Elisa Streuli, François Höpflinger
Allein leben in verschiedenen Lebensphasen

1.Allgemeine Anmerkungen zum Alleinleben

Bei der Diskussion und Analyse des Alleinlebens sind vier allgemeine, aber zentrale Feststellungen und Beobachtungen anzuführen:

Erstens ist schon der Begriff 'Alleinleben' missverständlich, denn das stillschweigende Vorurteil, alleinlebende Frauen oder Männer stünden ausserhalb gesellschaftlicher Zusammenhänge - und seien damit sozusagen 'allein' - ist weitgehend falsch. Auch die oft gemachte Gleichsetzung einer steigenden Zahl von Ein-Personen-Haushalte mit Individualisierung, Vereinsamung und sozialer Isolation ist falsch. Ein Merkmal vieler Menschen, welche in Ein-Personen-Haushalte leben, ist gerade ihre hohe soziale Integration und ihre vielfältigen Bezüge mit anderen Menschen. Dies gilt einerseits für manche junge und jüngere Frauen und Männer in Ein-Personen-Haushalten, die sowohl gute Kontakte zu ihren Eltern als auch zu Freunden und Freundinnen aufweisen. Andererseits - wie später gezeigt wird - gilt dies für viele alleinstehende Frauen und Männer im höheren Lebensalter, die das Leben im eigenständigen Haushalt - im Sinne des Musters von 'Intimität auf Abstand' - mit guten intergenerationellen Kontakten verbinden.
Die Haushaltsstrukturen sagen wenig über die tatsächlichen sozialen und familialen Beziehungen aus. Eine haushaltsorientierte Analyse ist durch netzwerktheoretische Perspektiven zu ergänzen. Zur Bestimmung von Lebensformen ist das Konzept einer haushaltsorientierten Erfassung von Ehe und Familie lediglich in einer sehr begrenzten Phase des Lebenszyklus aussagekräftig, da nur in dieser Phase Haushalt und Familienleben zusammenfallen, während bei heranwachsenden Kindern, aber auch in bezug auf die ältere Generation, eine Haushaltskonzeption familiale Zusammenhänge nicht mehr erfassen kann. Entsprechend ist auch jede Sozialpolitik, welche sich auf formale Haushaltskriterien stützt, soziologisch gesehen höchst problematisch.

Zweitens sind Frauen und Männer, welche in Ein-Personen-Haushalte wohnen, eine wirtschaftlich, sozial und lebensbiographisch sehr heterogene Gruppe. Vereinfacht formuliert gibt es unter den sogenannt 'Alleinlebenden' eine Art sozialer Polarisierung: Auf der einen Seite finden sich unter den Alleinlebenden - und dies gilt primär bei Männern - beruflich-sozial klar desintegrierte Menschen, und es ist beispielsweise diese Gruppe sozial desintegrierter alleinlebender Männer, welche - etwa im Vergleich zu gleichaltrigen verheirateten Männern - ein überdurchschnittliches Sterblichkeitsrisiko aufweisen. Auf der anderen Seite findet sich unter den Alleinlebenden - und dies gilt primär bei Frauen - um eine bedeutsame Gruppe hoch integrierter, beruflich-sozial hoch kompetenter Menschen. Das Alleinleben bei dieser Gruppe ist ein spezielle Form des beruflich-sozialen Erfolgs. Die Polarisierung in marginale und hochintegrierte Alleinlebende ist bei der ausländischen Wohnbevölkerung im übrigen besonders ausgeprägt.

