François Höpflinger
Zu den gesellschaftlichen Leistungen von Familien

Wird nach den gesellschaftlichen Leistungen oder Funktionen moderner Familien gefragt, wird stillschweigend meist eine zweite Frage angesprochen: Inwieweit sind diese Leistungen bzw. Funktionen gesellschaftlich unabdingbar? Sind die Leistungen der Familien ersetzbar bzw. gibt es Alternativen zu den heutigen Familienstrukturen?

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Frage nach den tatsächlichen Leistungen bzw. Funktionen heutiger Familien nicht eindeutig zu beantworten. Dies hängt mit der banalen, aber zentralen Tatsache zusammen, dass sich die gesellschaftlichen Wirkungen modernen Familienlebens aus der Summe millionenfacher Einzeltätigkeiten ergeben. Die 'Familie' an sich existiert nicht, sondern wir haben eine Unmenge von Einzelfamilien unterschiedlichster Form, die unterschiedliche Lebensprobleme zu bewältigen und zu lösen versuchen. Oft sind die gesellschaftlichen Auswirkungen bestimmter Formen des Familienlebens langfristiger Art. Erziehungserfolge oder -mängel treten teilweise erst nach Jahrzehnten zutage.

Daher ist umstritten, inwiefern moderne Ehen und Familien ihre Aufgaben weiterhin in adequater Weise zu leisten vermögen. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, zwischen familialen Aufgaben und Leistungen zu unterscheiden. Der Begriff 'Aufgabe' bezieht sich darauf, was Familien bzw. Familienmitglieder nach geltenden Normen leisten sollten. Der Begriff 'Leistung' spricht an, inwiefern Familien diese Aufgaben tatsächlich lösen.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang die häufig verdrängte Tatsache, dass familiale Leistungen hauptsächlich aus persönlicher Verbundenheit mit anderen Familienangehörigen erbracht werden. Private und persönliche Beziehungen stehen im Vordergrund. Weiterreichende Gesichtspunkte, wie gesellschaftlicher Nutzen, werden weitgehend ausgeblendet. 'Niemand liebt für den Staat oder bekommt Kinder der Rente wegen' Selbst öffentliche Funktionen der Familien geschehen unter privaten Vorzeichen und Motiven.

Ehe und Familie - intime Lebensgemeinschaft und soziale Institution

Ehe und Familie haben ein Doppelgesicht: Einerseits wird eine kleine, intime Lebensgemeinschaft angesprochen, in der die Beziehungen persönlich geprägt sind. Andererseits gelten Ehe und Familie als bedeutsame soziale Institutionen, die bestimmte gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen haben. Das spannungsvolle Wechselspiel von persönlichen und institutionellen Aspekten ist ein wesentliches Merkmal der modernen Kernfamilie.

A) Ehe und Familie als intime Lebensgemeinschaft: Der subjektive Wert von Ehe und Familie besteht wesentlich darin, dass sie intime Lebensgemeinschaften sind, in denen affektive und persönliche Beziehungen vorherrschen. In diesem Sinne erfüllt das Familienleben zentrale menschliche Bedürfnisse persönlicher und emotionaler Art. Gemeinsamkeit, Zusammenhalt, Vertrauen und Verbundenheit usw. stehen im Zentrum. Zumindest die Gründung einer Ehe, einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft oder einer Familie mit Kindern basiert weitgehend auf dem Wunsch nach einer intimen Gemeinschaft. Das Familienleben geniesst - wie Umfragen immer wieder bestätigen - bei der grossen Mehrheit der Bevölkerung einen hohen Stellenwert. Die Verwirklichung des Wunsches nach einem 'glücklichen' Familienleben ist zwar keineswegs selbstverständlich, aber zumindest zeitweise ist eine grosse Mehrheit von Frauen und Männer darin durchaus erfolgreich. Tatsächlich sind Paare bzw. Familien, die zusammenhalten, besser in der Lage, Stress, Lebenskrisen und Konflikte aus anderen Lebensbereichen (Schule, Beruf) zu bewältigen.

