Alterspflege zu einer verstärkten Trennung
in zwei gegensätzlichen Forschungs- und Tätigkeitsfeldern kommt:
a) eine Alternsmedizin mit starker Gewichtung
primärer wie sekundärer Prävention (Verhinderung von Behinderungen)
wie auch klinischer und rehabilitativer Behandlungen, namentlich für
Menschen im Alter von unter 80 bzw. 85 Jahren. Diese Alternsmedizin kann
sich in ihren Methoden und Werthaltungen stark an die Medizin für (jüngere)
Erwachsene anlehnen (wenn auch mit verstärkter Betonung von hirnorganischen
Fragen und Aspekten der Polymorbidität). Die Alternsmedizin kann so
gesehen durchaus eine wichtige Säule aktiven Alterns darstellen, gleichzeitig
kann sie auch Teil einer nicht unproblematischen 'anti-aging'-Bewegung darstellen.
b) eine geriatrische Pflege und Betreuung
gegen Lebensende: Hier geht es um eine Medizin und Pflege, welche genau
durch die Anerkennung ihrer Grenzen mitdefiniert wird. Pflege und Betreuung
ist dabei ebenso wichtig wie Diagnose und medizinische Interventionen. Es
ist eine Medizin, welche die Werte einer nicht-aktivitätsorientieren, sondern
spirituell orientierten Alterskultur vertritt. Strategien wie palliative
Medizin, aber auch basale Stimulation bei dementen Patienten sind ebenso
zentral, wie Angehörigenbetreuung und die Garantie eines würdevollen Sterbens.
Die
Ausdifferenzierung einer Alternsmedizin und einer geriatrischen Lebensendbegleitung
bedeuten vorläufig nicht zwangsläufig eine Zweiteilung der Geriatrie
(und geriatrischen Pflege), sondern vorerst einmal die Anerkennung eines
Spannungsfelds von Tun und Lassen, von Intervention und Nicht-Intervention.
Da es faktisch oft der Fall ist, dass dieselbe Person den Umschwung vom
aktiven zum pflegebedürftigen Alter erfährt, kann durchaus die
gleiche Fachperson beide Phasen begleiten. Zentral ist eher, dass je nach
Altersphase unterschiedliche Werthaltungen, ethische Prinzipien, aber auch
Zeit- und Stellenpläne sowie Lebensrhythmen ins Zentrum rücken.
Benützte Literatur:
Baltes, Paul B.; Baltes, Margret M. (1992)
Gerontologie: Begriff, Herausforderung und Brennpunkte, in: Paul B.Baltes,
Jürgen Mittelstrass (Hrsg.) Zukunft des Alterns und gesellschaftliche
Entwicklung, Berlin, Walter de Gruyter, Berlin 1992: 1-34.
Höpflinger,
François; Stuckelberger, Astrid (1999) Demografiische Alterung und
individuelles Altern. Ergebnisse aus dem Nationalen Forschungsprogramm 'Alter
/ Vieillesses / Anziani', Zürich: Seismo.
Höpflinger,
François (1999) Soziale Gerontologie in der Schweiz, in: Birgit Jansen,
Fred Karl, Hartmut Radebold, Reinhard Schmitz-Scherzer (Hrsg.) Soziale Gerontologie.
Ein Handbuch für Lehre und Praxis, Beltz-Verlag: Weinheim: 65-76.
Höpflinger,
François (2000) Entwicklung und Stand der Gerontologie in der Schweiz,
Studientext erhältlich auf Internet
Mayer,
K.-U.; Baltes, P.B. (Hrsg.) (1996) Die Berliner Altersstudie, Berlin: Akademie
Verlag.
Michel, Jean-Pierre; Stuckelberger, Astrid;
Grab, Bernard (1993) Switzerland, in: Erdman B. Palmore (ed.) Developments
and Research on Aging. An International Handbook, Westport: Greenwood Press:
299-315.
Perrig-Chiello, Pasqualina; Arber, Werner
(2001) Interdisziplinäres Lehren und Lernen - zwischen akademischem Anspruch
und gesellschaftlichem Bedürfnis, Sion: IUKB.
Schneider, Hans-Dieter (1997) Die Gerontologie
auf dem Wege zur Interdisziplinarität, in: Schweiz. Gesellschaft für
Gerontologie (Hrsg.) Späte Freiheit?! - Agé et libéré?!,
Jahrestagung 5.-7.November 1997 in Gwatt, Bern: SGG:59-67.