François Höpflinger, Valérie
Hugentobler
Pflegebedürftigkeit in der Schweiz. Prognosen und Szenarien für
das 21. Jahrhundert
Verlag Hans Huber, Bern 2003 (ISBN 3-456-84011-X)
Zusammenfassung der Studie
Für die Planung von Gesundheitsstrukturen
und Pflegeeinrichtungen, aber auch für die Prognose in der Krankenpflegeversicherung
ist es zentral zu erfahren, wie sich die Zahl der pflegebedürftigen Menschen
in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird. Angesichts der weiteren
Erhöhung der Lebenserwartung stellt sich daher die Frage: Ist eine höhere
Lebenserwartung verbunden mit gewonnenen Lebensjahren? Oder wird nicht vielmehr
die Lebenszeit mit Behinderungen ausgedehnt?
Hier stehen sich zwei gegensätzliche
Thesen gegenüber:
Die eine These geht davon
aus, dass der Rückgang der Sterblichkeit namentlich bei älteren Menschen überwiegend
auf ein zeitliches Hinauszögern des Todes bei Menschen mit chronisch-degenerativen
Krankheiten zurückzuführen ist. Menschen leben länger, aber gemäss dieser
These primär, weil sie aufgrund medizinischer und sozial-medizinischer Interventionen
bei chronischen Krankheiten länger überleben.
Die andere These geht hingegen
davon aus, dass sich primär die aktiven bzw. gesunden Lebensjahre erhöht
haben. Chronische Krankheiten treten gemäss dieser These später
im Leben auf, weil jüngere Geburtsjahrgänge aufgrund besserer Ernährung
und lebenslanger Gesundheitsvorsorge länger gesund bleiben.
Die vorliegenden
empirischen Daten unterstützen eher die zweite These: Frauen und Männer leben
heute nicht nur länger, sondern sie bleiben auch länger behinderungsfrei als
frühere Generationen. Zwischen 1981/82 und 1997/99
erhöhten sich die behinderungsfreien Lebensjahre bei Frauen um gut fünf Jahre,
während sich die Lebensjahre mit Behinderungen um zwei Jahre reduzierten.
Bei den Männern erhöhten sich die behinderungsfreien Lebensjahre in der gleichen
Periode um mehr als vier Jahre, wogegen sich die behinderten Lebensjahre um
ein halbes Jahr reduzierten. Dies kann auch für die zukünftige Entwicklung
des Pflegebedarfs wichtig sein: Wenn ältere Menschen später hilfs- und pflegebedürftig
werden, erhöht sich der Pflegebedarf langsamer, als dies eine demographische
Fortschreibung aktueller Zahlen andeutet. Gleichzeitig zeichnet sich auch
eine immer stärkere Zweiteilung der Pflegebedürftigkeit im Alter ab: Auf der
einen Seite findet sich eine grosse Gruppe von Menschen, die lange behinderungsfrei
verbleibt und erst gegen Lebensende eine oft relativ kurze Phase von Pflegebedürftigkeit
erfährt. Auf der anderen Seite existiert eine Minderheit älterer Menschen,
die längere Zeit behindert und pflegebedürftig bleibt.
Die Datenlage zur Pflegebedürftigkeit
im Alter ist in der Schweiz noch sehr lückenhaft. So beschränken
sich manche Untersuchungen auf die in privaten Haushalten lebenden älteren
Menschen. Gerade kranke bzw. pflegebedürftige ältere Menschen wohnen
häufig in Alters- und Pflegeheimen und werden daher nicht erfasst. Nach
Berücksichtigung der vorhandenen Informationen sind gegenwärtig
zwischen 109'000 bis 126'000 ältere Menschen gemäss ADL-Kriterien
pflegebedürftig, d.h. sie sind nicht mehr in der Lage, ihren Alltag selbstständig
zu bewältigen. Dies entspricht zwischen 9,8 % - 11,4 % aller über
64-jährigen Menschen. Da die heute älteren Schweizerinnen und Schweizer
keine Zerstörungen durch den 2. Weltkrieg erlebt haben, liegt die Pflegebedürftigkeitsquote
in der Schweiz tiefer als in Deutschland. Auch die behinderungsfreie Lebenserwartung
liegt in der Folge in der Schweiz höher als in unserem Nachbarland. Mindestens
die Hälfte der pflegebedürftigen älteren Menschen leidet an
hirnorganischen Störungen (Alzheimer u.a.). Ausgehend von heutigen Pflegebedürftigkeitsquoten
lässt sich für die Periode 2000 bis 2010 eine Zunahme der Zahl pflegebedürftiger
Menschen um die 15 % voraussagen. Bis zum Jahre 2020 würde sich bei gleichbleibenden
Pflegebedürftigkeitsquoten aufgrund der demographischen Alterung eine
Erhöhung um maximal ein Drittel (32 % - 36 %) ergeben. Sofern von konstanten
Pflegebedürftigkeitsquoten ausgegangen wird, steigt je nach Bevölkerungsszenario
die Zahl älterer und hochbetagter Pflegebedürftiger bis zum Jahre
2050 weiter an; von heute 109'000 bis 126'000 Personen auf 201'000 bis 272'000
Personen.