Unzweifelhaft tragen solidarische Ehe- und Familienbeziehungen in wesentlichem Masse zum persönlichen Wohlbefinden bei. Geborgenheit, persönliche Zuwendung und emotionale Unterstützung sind nicht allein für Säuglinge und Kleinkinder bedeutsam, sondern auch für Heranwachsende und Erwachsene. Tätigkeiten wie Trösten, Beraten, Aufmuntern, Zuhören, Vermitteln usw. gehören mit zur sogenannten Beziehungsarbeit. Diese familialen Tätigkeiten dienen nicht nur dem persönlichen Wohlbefinden, sondern sie wirken sich auf andere Lebensbereiche aus. Erholung im familialen Bereich erhöht die berufliche Leistungsfähigkeit, und von den 'regenerativen Leistungen' vieler Familien profitiert auch die Wirtschaft. Bei Kindern und Jugendlichen können sich anhaltende fehlende emotionale Unterstützung und Zuwendung negativ auswirken, etwa in Bezug auf Suchtverhalten oder anderem selbstschädigendem Verhalten. Solidarische familiale Beziehungen zeigen positive Folgen für die Gesundheit, wogegen familiale Traumas während der Kindheit die Gesundheit im Erwachsenenalter beeinträchtigen können.

In unser durchrationalisierten Gesellschaft ist die Familie nahezu der einzige Ort, in dem Menschen umfassend, als Personen mit all ihren intimen und emotionalen Bedürfnissen, angesprochen werden. In modernen Gesellschaften ist die Familie zum einzigen institutionalisierten Lebensbereich geworden, in dem das Aeussern von Gefühlen - und zwar nicht nur der Liebe, sondern auch der Angst, ja eventuell des Hasses - als erlaubt, ja als wünschenswert gilt, und in dem Gefühlsäusserungen als Ausdruck der Personhaftigkeit (und nicht z.B. als psychische Labilität) gelten. Die Familie kann für Kinder und Erwachsene ein privater Ort des Rückzugs darstellen, wodurch die rasch wechselnden Anforderungen des schulischen oder beruflichen Lebens leichter zu bewältigen sind. Familie ist für Kinder und Erwachsene ein Rückzugs- und Entspannungsbereich gegenüber dem ausserfamilialen Alltag. Nirgendwo sonst, ausser bei engen Freunden und Partnern, kann sich der einzelne so stark auf das diskussionslose und selbstverständliche, also erwartbare Funktionieren von Schutz- und Hilfeleistungen verlassen wie in der Familie. Familie steht überdies unter dem Natürlichkeitsgebot. Hier kann und soll sich jeder so geben, wie er ist.

Es ist offensichtlich, dass die Emotionalisierung des Familienlebens auch ihre Kehrseiten aufweist. Zum einen können neben positiven auch negative Gefühlsäusserungen zum Vorschein kommen, und familiale Beziehungen haben nicht selten auch eine gewalttätige Seite. Zum anderen müssen Zusammenhalt und Verbundenheit ständig gepflegt werden. Liebe und gegenseitiges Vertrauen müssen immer neu geschaffen werden, und - wie die hohen Scheidungsraten zeigen - misslingt dies recht häufig. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit besteht nicht selten eine Kluft. Gleichzeitig ist emotionale Beziehungsarbeit in vielen modernen Familien primär den weiblichen Familienmitgliedern übertragen.

Trotz verschiedener Vorbehalte lässt sich die enorme Bedeutung emotional-affektiver Leistungen von Familien (in ihren positiven wie negativen Ausprägungen) nicht genügend betonen. Ohne Familien wäre unsere Gesellschaft viel emotionsloser, und bezüglich emotional-affektiver Aufgaben ist die moderne Kernfamilie - trotz allen auftauchenden Mängeln - unersetzbar. Es gibt momentan kaum Alternativen, die in ähnlicher Weise eine dauerhafte emotionale Stützung und intime Solidarität zu gewährleisten vermögen. Am ehesten können langjährige Freund/innen diese Funktion erfüllen. Neuere Studien bei älteren ledigen Frauen zeigen beispielsweise, dass das Fehlen von Angehörigen unter günstigen Umständen durch langjährige Freundschaften kompensiert werden kann.

