Age Report 2004 (www.age-stiftung.ch)

 

François Höpflinger

Traditionelles und neues Wohnen im Alter

Seismo-Verlag Zürich 2004 (www.seismoverlag.ch)

ISBN 3-03777-004-X

Zusammenfassung der Buchpublikation

Wohnung und wohnortnahe Umgebung werden als Lebensräume im höheren Alter wichtiger als in früheren Lebensphasen. Entsprechend zentral ist eine Gestaltung von Wohnung und Wohnumfeld, die den besonderen Interessen älterer Frauen und Männer optimal Rechnung trägt. Wohnen im Alter allerdings nur unter dem Aspekt des barrierenfreien Wohnens zu diskutieren, ist zu eng. Ebenso bedeutsam sind soziale Aspekte (Kontakte, Anregungen) sowie die Erhaltung einer möglichst hohen Selbstbestimmung auch im hohen Lebensalter. Die Wohnbedürfnisse und Wohnwünsche von Menschen sind auch im Alter unterschiedlich. Dies hängt damit zusammen, dass ältere Menschen unterschiedliche Lebens- und Wohnerfahrungen hinter sich haben und auch Prozesse des Alterns individuell verlaufen. Deshalb gibt es im Alter keine Wohnform, die für Alle gleichermassen ideal ist.

Aufgrund der zu erwartenden demographischen Alterung wird der Wohnungsmarkt zukünftig noch stärker als heute von älteren Menschen bestimmt werden. Regional- und Städteplanung sowie Architektur müssen sich mehr als bisher um die Interessen älterer Frauen und Männer kümmern. Gegenwärtig können viele ältere Menschen von einer langen gesunden Lebenserwartung profitieren. Dadurch werden Aengste stark relativiert, dass mehr ältere Menschen automatisch mehr pflegebedürftige Menschen bedeuten. Dennoch ist Pflegebedürftigkeit im hohen Lebensalter nicht selten. Dies gilt vor allem für die über 80-jährigen Menschen, und gegenwärtig kann in der Schweiz von 110'000 bis 126'000 pflegebedürftigen älteren Menschen - die nicht mehr selbständig haushalten können - ausgegangen werden.

Ein rascher Generationenwandel trägt dazu bei, dass das Alter von morgen ein anderes Gesicht aufweisen wird als das Alter von heute. Bei der Wohnplanung für ältere Menschen führt deshalb eine Fortschreibung der aktuellen Lebens- und Wohnsituation heutiger Rentner und Rentnerinnen in die Irre, da zukünftige Rentnergenerationen andere Lebens- und Wohnvorstellungen aufweisen als dies gegenwärtig beobachtet werden kann. Heute geplante innovative Wohnprojekte - wie sie die Age Stiftung unterstützt - helfen mit, die Zukunft des Alters und auch die Zukunft einer demographisch alternden Gesellschaft positiv zu gestalten.

Seit Ende der 1970er Jahre gilt die Gleichung 'arm = alt' nicht mehr. Die Einkommens- und Vermögensverhältnisse vieler älterer Menschen haben sich deutlich verbessert. Gleichzeitig darf jedoch nicht vergessen bleiben, dass weiterhin gut zwanzig Prozent aller Rentnerhaushalte mit wenig Einkommen und kleinen Renten auskommen müssen. Ein entscheidender wirtschaftlicher Faktor im Alter sind die Wohnkosten. Als meist langjährige Mieter und Mieterinnen wie auch als Hauseigentümer mit oft tiefen Hypothekarbelastungen liegen die absoluten Wohnkosten vieler älterer Menschen insgesamt tiefer als dies bei jüngeren Altersgruppen der Fall ist. Im Durchschnitt geben Rentnerhaushalte um die 23% ihrer Haushaltsausgaben für das Wohnen aus, und um die 17% der älteren Mieter und Mieterinnen klagen über zu hohe Mietkosten.

