François Höpflinger
Familiengründung
im Wandel - im europäischen Vergleich
Einleitung
Wirtschaftliche Entwicklung und sozialer Strukturwandel (wie weiter verstärkte Urbanisierung, Ausweitung der Bildungschancen jüngerer Frauen und Männer u.a.m.) haben, in Zusammenspiel mit Wertwandel, europaweit zu ähnlichen familialen Veränderungen geführt. Diese Veränderungen setzten zwar nicht in allen europäischen Ländern gleichzeitig ein, sie haben sich jedoch im Verlauf der letzten Jahrzehnte in immer mehr europäischen Ländern durchgesetzt. Der Trend zu mehr Ein-Personen-Haushalten und zur Klein- bzw. Kleinstfamilie mit wenig Kindern ist allgemein (und er ist auch in hochentwickelten aussereuropäischen Ländern, wie Japan oder Südkorea, feststellbar). In nahezu allen europäischen Ländern ist - ebenso wie in den USA - auch die Zahl von Ehescheidungen, Ein-Eltern-Familien und Fortsetzungsfamilien deutlich angestiegen. Gleichzeitig erfuhren viele europäische Länder analoge Verschiebungen der Familiengründung, und auch die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen bzw. Müttern ist ein europaweites Phänomen.
Aufgrund unterschiedlicher Geschwindigkeiten und regionaler Besonderheiten im Ausmass familialen Wandels ist allerdings trotz ähnlicher Trends bis heute keine klare Konvergenz familialer Indikatoren feststellbar. Die sozio-kulturellen Unterschiede zwischen nord- und südeuropäischen Familienverhältnissen haben sich trotz rasanten Wandel der Familiengründung in Südeuropa nur in wenigen Bereichen eindeutig abgeschwächt. Eine genauere Analyse lässt erkennen, dass die allgemeinen familialen Entwicklungen von bedeutsamen sozio-kulturellen Faktoren überlagert werden, wobei für einzelne Familienindikatoren vorindustrielle regionale Muster sichtbar bleiben. Dies gilt insbesondere für den Zeitpunkt und die Form der Familiengründung (Erstheiratsalter, Anteil an ausserehelichen Geburten). Auch die verwandtschaftlichen Solidaritäten über die Kernfamilie hinaus sind von sozio-kulturellen Traditionen geprägt (was sich z.B. in regionalen Unterschieden in der Häufigkeit von Drei-Generationen-Haushalten zeigt). Noch stärker als andere Lebensbereiche sind die familialen Verhältnisse durch eine 'partielle Modernisierung' gekennzeichnet. In einigen Gruppen der Bevölkerung führt gerade der rasche sozio-ökonomische Wandel zu erneuter Betonung traditioneller Familienwerte (z.B. Betonung der Familie als private Gegenwelt, Neuaufwertung von Ehe und Mutterschaft).
Wandel der Haushaltsstrukturen: allgemeine Trends
In allen Ländern Europas hat sich die durchschnittliche Haushaltsgrösse in den letzten Jahrzehnten weiter verringert. Dementsprechend sind Haushalte mit fünf oder mehr Personen vergleichsweise selten geworden. In den meisten Ländern umfassen heute weniger als 10% aller Haushalte mehr als vier Personen. Dazu beigetragen haben gleichermassen demografische Entwicklungen (Geburtenrückgang) und familiale Wandlungen (weitere Verringerung der Zahl von Mehr-Generationen-Haushalte sowie Zunahme von Ein-Eltern-Familien). Ausser in Irland und agrarisch geprägten Regionen Südeuropas hat sich das Modell der Kleinfamilie (mit höchstens drei Kindern) und getrennt lebenden Generationen europaweit durchgesetzt.
Gleichzeitig ist der Anteil der Ein-Personen-Haushalte deutlich angestiegen, vor allem in den urbanen Regionen Nord- und Westeuropas. Zunehmend mehr Personen wohnen zumindest zeitweise allein. Allerdings zeigt sich diesbezüglich gleichfalls ein gewisser Nord-Süd-Unterschied, und in Ländern wie Italien, Griechenland, Spanien und Portugal ist der Anteil der Ein-Personen-Haushalte deutlich geringer als in skandinavischen Ländern, Deutschland oder Frankreich.