Als Wohn- und Lebensgemeinschaften erfüllen Familien - selbst wenn dies heute nur selten thematisiert wird - wichtige kulturelle Funktionen. Erstens sind Familien in einem gewissen Sinne Weltanschauungsgemeinschaften, die das Weltbild der Familienangehörigen in bedeutsamer Weise prägen . Untersuchungen zeigen, dass eine Uebereinstimmung im Weltbild die Qualität des Ehe- und Familienlebens positiv beeinflusst. Je grösser die Uebereinstimmung in grundlegenden Fragen, desto positiver wird die Familie erlebt. Auch die generationenübergreifende Solidarität wird von gemeinsamen Werthaltungen positiv beeinflusst. Zweitens ist die Familie eine wichtige Instanz zur Vermittlung von Sittlichkeit im weitesten Sinne. Was Kinder dazu verinnerlichen, wird zu einem wesentlichen Teil in den Familien vermittelt. Dies gilt im übrigen auch für religiöse und soziale Werthaltungen. Daneben wird das allgemeine Menschenbild durch familiale Erfahrungen mitgeprägt. So zeigt sich etwa, dass Kinder mit engen Beziehungen zu ihren Grosseltern weniger stereotype Vorstellungen über ältere Menschen aufweisen. Ebenso wird das Bild, das sich junge Menschen vom jeweils anderen Geschlecht machen, wesentlich, wenn auch nicht ausschliesslich, durch das Vorbild der Eltern geprägt. "Auch diese Kulturdimension bringt es mit sich, dass sich als human verstehende Gesellschaften rechtzeitig auf die unverzichtbaren Familienfunktionen besinnen müssen. Denn die Familie reflektiert nicht nur die Werte einer Gesellschaft, sie schafft sie auch zu beträchtlichen Teilen!"

B) Ehe und Familie als Institution: Oft wird angenommen, Ehe und Familie hätten ihre institutionelle Bedeutung vollständig eingebüsst. Eine genauere Betrachtung zeigt, dass die sogenannte De-Institutionalisierung vor allem die Ehe - die institutionelle Beziehung von Ehemann und Ehefrau - betrifft. Hingegen haben sich die institutionellen Regelungen hinsichtlich Elternschaft eher verstärkt. In diesem Bereich bestehen strikte Zuständigkeitsregeln, etwa über Erziehungs- und Unterhaltspflichten. Zwar existiert eine grössere soziale Freiheit, sich für oder gegen Kinder zu entscheiden, aber wer sich für Kinder entscheidet, hat klare Pflichten und Aufgaben.

Als gesellschaftliche Institution erfüllt die Familie sachgemäss bedeutsame Ordnungs- und Orientierungsfunktionen. Sie erlaubt es nicht nur Kindern, sich gesellschaftlich zu orientieren, sondern sie ermöglicht es auch Erwachsenen, sich sozial zu plazieren. Die Rolle als Mutter oder als Vater schafft sozialen Bezug, und sie hilft mit, den eigenen Lebensweg sinnvoll zu gestalten. Angesichts des ständigen Wandels der Umwelt und der erhöhten Mobilität im Berufsleben ermöglicht oft nur die Familie eine langfristige Ordnung des eigenen Lebenszyklus. Das eigene Aelterwerden ist nicht ein unverbundenes Geschehen, sondern eingebettet in die Entwicklung der Kinder und des Lebenspartners bzw. der Lebenspartnerin. Damit erhält der Lebenszyklus eine sinnvolle, menschengerechte Struktur, die hilft, die einzelnen Phasen des Lebens zu bewältigen.

Die Ehe bietet vielen Männern und Frauen weiterhin eine gewisse persönliche und soziale Sicherheit. Selbst wenn die Stabilität der Ehe heute fraglich ist, gewährt sie zumindest zeitweise Berechenbarkeit und soziale Sicherheit (ein Aspekt, der in seiner Bedeutung häufig unterschätzt wird). Sie hilft bei der psychischen Stabilisierung von Menschen mit, wie umgekehrt ein Zusammenbruch familialer Beziehungen die Gefahr von Selbstmord, Suchtmissbrauch usw. erhöht. Obwohl die Ehe an institutioneller Bedeutung eingebüsst hat, zeigen zahlreiche Studien übereinstimmend, dass Verheiratete auch heute weniger krank sind und länger leben als Unverheiratete. Eine stabile Lebensgemeinschaft erhöht die Lebenserwartung. So erreichen - gemäss Sterbetafeln - in der Schweiz 86% der verheirateten 40-jährigen Männer das 65. Altersjahr, gegenüber 75% der unverheirateten Männer. Bei den Frauen sind es 93% gegenüber 83%. Von Bedeutung scheint zu sein, dass verheiratete Personen insgesamt einen gesünderen Lebensstil aufweisen als unverheiratete Personen. Gemeinschaftliches Leben in einer festen Partnerschaft oder Familie hat vielfach positive Auswirkungen. Die legale Form einer Beziehung ist weniger wichtig. So weisen auch unverheiratete Frauen und Männer, die mit Partner/in oder Kind/ern zusammenleben, eine geringere Sterblichkeit und bessere Gesundheitspflege auf als Alleinlebende.