Im höheren Lebensalter zeigt sich eine verstärkte Polarisierung der Haushaltssituation. Einerseits gewinnen im Alter Klein- und Kleinsthaushalte an Bedeutung. Vor allem nach dem Wegzug der Kinder aus dem Elternhaus leben viele ältere Menschen entweder zu zweit oder allein. Aufgrund von Verwitwung leben im hohen Alter vor allem Frauen häufig allein, wogegen Männer auch im hohen Alter oft in einer Paarbeziehung leben. Andererseits steigt im hohen Lebensalter der Anteil von Menschen an, die in Alters- und Pflegeeinrichtungen leben. Gegenwärtig leben gesamtschweizerisch mehr als 22% der 80-jährigen und älteren Menschen in Alters- und Pflegeeinrichtungen. Mit steigendem Lebensalter nimmt der Anteil an Heimbewohnern zu, um bei den 95-jährigen und älteren Menschen auf 58% zu steigen. Pflegebedürftigkeit ist heute der wichtigste Grund für einen Wechsel in eine stationäre Alters- und Pflegeeinrichtung. Daneben können aber auch soziale Lücken (kein Partner, keine Kinder oder keine Freunde sowie ein geringes Einkommen) zum übertritt in ein Alters- und Pflegeheim beitragen. Eine Reihe von Massnahmen (gute Vorinformation und Begleitung, u.a.m.) können den Wechsel vom Daheim ins Heim positiv beeinflussen. Die im Rahmen der Wohnumfrage 2003 der Age Stiftung befragten Heimbewohner und Heimbewohnerinnen wiesen insgesamt keineswegs eine geringere Wohnzufriedenheit auf als gleichaltrige zuhause lebende Menschen.

Was die zuhause lebende ältere Bevölkerung betrifft, lassen sich in den letzten Jahrzehnten vor allem vier wesentliche Veränderungen nachweisen: Erstens erhöhte sich der Anteil älterer Männer und Frauen in einem Einpersonenhaushalt (wobei diese Wohnsituation nicht von vornherein mit allein Leben gleich zu setzen ist). Zweitens hat sich der Anteil von Menschen erhöht, welche auch im Alter in einer Ehebeziehung leben. Dies ist primär darauf zurückzuführen, dass es sich bei den heutigen älteren Menschen um ehefreundliche Generationen handelt. Drittens hat sich der Anteil älterer Menschen verringert, welche mit oder bei einem ihrer Kinder wohnen. Das vorherrschende Muster der Generationenbeziehungen im höheren Lebensalter ist das Muster von Intimität auf Distanz (gute Beziehungen, gerade weil jede Generation für sich wohnt). Viertens zeigt sich ein deutlicher Rückgang im Anteil komplexer Haushaltsformen. Ein Zusammenleben mit anderen Verwandten oder Bekannten ist seltener geworden. Auch Alterswohngemeinschaften sind bei der heutigen älteren Generation noch wenig verbreitet. Die Haushaltsgrösse der zuhause lebenden älteren Menschen hat sich in den letzten Jahrzehnten deshalb insgesamt deutlich verringert. Lebten im Jahre 1970 noch 28% der zuhause lebenden 65-jährigen und älteren Menschen in einem Haushalt mit drei und mehr Personen, sind dies gegenwärtig noch 5%. Kleine Haushalte sind ein wichtiges Merkmal der Wohlstandssteigerung, weil damit mehr ältere Menschen die Möglichkeit geniessen, ihr Alltagsleben auch im höheren Lebensalter selbständig zu gestalten.

Während sich die Haushaltsgrösse reduzierte, hat sich die Wohngrösse erhöht. Der Anteil älterer Menschen in kleinen Wohnungen - mit nur ein bis zwei Zimmern - hat sich verringert. Gegenwärtig müssen sich nur zwischen 4% bis 5% der älteren Menschen mit beengten Wohnverhältnissen abfinden. Interessanterweise wird gegenwärtig eine zu grosse Wohnung von älteren Befragten häufiger angeführt als eine zu kleine Wohnung. Gut vierzig Prozent der zuhause lebenden Rentner und Rentnerinnen leben in Einfamilienhäusern, und um die Hälfte der jüngeren Rentnergeneration besitzt Wohn- und Hauseigentum. Die Wohneigentumsquote der älteren Generation hat sich namentlich in den 1990er Jahren deutlich erhöht. Aber auch eine Zweitwohnung ist speziell bei jüngeren Rentnern keineswegs eine Ausnahme, und mehr ältere Menschen als früher pendeln zwischen zwei Wohnorten.