Eine zunehmende Verbreitung von Ein-Personen-Haushaltungen ergab sich einerseits bei jüngeren Erwachsenen, die nach dem Auszug aus dem Elternhaus oft zeitweise allein leben. In grossstädtischen Gebieten hat auch der Anteil längerfristig alleinlebender jüngerer Erwachsener zugenommen; Erwachsene, die sich teilweise bewusst als 'Singles' verstehen. Andererseits stieg der Anteil von betagten Personen an, die in Ein-Personen-Haushalten leben (vor allem nach einer Verwitwung). Aufgrund der höheren Lebenserwartung und des höheren Verwitwungsrisikos von Frauen handelt es sich bei der Mehrheit der betagten Alleinlebenden um Frauen.
Im Vergleich zu den Ein-Personen-Haushalten und Klein- bis Kleinstfamilien haben sich kollektive Wohnformen kaum in nennenswerter Weise durchgesetzt. Die Idee der Wohngemeinschaft - als Gegenmodell zur Kleinfamilie - stiess in einigen Ländern (namentlich in Deutschland, Skandinavien, Niederlanden) zwar zeitweise auf viel Aufmerksamkeit, der Trend verlief jedoch eindeutig in Richtung einer Verstärkung der privaten Klein- und Kleinsthaushalte.
Die Haushaltsentwicklung scheint die These einer Singularisierung der europäischen Gesellschaften zu stützen. Die Haushaltsstrukturen sagen allerdings wenig über die tatsächlichen sozialen und familialen Beziehungen aus. Eine haushaltsorientierte Analyse ist durch netzwerktheoretische Perspektiven zu ergänzen. Zur Bestimmung familialer Lebensformen ist das Konzept einer haushaltsorientierten Erfassung von Ehe und Familie lediglich in einer sehr begrenzten Phase des Familienzyklus aussagekräftig, da nur in dieser Phase Haushalt und Familienleben zusammenfallen, während bei heranwachsenden Kindern, aber auch in bezug auf die ältere Generation, eine Haushaltskonzeption familiale Zusammenhänge nicht mehr erfassen kann. Daher kann der steigende Anteil von Ein-Personen-Haushalten höchstens als (grober) Hinweis auf eine verstärkte Individualisierung, nicht jedoch als Hinweis auf zunehmende Singularisierung der Gesellschaft gedeutet werden. Sowohl alleinwohnende junge Erwachsene als auch alleinwohnende Betagte sind häufig gut in soziale Netzwerke (Freundschaften, Kontakte zu Angehörigen usw.) integriert.
Lebensformen junger Erwachsener vor der Familiengründung
Die verstärkte Individualisierung der Lebensformen wird bei jungen Erwachsenen besonders deutlich. In dieser Altersgruppe haben sich die sogenannten 'innovativen Lebensformen' am stärksten durchgesetzt. Gleichzeitig kam es in faktisch allen westeuropäischen Ländern zu einer deutlichen Verzögerung sowohl der Eheschliessung als auch der Geburt eines ersten Kindes. Allerdings kann auch bei jüngeren Erwachsenen höchstens von einem partiellen Durchbruch neuer Lebensformen gesprochen werden. Zum ersten haben die Entwicklungen - wie erwähnt - eher eine Individualisierung gestärkt, wogegen kollektive Wohnformen (z.B. Wohngemeinschaft, Wohngruppen) zumindest statistisch gesehen marginal geblieben sind. Zum zweiten sind viele der neuen Lebensformen häufig eher kurzfristiger und vorübergehender Art (z.B. als Zwischenlösung vor einer Ehe oder nach Auflösung einer Partnerschaft). Dies gilt gleichermassen für das Alleinleben als auch für das nichteheliche Zusammenleben. Zum dritten haben sich die neuen Lebensformen nicht in allen Ländern gleichermassen durchgesetzt, wie auch die Abwertung der Ehe oder die Zunahme der Kinderlosigkeit (noch) kein europaweites Phänomen darstellt. Die Form und der Zeitpunkt einer Familiengründung werden von sozio-kulturellen Traditionen mitgeprägt. Europaweit ist jedoch ein Trend zur Verzögerung der Familiengründung; ein Trend, der unter anderem mit dem Ausbau der Bildungschancen namentlich junger Frauen assoziiert ist.