Eine (funktionierende) Ehe bzw. Partnerschaft wirkt sich positiv auf die wirtschaftliche Sicherheit aus. Dies kommt in zwei Beobachtungen zum Ausdruck: Erstens sind verheiratete Personen bei den Sozialhilfeempfängern eindeutig untervertreten. Zweitens weisen verheiratete Frauen und Männer ein unterdurchschnittliches Armutsrisiko auf, sowohl verglichen mit unverheiratet Alleinlebenden als auch mit alleinerziehenden Müttern. Dies hat verschiedene Gründe. Eine doppelte Erwerbstätigkeit oder nur schon die Möglichkeit, den Erwerbsausfall des Ehemannes durch die Erwerbstätigkeit der Ehefrau aufzufangen, trägt zur Verringerung des Armutsrisiko bei. Gleichzeitig ist eine gemeinsame Haushaltsführung kostengünstiger als getrenntes Leben in zwei Wohnungen, etwa nach einer Scheidung.

Die seit den 1970er Jahren in vielen Ländern sichtbaren Grenzen im Ausbau des Sozial- und Wohlfahrtsstaates haben zu einer Neubewertung der familialen Sicherungsfunktionen geführt. So müssen die Familien diejenigen sozialen Leistungen kompensieren, die der Wohlfahrtsstaat nicht mehr leisten kann oder will. Deregulierung und Privatisierung heben die Bedeutung der Ehe und Familie als soziales Sicherungsnetz wieder stärker hervor. In unsicheren Zeiten sind familiale Netzwerke wichtige soziale Ressourcen im wirtschaftlichen 'Ueberlebenskampf' (ein Punkt, der namentlich in Osteuropa in dramatischer Weise deutlich wird).

Elternschaft, Kinderbetreuung und Kindererziehung

Elternschaft ist heute mehrheitlich bewusste Elternschaft, wobei die Entscheidung für oder gegen Kinder vielfach von beiden Partnern gemeinsam getroffen wird. Die generativen Entscheidungen junger Frauen bzw. junger Paare sind von enormer gesellschaftlicher Bedeutung, da die demographische Zukunft einer Gesellschaft von der Geburtenhäufigkeit bestimmt word. Die Entscheidung jüngerer Generationen, weniger Kinder zu haben, wird in der Schweiz in den nächsten Jahrzehnten zu einer ausgeprägten demographischen Alterung führen.

Die Motive von (Ehe-)Paaren für Kinder liegen heute hauptsächlich im emotional-affektiven Bereich (Gründung einer Familiengemeinschaft, Freude an Kindern, Interesse am Aufwachsen von Kindern usw.). Dagegen sind sozio-ökonomische Motive (Kinder als zukünftige Arbeitskräfte, Sicherung der eigenen Altersvorsorge usw.) stark in den Hintergrund getreten. Die affektiv-emotionalen Werte, die für Kinder sprechen, sind gleichzeitig Werte, die dafür sprechen, nur wenig Kinder zu haben. Die emotional-affektiven 'Vorteile' von Kindern sind bei einer Kleinfamilie mit zwei bis drei Kindern am ehesten garantiert, wogegen die finanziellen Belastungen bei hoher Kinderzahl deutlich ansteigen. Aufgrund der Betonung affektiv-emotionaler Motive zeitigen - soweit ersichtlich - auch stärkere finanzielle Anreize nur einen begrenzten Einfluss auf die Geburtenhäufigkeit. Das Modell der Kleinfamilie mit zwei bis drei Kindern ist zu stark verankert, als dass eine Rückkehr zur kinderreichen Familie wahrscheinlich ist.