Wenig geändert hat sich dagegen die allgemeine Wohndauer älterer Menschen. Die Mehrheit der zuhause lebenden Rentner und Rentnerinnen lebt seit mehr als zwanzig Jahren in der gleichen Wohnung. Die hohe Wohndauer vieler älterer Menschen hat gleichzeitig Vor- wie Nachteile. Von Vorteil sind Vertrautheit und oft günstige Mieten. Von Nachteil sind fehlende Wohnanpassungen bei Behinderungen, und je vertrauter die Wohnung ist, desto schwerwiegender wird ein gesundheitlich bedingter Wohnwechsel.

Der Wohnstandard einer grossen Mehrheit älterer Menschen kann als gut bis sehr gut eingeschätzt werden, und er ist in den letzten Jahrzehnten angestiegen. Der hohe Wohnstandard beim privaten Wohnen führt auch gegenüber Alters- und Pflegeeinrichtungen zu hohen - und möglicherweise allzu hohen - Ansprüchen. Häufiger als eigentliche Wohnprobleme erwähnen ältere Menschen Probleme mit der Wohnumgebung: Lärmbelastungen, aber auch schlechte Luftqualität und eine unsichere Wohngegend werden als negative Umgebungsfaktoren recht häufig angeführt. Mehr als jeder fünfte ältere Mensch fühlt sich durch eine lärmige Wohngegend gestört, und viele ältere Menschen fühlen sich nach Anbruch der Dunkelheit auf der Strasse unsicher. Diese Angst trifft vor allem Menschen im Alter von über 80 Jahren sowie ältere Frauen und im Alltagsleben leicht beeinträchtigte Personen.

Innerhalb ihrer privaten Wohnung verfügt die überwiegende Mehrheit der zuhause lebenden älteren Menschen somit über einen hohen bis sehr hohen Wohnstandard. Für eine beträchtliche Minderheit älterer Menschen ist weniger die Wohnung als die unmittelbare Wohnumgebung ein Problem. Innovative Wohnprojekte müssen deshalb namentlich in städtischen Gebieten auch auf eine Verbesserung der Wohnumgebung zielen, etwa durch Massnahmen zur Verkehrsberuhigung, zur Verbesserung der öffentlichen Sicherheit oder durch eine bessere Vernetzung von Menschen im Rahmen von Nachbarschaftsprojekten usw. Eine gute individuelle Wohnlage bei schlechter Wohnumgebung führt zum Rückzug ins Private, wodurch sich das Risiko der Vereinsamung älterer Menschen erhöht.

Wird direkt nach der Wohnzufriedenheit gefragt, zeigt sich in allen Untersuchungen eine allgemein hohe Wohnzufriedenheit. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Wohnzufriedenheit älterer Menschen weiter erhöht. Bei den zuhause lebenden älteren Menschen ist die Wohnzufriedenheit positiv mit dem Gesundheitszustand verbunden. Wer seine Wohnung selbst besitzt, ist zufriedener als wer eine Wohnung mietet, und erwartungsgemäss sinkt die Wohnzufriedenheit, wenn die Wohnung als zu klein eingeschätzt wird. Bei den befragten Heimbewohnern erweist sich, dass Frauen hier zufriedener sind als Männer. Die grösste Wohnzufriedenheit im Heim zeigt sich bei verwitweten Frauen, wogegen verheiratete Heimbewohner eine geringere Wohnzufriedenheit aufweisen. Auch in Alters- und Pflegeheimen variiert die Wohnzufriedenheit in statistisch bedeutsamer Weise mit der Wohn- bzw. Zimmergrösse.