Eine Eheschliessung direkt nach dem Wegzug aus dem Elternhaus ist in vielen europäischen Ländern selten geworden. Am ehesten trifft dies noch junge Frauen in ruralen Gebieten Südeuropas, wo die Eltern weiterhin einen wesentlichen Einfluss auf das Heiratsverhalten ihrer Töchter ausüben. 'Teenage'-Heiraten und 'Teenage'-Mütter sind hingegen primär in den englischsprachigen Ländern vergleichsweise häufig, und in dieser Hinsicht zeigt Grossbritannien eine stärkere Affinität zu den USA oder Australien als zu Kontinentaleuropa. Im Gegensatz zu den USA ist die Zahl sehr junger (unverheirateter) Mütter in Europa denn auch seit den 70er Jahren im Rückgang begriffen. Bis zu Beginn der 80er Jahre ging der Trend in den meisten europäischen Ländern in Richtung eines immer früheren Wegzugs aus dem Elternhaus, wobei sich die traditionellen geschlechtsspezifischen Unterschiede (männliche Jugendliche bleiben länger zuhause als Frauen) jedoch kaum verringerten. Seit Mitte der 80er Jahre hat sich der Trend in verschiedenen Ländern gewendet, und junge Erwachsene bleiben wieder länger bei ihren Eltern wohnhaft. Neben verlängerter Ausbildung haben auch eine steigende Wohnkosten und massive Jugendarbeitslosigkeit diesen Trend verstärkt, namentlich in Frankreich und Spanien.
Junge Erwachsene erleben vor der eigentlichen Familiengründung oft eine mehr oder weniger ausgedehnte Lebensphase, in der oft rasch zwischen verschiedenen Haushalts- und Lebensformen gewechselt wird. Dieses Muster einer verlängerten 'Jugend' (selbständiges Leben ohne familiale Verantwortung) findet sich primär in den höheren sozialen Schichten urbaner Gebiete. Am stärksten durchgesetzt hat sich das Muster 'verlängerter Jugend' bzw. einer 'Post-Adoleszenz' bisher in den nord- und mitteleuropäischen Ländern, wogegen es in Irland und manchen südeuropäischen Regionen noch seltener auftritt. In diesem Rahmen haben vor allem zwei Lebensformen an Bedeutung gewonnen:
Erstens ist - wie schon erwähnt - ein temporäres Alleinleben junger Erwachsener in manchen europäischen Ländern häufiger geworden. Nach dem Wegzug aus dem Elternhaus, aber auch nach dem Auseinanderbrechen einer nichtehelichen Partnerschaft wird oft zeitweise allein gewohnt (was enge Freundschaften und Partnerschaften nicht ausschliesst). Diese Lebensform erlaubt eine flexible Kombination von Selbständigkeit und Sozialkontakten (inklusive Partnersuche). In diesem Zusammenhang sind vermehrt auch Zwischenformen, wie 'living apart together', zu beobachten. In grossstädtischen Verhältnissen ist das Alleinleben junger Erwachsener teilweise mit dem subkulturellen Signet einer Singlebewegung versehen. Allerdings lässt sich soweit ersichtlich in keinem europäischen Land ein eindeutiger Trend zu permanentem Alleinleben festhalten.
Zweitens kam es zu einer verstärkten Verbreitung nichtehelicher Lebensgemeinschaften bzw. Lebenszeitgemeinschaften. Seit Beginn der 70er Jahre zuerst in den skandinavischen Ländern (namentlich Schweden und Dänemark) von Bedeutung, wurden Formen des nichtehelichen Zusammenlebens seit den 80er Jahren auch in anderen Ländern populär, namentlich in Grossbritannien, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Noch weniger Verbreitung findet diese Lebensform bisher in Irland und südeuropäischen Ländern (mit Ausnahme von Norditalien und Südportugal).