Modellrechnungen verdeutlichen,
dass selbst eine moderate Reduktion der Pflegebedürftigkeit - etwa aufgrund
geriatrisch präventiver Programme oder vermehrter Erfolge in der Rehabilitation
- den demographischen Effekt wesentlich abzuschwächen vermag. Eine gezielte Strategie der Gesundheitsförderung im höheren
Lebensalter könnte das Problem steigender Pflegebedürftigkeit deutlich entschärfen.
Insgesamt wird die Zahl der
älteren pflegebedürftigen Menschen zwischen 2000 bis 2020 sicherlich ansteigen,
allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit weniger stark als dies aus linearen
demographischen Projektionen hervorgeht. Es ist daher unwahrscheinlich, dass
die Zahl älterer pflegebedürftiger Menschen zwischen 2000 und 2020 um ein
Drittel (32 % - 36 %) ansteigen wird. Eine Zunahme von maximal zwanzig Prozent
scheint demgegenüber realistisch, und unter günstigen Umständen kann der Anstieg
auch geringer sein. Gleichzeitig steigt das durchschnittliche Alter der pflegebedürftigen
Menschen weiter an. In der Folge werden mehr und mehr pflegebedürftige Menschen
hochbetagt sein und daher häufig gleichzeitig an verschiedenen Krankheiten
leiden (Multimorbidität).
Sturzunfälle und Frakturen
im Alter
Sturzunfälle im höheren Lebensalter
sind relativ häufig, auch aufgrund von Einbussen des Gleichgewichts und motorischer
Reaktionszeiten. Auch diverse Medikamente, welche ältere Menschen einnehmen
- etwa zur Blutdrucksenkung - können das Gleichgewicht negativ beeinträchtigen.
Gerade im hohen Alter führen Stürze aufgrund verminderter Knochenfestigkeit
oft zu Frakturen. Diese heilen im Alter zumeist nur langsam. Sturzbedingte
Frakturen sind daher im Alter häufig eine Ursache für Einschränkungen der
Mobilität. Sie können dazu führen, dass alte Menschen nicht mehr selbstständig
haushalten können und nach einem Spitalaufenthalt in ein Alters- und Pflegeheim
umziehen müssen. Die vorliegenden Daten belegen eindrücklich, dass mit steigendem
Lebensalter das Risiko von Unfällen (namentlich Sturzunfällen) sowie von Sturzfrakturen
zunimmt. Frauen weisen sowohl ein höheres Unfallrisiko auf als auch ein höheres
Risiko einer Sturzfraktur. Dies hängt damit zusammen, dass Frauen ein erhöhtes
Risiko von Knochenbrüchigkeit (Osteoporose) aufweisen. Zusätzlich sind Frauen
auch im höheren Lebensalter häufiger in Haushaltsaktivitäten engagiert, und
über 90 % aller Stürze älterer Menschen ereignen sich im Haushalt, was die
hohe Bedeutung einer haushaltsbezogenen Sturzprävention im Alter belegt.
Stürze können sowohl
durch Umgebungsfaktoren als auch durch physische Faktoren bedingt werden:
Bedeutsame Sturzfaktoren sind rutschige bzw. nasse oder vereiste Bodenbeläge.
Herz-, Kreislauf- und Hirndurchblutungsstörungen erhöhen das Sturzrisiko
ebenso massiv wie Schwindel und Gleichgewichtsprobleme. Zusätzlich wirkt
ein niedriger Blutdruck sturzgefährdend. Dasselbe gilt für Gedächtniseinschränkungen
sowie für Geh- und Bewegungseinschränkungen. Alkohol- und Medikamentenkonsum,
aber auch Erschöpfung, schlechtes Schuhwerk oder mangelhafte Beleuchtung
erhöhen das Risiko eines Sturzunfalls im höheren Lebensalter ebenfalls.
Deutlich sind vor allem die Auswirkungen einer Kombination negativer Faktoren:
Alkoholkonsum und ein problematischer Bodenbelag erhöhen das Sturzrisiko
um das 21-Fache, und bei den über 90-Jährigen steigt das Risiko
eines Sturzes bei nassem oder rutschendem Bodenbelag um das 13-Fache. Tatsächlich
bestehen vielfältige und oft kostengünstige Möglichkeiten,
Unfälle und namentlich Sturzunfälle im Alter deutlich zu reduzieren.