Die hohe Wohnzufriedenheit älterer Menschen - und speziell zuhause lebender Menschen - ist allerdings kein guter Gradmesser dafür, ob eine Wohnung altersgerecht eingerichtet ist. Die hohe Wohnzufriedenheit älterer Menschen widerspiegelt nicht allein einen hohen Wohnstandard, sondern sie ist auch das Ergebnis einer gegenseitigen Anpassung von Person und Wohnung. Dadurch werden manche Wohnungsmängel nicht oder nur bedingt wahrgenommen. ältere Menschen gewöhnen sich häufig allzu leicht an unbefriedigende oder nicht altersgerechte Wohnbedingungen. Gewöhnung und Anpassung wie auch reduzierte Ansprüche können auch bei objektiv schlechten Wohnbedingungen zu einer hohen Wohnzufriedenheit beitragen. Deshalb sind allgemeine Fragen zur Wohnzufriedenheit für die Wohnplanung im Alter nur sehr bedingt brauchbar. Allgemeine Zufriedenheitsfragen sollten durch spezifischere Fragen zur Wohnsituation (spezifische Wohnwünsche, Probleme mit Wohnung, wahrgenommene Barrieren im Alter usw.) ergänzt werden.

Eine gemütliche, ruhige und kostengünstige Wohnung sind die Wohndimensionen, die bei älteren Menschen am häufigsten eine hohe Priorität geniessen. Stark gewichtet wird von vielen älteren Menschen auch die Nähe von Einkaufsmöglichkeiten, was für eine dezentrale Versorgungsstruktur spricht. Gemütlichkeit ist ein Wohnwert, der relativ unabhängig von sozialen Merkmalen (Alter, Geschlecht, Bildungshintergrund usw.) von der heute älteren Generation einheitlich betont wird. Eine kostengünstige Wohnung wird namentlich von älteren Menschen mit geringerem Einkommen und tiefem Bildungsstatus hoch gewichtet. Eine ruhige Wohnung wird wiederum von allen sozialen Gruppen durchgehend stark betont und zwar unabhängig von der effektiven Lärmbelastung. Gut jede fünfte ältere Person erlebt allerdings zwischen dem Wunsch nach ruhigem Wohnen und tatsächlicher Lärmbelastung eine klare Diskrepanz. Die Nähe zu Einkaufsmöglichkeiten wird von Frauen stärker betont als von Männern. Gleichzeitig gewichten Personen, die tatsächlich nahgelegene Einkaufsmöglichkeiten erfahren, diesen Wohnaspekt stärker. Dies weist darauf hin, dass zumindest ein Teil der älteren Bevölkerung ihren Wohnort nach den Einkaufsgelegenheiten wählt bzw. gewählt hat. Jede achte Person erfährt allerdings diesbezüglich eine wahr-nehmbare Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Soziale Wohnaspekte (geräumige Wohnung mit Platz für Gäste, in der Nähe von Angehörigen leben) stehen für die Mehrheit der befragten älteren Menschen weniger im Zentrum. Eine geräumige Wohnung und Platz für Gäste wird vor allem von Menschen mit akademischer Bildung betont, wogegen der Wunsch nach nahegelegenen Angehörigen zum einen mit dem Lebensalter ansteigt. Zum anderen wird dieser Wohnaspekt von älteren Menschen stärker betont, die eigene Kinder und Enkelkinder haben. Fast ein Fünftel der Befragten lebt allerdings nach eigenen Angaben zu weit von ihren Kindern entfernt.

Die Rollstuhlgängigkeit einer Wohnung ist für die meisten älteren Menschen (noch) kein zentrales Thema, mit zwei Ausnahmen: Im Alltagsleben beeinträchtigte Menschen gewichten diesen Wohnaspekt stärker, und wer die Rollstuhlgängigkeit seiner Wohnung als wichtig einschätzt, lebt häufiger in einer behindertengerechten Wohnung. Allerdings zeigt sich, dass gut 22% der älteren Menschen zwar eine rollstuhlgängige Wohnung als wichtig bis sehr wichtig einstufen, ihre aktuelle Wohnung jedoch bei Behinderungen als ungeeignet wahrnehmen. Auch in diesem Wohnbereich klaffen Wunsch und Wirklichkeit recht häufig auseinander.