Das nichteheliche Zusammenleben junger Paare umfasst verschiedene Formen, von einer langfristigen Beziehung, die als Alternative zur Ehe definiert wird, bis zum kurzfristigen Zusammenleben vor einer formellen Eheschliessung. Mit Ausnahme skandinavischer Länder ist das voreheliche Zusammenleben dominant, wogegen langjährige Konsensualehen mit Kindern deutlich seltener sind. Faktisch ist das nichteheliche Zusammenleben junger Paare vielfach eheähnlich organisiert, z.B. was gegenseitige Treue und die Alltagsorganisation der Paarbeziehung betrifft. Allerdings sind nichteheliche Lebensgemeinschaften im Durchschnitt instabiler als Ehen, womit das Aufkommen dieser Lebensform zur Instabilität moderner Haushaltsstrukturen beiträgt. Da ausserhalb Skandinaviens die Geburtenrate von Konsensualehen zudem deutlich geringer ist als bei Ehepaaren gleichen Alters, trägt das Aufkommen nichtehelicher Formen des Zusammenlebens zur Verzögerung der Geburt von Kindern bei.
In den Gruppen, die eine relativ ausgedehnte 'vorfamiliale Phase' erfahren, verstärkt dies oft eine individualistische Gestaltung der nachfolgenden familialen Phasen. Damit wird der institutionelle Charakter von Ehe und Familie weiter aufgebrochen. Allerdings widerspiegelt auch die 'post-adoleszente Phase' - soweit sie sich durchgesetzt hat - eine nur partielle Modernisierung. Vorherrschend ist auch bei jungen Erwachsenen eine Koexistenz traditioneller und innovativer Lebensformen, und die Wirtschaftskrise zu Beginn der 90er Jahre hat zumindest in einigen Ländern teilweise wieder zu einer Traditionalisierung der Lebensweisen junger Erwachsener geführt).
Eheschliessung und Familiengründung
In vielen europäischen Ländern hat sich die Heiratsneigung verringert, was zu reduzierten Erstheiratsraten führt. In einigen Ländern (wie Schweden und Dänemark) lässt sich der Rückgang der Erstheiratshäufigkeit im wesentlichen durch die zunehmende Verbreitung nichtehelicher Lebensgemeinschaften erklären. In anderen Ländern - wie etwa Italien und Spanien - erfolgte eine deutliche Verschiebung des Heiratsalters, ohne dass nichteheliche Lebensgemeinschaften gleichermassen an Bedeutung gewannen. Späterer Wegzug aus dem Elternhaus und zeitweises Alleinleben scheinen in diesen Ländern bedeutsamer zu sein. In Nord-, West- und Südeuropa ist das Muster allerdings insofern analog, als ähnliche soziale Entwicklungen - wie verlängerte Ausbildung, Urbanität, Säkularisierung, geringe Grösse der Herkunftsfamilie und berufliche Erfahrungen von jungen Frauen - zur verzögerten Familiengründung (spätes Erstheiratsalter bzw. Alter bei Erstgeburt) beitragen. Tatsächlich hat sich das Erstheiratsalter von Frauen und Männern in allen europäischen Ländern erhöht, und vielfach verzögert sich dementsprechend auch die Geburt eines ersten Kindes. Verzögerte Familiengründung verstärkt nicht nur den Trend zu wenig Kindern, sondern vergrössert auch den Generationenabstand, wodurch sich die verwandtschaftlichen Strukturen langfristig verschieben.
Trotz dieser Entwicklungen wird die Ehe von einer Mehrheit junger Erwachsener - vor allem ausserhalb Skandinaviens - nach wie vor als zeitgemässe Lebensform erachtet. Der Anteil von Personen, die eine Ehe prinzipiell ablehnen, ist trotz der Verschiebungen der Familiengründung vergleichsweise gering. Es ist primär die christlich-bürgerliche Eheauffassung (Ehe als einzige mögliche Lebensform, Ablehnung vorehelicher Beziehungen und der Ehescheidung) die deutlich Boden verloren hat. Die Erstheiratsraten sind allerdings deutlich gesunken, und dies auch in süd- und osteuropäischen Ländern.
