François Höpflinger
Beobachtungen zum Wandel und zur Kontinuität von Lebensformen in den letzten Jahrzehnten

1) Der Trend zu Klein- und Kleinsthaushaltungen hat sich weiter verstärkt. Haushaltungen mit mehr als vier Personen sind selten geworden. Kollektive Wohnformen haben - trotz zeitweiser Medienaufmerksamkeit - wenig Verbreitung gefunden.

2) Der Anteil von Personen in Ein-Personen-Haushaltungen ist angestiegen, dies namentlich bei jüngeren Erwachsenen und älteren Menschen. Hingegen ist der Anteil permanent alleinlebender Frauen und Männer eher gesunken (von heutigen Frauengenerationen leben nur rund 5% ohne je eine Partnerschaft erlebt zu haben). Die zunehmende Zahl von Ein-Personen-Haushaltungen darf nicht mit "Singularisierung" gleichgesetzt werden.

3) Auf der Ebene allgemeiner Werte geniesst das Familienleben auch bei jüngeren Generationen einen hohen Stellenwert. Selbst die allgemeine Einschätzung der Ehe ist in den letzten zwanzig Jahren nicht gesunken. Von allen abgefragten Lebensformen geniesst die Ehe auch bei jungen Generationen allgemein die höchste Wertschätzung, gefolgt vom nichtehelichen Zusammenleben.

4) An Bedeutung gewonnen hat eindeutig das nichteheliche Zusammenleben, namentlich bei jungen Erwachsenen. Und mehr als zwei Drittel der heute Heiratenden haben schon vorher zusammengelebt. Die Mehrzahl der nichtehelichen Lebensgemeinschaften in der Schweiz ist (noch) kinderlos. Verhalten und Partnerschaftsformen ehelicher und nichtehelicher Paare unterscheiden sich im übrigen wenig, wenn Alter, Dauer des Zusammenlebens und Kinderzahl berücksichtigt ist.

5) Die Eheschliessung und Geburt von Kindern erfolgt heute später. Das mittlere Alter einer Frau bei der (ehelichen) Erstgeburt hat sich in der Schweiz zwischen 1975 und 2000 von 25.7 auf 28.5 Jahre erhöht. Damit gehört die Schweiz zur Gruppe der Länder mit relativ später Familiengründung. Das Alter bei der Familiengründung ist eng mit dem Bildungsstatus assoziiert, und je länger und besser die schulisch-berufliche Ausbildung ist, desto später wird eine Familie gegründet.

6) Partnerschaftliche Entscheidungsformen in der Ehe haben sich weiter durchgesetzt. Demgegenüber blieb die faktische Arbeitsteilung vielfach noch traditionell. Auch heute wird die überwiegende Mehrheit der Haus- und Familienarbeit durch Frauen übernommen. Dies gilt vielfach selbst dort, wo die Frau erwerbstätig ist.

7) Junge Väter engagieren sich etwas stärker und intensiver an der Kindererziehung. Eine Rollenumkehr (Frau erwerbstätig, Mann übernimmt vollberuflich den Haushalt) ist sehr selten. Häufiger sind hingegen Formen von Teilzeitarbeit, zunehmend auch bei jungen Männern.

8) Junge Familien konzentrieren sich überdurchschnittlich in mittelgrossen bis kleinen Gemeinden, wogegen manche grossstädtische Gebiete primär durch nicht-familiale Haushaltungen charakterisiert sind.

9) Zahl und Anteil von Familien ausländischer Nationalität oder ausländischer Herkunft sind deutlich angestiegen. Ausländische Familien übernehmen allerdings häufig sehr bald schweizerische familiale Normen und Werte. Das Armutsrisiko und Ausbildungsdefizite sind allerdings bei ausländischen Familien überdurchschnittlich.

10) Kinderlosigkeit ist in der Schweiz ansteigend. Im europäischen Vergleich gehört die Schweiz zusammen mit Deutschland zu den Ländern mit deutlich steigender Kinderlosigkeit. Besonders häufig kinderlos bleiben Frauen mit tertiärer Ausbildung. Interessanterweise haben Frauen mit tertiärer Ausbildung nicht von vornherein einen geringen Kinderwunsch, sondern der Wunsch nach Kindern reduziert sich erst im Laufe der Zeit. Hauptursache steigender Kinderlosigkeit in Deutschland und der Schweiz sind familial-berufliche Unvereinbarkeiten.