Dazu gehören wohn- und umgebungsbezogene Massnahmen (rutschfeste Böden,
Haltegriffe, gut beleuchtete Gänge usw.), aber auch gezielte Massnahmen
zur Verbesserung von Gang und Gleichgewicht sowie die Benützung von solidem
Schuhwerk oder Hüftprotektoren usw.
Depressive Störungen im Alter
Dabei zeigt sich in allen
Studien, dass ältere Frauen knapp doppelt so häufig von Depressionen
betroffen sind wie gleichaltrige Männer.
Dass Frauen in stärkerem Masse betroffen sind, gilt auch für
einzelne Subformen, mit Ausnahme von Persönlichkeitsstörungen, welche
bei älteren Männern häufiger diagnostiziert werden. Die Frage,
ob depressive Störungen mit steigendem Alter häufiger auftreten,
wird von der Forschung unterschiedlich beantwortet. So liegen ebenso Befunde
für eine Zunahme depressiver Störungen mit dem Lebensalter vor wie
auch für eine Abnahme und für depresssive StörungenÊ
unabhängig vom Alter.
Auf der Grundlage der vorhandenen
Studienergebnisse lässt sich festhalten, dass in der Schweiz 44'000 bis
um die 53'000 ältere Menschen (65+) an schweren depressiven Störungen
leiden. Die Kombination von höherer Lebenserwartung der Frauen und höherer
Depressionshäufigkeit bei Frauen führt dazu, dass das Verhältnis
schwer depressiver älterer Frauen zu schwer depressiven älteren
Männern 2,6 : 1 beträgt.
Eine Fortschreibung aktueller
Depressionsraten macht wenig Sinn, da die Häufigkeit depressiver Störungen
einem klaren Generationenwandel unterliegt, und bei jüngeren Rentnergenerationen
zeigt sich eher eine Verbesserung als Verschlechterung des psychischen Befindens.
Trotzdem dürfte die Zahl schwer depressiver älterer Menschen aufgrund der
demographischen Alterung ansteigen. Szenarien verdeutlichen aber auch, dass
schon eine moderate Reduktion der Zahl depressiver Menschen - etwa dank erfolgreichen
psychotherapeutischen Strategien und psychopharmakologischen Fortschritten
- den Effekt der demographischen Alterung wesentlich zu reduzieren vermag.
Tatsächlich kann eine gezielte gerontopsychiatrische Betreuung auch Altersdepressionen
erfolgreich behandeln.
Die hirnorganischen Störungen
alter Menschen in ihren verschiedenen Formen (Alzheimer-Krankheit, vaskuläre
Demenz, Parkinson u.a.) sind seit längerem als eines der zentralen Probleme
des Gesundheitswesens anerkannt. Die Häufigkeit demenzieller Störungen
steigen mit dem Lebensalter an, wobei alle hochentwickelten Länder analoge
altersbezogene Entwicklungen von demenziellen Störungen aufweisen. Es
gibt heute nicht deshalb mehr ältere Menschen mit Demenzerkrankung, weil
das Krankheitsrisiko angestiegen ist, sondern primär, weil heute mehr
Menschen ein Alter erreichen, bei dem demenzielle Störungen häufiger
auftreten. Gegenwärtig leiden um die 86'000 über 60-jährige
Menschen bzw. rund 83'000 über 65-jährige Menschen an demenziellen
Störungen. Jährlich erkranken um die 18'000 ältere Menschen
neu an hirnorganischen Störungen. Von den Demenzkranken sind nur 8 %
jünger als 70-jährig, und 28 % sind zwischen 70- und 79-jährig.
Fast zwei Drittel (64 %) der Demenzkranken sind dagegen 80-jährig und
älter, was einschliesst, dass diese Menschen häufig auch an anderen
Erkrankungen leiden (Multimorbidität).
Je nach Annahmen zur weiteren
Entwicklung der Lebenserwartung ergeben sich vor allem längerfristig
unterschiedliche Zahlen: Für das Jahr 2050 ergeben sich gemäss linearer
Fortschreibung minimal 142'000 und maximal 186'000 Demenzkranke. Diese Zahlen
sind allerdings insofern unrealistisch, als sie pessimistischerweise davon
ausgehen, dass selbst in 50 Jahren keine wirksamen präventiven und rehabilitativen
Mittel gegen Demenzerkrankungen vorliegen. Präventive medizinische Mittel
sind zwar noch Jahre von der Realisierung entfernt, aber längerfristig
wahrscheinlich. Präventive Mittel werden zuerst für jene Demenzformen
entwickelt und praktiziert, welche eindeutig genetisch bestimmt sind. In der
Folge dürften in einer ersten Phase primär früh eintretende
Demenzformen präventiv verhindert werden, was die Altersverteilung der
Demenzkranken nach oben verschiebt.