Stimulation und Leben in der Wohnumgebung ('um die Wohnung herum soll etwas los sein, Leben sein') sind Wohnwerte, die von der Mehrheit der heutigen älteren Generation kaum betont werden. Dies hat damit zu tun, dass eine stimulierende und lebendige Wohn-umgebung gegenwärtig kein diskutiertes Wohnthema darstellt. 'Alter und Ruhe' sind die vorherrschenden Klischees, wogegen 'Alter und Lebendigkeit dem traditionellen Altersbild widersprechen.

Ein Zusammenleben mit anderen Menschen ist ein Wohnwert, der gegenwärtig ebenfalls eine geringe Priorität aufweist. Ein Zusammenleben mit anderen Menschen wird noch weniger stark gewichtet als ein Zusammenleben mit Haustieren. Von den allein lebenden Befragten erachten fast achtzig Prozent ein Zusammenleben mit anderen Menschen als weniger wichtig. Aus diesem Grund ist zu erwarten, dass Formen gemeinschaftlichen Wohnens (vorerst) nur für eine ausgewählte Minderheit älterer Menschen attraktiv sind.

Ein bedeutsames Ergebnis der Wohnumfrage 2003 der Age Stiftung besteht darin, wie häufig zuhause lebende ältere Frauen und Männer - trotz hoher allgemeiner Wohnzufriedenheit - die Eignung ihrer jetzigen Wohnung bei einer körperlichen Behinderung verneinen: Gut die Hälfte erachtet ihre Wohnung in diesem Fall als ungeeignet. Nur siebzehn Prozent betrachten ihre Wohnung auch bei einer Behinderung als uneingeschränkt geeignet. überraschend ist zudem, wie wenige Befragte dieser heiklen Frage ausgewichen sind (was sich in geringen Anteilen von Antwortverweigerungen ausdrückte). Die Frage einer alters- bzw. behindertengerechten Gestaltung der Wohnung ist für die grosse Mehrheit (noch gesunder) älterer Menschen durchaus kein allgemeines Tabu. Am meisten Schwierigkeiten bieten bei Einschränkungen der Mobilität die Treppen. Auch das Fehlen eines Lifts wird oft als Einschränkung wahrgenommen, vor allem in Mehrfamilienhäusern. Türschwellen sowie nicht rollstuhlgängige Badezimmer oder Küchen werden ebenfalls häufig als potentielle Hindernisse angeführt. Und ein Drittel der Mieter befürchtet, dass ihr Vermieter keine entsprechenden Umbauten bewilligen würde. Die Umfrageergebnisse verdeutlichen, dass ein grosser Bedarf nach Wohnberatung und Vermittlung von Informationen zu möglichen Wohnanpassungen vorliegt.

Da viele der befragten zuhause lebenden älteren Menschen gesund sind und dies oft auch für längere Zeit bleiben werden, ist eine nicht behindertengerechte Wohnung momentan - und bei jüngeren Rentnern auch mittelfristig - kein aktuelles Problem. Weniger als zehn Prozent der zuhause lebenden älteren Menschen im Alter von 60 Jahren und mehr erfahren den Zugang zu ihrer Wohnung schon jetzt als beschwerlich. Die fehlende Eignung der Wohnung bei gesundheitlichen Einschränkungen ist für viele ältere Menschen damit erst ein Zukunftsproblem. Deshalb haben sich viele ältere Menschen bisher kaum Gedanken über einen Wohnwechsel aus Altersgründen gemacht. Dies gilt vor allem für die jüngeren Altersgruppen. Eine Mehrheit, die sich mehr oder weniger gründliche Gedanken zu einem altersbedingten Wohnwechsel gemacht hat, findet sich erst bei den über 80-jährigen zuhause lebenden Frauen und Männern. In dieser Altersgruppe hat sich schon mehr als jede vierte Person konkret in einem Alters- und Pflegeheim angemeldet.