11) Die Kinderkosten sind hoch (und werden von jungen Eltern zunehmend auch als hoch bewertet). Die Gründe für Kinder sind primär emotionaler Art. Die Erziehungskompetenzen junger Frauen und Männer sind eher höher als früher, und auch die Eltern-Kind-Beziehungen sind eher besser als schlechter geworden. Enge Kontakte zwischen Eltern und Kindern bleiben auch nach Wegzug aus dem Elternhaus bestehen.

12) Die Scheidungshäufigkeit ist weiter angestiegen, wobei etwas mehr als die Hälfte aller Scheidungen Paare mit minderjährigen Kinder betrifft. Der Anteil der von einer Scheidung betroffener Kinder ist entsprechend angestiegen (und Kinder der Geburtsjahrgänge 1970-74 erlebten vor dem 20. Altersjahr zu 16% eine Scheidung ihrer Eltern). Kinder aus Scheidungsehen haben später selbst ein höheres Scheidungsrisiko.

13) Die häufigste Form der Eheauflösung ist jedoch weiterhin die Verwitwung, welche allerdings heute vermehrt im höheren Lebensalter auftritt. Aufgrund geschlechtsspezifischer Unterschiede von Heiratsalter und Lebenserwartung haben Ehefrauen ein doppelt so hohes Verwitwungsrisiko als Ehemänner.

14) Der Anteil der Alleinerziehenden hat sich seit Mitte der 1970er Jahre weiter erhöht. Deutlich erhöht haben sich auch Zahl und Anteil von Fortsetzungsfamilien. Gegenwärtig leben gut 18% aller Kindern in einer Ein-Eltern-Familie und weitere 8%-10% leben in Fortsetzungsfamilien. Alleinerziehende Frauen haben weiterhin ein hohes Armutsrisiko. Bei Fortsetzungsfamilien ist namentlich die anomische Rollensituation häufig. Zahl und Anteil von Ein-Eltern-Familien und Fortsetzungsfamilien werden in öffentlichen Diskussionen im übrigen systematisch überschätzt.

15) Die steigende Lebenserwartung führt dazu, dass die gemeinsame Lebenszeit von Familiengenerationen deutlich angestiegen ist. Eltern-Kind-Beziehungen bleiben lange erhalten, aber auch aktive Enkelkinder-Grosseltern-Beziehungen sind heute häufiger möglich als früher. Gegenwärtig gewinnt die Grosseltern-Rolle - lange vernachlässigt - eine vermehrte Aufwertung.

16) Abgesehen von einer kurzen Lebensphase (Familiengründung und Familie mit minderjährigen Kindern) vermitteln Haushaltsdaten ein verfälschtes Bild familialer Beziehungen. Vor allem in späteren Lebensphasen dominiert eher der Typus der "multilokalen Mehrgenerationenfamilie" (enge Beziehungen, aber getrenntes Haushalten).

17) Studien zu familial-verwandtschaftlicher Hilfe und Unterstützung weisen auf eine erstaunliche Kontinuität familial-verwandtschaftliche Netzwerke hin. Familial-verwandtschaftliche Beziehungen haben sich zwar aus demografischen Gründen (Geburtenrückgang kombiniert mit Langlebigkeit) verändert, aber die intergenerationelle familiale Solidarität zeigt keine Zerfallserscheinungen. Auch Befürchtungen, dass sozialstaatliche Angebote familiale Hilfe und Unterstützung "untergraben" würden, finden keine empirische Belege (eher ist das Gegenteil der Fall). Im übrigen verlaufen intergenerationelle Transfers gleichermassen von Jung zu Alt als auch von Alt zu Jung.


Allgemeine Thesen zum aktuellen Wandel der Lebens- und Familienformen

1. Der Wandel von Lebensformen und Lebensführung erfolgt im Kontext des Wandels der Gesellschaft und ist nur in diesem Zusammenhang verstehbar. Wahrscheinlich ist eine weitere Ausdifferenzierung von unterschiedlichen Lebensformen bei gleichzeitig weiter abnehmenden normativen Verbindlichkeiten (Wandel von der Normalbiographie zu den Normalbiographien).

2. Die Entwicklung von Lebensformen und Lebensführung im Zuge des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses ist durch gegenläufige Begleiterscheinungen gekennzeichnet. Es zeigen sich gleichzeitig innovative und konservative Werthaltungen sowie gleichzeitig neue Handlungsoptionen als auch neue gesellschaftliche Zwänge. Diese (mehr oder weniger friedliche) ÔKoexistenzÕ verschiedener Lebens- und Familienmodelle wird auch inskünftig bestimmend sein.

3. Lebensformen werden häufiger nicht auf Dauer, sondern angepasst an die jeweilige Lebenssituation begründet und aufrechterhalten. Dies führt zu einer zunehmenden Verschmelzung von Lebensform und Lebensphase. Viele Lebensformen erhalten den Charakter von Durchgangsstadien. Dies gilt angesichts der hohen Lebenserwartung schlussendlich auch für die Phase aktiver Elternschaft. Ein Wandel der Lebensform schliesst im übrigen nicht einen Wechsel der Partnerin/des Partners voraus.

4. Ehe und Familie in ihrer klassischen Form werden weiter an Bedeutung einbüssen. Dies führt zu einer Ausbreitung von Lebensformen jenseits der traditionellen Familie (Ehepaar mit klarer Arbeitsteilung), jedoch nicht zu einer fortschreitenden Auflösung von Normen über den Wert intimer Lebensgemeinschaften. Ungebrochen ist zudem die Ausrichtung auf dyadische Partnerschaften.

5. Eine weitergehende Singularisierung der Gesellschaft wird es nicht geben. Die Ausrichtung auf partnerschaftliche Lebensformen ist in den Lebensplänen der meisten Frauen und Männer weiterhin fest verankert. Geändert haben sich allerdings teilweise die Vorstellungen, über eine 'gute' Partnerschaft.

6. Angesichts zunehmender wirtschaftlicher Unsicherheiten und raschem gesellschaftlichen Wandel in allen Lebensbereichen (Beruf, Freizeit usw.) ist damit zu rechnen, dass Frauen und Männer ein privates bzw. familiales Leben in flexiblen und gestaltungsoffenen Strukturen anstreben; Strukturen, welche gleichzeitig auch eine gewisse Sicherheit und Orientierung bieten.

7. Die Vielfalt auf der Ebene der zivilrechtlichen oder haushaltsbezogenen Merkmale von Lebensformen wird sich nicht wesentlich erhöhen, hingegen dürften die Variationen in der individuellen Gestaltung der jeweiligen Lebensformen zunehmen. Zum Beispiel finden sich heute innerhalb der Lebensform 'Ehepaar' vielfältige Formen ehelichen Zusammenlebens (von Hausfrauen-Ehe bis hin zu 'dual career-couples, living-apart-together). Dies bedeutet auch, dass formale Indikatoren (Zivilstand, Haushaltszusammensetzung) immer weniger aussagekräftig sind.

8. Vielfalt und Fluktuationen sind primär Merkmale der ersten Phase der Partnerschaftsbiographie und der Familienkarriere. Die Familiengründung findet heute später statt, und dadurch hat sich eine Lebensphase ausdifferenziert, die zwischen Auszug aus dem Elternhaus und der Familiengründung plaziert ist. Im mittleren Lebensalter zeigt sich weiterhin eine starke Konzentration auf Paarhaushalte mit Kind/ern. Im späteren Lebensalter reduziert sich die Haushaltsgrösse erneut, ohne dass es jedoch zur Auflösung familialer Beziehungen kommt. Auch inskünftig dürfte in späteren Lebensphasen der Typus der multilokalen Mehrgenerationen-Familie dominieren.

Anregungen zu einigen der oben angeführten Thesen stammen aus: Norbert F. Schneider; Doris Rosenkranz, Ruth Limmer (1998) Nichtkonventionelle Lebensformen. Entstehung, Entwicklung, Konsequenzen, Opladen: Leske & Budrich: 203-207.

letzte Aenderung: Feb. 2005.

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