Neben der Prävention und der
Verhinderung von hirnorganischen Störungen besteht eine zweite Entwicklung
in der zeitlichen Verzögerung der Symptome und Auswirkungen krankhafter hirnorganischer
Veränderungen. Schon jetzt vermögen Medikamente sowie gezieltes Gedächtnistraining
das Auftreten alltagsrelevanter kognitiver Einbussen zu verzögern.
Zumindest mittel- und langfristig
ist somit mit einem reduzierten Krankheitsrisiko zu rechnen. Als Planungsgrundlage
taugen lineare Fortschreibungen höchstens bis zum Zeithorizont 2020.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sich die Zahl von Demenzkranken zwischen
2000 und 2010 von rund 86'000 auf 99'000 bis 100'000 Menschen erhöhen,
um bis 2020 auf maximal 114'000 bis 117'000 anzusteigen. Innert 20 Jahren
ist somit mit einem maximalen Anstieg um 28'000 bis 31'000 demenzkranker Menschen
zu rechnen. Die Zahl jährlicher Neuerkrankungen dürfte in dieser
Periode von 18'000 auf maximal 25'000 Personen ansteigen.
Auch bei diesem kurz- bis
mittelfristigen Szenario ist anzuführen, dass damit eher Höchstwerte angeführt
werden. Da die zukünftigen Rentnergenerationen eine bessere Ausbildung und
verstärkte Lernbiographien aufweisen, sind sie oftmals eher in der Lage, hirnorganisch
bedingte kognitive Einbussen länger zu kompensieren. In der Folge werden Demenzerkrankungen
künftig insgesamt eher später zu Pflegebedürftigkeit führen. Die gleiche Wirkung
können gezieltes Gedächtnis- und Muskeltraining sowie Medikamente aufweisen.
Eine solche Entwicklung wird
sich auf verschiedene Weisen auswirken:
a) längere Selbstständigkeit
auch bei hirnorganischen Abbauprozessen und deshalb eine teilweise verlangsamte
Zunahme stark pflegebedürftiger Demenzkranker
b) ein weiterer Anstieg von
im durchschnittlichen Alter pflegebedürftigen Menschen mit Demenzen
eine ethisch und individuell
oft schwierig zu bewältigende Phase zwischen Demenzdiagnose, die immer früher
möglich ist, und starken alltagsrelevanten kognitiven Einbussen. Je weiter
Diagnose und Pflegebedürftigkeit auseinanderfallen, desto höher ist der ambulante
Beratungsbedarf
c) eine längere Phase mit
leichten bis mittelschweren Demenzgraden, was die Anforderungen an die ambulante
und stationäre Pflege und Betreuung erhöht, da leicht bis mittelschwer Demente
aufwändiger zu pflegen sind als stark demente Menschen - etwa aufgrund von
Stimmungs- und Aktivitäts-schwankungen, der bewussten Realisierung kognitiver
Einbussen etc.
Kurz- und mittelfristig ist
es durchaus wahrscheinlich, dass die Zahl demenzkranker Menschen bis 2020
geringer sein wird als dies lineare Projektionen andeuten. Wird beispielsweise von einer zeitlichen Verzögerung
von Demenzstörungen um ein Jahr ausgegangen, steigt die Zahl älterer
demenzkranker Menschen nur um 5'000 bis 6'000 Personen (anstatt 13'000 bis
14'000 Personen). Die zahlenmässige Zunahme liegt schon bei einer einjährigen
Verzögerung um rund 60 % tiefer. Wird von einer Verzögerung von
Demenzstörungen um zwei Jahre ausgegangen - ein Szenario, welches vor
allem längerfristig realistisch ist -, sind die Auswirkungen noch deutlicher:
Für das Jahr 2030 würden sich anstatt 135'000 bis 144'000 Demenzkranke
nur 116'000 bis 124'000 Demenzkranke ergeben. In jedem Fall können Behandlungs-
und Rehabilitationsstrategien, welche die alltagsrelevanten Konsequenzen der
Demenzen um ein bis zwei Jahre verzögern, den demographischen Effekt
wirksam abschwächen.
Die demographische Alterung
ist kurz- und mittelfristig kaum zu beeinflussen. Die negativen Konsequenzen
lassen sich dagegen deutlich mildern. Aber auch unter günstigen Rahmenbedingungen
wird aufgrund des Alterns geburtenstarker Jahrgänge die Zahl pflegebedürftiger
älterer Menschen - und dabei namentlich auch demenzkranker alter Menschen
- ansteigen. Der Effekt demographischer Alterung kann abgeschwächt, aber
nicht vollständig aufgehoben werden. Die Regelung und Finanzierung namentlich
der Langzeitpflege im Alter sind auch in der Schweiz neu zu organisieren.
Letzte Aenderung:
8. April 2004