Gründliche Gedanken über einen Wohnwechsel aus Altersgründen werden primär durch gesundheitlich bedingte Einschränkungen des Alltagslebens sowie durch eine fehlende Eignung der aktuellen Wohnung bei einer Behinderung ausgelöst. Es sind konkrete Erfahrungen mit funktionalen Wohnerschwernissen - körperlich bedingt oder durch eine ungeeignete Wohnung ausgelöst -, welche Menschen dazu bringen, sich mit einem Wohnwechsel vertraut zu machen. Das Alter an sich tritt bei genauer Analyse in den Hintergrund. Eine konkrete Anmeldung für ein Alters- und Pflegeheim erfolgt zumeist - unabhängig von anderen Faktoren - erst im höheren Lebensalter (von 80 Jahren und älter). Zusätzlich spielt eine schlechte subjektive Gesundheit eine Rolle, und wer unverheiratet ist, meldet sich häufiger an. Dies entspricht der Feststellung, dass unverheiratete alte Menschen häufiger in Alters- und Pflegeheimen leben als gleichaltrige Verheiratete.

Die Frage nach persönlich denkbaren Wohnmöglichkeiten für die Zukunft führte zu sehr gemischten Reaktionen. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass sich viele ältere Menschen mit ihrer jetzigen, oft jahrzehntelang bewohnten Wohnung stark verbunden fühlen. Zum anderen weist jede Wohnform im Alter sowohl Vor- wie Nachteile auf, was eine eindeutige Entscheidung für oder gegen bestimmte Wohnoptionen nicht vereinfacht. Für zwei Fünftel der zuhause lebenden 60-jährigen und älteren Frauen und Männer erscheint keine der vorgestellten Wohnmöglichkeiten positiv denkbar. Ein Wechsel der Wohnlage wird nur im Notfall (wenn es sein muss) akzeptiert. Die übrigen drei Fünftel können sich mindestens für eine Alternative erwärmen, wobei ein Umzug in eine kleinere Wohnung, in eine Seniorenresidenz oder in eine Alterswohnung am häufigsten angeführt werden.

Der freiwillige Wechsel in eine kleinere Wohnung wird vor allem in Betracht gezogen, wenn die aktuelle Wohnung als zu gross wahrgenommen wird. Dies ist primär bei älteren Wohneigentümern der Fall, die in einem Einfamilienhaus leben. Ein Umzug in eine Alterswohnung wird am ehesten bei mittelmässiger bis schlechter Gesundheit und bei nicht behindertengerecht eingerichteter Wohnung ins Auge gefasst, wogegen eine Senioren-residenz vor allem bei Befragten mit höherem Einkommen und höherer Bildung Aner-kennung findet. Im Gegensatz zu Alters- und Pflegeheimen wird das Bild der Seniorenresidenz nicht mit Krankheit und Behinderung in Zusammenhang gebracht, und entsprechend können auch gesunde Senioren diese Wohnform attraktiv finden.

Das Bild von Alters- und Pflegeheimen als Einrichtungen für sonst nicht lösbare Altersprobleme wird auch in der Befragung deutlich: Nur wenige erachten es als positive Wohnmöglichkeit, sondern mehrheitlich ist es eine Wohnform, die im Notfall akzeptiert werden muss. Daher schliesst nur eine Minderheit älterer Menschen einen Umzug in eine Alters- und Pflegeeinrichtung von vornherein aus. Viele ältere Menschen zeigen ein pragmatisches Verhältnis zu den denkbaren Folgen eines hohen Lebensalters, und diese pragmatische Haltung ist schlussendlich ein wichtiges Element, um auch Verluste des Alters zu bewältigen. Die Zustimmung zum Wechsel in eine Alterseinrichtung steigt einerseits mit dem Alter und andererseits mit der Befürchtung, dass sich die Gesundheit zukünftig verschlechtern wird. Soziale Faktoren sind insofern von Bedeutung, als das Fehlen von Freunden und die Wahrnehmung eines Vereinsamungsrisikos in der jetzigen Wohnsituation die Bereitschaft erhöht, in eine Alterseinrichtung zu wechseln.