Speziell Säuglinge und Kleinkinder sind - soll ihre persönliche und soziale Entwicklung gefördert werden - auf die Zuwendung und liebevolle Pflege durch eine oder mehrere Bezugspersonen angewiesen. Faktisch lässt sich diese Aufgabe am ehsten im Rahmen einer intimen familialen Gemeinschaft gewährleisten. Jedenfalls haben sich kollektive Formen der Kleinkindererziehung kaum durchgesetzt. Wo Kleinkinder ohne Eltern bzw. Elternteil aufwachsen, wird heute meist mit familienähnlichen Kleingruppen gearbeitet. Die Form der Kinderbetreuung kann variieren, und Ein-Eltern-Familien sind in diesem Rahmen sicherlich nicht als unvollständige Familien zu bezeichnen. Neben der Mutter und dem Vater können andere Erwachsene (Grosseltern, Geschwister, enge Freund/innen) als zentrale Bezugspersonen wirken, und soziale Elternschaft muss nicht mit biologischer Elternschaft gleichgesetzt werden. Wichtig für das Gedeihen von Kleinkindern ist primär eine liebevolle, persönlich geprägte Lebensgemeinschaft, die sozial eine gewisse Stabilität der Beziehungen garantiert. Sofern stabile persönliche Beziehungen gewährleistet sind, erweist sich auch eine Kombination von familialer und familienexterner Kleinkinderbetreuung als unproblematisch.

Innerhalb einer familialen Gemeinschaft wird gleichzeitig Individualisierung und Sozialisierung gefördert, und es scheint, dass eine familiale Pflege und Erziehung am ehesten ein Gleichgewicht zwischen Sozialisisierung (=soziale Integration in eine Gesellschaft) und Individualisierung (Aufbau einer eigenen Ich-Identität und Persönlichkeit) ermöglicht. Zum einen erlaubt erst eine stabile und intime Beziehung zu Bezugspersonen die Entwicklung einer komplexen Ich-Identität, wie sie in unserer modernen Gesellschaft unabdingbar ist. Zum anderen werden im familialen Rahmen die notwendigen sozialen Bindungen und Zugehörigkeiten gelernt, ohne die soziales Zusammenleben nicht möglich ist.

Die emotionale Unterstützung der Persönlichkeitsentwicklung und die Vermittlung sozialer Werte ist nicht nur für die Säuglings- und Kleinkinderphase, sondern auch in späteren Entwicklungsphasen (Schulzeit, Pubertät, Jugend usw.) von grosser Bedeutung. In komplexen Gesellschaften, in denen der Sozialisationsprozess von Kindern und Jugendlichen durch eine Vielzahl anderer Instanzen (Medien, Schule, Gleichaltrige usw.) mitbestimmt wird, besteht die Erziehungsaufgabe der Eltern (bzw. der Bezugspersonen) in der Vermittlung verschiedener Einflüsse, mit dem Ziel, die Personwerdung zu stärken. So ist etwa die Vermittlung einer entsprechenden Medienkompetenz zu einer wichtigen Aufgabe von Eltern geworden . Die Leistung der Familie für das heranwachsende Kind und den Jugendlichen besteht also immer weniger in der Vermittlung von Einzelkompetenzen, sondern in der emotionalen Unterstützung und Stärkung des Selbstbildes, in der Förderung der Identität.

Allerdings ist umstritten, inwieweit die von der Sozialisationsforschung betonten Erziehungsleistungen in Familien tatsächlich erbracht werden. Vernachlässigung, Verwahrlosung sowie psychische und körperliche Misshandlungen können ebenso zu späterem Fehlverhalten (Suchtabhängigkeit, psychische Erkrankungen usw.) führen wie eine allzu enge Elternbindung oder Verwöhnung. In welchem Masse die verschiedenen Familien ihre Erziehungsaufgaben tatsächlich optimal zu leisten vermögen, ist schwer abzuschätzen. Dies hängt damit zusammen, dass schon Kleinkinder nicht einfach passive Opfer elterlicher Einflüsse sind, sondern die familiale Gemeinschaft in bedeutsamer Weise mitprägen. Gleiches Erziehungsverhalten führt je nach Kind zu unterschiedlichen Resultaten.