Drittens gibt es - trotz aller medialer Behauptungen - bisher kaum klare Belege für das Entstehen einer durchgängigen 'Single-Kultur', und die zunehmende Zahl von Menschen in Ein-Personen-Haushaltungen darf keineswegs als Hinweis auf eine 'Singularisierung bzw. Vereinzelung der Gesellschaft interpretiert werden. Zudem sind bei der Analyse der zunehmenden Zahl von Alleinlebenden zwei Beobachtungen zentral: Der Anteil der Männer und Frauen, welche im Leben nie eine Partnerschaft eingehen, ist in den letzten Jahrzehnten gesunken. Während etwa die 1900 geborenen Frauen zu 20-25% ohne Partner blieben, sind dies bei den 1945-49 geborenen Frauen nur 5%, welche bis zu Beginn des 5. Lebensjahrzehnts noch nie mit einem Partner zusammengelebt haben. Ein Vergleich nach Bildungsstand zeigt, dass mit steigender Bildung - entsprechend der insgesamt verzögerten biographischen Abläufe - eine erste Partnerschaft später eingegangen wird. Gleichzeitig steigt bei den Frauen der Anteil derjenigen, welche nie mit einem Partner zusammenleben, mit steigender Bildung. Während von Frauen der Geburtsjahrgänge 1945-54 diejenigen mit nur primärer Bildung im Alter von 39 Jahren zu 99% schon eine Partnerschaft erlebt haben, sind dies bei Frauen mit sekundärer Bildung nur 95%. Bei Frauen mit tertiärer Ausbildung haben dagegen 13% noch mit 39 Jahren nie mit einem Partner zusammengelebt. Lebenslanges 'Singletum' ist somit primär bei Frauen mit hoher Ausbildung am häufigsten verbreitet, zumindest in den untersuchten Geburtsjahrgängen.
'Temporäres Alleinleben - vor oder nach einer Partnerschaft - ist heute eindeutig dominant, und die zahlenmässig am stärksten ansteigende Gruppe ist die Gruppe der 'sekundären Alleinlebenden', d.h. Alleinlebende nach einer Trennung, Scheidung oder Verwitwung.

Viertens ist Alleinleben - auch bei Frauen - heute klar stärker akzeptiert, als dies früher der Fall war. Die Zustimmung zum 'allein leben' zeigt im Zeitvergleich eine eher ansteigende Tendenz. 1986 erachteten gemäss Univox-Befragung erst 31% der Befragten das Alleinleben als positiv. Seit 1994/95 schwankt die Zustimmung zwischen 39% und 48%. Und 2000 erachtete sogar eine Mehrheit von 59% aller Schweizer StimmbürgerInnen diese Lebensform als positiv. Positiv beurteilt wird das Alleinleben sachgemäss von den jungen bzw. älteren Alleinlebenden.

Allerdings ist beim Stichwort 'Alleinleben' zu beachten, dass diese Lebensform je nach Alter bzw. Lebensphase eine andere soziale Bedeutung aufweist: Für die Jungen bedeutet Alleinleben primär einmal Unabhängigkeit von den Eltern. In dieser Gruppe wird häufig vorübergehend allein gelebt, etwa nach dem Wegzug aus dem Elternhaus, vor einer Paarbeziehung oder auch nach Beendigung einer Freundschaft. Für ältere Menschen im Rentenalter ist Alleinleben ihrerseits oft das Resultat einer Verwitwung. Im hohen Alter ist das Alleinleben wiederum ein Zeichen von Unabhängigkeit bzw. der Fähigkeit, noch selbständig haushalten zu können. Bei betagten Alleinlebenden wird das unabhängige Leben im eigenen Haushalt verstärkt positiv eingeschätzt wird, weil damit die Autonomie gewährleistet bleibt.

 Beurteilung der Ehe, der Konkubinatsbeziehung und des Alleinlebens 1986 und 2000

%-positiv: Jahr Total 18-39 J. 40-64 J. 65-84 J.
Verheiratet 1986 80% 74% 85% 94%
2000 85% 82% 88% 87%
Unverheiratet, mit festem Partner 1986 46% 62% 41% 25%
2000 73% 70% 79% 66%
Alleinleben 1986 31% 37% 23% 37%
2000 59% 57% 62% 55%

Quelle: Univox-Befragungen, bei jeweils 700 StimmbürgerInnen.


2. Junge und jüngere Alleinlebende

Mit jungen und jüngeren Alleinlebenden werden 18 bis ca. 35-jährige bezeichnet, welche nach dem Auszug aus dem Elternhaus temporär oder auch permanent allein leben. Wenn umgangssprachlich von 'Singles' gesprochen wird, ist in der Regel diese Altersgruppe gemeint. Die Alleinlebenden im jungen und jüngeren Lebensalter haben auch tatsächlich sehr stark zugenommen: Lebten 1970 noch 7% aller 20-29-jährigen Frauen allein, waren es 1980 bereits 16% und 1990 17%. Bei den 20-29-jährigen Männern stieg dieser Anteil von 7% im Jahr 1970 bis auf fast 20% im Jahr 1990. Die Zahlen der Volkszählung 2000 sind leider noch nicht verfügbar, es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass der Anteil der Alleinlebenden bei den 30-jährigen nochmals steigen wird, bei den 20-jährigen hingegen eher wieder etwas rückläufig ist, zumal junge Menschen wieder länger im Elternhaus wohnen bleiben (Fux, Baumgartner 2001: 444).