Insofern die 'Unehelichenquote' einen Hinweis auf die institutionelle Bedeutung der Eheschliessung darstellt, lässt sich in den meisten europäischen Ländern eine Ent-Institutionalisierung der Ehe beobachten. Die interregionalen Unterschiede sind allerdings auch in dieser Hinsicht enorm, und 1999/2000 variierte der Anteil der nichtehelichen Geburten zwischen 4% (Griechenland) und 55% (Schweden). Während in Dänemark und Schweden aufgrund des frühzeitigen Aufkommens nichtehelicher Lebensgemeinschaften schon 1980 viele aussereheliche Geburten gezählt wurden, hat sich in anderen Ländern der Trend zu ausserehelichen Geburten erst in den 80er Jahren verstärkt. Dies betrifft namentlich Frankreich und Grossbritannien, wogegen der Trend in Westdeutschland und den Niederlanden weniger auffallend ist. Vergleichsweise gering ist der Anteil ausserehelicher Geburten trotz hohem Erstheiratsalter weiterhin in der Schweiz, was mit dem generellen Trend zu familienpolitischen Traditionalismus in diesem Land assoziiert ist. Angesichts des Aufkommens nichtehelicher Formen des Zusammenlebens - namentlich in den skandinavischen Ländern, Frankreich und Deutschland - wäre es sicherlich verfehlt, den steigenden Anteil ausserehelicher Geburten im Sinne eines Verfalls familialer Werte und Normen zu interpretieren. Die Entwicklung ausserehelicher Geburten ist als Teilelement eines umfassenderen Wandels von Ehe und Familiengründung zu betrachten; ein Wandel, der insofern individualisierend wirkt, als die institutionellen Strukturen stärker durch persönlich geprägte Beziehungen zwischen Lebenspartnern abgelöst werden. Im Gegensatz zu den Grossstädten der USA ist die zunehmende 'Unehelichenquote' in Europa - mit Ausnahme einiger französischer und englischer Städte - deutlich weniger mit Aspekten wirtschaftlicher Verarmung und sozialer Desintegration verknüpft, sondern vielfach mehr Ausdruck eines 'post-modernen Wertewandels'. Die amerikanischen Analysen und familienpolitischen Diskussionen zum 'Zerfall der Familie' (und namentlich der städtischen Unterschichten) sind deshalb nur sehr bedingt auf die europäische Familienrealität übertragbar.
Der rasche Wandel von Familiengründung und -auflösung, in Kombination mit einer geringen Geburtenhäufigkeit, wird teilweise als 'zweiter demographischer Uebergang' interpretiert, der - wenn auch nicht gleichzeitig - alle 'post-modernen Gesellschaften' erfassen dürfte. Inwiefern die Verzögerung der Familiengründung und die Ent-Institutionalisierung der Ehe - wie sie im Aufkommen nichtehelicher Lebensgemeinschaften und erhöhter Scheidungshäufigkeit sichtbar wird - tatsächlich im Sinne eines eigentlichen demographischen Uebergangs verallgemeinert werden kann, ist umstritten. Unbestritten ist hingegen die Feststellung, dass der festgestellte Wandel sowohl mit sozio-strukturellen Veränderungen als auch mit Wertwandlungen assoziiert ist. Daher zeigen sich im interregionalen Vergleich einige bedeutsame historische Konstanten. So weisen international vergleichende Analysen einen bedeutsamen Effekt der historischen Vorherrschaft des Protestantismus selbst für die neueste Entwicklung nach: Protestantische Länder haben in den 60er Jahren eindeutig die höhere Bildung von Frauen sowie deren Berufstätigkeit unterstützt, was zum Beginn des zweiten demographischen Uebergangs beigetragen hat. Und nun unterstützt der Protestantismus die Verringerung der verbleibenden Kluft zwischen den Geschlechtern im Beschäftigungsbereich. Zumindest für die 80er Jahre und die frühen 90er Jahre scheint der Einfluss von Wertwandlungen (Betonung individueller Autonomie und der Frauenemanzipation) wichtiger zu sein als sozio-ökonomische Faktoren.