Eine klare Gesamtbilanz familialer Sozialisationsleistungen wird dadurch behindert, dass Fehler und Fehlleistungen allgemein deutlicher hervortreten als Erfolge. Fehlverhalten ist sozial auffallender, sichtbarer und journalistisch interessanter als Wohlverhalten. Auch die Wahrnehmung von Lehrer/innen, Familientherapeut/ innen, Psycholog/innen usw. wird stärker von 'Problemfamilien' als von erfolgreichen Eltern - um die sich schlussendlich niemand kümmert - geprägt. Offensichtliches Fehlverhalten von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen wird zudem gerne ungeprüft Fehlleistungen der Eltern (und namentlich der Mütter) zugeschrieben, wogegen positive Leistungen als individuelle Erfolge der jeweiligen Person gefeiert werden.

Somit sind Erziehungserfolge schwieriger abzuschätzen als Misserfolge, abgesehen davon, dass die Definition einer erfolgreichen Personwerdung sozialen und kulturellen Wandlungen unterliegt. Es ist deshalb unklar, inwieweit sich die familialen Erziehungsleistungen im Zeitverlauf verbessert oder verschlechtert haben. So ist unbekannt, inwiefern körperliche oder psychische Misshandlungen von Kindern in den letzten Jahrzehnten zugenommen oder abgenommen haben. Zu vermuten ist, dass aufgrund wirtschaftlicher Besserstellung vieler Familien und des Wandels von autoritären zu nicht-autoritären Erziehungsformen massive körperliche Misshandlungen relativ seltener geworden sind.

Insgesamt scheinen Familien in den letzten drei bis vier Jahrzehnten eher kinderfreundlicher geworden sind, wozu speziell eine Abkehr von autoritären Erziehungsformen und die Verringerung der Familiengrösse beigetragen haben. Auch das erhöhte Bildungsniveau vieler Mütter und Väter sowie eine verstärkte Sensibilisierung mancher Eltern für die psychologischen Bedürfnisse ihrer Kinder dürften eher zu einer Verbesserung des Erziehungsklimas geführt haben. Die oft erwähnte Zunahme jugendlicher Drogenabhängiger ist kein Gegenargument, da die Schweiz auch in früheren Zeiten sehr viele Suchtabhängige kannte (namentlich Alkoholismus). Was psychische Probleme betrifft, lassen sich keine eindeutige Trends festhalten, da die Häufigkeit sozio-psychischer Erkrankungen - die unter Umständen auf elterliches Fehlverhalten zurückgeführt werden können - ungewiss ist (Beispielsweise wird der Anteil depressiver Erwachsener je nach Studie auf 2%-20% geschätzt). Die Auswirkungen der erhöhten Scheidungshäufigkeit auf das psychische Wohlbefinden und die Identitätsbildung von Kindern sind umstritten, da neben der Scheidung viele andere Faktoren, wie Konfliktniveau vor und nach der Scheidung, wirtschaftliche Lage usw., bedeutsam werden.

Ein zentraler Punkt ist allerdings unverkennbar: Die Hauptlast der Pflege, Betreuung und Erziehung von Kindern wird von den Müttern übernommen. Mit gewissem Recht kann von einer vaterlosen Gesellschaft gesprochen werden, und mit dem Verlust der männlichen Autoritätsfunktion wurde die Rolle des Vaters konturlos. Soziologisch gesehen sind faktisch viele Mütter mehr oder weniger alleinerziehende Mütter. In den letzten Jahren ergab sich insofern eine gewisse Gegenbewegung, als - im Sinne einer neuen Vaterschaft - mehr junge Väter bewusst und aktiv an der Säuglingspflege und Kindererziehung teilnehmen. Eine gleichwertige Teilnahme von Mutter und Vater an der Erziehungsarbeit ist allerdings immer noch die Ausnahme.