Die Gruppe der 20-29-jährigen weist trotz der medialen Aufmerksamkeit längst nicht soviele Alleinlebende auf wie die Betagten, von denen später noch ausführlich die Rede sein wird. Unter-30-jährige Alleinlebende in der Schweiz sind typischerweise ledig. Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil der Geschiedenen und Verwitweten stark an. Rund 60% der Unter-30-jährigen Alleinlebenden haben keinen festen Partner; auch dieser Anteil nimmt mit steigendem Alter zu. Das Erstheiratsalter bei Frauen beträgt im Durchschnitt 28 Jahre, vor der Heirat leben rund 2/3 in Konkubinatsgemeinschaften, etwa 8% in der Herkunftsfamilie oder in Wohngemeinschaften. Knapp 1/4 lebt unmittelbar vor der Heirat alleine.

Das Alleinleben im jüngeren Alter ist zwar nicht die dominante, aber doch eine häufig gewählte Lebensform, die in der Regel mit der Ausbildungsphase oder dem Einstieg ins Erwerbsleben zusammenfällt. Im Geschlechtervergleich ziehen Männer später aus dem Elternhaus aus als Frauen und bis ca. 24 Jahre sind es häufiger die jungen Frauen, die allein leben; nachher kehrt sich das Verhältnis um. Anfang 30 leben deutlich mehr Männer allein, während Frauen häufiger als Männer in nicht-ehelichen Partnerschaften leben und im Durchschnitt rund 2 1/2 Jahre früher heiraten als Männer. Dies verschafft Männern gegenüber Frauen oft einen biografischen Vorsprung, der ihnen beim partnerschaftlichen Aushandeln der Verteilung von Erwerbs- und Hausarbeit einen deutlichen Vorsprung im Hinblick auf die Positionierung im Arbeitsmarkt verschafft.
Beim Alleinleben handelt es sich häufig um eine teilautonome Lebensform: Singles führen einen selbstbestimmten, unabhängigen Lebenstil, werden aber oft von ihren Eltern finanziell unterstützt oder - vor allem Männer - bringen der Mutter weiterhin die schmutzige Wäsche.

Für die Zunahme des Alleinlebens im jüngeren Lebensalter gibt es drei Hauptthesen, die alle drei miteinander zusammenhängen:

Zum einen schieben junge Menschen in der Regel eine Heirat bis nach der Ausbildung auf; die längere Ausbildung verlängert somit auch die Zeit des Alleinlebens. Dieses Phänomen ist unter dem Begriff 'Institutionen- oder Bildungseffekt' bekannt. Alleinlebende in Ausbildung leben typischerweise in den Städten. Generell ist das Alleinleben eher ein urbanes Phänomen: Je grösser eine Gemeinde, desto höher ist der Anteil an Einpersonenhaushalten, da die Infrastruktur in den Städten dem Lebensstil von Alleinlebenden besser entspricht.

Zum zweiten haben insbesondere Frauen von der Bildungsexpansion seit den 1960er Jahren enorm profitiert. Nach der Einführung des Frauenstimmrechts, welches den Frauen 1971 (endlich) auch Zugang zu Berufen mit vorausgesetztem Aktivbürgerrecht verschaffte, haben Frauen zudem beruflich und politisch aufgeholt. Sie sind im Vergleich zu früher ökonomisch weniger abhängig von den Männern und können es sich leisten, länger allein zu leben. Dieser Effekt wird auch als 'Unabhängigkeitseffekt' bezeichnet.