Die Wohnmöglichkeiten selbst für hilfs- und pflegebedürftige ältere Menschen beschränken sich heute kaum mehr auf die Alternative 'Daheim oder Heim'. Sie umfassen immer mehr unterschiedliche Formen eines betreuten Wohnens. Das Konzept des betreuten Wohnens im Alter geht von zwei zentralen Grundideen aus: Zum einen soll nur so viel Hilfe geleistet werden, wie jeweils benötigt wird. Es sind die älteren Menschen selbst, die über das Ausmass an Hilfe bestimmen und nicht eine Institution. Zum anderen soll ein möglichst privates und autonomes Leben auch dann garantiert bleiben, wenn ältere Menschen auf Hilfe und Pflege angewiesen sind. Die Gestaltung betreuter Wohnformen variiert stark, und betreute Alterswohnformen umfassen sowohl grosszügig eingerichtete Seniorenresidenzen mit Betreuung und Pflege à la carte als auch einfach gestaltete Alterswohnungen mit Anbindung an Spitex-Dienste. Die Erfahrungen belegen, dass betreute Wohnformen optimal sein können für ältere Menschen mit gesundheitlichen Problemen und Beschwerden, die jedoch noch nicht pflegebedürftig sind. Die Grenzen betreuten Wohnens zeigen sich vielfach bei schwerer Pflegebedürftigkeit und speziell bei demenziellen Erkrankungen (sofern nicht eine intensive Betreuung durch pflegende Angehörige sicher gestellt ist).

Aber auch für pflegebedürftige und demenzerkrankte ältere Menschen wurden in den letzten Jahrzehnten erfolgreiche innovative Betreuungsformen aufgebaut. Dazu gehören in der Schweiz namentlich dezentrale Pflegestationen und Pflegewohngruppen. Durch ein Zusammenleben in einem überschaubaren, aber intensiv betreuten gemeinsamen Haushalt können pflegebedürftige und/oder demenzerkrankte ältere Menschen ihre verbliebenen - etwa emotionalen - Fähigkeiten besser entfalten. Die pflegerischen Tätigkeiten sind in einen normalen Alltagsrhythmus eingebettet. Pflegewohngruppen, die zwischen acht bis zwölf hilfs- und pflegebedürftige ältere Menschen unter professioneller Betreuung umfassen, sind vor allem für kleinere und mittelgrosse Gemeinden eine sinnvolle Alternative zum zeitraubenden Bau eines neuen Pflegeheims. Aber auch in Städten können dezentrale Pflegestationen das bestehende stationäre Angebot sinnvoll ergänzen. Dies gilt insbesondere für demenzkranke Menschen, deren Lebensqualität durch kleine und übersichtlich gestaltete Wohnformen verbessert wird. Eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren von Pflegewohngruppen ist einerseits eine gute Vernetzung mit anderen ambulanten oder stationären Angeboten. Andererseits ist auch eine optimale Auswahl sowohl der Bewohnerinnen als auch des Pflegepersonals entscheidend, da nicht alle älteren Menschen und nicht alle jüngeren Pflegefachpersonen die hier zwangsweise auftretende emotionale Nähe und Verbundenheit ertragen. Pflegewohngruppen sollten nie ohne professionelle Supervision bleiben.