Es ist unbestreitbar, dass im familialen Rahmen - und namentlich von Müttern - umfangreiche Betreuungs- und Erziehungsarbeiten geleistet werden, die in vielen Fällen kaum entsprechend gewürdigt und schon gar nicht monetär honoriert werden. Die Bedeutung dieser unbezahlten Leistungen ist umso grösser, als Kinderbetreuung und -erziehung heute anspruchsvoll, zeitaufwendig und kostspielig geworden ist. Speziell die Betreuung von Vorschulkindern ist zeitaufwendig geworden, weil eine ständige Präsenz einer Betreuungsperson erforderlich ist. Die heutigen Umweltgefahren in einer kinderfeindlichen Welt (Autoverkehr) erfordern oft eine aufwendige Ueberwachung und Begleitung der Kinder (und in städtischen Verhältnissen sind 'freilaufende Kleinkinder' zur Seltenheit geworden). Gleichzeitig muss den Kleinkindern in Vorbereitung auf Kindergarten und Schule ein Zeitbewusstsein vermittelt werden; eine Aufgabe, die ebenfalls zeitaufwendig ist. Auch bei grösseren Kindern ergeben sich viele verdeckte zeitliche Aufwendungen, etwa wenn die Eltern ihre Kindern zu Sportaktivitäten, Freizeitkursen usw. begleiten müssen (und nicht wenige Mütter sind voll damit beschäftigt, ihre Kinder irgendwo hinzufahren).

In den meisten Zeitbudgetstudien wird der Zeitaufwand für Kinder entweder nicht speziell ausgewiesen, sondern er wird unter die Rubrik 'Hausarbeit' subsummiert. Vielfach wird die Mutter-Kind-Beziehung als quasi-arbeitsfreier Bereich angesehen, der mehr unter psychologischer Sicht als unter arbeitstechnischer Perspektive angesprochen wird. Mütter von Kleinkindern führen vielfach verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig aus, etwa wenn neben der Aufsicht über ein spielendes Kleinkind genäht oder gebügelt wird usw. Zu unterscheiden ist deshalb zwischen aktiver und passiver Erziehungs- und Betreuungszeit: Aktive Erziehungszeit ist, wenn etwas speziell mit den Kindern unternommen wird. Unter passiver Erziehungszeit fallen Tätigkeiten, die für das Kind, aber ohne Kind getätigt werden (z.B. Wegzeiten für das Kind) oder Präsenz (z.B. Anwesenheit in der Nähe, wenn das Kind draussen im Park spielt ).

Je nach Berechnungsmethode (Marktkosten- oder Opportunitätskostenansatz) wird der gesamte wirtschaftliche Wert der unbezahlten Haus-, Familien- und Freiwilligenarbeit für 1997 in der Schweiz auf 139 Mrd. Franken bis 215 Mrd. Franken geschätzt (was zwischen 38% und 58% des offiziellen Brutto-Inlandprodukts entspricht).

Literatur zum Thema:

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Höpflinger, François, Debrunner, Annelies (1994) Die unschätzbaren Leistungen der Familien - Ueberlegungen und Feststellungen, Bern: Pro Familia.

Kaufmann, Franz-Xaver (1995) Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaftliche und politische Bedingungen, München: Verlag C.H. Beck.

Klein, Thomas (1993) Familienstand und Lebenserwartung. Eine Kohortenanalyse für die Bundesrepublik Deutschland, Zeitschrift für Familienforschung, 5: 99-114.

Klein, Thomas (1999) Soziale Determinanten der aktiven Lebenserwartung, Zeitschrift für Soziologie, 28,6: 448-464.

Meyer, Peter C. (2000) Rollenkonfigurationen, Rollenfunktionen und Gesundheit. Zusammenhänge zwischen sozialen Rollen, sozialem Stress, Unterstützung und Gesundheit, Opladen: Leske &Budrich.

Schneewind, Klaus A. (2000) Kinder und elterliche Erziehung, in: Andreas Lange, Wolfgang Lauterbach (Hrsg.) Kinder in Familie und Gesellschaft zu Beginn des 21sten Jahrhunderts, Stuttgart. Lucius &Lucius: 155-186.187-208.

Waite. Linda (1995) Does marriage matter?, Demography, 32: 483-507.

Waite, L.; Gallagher, M. (2000) The case for marriage: Why married people are happier, healthier, and better off financially, New York: Doubleday.

letzte Aenderungen: 12. Feb. 2002

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