Drittens hat sich im Zug der verlängerten Ausbildung und des gestiegenen Einkommensniveaus ein eigener postadoleszenter, nicht-familialer Lebensstil mit eigenen Wertvorstellungen herausgebildet: In mancher Hinsicht ähnelt der Lebensstil von Alleinlebenden jenem von Jugendlichen. Der Handlungsspielraum ist für diese Altersgruppe enorm gewachsen, sowohl durch den wirtschaftlichen Aufschwung und die Bildungsexpansion, als auch durch die Enttabuisierung der vorehelichen. Junge Alleinlebende profitieren am stärksten von den Möglichkeiten bezüglich Beruf, Freizeitgestaltung, Partnerschaft, Konsum, Reisen und anderes. Single-Frauen der Generation Ally - wie der Titel eines kürzlich erschienenen Bestsellers nach der US-Fernsehserie Ally McBeal lautet - sind typischerweise gut bis sehr gut ausgebildet, beruflich integriert und verfügen über ein hohes Einkommen. Sie sind stark freizeit-, und zunehmend auch berufsorientiert und nur am Rand an Fragen der Emanzipation interessiert. Sie pflegen ein breites soziales Kontaktnetz und zum Teil kurz- oder länger dauernde Partnerschaften. Dadurch, dass Alleinlebende aus dem Verband der Herkunftsfamilie herausgelöst und nicht in eine neue Familie eingebunden sind, leben sie selbstbestimmter und unabhängiger als innerhalb einer Familiengemeinschaft.

Alleinlebende schätzen die Freiheit in der Lebensgestaltung und der Wert der 'eigenen vier Wände', empfinden diese Freiheit und den damit einhergehenden Mangel an Verbindlichkeit aber oft als ambivalent - oder, wie es Katja Kullmann, die 30-jährige Autorin von Generation Ally formuliert: 'Sie haben sich etwas aufgebaut, ganz für sich allein. Sie brauchen nichts und niemanden. Aber sie wollen alles und jemanden. Jemanden zum Lieben und zum Familiengründen.' (Kullmann 2002: 9).

Bei den ganz Jungen ist das Alleinleben in der Regel klar auf eine beschränkte Zeit ausgerichtet, als eine Art 'Moratorium', bei dem noch keine Verantwortung für andere übernommen werden muss, jedoch mit der klaren Absicht, im mittleren Alter in einer Partnerschaft und evtl. Kindern zu leben. Je länger die Phase des Alleinlebens bereits angedauert hat, je mehr die Vorteile bezüglich Flexibilität und Autonomie wahrgenommen werden und je mehr mit der Familiengründung eine Rückkehr in traditionelle Rollenmuster verbunden ist, desto eher wird ein Familienleben hinausgeschoben oder ganz darauf verzichtet.

3. Alleinleben im mittleren Lebensalter

Das mittlere Lebensalter, d.h. von etwa 40 bis 60 Jahren, ist eine Phase, in welchem die meisten in einem Familien- oder Partnerschaftsverband leben. Die Entwicklung von 1970-1990 zeigt, dass der Anteil der Ledigen ab 40 Jahren im Zeitverlauf kaum zugenommen hat. Alleinlebende im mittleren Lebensalter sind zu mehr als der Hälfte sogenannte sekundäre Alleinlebende, d.h. Geschiedene oder Verwitwete. Bereits ab dem mittleren Lebensalter wird es somit schwierig, von 'den' Alleinlebenden zu sprechen, weil diese sich in unterschiedlichen Lebenslagen befinden und durch sehr verschiedenartige biografische Erfahrungen und Ereignisse geprägt sind. Dies wiederum beeinflusst ihren Status in bezug auf verschiedene Dimensionen der Lebenslage, von denen Erwerbstätigkeit, Freiwilligenarbeit und Gesundheit nachfolgend exemplarisch herausgegriffen werden:  
Bezüglich Erwerbstätigkeit sind ledige Frauen am höchsten integriert. Sie verfügen auch über ein wesentlich höheres Einkommen als Geschiedene, jedoch über ein tieferes Einkommen als ledige Männer. Für den Unterschied zwischen ledigen und geschiedenen Frauen ist nicht das Alter, sondern die zivilstandsabhängige Erwerbsbiografie verantwortlich. Bei den Männern ist kein grosser Unterschied zwischen Ledigen und Geschiedenen auszumachen; ihr Erwerbseinkommen steigt mit zunehmendem Alter. Das etwas höhere Einkommen geschiedener gegenüber lediger Männer ist grösstenteils dem höheren Alter zuzuschreiben.