Trotz verzögerter Familiengründung und Ent-Institutionalisierung der Ehe wird dem Familienleben im heutigen Europa immer noch ein hoher subjektiver Wert zugemessen, wenn auch bedeutsame Unterschiede in der Bewertung von Elternschaft je nach Altersgruppe (bzw. Generation) und Land bestehen. Der Anteil von Frauen, die eine Mutterschaft erleben, ist in den meisten europäischen Ländern weiterhin hoch.
Allerdings zeigt sich in allen Ländern ein Trend zu vermehrter
Kinderlosigkeit; ein Trend, der sich in den letzten Jahren verstärkt
und ausgebreitet hat. Ein erster Vorreiter dieser Entwicklung war namentlich
Deutschland, wo auch der Zusammenhang zwischen Bildungsexpansion
und Zunahme permanenter Kinderlosigkeit bei Frauen besonders eng ist. Allerdings
ist auch in Deutschland permanente Kinderlosigkeit zumeist weniger eine früh
getroffene Entscheidung gegen Kinder als die Folge eines wiederholten Aufschiebens
einer Familiengründung.
Einen relativ frühen und starken Anstieg der Kinderlosigkeit erlebten
auch Länder wie Grossbritannien, Niederlanden und die Schweiz, wogegen
in Frankreich der Trend zu Kinderlosigkeit bisher weniger ausgeprägt
war. In den letzten Jahren stieg die Kinderlosigkeit aber auch in südeuropäischen
Ländern (namentlich Italien) rasch an, und zu Beginn des 21. Jahrhunderts
ist die Zahl kinderloser Frauen in den Geburtsjahrgängen der 1960er Jahre
in nahezu allen europäischen Ländern im Anstieg begriffen.
Im intereuropäischen Vergleich lässt sich insgesamt feststellen, dass Kinderlosigkeit in jenen Ländern am deutlichsten angestiegen ist, die zwar einen raschen Wandel des Ehe- ujnd Familienverhaltens erlebt haben, die jedoch weiterhin eine vergleichsweise ausgeprägte Unvereinbarkeit von Berufs- und Familienleben aufweisen (z.B. weil die familienexterne Kinderbetreuung mangelhaft ausgebaut ist). Gleichzeitig zeichnet sich für Europa - etwa im Unterschied zu den USA - bei wachsenden Gruppen doch eine Abkehr vom klassischen Familienleben mit Kind(ern) ab.
Gesamtperspektive - der zweite demographische Uebergang
Die Wandlungen von familialen und ausserfamilialen Lebensformen können mit dem Konzept eines zweiten demographischen †bergangs theoretisch integriert werden. Damit wird auch der Tatsache Rechnung getragen, dass der Geburtenrückgang im Rahmen des ersten demographischen Uebergangs gegen Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa einer anderen Faktorenstruktur unterlag als der nach 1965/66 einsetzende Geburtenrückgang. Der erste demographische Wandel fand während einer Periode wachsenden institutionellen Einflusses des Staates (im Rahmen der Nationenbildung) statt, gekoppelt mit einer verstärkten Differenzierung öffentlicher und privater Lebenssphären. In der Privatsphäre setzte sich allmählich das Modell bürgerlicher Lebens- und Familienformen durch. Die verstärkte Autonomie des Bürgers in seinem privaten Lebensbereich manifestierte sich selbst in einer wichtigen demographischen Variablen, doch der Akt des Widerspruchs erfolgte in vollkommener Abgeschiedenheit. Der erste demographische Uebergang vollzog sich in der Stille. Der zweite Uebergang hingegen war und ist stärker öffentlich, was etwa in öffentlich geführten Auseinandersetzungen zur Rolle und Stellung der Frauen, über die Bedeutung individueller Autonomie gegenüber kollektiven Ansprüchen des Staates oder anderen institutionellen Einrichtungen zum Ausdruck kommt. Der zweite Uebergang entspricht einer weiteren, wesentlich öffentlicheren Erscheinungsform individueller Autonomie. Er ist auch umfassender, da er gegen jegliche Art äusserer institutioneller Autorität gerichtet ist. Von entscheidender Bedeutung sind die Veränderungen in der Stellung der Frauen (erhöhte Bildung und Erwerbstätigkeit, Betonung von Partnerschaft und Gleichberechtigung). Gemäss der international vergleichenden empirischen Analyse von Ron Lesthaeghe (1992) ist der Wandel in der Stellung von Frauen für die Entwicklung der sozio-demographischen Variablen (Geburtenrückgang, Verzögerung der Familiengründung) wesentlich wichtiger als sozio-ökonomische Veränderungen. Als bedeutsame, inhaltlich verknüpfte Wandlungen des zweiten demographischen Uebergangs können folgende Aspekte betont werden:
a) ein Wandel in der gesellschaftlichen Akzeptanz von Sexualität, inkl. Akzeptanz vorehelicher Sexualität und homosexueller Beziehungen.