Die verschiedenen Formen ambulanter, teilstationärer und stationärer Altersbetreuung sind nicht als Gegensätze zu verstehen, sondern sie bilden Angebote, die unterschiedliche Gruppen älterer Menschen ansprechen (und die sich idealerweise wechselseitig ergänzen). Alterswohnungen wie auch Pflegewohngruppen beispielsweise profitieren häufig von einer Anbindung an eine stationäre Alterseinrichtung, wie umgekehrt ein Alters- und Pflegeheim eine bedeutsame Oeffnung erfährt, wenn es behindertengerecht eingerichtete Alters-wohnungen umfasst. In den letzten Jahren erhielt die Idee einer Alterswohngemeinschaft oder einer Altershausgemeinschaft eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit. Auch bei gerontologischen Fachleuten - vielfach Frauen und Männer, welche in früheren Lebensjahren selbst Wohngemeinschaftserfahrungen gemacht haben - stösst der Gedanke einer Alterswohngemeinschaft auf viel Sympathie. Das Interesse von Medien und Gerontologie an dieser gemeinschaftlichen Wohnform hat zu einer spannenden Diskrepanz zwischen der allgemeinen Bewertung dieser Lebensform und den konkreten Lebensvorstellungen heutiger Rentnergenerationen geführt: Einerseits erfuhr der Gedanke einer Alterswohngemeinschaft in den letzten Jahren eine erhöhte gesellschaftliche Akzeptanz und dies auch bei der älteren Generation. Andererseits zeigen sich - wenn konkret nach Lebensentwürfen gefragt wird - bei sehr vielen älteren Menschen klare Bedenken gegenüber dieser Wohnform. Nur gut jede zehnte ältere befragte Person bejaht die Frage, ob eine Alterswohngemeinschaft für sie konkret vorstellbar wäre. Das Stimmungsbild der heutigen älteren Generation lässt sich wie folgt zusammenfassen: Gute Idee, für Andere.

Faktisch sind Alterswohngemeinschaften und auch Altershausgemeinschaften - auch wenn gute und funktionierende Beispiele existieren - weiterhin relativ selten. In der Schweiz liegt der Anteil dieser Haushaltsform an allen Rentnerhaushalten noch bei 1%-2%. Dabei ist allerdings ein zentraler Aspekt bedeutsam: Auch wenn statistisch betrachtet Alterswohngemeinschaften noch wenig verbreitet sind, besteht die gesellschaftliche Bedeutung dieser Wohnform darin, dass mit der Idee der Alterswohngemeinschaft ein spannendes Experimentierfeld entstanden ist, und die Idee der Alterswohngemeinschaft strahlt auf andere Wohnformen im Alter aus: Zum einen wird damit das Prinzip selbstbestimmten Lebens im Alter betont. Zum anderen wird ein Gegenmodell zur Vereinzelung älterer Menschen vorgelebt, und auch im Alterspflegebereich werden gemeinschaftliche Wohnformen durchaus praktiziert (wie das Beispiel von Pflegewohngruppen illustriert).

Alterswohn- und Altershausgemeinschaften können unterschiedlich gestaltet sein, und das Konzept gemeinschaftlichen Wohnens kann generationenübergreifende Wohn- und Haus-gemeinschaften einschliessen. Gemeinschaftliche Wohnformen haben unbestreitbar klare Vorteile (gegenseitige Hilfe und Unterstützung, vermehrte Anregungen und Kontakte, aber auch Einsparungen durch gemeinsames Haushalten). Umgekehrt stellt gemeinschaftliches Wohnen hohe Ansprüche, nicht allein, was geeignete Wohnräume betrifft, sondern auch bezüglich sozialer Kompetenzen der Bewohnerinnen. Voraussetzung ist eine gemein-schaftliche Haltung, die weit über jene einer unverbindlichen Nachbarschaft hinausgeht. Ein häufiges Grundproblem bei vielen Projekten liegt darin, dass sich ältere Menschen primär für das Wohnen, jedoch weniger für die Gemeinschaft interessieren. Das Zusammenziehen in eine Wohngemeinschaft genügt als Basis häufig nicht, sondern das Zusammenleben und die Pflege gemeinsamer Interessen sollten schon vorgängig thematisiert werden.

 Verfügbar gemacht: 14.März 2005

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