Medianeinkommen von erwerbstätigen 40-59-jährigen Alleinlebenden, Frauen und Männer nach Zivilstand

 

Frauen

nner

Einkommen
Durchschnittsalter
Einkommen
Durchschnittsalter

Ledig

65'000.--
48
70'000.--
47

Geschieden

58'000.--
52
74'000.--
50

Quelle: SAKE 2000, eigene Berechnungen

Der Anteil jener, die informelle Freiwilligenarbeit leisten, ist bei den Alleinlebenden mit 28% etwas tiefer als bei Elternteilen in Familienhaushalten mit 36%. Hingegen ist der zeitliche Aufwand von Alleinlebenden, welche informelle Freiwilligenarbeit leisten, mit durchschnittlich 17 Stunden pro Monat deutlich höher als bei Elternteilen in Familienhaushalten mit 11 Stunden und bei Frauen jeweils höher als bei Männern (Bühlmann, Schmid 1997).

'Gesundheit' ist ein sehr breites Konzept und es gibt viele Methoden, einzelne Aspekte zu messen. Am eindeutigsten sind die Sterblichkeitsindikatoren. Verheiratete haben durchwegs eine geringere Sterblichkeit als Unverheiratete, seien diese ledig, geschieden oder verwitwet. Ein Grund dafür ist die Schwierigkeit für Menschen mit geringerer Lebenserwartung, etwa aufgrund einer Behinderung, einen Partner oder eine Partnerin für eine dauerhafte Beziehung zu finden (Selektionseffekt). Ein zweiter Grund dafür ist, dass das Zusammenleben den Tagesablauf strukturiert, dass gemeinsam eher eine vollwertige Mahlzeit eingenommen wird als alleine, dass die gegenseitige Verantwortung ein risikoarmes Verhalten begünstigt und die Gesundheitsvorsorge durch die wechselseitige Kontrolle verstärkt wird (Protektionseffekt) (vgl. Höpflinger 2002). Die unterschiedliche Sterblichkeit nach Zivilstand ist bei Frauen und Männern jeder Altersgruppe feststellbar, bei Männern ausgeprägter als bei Frauen: Der zu erwartende gesundheitliche Gewinn durch eine Heirat (bzw. durch ein dauerhaftes, strukturiertes Zusammenleben) ist somit für Männer höher als für Frauen, die generell gesünder leben als Männer.

Im allgemeinen ist das Alleinleben im mittleren Lebensalter schwieriger, weil der jugendorientierte Lebensstil von Singles mit zunehmendem Alter weniger goutiert wird und weil der Wunsch nach Spontaneität und prinzipieller Offenheit mit zunehmendem Alter in den Hintergrund tritt. Verlässliche Beziehungen und Stabilität werden zunehmend wichtiger. Die Freizeitorientierung von Zusammenlebenden nimmt gegenüber der Berufs- bzw. der Familienorientierung ab, d.h. die Zahl der Bekannten, die für spontane Freizeitaktivitäten zur Verfügung stehen, verringert sich zusehends. Der Unterschied in der Lebensführung zwischen allein- und zusammenlebenden Frauen ist sehr viel stärker als bei den Männern, die unabhängig von Zivilstand und Lebensform einer Vollzeiterwerbstätigkeit nachgehen. So sind ledige Frauen für ihre Freizeitgestaltung meist auf andere ledige Frauen angewiesen, wenn sie nicht in der Familie der Freundin oder der Schwester ein flexibler und allzeit verfügbarer, aber aber an Sonn- und Feiertagen nicht immer erwünschter Gast sein wollen. Wichtig für viele Alleinlebende sind die Kontakte, die bei der Arbeit geknüpft werden.

Ledige Alleinlebende werden oft und zu Unrecht als verantwortungslos und als Profiteure der AHV diskreditiert, und während man ledige Männer im mittleren Alter als Junggesellen bisweilen offen oder heimlich um ihre Freiheiten beneidet, gelten ledige Frauen schon bald als alte Jungfern oder - absurderweise - als 'sitzengeblieben' auf dem Parkett des Partnerschaftsmarkts. Sie müssen oft erklären, warum sie auf das, was immer noch als 'natürliche Bestimmung' der Frau angesehen wird - nämlich die Mutterschaft, frei- oder unfreiwillig verzichteten. Im freiwilligen Fall gelten sie nicht selten als egoistisch, im andern Fall als bemitleidenswert. So oder so stehen sie in einem permanenten Legitimationszwang - der zunehmenden Pluralität von Lebensformen, den Multioptionen und der gewachsenen Akzeptanz gegenüber dem Alleinleben zum Trotz. Die Metapher von der Familie als 'Keimzelle' der Gesellschaft unterstellt, dass die Familie die einzig naturgewollte und naturgegebene Lebensform ist und andere Formen zwar mittlerweile akzeptiert, aber keineswegs gleichwertig neben die Familie gestellt werden.

Geschiedene Frauen ohne Kinder leben nach der Trennung meist allein; falls sie Kinder haben, leben sie in der Regel als Alleinerziehende und erst nach dem Auszug des jüngsten Kindes allein. Die Scheidung ist für viele Frauen eine Armutsursache, dies umso mehr, je traditioneller ihre Lebensform während der Ehe war. Wenn sie nach der Geburt des ersten Kindes ihre Erwerbstätigkeit aufgegeben hatten oder um der Karriere des Mannes willen ihre eigenen beruflichen Ambitionen zurücksteckten, haben sie nach einer Scheidung zusätzlich zur emotionalen Belastung mit Wiedereinstiegsschwierigkeiten zu kämpfen, müssen sich mit einem tieferen beruflichen Niveau abfinden als es ihren Fähigkeiten entspricht und haben nicht selten einen jungen männlichen Vorgesetzten, um dessentwillen seine Ehefrau wiederum die Erwerbsarbeit zurücksteckt.  

Die ungleiche Verteilung der bezahlten und der unbezahlten Arbeit hat unter Umständen kurzfristige ökonomische Vorteile, vor allem, wenn der Mann gegenüber der Frau über einen wesentlichen Bildungsvorsprung verfügt und sich eine einseitige Investition in seine berufliche Karriere lohnt. Dieses Ungleichgewicht wirkt sich aber nachteilig auf die ganzheitliche Entwicklung von Frauen und Männern aus, die, falls sie Kinder haben, entweder nicht am Erwerbsleben oder nicht am Alltag der Kinder teilhaben.
Nach einer Scheidung sind die Frauen in der Regel ökonomisch umso schlechter gestellt, je stärker sie sich während der Ehe aus dem Erwerbsleben zurückgezogen hatten. Eine Lebensplanung die - so unromantisch dies sein mag - bei der Heirat die Scheidung gleich mitbedenkt, setzt eine möglichst durchgängige Erwerbstätigkeit (evtl. mit reduziertem Pensum) sowohl der Männer als auch der Frauen und eine Gleichverteilung der unbezahlten Arbeit voraus, wobei erhebliche berufliche Konzessionen von Seiten der Männer eingefordert werden müssten. Die wirtschaftlichen Strukturen setzen einer egalitären Rollenverteilung enge Grenzen, aber der kleine Handlungsspielraum, der zumindest für die Mittelschicht besteht, könnte wesentlich besser ausgenützt werden.


Die geschlechtsspezifische Arbeitsverteilung wirkt sich auch auf die Einstellung gegenüber ledigen Frauen aus: Weil sich Frauen statistisch gesehen häufiger aus dem Erwerbsleben zurückziehen, wird sich ein Arbeitgeber bei der Personaleinstellung eher für einen Mann entscheiden, weil hier die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass der Mann zu 100% für den Beruf zur Verfügung steht. Dieses Phänomen ist unter der Bezeichnung 'statistische Diskriminierung' bekannt. Auch ledige Frauen mit einer hohen Berufsorientierung sind aufgrund dieses Mechanismus bei der beruflichen Karriere gegenüber Männern benachteiligt. Die Umverteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern ist somit im Interesse aller Frauen: Im Interesse der Ledigen, damit sie in ihrer beruflichen Laufbahn nicht der statistischen Diskriminierung zum Opfer fallen, im Interesse der Verheirateten, damit sie ihre Ausbildung besser verwerten können und im Interesse der Geschiedenen, damit sie sich ihre Existenz sichern können.

In bezug auf die Lebenszufriedenheit führten qualitative Studien aus Deutschland interessanterweise zum Ergebnis, dass geschiedene Frauen zwar ökonomisch zu den eindeutigen Verliererinnen gehören, dass sie sich jedoch nach einer schwierigen Phase der Neu- und Umorientierung zum Teil erstaunlich gut auf die neue Lebenssituation einstellen und die neuen Unabhängigkeiten geniessen, während Männer in einer emotionalen Abhängigkeit verharren, aus der sie nur mit einer neuen Partnerin wieder herausfinden (vgl. Bachmann 1991).

Der Normkomplex 'Partnerschaft' hat erstaunlicherweise trotz gestiegenen Scheidungsraten und konfliktiven Beziehungsverhältnissen nicht an Bedeutung eingebüsst: Von wenigen Ausnahmen abgesehen halten auch Alleinlebende ein glückliches Zusammenleben in Partnerschaft oder Familie für die ideale Lebensform. Alleinlebende haben nur wenig institutionelle und gesellschaftliche Unterstützung und sind mit vielfältigen Ambivalenzen konfrontiert. Was sie von Nicht-Alleinlebenden unterscheidet ist der Grad der Bereitschaft, 'dem Frieden zuliebe' Kompromisse für eine gemeinschaftliche Lebensform einzugehen und in traditionelle Rollenbilder zurückzufallen.
 

4. Allein leben im höheren Lebensalter

Mit steigendem Lebensalter vergrössern sich die Unterschiede in der Lebensform von Frauen und Männern immer stärker. Dies wird klar illustriert, wenn wir die Zivilstandsverteilung älterer Männer und Frauen vergleichen): Männer sind auch im hohen Lebensalter häufiger verheiratet als Frauen, und entsprechend sind weniger ältere Männer ledig, verwitwet oder geschieden. So lebt beispielsweise selbst bei den 85 bis 89-jährigen Männern eine Mehrheit von 55% in einer Partnerschaft, verglichen mit nur 13% der gleichaltrigen Frauen.

Der deutlich höhere Anteil verheirateter älterer Männer ist sowohl das Resultat davon, dass Männer früher sterben und mehrheitlich eine jüngere Frau heiraten (wodurch primär Frauen ein hohes Verwitwungsrisiko aufweisen). Gleichzeitig heiraten Männer auch im höheren Alter nach einer Scheidung oder Verwitwung häufiger als Frauen erneut. Die Unterschiede der Zivilstandsverteilung zwischen älteren Männern und Frauen erklären mit, weshalb Männer häufiger von Frauen gepflegt werden als umgekehrt, und weshalb Frauen im Alter häufiger allein leben als Männer.

Alleinlebende Frauen haben einerseits im Alter weiterhin ein höheres Armutsrisiko als gleichaltrige alleinlebende Männer, dies gilt vor allem für ledige und geschiedene Frauen (worin sich auch die Folgen früherer Lohndiskriminierungen zeigen). Andererseits sind alleinstehende Frauen sozial insgesamt besser integriert und oft selbständiger. Die Sterblichkeit nach einer Verwitwung im Alter steigt primär bei den Männern deutlich an, und sofern sie nicht von Angehörigen gepflegt werden (Töchter, Schwiegertöchter) sind alleinstehende Männer im Alter einem höheren Desintegrations- und Vereinsamungsrisiko ausgesetzt als alleinstehende Frauen. Allerdings ist auch bei Frauen das Alleinleben im höheren Lebensalter stark biographisch geprägt, und am meisten Mühge haben - vereinfacht formuliert - jene Frauen mit dem Alleinleben im Alter, welche sich zu stark auf traditionelle Ehemuster ausgerichtet haben (und die im Verlauf einer langjährigen 'Fusionsehe' ihre Eigenständigkeit weitgehend geopfert haben).

Frauen jeden Alters beurteilen im übrigen eine Paarbeziehung weniger positiv als Männer. Umgekehrt weisen alleinlebende Frauen eine höhere Zufriedenheit mit dem Alleinleben auf als gleichaltrige alleinlebende Männer. Die Lebenszufriedenheit - aber auch die Gesundheit - von Männern ist im allgemeinen stärker an das Vorhandensein einer Partnerbeziehung gekoppelt als bei Frauen, und alleinlebende ältere Männer weisen denn höhere Mortalitätsraten auf als verheiratete Altersgenossen.

Detailstudien zeigen, dass die meisten alleinstehenden Frauen mit guten Kontakten zu ihren erwachsenen Kindern kaum erpicht sind, zu ihren Kindern zu ziehen. Das Leben im Ein-Personen-Haushalt erlaubt es gerade gut integrierten Frauen Unabhängigkeit und soziale Kontakte in eigener Regie zu kombinieren. Getrenntes Wohnen der Generationen - und die steigende Zahl älterer Alleinlebender - ist somit kein Krisenzeichen, sondern Hinweis auf das Funktionieren des Modells von 'Intimität auf Abstand'; ein Modell, das im europäischen Raum schon eine recht lange Tradition aufweist. Entsprechend basiert die heute gesetzliche Regelung, dass Erziehungs- und Betreuungsgutschriften zur AHV nur bei gemeinsamer Haushaltsführung ausgerichtet werden, auf historisch falschem Generationenmodell.

Literatur:Im Text zitierte Literatur:

Bachmann Ronald (1991): Singles. Frankfurt/M.: Lang.

Bühlmann Jacqueline, Beat Schmid (1997): Unbezahlt - aber trotzdem Arbeit. Zeitaufwand für Haus- und Familienarbeit, Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Nachbarschaftshilfe. Neuchâtel: Bundesamt für Statistik.

Fux Beat, Doris A. Baumgartner (2001): Familialer Wandel am Beispiel von Partnerschafts- und Erwerbsverläufen. FAMPRA.ch, 3/2001, S. 440-457.

Höpflinger, François (2002) Private Lebensformen, Mortalität und Gesundheit, in: Klaus Hurrelmann, Petra Kolip (Hrsg.) Geschlecht, Gesundheit und Krankheit. Männer und Frauen im Vergleich, Bern/Göttingen: Verlag Hans Huber: 419-438.

Kullmann Katja (2002): Generation Ally. Frankfurt/M.: Eichborn.

Streuli Elisa (2002): Alleinleben in der Schweiz. Entwicklung, Verbreitung, Merkmale. Dissertation am Soziologischen Institut der Universität Zürich. (Erscheint voraussichtlich Ende 2002 im elektronischen Katalog der Zentralbibliothek Zürich.)

Weiterführende Literatur zum Alleinleben

Bugar Andrea, Monique Dupuis (1989) Singlefrauen - eine neue Form von Gemeinschaft, in: Höpflinger François; Denise Erni-Schneuwly (Hrsg.) Weichenstellungen. Lebensformen im Wandel und Lebenslage junger Frauen. 2091-288.

Gilbert Anne-Françoise (2001) Kampf um die Welt - Sorge um sich selbst. Lebensentwürfe und kulturelle Räume lediger Frauen in der Moderne, Frankfurt: Ulrike Helmer.

Gräbe Silvia (Hrsg.) (1994) Lebensform Einpersonenhaushalt, Frankfurt: Campus.

Grözinger Gerd (Hrsg.) (1994) Das Single: gesellschaftliche Folgen eines Trends, Opladen. Leske & Budrich.

Hradil Stefan (1995) Die 'Single-Gesellschaft', München: Beck.

Hradil Stefan (2003) Vom Leitbild zum "Leidbild". Singles, ihre veränderte Wahrnehmung und der "Wandel des Wertewandels, in: Zeitschrift für Familienforschung, 15,1: 38-55.

Jäggi Eva (1997): Ich sag mir selber guten Morgen. Singles - eine moderne Lebensform. München: Piper.

 Krüger Dorothea (1990): Alleinleben in einer paarorientierten Gesellschaft. Eine qualitative Studie über die Lebenssituation und das Selbstverständnis 30-45-jähriger lediger, alleinstehender Frauen und Männer. Pfaffenweiler: Centaurus.

Martiny Ulrike, Wolfgang Voegeli (1995): Frauen auf sich selbst gestellt. Zur Lebenssituation alleinstehender Frauen. Stuttgart: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Meyer Sibylle, Eva Schulze (1989): Balancen des Glücks. Neue Lebensformen: Paare ohne Trauschein, Alleinerziehende und Singles. München: Beck.

Naumann Frank (1997): Solo in die Jahre kommen. Reinbek: Rowohlt.

Nave-Herz, Rosemarie, Dirk Sander (1998): Heirat ausgeschlossen? Ledige Erwachsene in sozialhistorischer und subjektiver Perspektive, Frankfurt/New York: Campus.

letzte Aenderung: 21.11.2003

Zurück zur Menuseite Familie /Zurück zur Homepage