b) die Verfügbarkeit hochwirksamer Empfängnisverhütungsmittel und eine verstärkte Kontrolle der Frauen über Fortpflanzungsentscheide.
c) eine Verminderung der sozialen Kontrolle durch gesellschaftliche Institutionen oder, alternativ dazu, eine grössere individuelle Autonomie, gekoppelt mit einer stärkeren Ausrichtung auf Märkte.
d) eine verstärkte Betonung der persönlichen Bedürfnisse in bezug auf Lebensgemeinschaften (inkl. Ehe) und eine höhere Wertschätzung partnerschaftlichen Austausches. Dies impliziert die Möglichkeit alternativer Lebensformen wie auch die Auflösung unbefriedigender Lebensgemeinschaften (Scheidung).
e) eine verstärkte Verknüpfung von beruflichen und familialen Orientierungen auch bei Frauen, anstelle eines Modells getrennter Lebenswelten.
f) die Entdeckung der Opportunitätskosten von Kindern und eine ausgeprägte Entkoppelung der Altersversorgung von familialen Entscheiden.
Es verbleiben allerdings - wie eine von Antonella Pinelli (2001) durchgeführte Faktoranalyse von 29 europäischen Ländern aufzeigt - klare intereuropäische Unterschiede bestehen. Die skandinavischen Länder bilden ebenso ein Cluster wie die südeuropäischen Länder, auch wenn sich einige dieser Länder (Italien, Spanien) dem Muster westeuropäischer Länder, wie Frankreich und Deutschland, angenähert haben. Aufgrund ihrer spezifischen sozio-ökonomischen Geschichte bilden auch die osteuropäischen Länder ein spezifisches Cluster, namentlich bezüglich weiblicher Erwerbstätigkeit bzw. Unterbeschäftigung. In diesen Ländern sind tiefe Fertilitätsraten und verzögerte Familiengründung weitaus weniger mit post-modernen Werthaltungen als mit sozio-ökonomischen Umbrüchen und Schwierigkeiten assoziiert. Ein Zeitvergleich 1970, 1980 und 1994 lässt keine klare intereuropäische Konvergenz sozio-demographischer und familialer Unterschiede erkennen, auch wenn sich ähnliche familiale Wandlungen nahezu europaweit nachweisen lassen. Bis Ende der 1980er Jahre war der zweite demographische Uebergang primär ein Merkmal nord- und westeuropäischer Länder. In den 1990er Jahre änderte sich das Bild, und analoge Prozesse (Verzögerung der Familiengründung, mehr aussereheliche Geburten und nichteheliche Lebensgemeinschaften sowie postmoderne Werthaltungen bezüglich Lebens- und Familienformen) setzten auch in südeuropäischen Ländern (namentlich Spanien und Italien) sowie mittel- und osteuropäischen Ländern ein. Europaweit ist zudem auch der Trend zu einer langen gemeinsamen Lebenszeit der Familiengenerationen und eine aufgrund der demographischen Alterung notwendige Neuorientierung intergenerationeller Familienbeziehungen.
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letzte Aenderung: März 2006
Dieser Text, ergänzt mit intereuropäischen Daten zur Familiengründung, steht auch als PDF-File zur Verfügung: