Forum Familienfragen, organisiert von der Eidg. Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF), Solothurn, 11.Sept. 2002

 Astrid Stuckelberger, François Höpflinger

Späte und nachberufliche Familienphasen - intergenerationelle Leistungen moderner Familien

Einleitung und Grundmerkmale familial-verwandtschaftlicher Beziehungen

Bisherige Forschung zu Familien hat sich auf die frühen Phasen (Familiengründung, Familien mit Klein- und Schulkindern, Teenagern) konzentriert. Spätere familiale Phasen erhielten in den letzten Jahren erneut mehr Aufmerksamkeit, aus zwei Gründen:

Erstens hat aufgrund der demographischen Alterung das Thema der Alterspflege an Relevanz gewonnen, und - wie später gezeigt wird - ist ein grosser Teil der Alterspflege familiale Pflege. Zudem hat die erhöhte Lebenserwartung eine klare Verlängerung der gemeinsamen Lebenszeit älter werdender Eltern und ihren erwachsenen Kindern gebracht.

Zweitens haben neue Studien zu sozialen Netzwerken die enorme Bedeutung familialer Beziehungen auch in späteren Lebensphasen aufgezeigt, und es wurde klar, dass von einem Zerfall familial-verwandtschaftlicher Solidaritäten oder vom Abbrechen der Generationenbeziehungen nach dem Auszug der Kinder vom Elternhaus kaum die Rede sein kann. Entsprechend ist auch der Begriff der nachelterlichen Lebensphase - wie Kurt Lüscher betont - fehl am Platz.

Dabei spielt sich in späteren Lebensjahren ein Grossteil des familial-verwandtschaftlichen Lebens in getrennten Haushalten ab. Ein Zusammenwohnen älterer oder betagter Elternteile und erwachsener Kinder im gleichen Haushalt ist die Ausnahme. Diese Situation führte zur Prägung des Begriffes der 'multilokalen Mehrgenerationenfamilie'. Trotz getrennten Haushalten ergeben sich jedoch zwischen den familialen Generationen oftmals enge und intime Beziehungen und häufige Kontakte. Für diese Form der Generationenbeziehungen wird heute häufig der Begriff der 'Intimität auf Abstand' benützt. Gemäss dem 1996 durchgeführten deutschen Alterssurvey umfassen diese Beziehungsformen drei Viertel der Beziehungen erwachsener Personen zu ihren Eltern und über neunzig Prozent der Beziehungen älterer Menschen zu den Kindern (vgl. Kohli et al. 2000: 204).

Zur Bestimmung familialer Lebensformen ist jedenfalls das Konzept einer haushaltsorientierten Erfassung von Ehe und Familie lediglich in einer begrenzten Phase des Familienzyklus aussagekräftig, da nur in dieser Phase Haushalt und Familienleben zusammenfallen, während bei heranwachsenden Kindern, aber auch in bezug auf die ältere Generation, eine Haushaltskonzeption familiale Zusammenhänge nicht mehr erfassen kann. Eine haushaltsorientierte Analyse ist durch netzwerktheoretische Perspektiven zu ergänzen (vgl. Bertram 1993).

In vielen Fällen verlaufen die familialen Solidar- und Hilfeleistungen in beide Richtungen; von der jüngeren Generation zur älteren Generation (Hilfe und Pflege im Alter), aber auch von der älteren Generation zur jüngeren Generation (z.B. Geldzuweisungen und finanzielle Unterstützung bei der Familiengründung, Betreuung der Enkelkinder). So zeigen Studien über junge Familien, dass namentlich die Grossmütter einen bedeutsamen Teil der Kleinkinderbetreuung übernehmen. Wechselseitig verlaufen zumeist auch emotionale und moralische Unterstützungen (vgl. Szydlik 2000).

Auch die These, dass der Ausbau sozialstaatlicher Leistungen die familial-verwandtschaftliche Hilfe untergraben hat, findet keine Bestätigung. Im Gegenteil weisen neue Studien darauf, dass der Ausbau des Wohlfahrtsstaates (und namentlich der Altersvorsorge) die wechselseitigen familialen Generationenbeziehungen verstärkt hat (vgl. Künemund, Rein 1999).


Familiale Aufgaben und Leistungen im mittleren und höheren Erwachsenenalter

Ein entscheidender Wandel im mittleren Lebensalter ist sicherlich die Verschiebung im Generationengefüge. Einerseits steht die mittlere Altersgruppe zwischen der jungen und der älteren Generation, wobei das Stichwort 'Sandwich-Generation' wegen seiner suggestiven Aussagekraft allerdings kritisch zu hinterfragen ist (vgl. Höpflinger, Baumgartner 1999). Dennoch ist unverkennbar, dass in dieser Lebensphase teilweise gleichzeitig Verantwortungen für die jüngere Generation (Kinder bzw. Enkelkinder) und für die ältere Generation (betagte Eltern bzw. Schwiegereltern) anfallen. In jedem Fall stehen in dieser Lebensphase bei vielen Frauen und Männern zwei gegensätzliche intergenerationelle Veränderungen im Zentrum: Das Erwachsenwerden der Kinder einerseits und das älterwerden der eigenen Eltern andererseits (vgl. Perrig-Chiello, Höpflinger 2001).

1) Erwachsenwerden der Kinder

Charakteristisch für moderne Gesellschaften ist eine oft frühe sozio-kulturelle Selbständigkeit (frühe Selbständigkeit in bezug auf Freizeitverhalten und Konsum) gekoppelt mit später sozio-ökonomischer Selbständigkeit und Verantwortung (lange Ausbildung und oft erst späte finanzielle Selbständigkeit). Die Eltern müssen in dieser Familienphase zum einen die Leistung erbringen, die erwachsen gewordenen Kinder als Erwachsene zu akzeptieren und mit ihnen auf einer Erwachsenen-Ebene kommunizieren ('parental maturity'). Zum anderen müssen Eltern ihre Kinder faktisch oft auch Jahre nach Erreichen der Volljährigkeit finanziell Unterstützung. Tatsächlich sind die finanziellen, materiellen oder immateriellen Leistungen der Eltern für erwachsen gewordenen Kinder im Alter von 18 bis 29 Jahren oft beträchtlich. Diese Transferleistungen der Elterngeneration zugunsten der jüngeren Generation unterliegen gemäss der Studie von Laszlo A. Vaskovics (1997) im allgemeinen einer zentralen Grundregel:

"Das rechnet man nicht auf": Transfers an die erwachsenen Kinder sind in den Augen vieler Eltern eine Pflichtleistung. Gleichzeitig stehen diese Leistungen zwar im Zusammenhang mit elterlichen Erwartungen an erwachsene Kinder (in bezug auf Ausbildungsaktivitäten und -ziele, Gegenleistungen, Kontaktbereitschaft, emotionale Zuwendung etc.), eigene Leistungen sind jedoch aufgrund ihres verpflichtenden Charakters nicht als Durchsetzungsstrategie nutzbar. Leistungen und Gegenleistungen (im Sinne von Erfüllung der elterlichen Erwartungen) lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen. Leistung ist de facto unabhängig von Gegenleistung und dient nur der eigenen Pflichterfüllung. Um nicht doch in die Gefahr des gegenseitigen Aufrechnens zu kommen und sich nicht selbst mit einer negativen Transferbilanz zu konfrontieren, machen sich Eltern vielfach den Gesamtumfang ihrer Leistungen nicht im Detail bewusst. Die Vielfalt monetärer und nicht-monetärer, regelmässiger und unregelmässiger Leistungen schafft eine Unübersichtlichkeit, die vor dem Aufrechnen bewahrt: Man kann gar nicht aufrechnen, auch wenn man es wollte." (Vaskovics 1997:153-154).

2) Aelterwerden der eigenen Eltern und familiale Alterspflege

Heutige Frauen und Männer sehen sowohl ihre Mütter als auch Väter später sterben. Während 1985 nur ein Drittel der 40-45-Jährigen noch beide Elternteile hatten, sind es heute rund sechzig Prozent. Zwar besteht die Norm, den alten Eltern im Notfall Hilfe und Unterstützung zu leisten, allerdings ergeben sich diesbezüglich auf beiden Seiten oft Spannungen und Ambivalenzen. So zeigen sich nicht selten Diskrepanzen zwischen normativen Pflichten den alten Eltern gegenüber und den eigenen Lebensvorstellungen (die heute nur deshalb häufig nicht ausbrechen, weil auch die betagten Eltern oft heute lange behinderungsfrei leben)). Dennoch kann grob geschätzt werden, dass gegenwärtig rund ein Fünftel der Frauen im Laufe ihres Lebens mit einer Sandwich-Position (gleichzeitig Kinder Zuhause als auch pflegebedürftigen Elternteil) konfrontiert wird. Ob sich diese intergenerationelle Sandwich-Position jedoch tatsächlich in eine familiale Doppelbelastung auswirkt, hängt - wie erwähnt - von diversen Faktoren ab, wie Geschwisterzahl bzw. Möglichkeit der Aufteilung der Pflege auf mehrere Personen, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bezüglich familialer Pflege usw. (vgl. Höpflinger, Baumgartner 1999). Konfliktive Anforderungen zwischen den Generationen können sich auch ergeben, wenn Pflege betagter Eltern und Berufstätigkeit zusammenfallen (vgl. Dallinger 1998). Angesichts der hohen Erwerbstätigkeit und steigenden Berufsorientierung von Frauen kann dieser Vereinbarkeitskonflikt zwischen Beruf und familialer Pflege auch gesellschaftspolitisch bedeutsam werden.

Insgesamt betrachtet liegt die Pflegebedürftigkeitsquote in der Schweiz nach Berücksichtigung aller vorhandenen Informationen gegenwärtig bei zwischen 9.8% und 11.4% aller 65+-Jährigen. Hochgerechnet sind somit gegenwärtig zwischen 109'000 bis 126'000 ältere Menschen gemäss ADL-Kriterien pflegebedürftig. (vgl. Höpflinger, Hugentobler 2003). Bei lebt ein wesentlicher Teil zuhause und wird familial betreut. So lässt sich schätzen, dass in der Schweiz zwischen 55% bis 60% der demenzkranken älteren Menschen ambulant betreut werden. Bei zu Hause lebenden hilfe- und pflegebedürftigen älteren Menschen wird der weitaus grösste Teil der Hilfe, insbesondere der täglichen Pflege, durch die Ehepartner und nächsten Angehörigen erbracht. Familienhilfe ist für das Verbleiben hilfebedürftiger Betagter in der privaten Wohnung entscheidend. Ebenso eindeutig wie die enorme Bedeutung familialer Hilfe- und Pflegeleistungen ist die Beobachtung, dass Frauen bei den pflegenden Angehörigen klar übervertreten sind. In gewissen Sinne besteht eine hierarchische Einstufung familialer Versorgung: An erster Stelle steht die Ehegattin resp. Lebenspartnerin. An zweiter Stelle - sofern vorhanden bzw. nicht selbst hilfsbedürftig - steht der Ehemann, oft in Kombination mit Töchter und Schwiegertöchter. Erst an dritter oder vierter Stelle - wenn keine weiblichen Angehörigen verfügbar sind - treten männliche Verwandte (namentlich Söhne) hervor (vgl. Stuckelberger, Höpflinger 1996).

Nach eigenen Angaben kümmern sich über 40% der 50-64-jährigen Frauen - und nach eigenen Angaben ein Drittel der gleichaltrigen Männer - um ältere Menschen (ausserhalb des eigenen Haushalts). Teilweise handelt es sich um Nachbarn oder Freundinnen, zumeist jedoch sind Angehörige (Elternteile, Schwiegereltern u.a.). Zeitaufwändig sind namentlich Betreuungs- und Pflegeleistungen für stark pflegebedürftige Menschen im Alter. Aufwändig und oft auch belastend - auch aufgrund der mit der Krankheit verbundenen massiven Persönlichkeitsveränderung einer lieb gewordenen Person - ist namentlich die Betreuung von demenzkranken Angehörigen (vgl. Meier 1998).

Gemäss deutschem Alterssurvey 19966 betreuen 12% der 40-85-Jährigen eine hilfe- oder pflegebedürftige Person, zumeist handelt es sich um Angehörige der Elterngeneration (61% der Pflegesituationen), und in 17% der Pflegefälle wird eine nicht-verwandte Person gepflegt. "Der Anteil derjenigen Pflegenden, die einen Angehörigen der Elterngeneration betreuen, ist bei den 40-54jährigen am höchsten (76%), da in den höheren Altersgruppen die Existenz eines Angehörigen der Elterngeneration zunehmend unwahrscheinlicher wird. Bei den 70-85jährigen sind es überwiegend die (Ehe-)Partner, die gepflegt werden (43%)." (Künemund 2000: 217).

Im hohen Lebensalter werden Frauen und Männer - abgesehen von der eventuellen Möglichkeit finanzieller Transfers und Erbschaften - immer mehr zu Empfänger von Hilfe. Eine Längsschnittbeobachtung bei hochaltrigen Menschen in Genf und Wallis zeigt, dass im Alter von 85-89 Jahren nur noch 10% nur Hilfe leisten, 42% jedoch nur Hilfe erhalten. 35% leisten und erhalten Hilfe, und die restlichen 13% stehen ausserhalb von Hilfesystemen. Ein grosser Teil der geleisteten Hilfe an hochaltrigen Menschen kommt von Angehörigen und nahen Freunden. Interessant ist im Längsschnittvergleich, dass die im hohen Alter angeforderten professionellen Hilfeleistungen (Spitex u.a.) die informelle Hilfe keineswegs verdrängen, sondern sie ergänzen. Der Anteil derjenigen, die Hilfe aus formellen wie informellen Hilfesystemen erhalten, steigt im hohen Alter an (vgl. Lalive d'Epinay et al. 2001). Und es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass inskünftig eine qualifizierte Hilfe bei Hochbetagten von einer engen Zusammenarbeit zwischen familialen und professionellen HelferInnen abhängig ist. Speziell bei der Unterstützung und Pflege von Demenzkranken ist professionelle Unterstützung (Information, Beratung usw.) ein wesentlicher Faktor, um familiale Hilfesysteme zu stärken. Die Idee, dass etwa ein Ausbau der Spitex die familiale Solidarität und Unterstützung untergräbt, erweist sich faktisch als Fehlschluss.

3) Gestaltung der Pensionierung und der nachberuflichen Partnerschaft

Zwar ist die Pensionierung für die meisten Ehepaare kein kritisches Lebensereignis, aber es scheint, dass ein wesentlicher Teil der (erfolgreichen) Bewältigungsarbeit in Bezug auf den übergang in die nachberufliche Lebensphase speziell bei traditionellen Ehepaaren von der Ehefrau geleistet werden muss. Männer hegen nach ihrer Pensionierung teilweise idealisierte Vorstellungen zur Ehe- und Lebensgestaltung. Frisch pensionierte Männer hegen etwa häufig die Hoffnung, mehr Zeit als früher mit der Ehefrau gemeinsam zu verbringen; eine Erwartung, welche von ihren Frauen nicht immer geteilt wird. Auch "scheinen insbesondere frisch verrentete Männer, stärker als dies verrentete Frauen tun, ihre 'frei gewordene Zeit' frühmorgens in Ruhe und ohne Hektik geniessen zu wollen, um nachmittags und abends intensiv die 'neue Zeit' mit neuen Aktivitäten, oft im häuslichen Bereich, zu füllen." (Fooken 1999: 449). Dieser Wunsch entspricht nicht immer den Lebensplänen der - oft jüngeren - Ehefrauen, welche ihre teilweise mühsam errungene innereheliche Autonomie nicht aufgeben möchten. Speziell eine frühkindliche Konstellation von "weichem oder abwesendem Vater bei starker Mutterbindung" holt im Alter einige Gruppen von Männer ein: übernimmt die Ehefrau nach dem Tod der Mutter ihres Ehemannes quasi eine starke Bemutterungs-Funktion, erweisen sich diese Männer als symptomfrei und ausgesprochen zufrieden. Entspricht die Ehefrau nicht dieser Projektion und versucht, ihre eigene Autonomie zu entwickeln, besteht bei diesen Männern hingegen die Gefahr massiver depressiver und psychosomatischer Reaktionen (Fooken 1999: 450).

In jedem Fall müssen pensionierte Ehemänner ihr neues Leben mit den Lebensumständen und Erwartungen der Ehefrau koordinieren und synchronisieren. Dabei erweisen sich Kommunikationsbereitschaft und ein hohes Einfühlungsvermögen seitens des Ehemannes als zentrale Voraussetzungen für eine beidseitig befriedigende Partnerschaft im Alter. Zentral ist im höheren Lebensalter auch die Entwicklung einer Pflege- und Helferperspektive, wie dies bei einer wachsenden Gruppe älterer Männer zu beobachten ist. So sind gerade im Rahmen der Partnerschaft auch Männer zunehmend bereit und fähig, Pflegetätigkeiten und Fürsorge zu übernehmen. Auch in anderen sozialen Rollen (älterer Bruder, Grossvater) deuten sich neue, nicht-traditionelle Lebensweisen an, in denen die alten Zwänge einer traditionellen, männertypischen Lebensweise gerade im Alter überwunden werden und eine stärkere Beziehungsorientierung gelebt wird.

4) Uebernahme der Grosselternrolle

Die Geburt eines ersten Enkelkindes leitet eine neue Phase in den Familienbeziehungen ein. Einerseits verlängern sich die Generationenbeziehungen auf drei Generationen, andererseits ist die Rolle der Grosseltern auszufüllen. Aufgrund steigender Lebenserwartung ist die gemeinsame Lebenszeit von Grosseltern und Enkelkindern in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen (vgl. Höpflinger 1999; Lauterbach 2000). Damit sind Drei-Generationen-Beziehungen - früher aus demographischen Gründen selten - überhaupt erst möglich geworden. Im Vergleich zu vielen aussereuropäischen Kulturen ist Grosselternschaft in Europa und Nordamerika durch einige Besonderheiten gekennzeichnet:Ê Erstens leben die verschiedenen Generationen zumeist in getrennten Haushalten, und Drei-Generationen-Haushalte sind relativ selten. Zweitens bestehen kaum klar formulierte Rechte und Pflichten der Grosseltern. Die Beziehungen zwischen Enkelkindern und Grosseltern beruhen - wie andere verwandtschaftliche Beziehungen - auf Freiwilligkeit und individueller Gestaltung. So ist auch in der Schweiz die Grosseltern-Enkel-Beziehung weniger verrechtlicht als die Ehe oder das Kindesverhältnis (vgl. Hegnauer 1995).

Insgesamt betont das heutige gesellschaftliche Wertsystem klar die persönliche Freiheit und Selbständigkeit der verschiedenen Generationen. Eingriffe der Grosseltern in die Erziehung der Enkelkinder werden zurückgewiesen, wie umgekehrt aber auch die Grosseltern auf ihre Eigenständigkeit und Autonomie gegenüber Interventionen der jüngeren Generation pochen. Diese Tendenz wurde durch den Durchbruch nicht-autoritärer Erziehungsprinzipien verstärkt, und es zeigt sich ein klarer Wandel von einer asymmetrischen zu einer symmetrischen Machtverteilung zwischen Jung und Alt (Ecarius, Krüger 1997). Die Grosseltern-Enkelkind-Beziehungen sind daher heute weniger instrumentell-materiell als emotional-psychisch geprägt (vgl. dazu Attias-Donfut, Segalen 2000). Eine 1995 in Deutschland durchgeführte Befragung bei 573 Grossmüttern zeigte, dass Grossmutterschaft für alle Grossmütter eine generell hohe subjektive Bedeutung aufweist. Selbst erwerbstätige Grossmütter messen dieser Rolle eine hohe Bedeutung zu, wenn auch unter Beachtung der ausserfamilialen Interessen (vgl. (Herlyn, Lehmann 1998). (Vertiefungstext zu Grosselternschaft)

In nicht wenigen jungen Familien erfüllen die Grosseltern - und namentlich die Grossmütter - unersetzliche Betreuungsaufgaben. Dies wird namentlich bei jenen Familien deutlich, die auf eine externe Kinderbetreuung angewiesen sind. So zeigt eine Zürcher Studie über junge Familien, dass die Grosseltern und namentlich die Grossmütter einen bedeutsamen Teil der Kinderbetreuung übernehmen. Neben den Eltern der Kinder "waren es hauptsächlich die Grosseltern, welche einen wesentlichen Teil der Kinderbetreuung übernahmen." (Huwiler 1998: 50). So übernahmen beispielsweise schon im ersten Lebensjahr eines Enkelkindes 24% der Eltern der Mutter und 17% der Schwiegereltern regelmässig die Säuglingsbetreuung. Auch für spätere Lebensjahre ergaben sich ähnliche Zahlen. Auch gemäss Daten der Schweizerischen Arbeitskräfte-Erhebung stützen sich über 40% der Familien mit Kinder unter sieben Jahren, welche auf eine ausserfamiliale Betreuung angewiesen waren, auf die Grosseltern. Gerade auch bei alleinerziehenden Müttern erfüllen die Grosseltern häufig unersetzliche Betreuungs- und Unterstützungsaufgaben. So zeigte sich in einer Untersuchung bei Alleinerziehenden im Kanton Zürich, dass bei Erkrankung eines Kindes die Grosseltern die wichtigsten Betreuungspersonen waren. Für rund 23% der befragten Alleinerziehenden mit vorschulpflichtigen Kindern übernahmen die Grosseltern auch im normalen Alltag zentrale Betreuungsaufgaben (Husi, Meier 1995). In einer Tessiner Forschungsstudie über Alleinerziehende wurde die bedeutsame Stellung der Grosseltern gleichfalls deutlich: 46% der befragten Alleinerziehenden wurden mehrere Male pro Woche von ihren Eltern unterstützt (Kinderbetreuung, aber auch moralische Unterstützung) (vgl. Molo Bettelini et al. 1993: 33). Gemäss der Analyse von Tobias Bauer auf der Grundlage der SAKE-Daten 2000 leisten Grosseltern in der Schweiz pro Jahr 100 Millionen Betreuungsstunden (was selbst bei einem bescheidenden Stundenlohn von 20 Fr. jährlich eine Wertschöpfung von 2 Mrd. Franken ergibt).


Fünf abschliessende Anmerkungen und Schlussfolgerungen

1) Es existieren insgesamt keine empirischen Belege, dass sich die familial-verwandtschaftlichen Beziehungen aufgrund gesellschaftlicher Wandlungsprozesse in signifikanter Weise verschlechtert haben. Es gibt auch keine Belege dafür, dass der Ausbau der staatlichen Transferleistungen (via Sozialversicherungen) die familial-verwandtschaftliche Beziehungen untergraben hätten. Es ist eher der Fall, dass etwa der Ausbau der staatlichen Altersvorsorge zumindest auf emotional-sozialer Ebene eher zu einer Entlastung denn zu einer Belastung familial-verwandtschaftlicher Generationenbeziehungen beigetragen hat (auch weil wohlhabendere, wirtschaftlich abgesicherte ältere Generationen mehr Ressourcen für den intergenerationellen Austausch gewinnen). Die sicherste Strategie, um massive familiale Generationenkonflikte auszulösen, wäre ein Abbau der sozialstaatlichen Altersvorsorge, und eine radikale Durchsetzung des Verwandtenunterstützungsprinzips von unten nach oben dh. von der jüngeren Generation zugunsten älterer Familiengenerationen.

2) Es ist aber auch anzuführen, dass heute - ebenso wie in früheren Epochen familial-verwandtschaftliche Beziehungen und Solidaritäten ihre Lücken und Grenzen aufweisen. Soziologisch ist bedeutsam, dass familiale Transfers,Ê namentlich die finanziellen Transfers von älteren zu jüngeren Familiengenerationen (inklusive Erbschaften) sozial sehr ungleich verteilt sind. Nicht alle Kinder haben wohlhabende Eltern, und nicht alle Eltern haben Nachkommen, die fähig und willens sind, sich im Alter solidarisch zu zeigen. Entsprechend verstärkt ein soziales System, das stark auf familial-verwandtschaftliche Solidarität aufbaut, soziale Ungleichheiten zusätzlich. Eine Neugestaltung des Erbschaftsrechts und Fragen von Erbschaftssteuern gehören deshalb mit zu den wichtigen - wenn auch umstrittenen - Aspekten einer Familienpolitik. Angesichts der zunehmenden Langlebigkeit stellt sich unter anderem die Frage, ob bei Erbschaften nicht eine Generation übersprungen werden soll.

3) Bei der familialen Alterspflege - namentlich bei der Pflege dementer Angehöriger - wird immer deutlicher, dass eine gute familiale Betreuung und Pflege inskünftig noch stärker als heute von einer engen Zusammenarbeit mit professionellen Diensten abhängig ist. Familiale und professionelle Hilfe und Pflege sollten nicht als konkurrenzierende Systeme, sondern als sich ergänzende Hilfeformen verstanden werden. Familiale Pflege unter Angehörigen ist nicht nur oft sehr belastend, sondern sie stösst oft auch auf Intimitätsschranken (etwa wenn Söhne ihre betagten Mütter zu baden haben) sowie auf schwer zu bewältigende Rollenumkehrungen (wenn Eltern plötzlich von ihren Kindern abhängig werden). Fachliche Beratung und professionelle Betreuung werden in solchen Phasen wichtig, um familiale Systeme nicht zu überfordern.

4) Bei der Betrachtung späterer Phasen familialen Lebens und familialer Leistungen fällt familienpolitisch auf, dass einige sozialpolitische Massnahmen immer noch zu stark vom (historisch idealisierten) Bild der unter einem Dach lebenden Mehrgenerationenfamilien ausgehen. So werden Betreuungs- und Erziehungsgutschriften zur AHV vielerorts nur gutgeschrieben, wenn die betreuenden und betreuten Personen dem gleichen Haushalt angehören. Solche Regelungen widersprechen dem empirisch dominaten Modell multilokaler Mehrgenerationenfamilien.

5) Auffallend ist auch, dass Grosseltern - abgesehen von Erbangelegenheiten - familienrechtlich kaum existieren. Im Gegensatz etwa zu den USA haben Grosseltern bei der Scheidung ihrer erwachsenen Kinder keine rechtlich geregelten Besuchsrechte gegenüber ihren Enkelkindern. Umgekehrt ist auch die rechtliche Stellung von Enkelkindern - etwa gegenüber pflegebedürftigen Grosseltern - unklar. Obwohl die Enkelkind-Grosselternbeziehung - aufgrund grösserer Generationendistanz und geringerer biographischen Verstrickungen - gerade bei Pflegebedürftigkeit oder dementiellen Erkrankungen in nicht wenigen Fällen weniger belastet bzw. weniger ambivalent ist als die Beziehungen zwischen hochbetagten Eltern und ihren selbst älter werdenden Kindern, sind die Besuchs- und Informationsrechte von Enkelkindern formell ungeklärt.

Insgesamt wird klar, dass sich Familienpolitik und Familienrecht - mit Ausnahme des Erbrechts - bisher zu stark auf die frühen Phasen des Familienlebens konzentriert haben. In einer langlebigen Gesellschaft gewinnen aber auch die späteren Familienphasen - mit ihrem ganzen Reichtum, aber auch ihren inneren Spannungen und Zweideutigkeiten enorm an Relevanz.

Erwähnte Literatur:

Attias-Donfut, Claudine; Segalen, Martine (2000) Grands-parents. La famille à travers les générations, Paris: Editions Odile.

Bertram, Hans (1993) Familie und Haushalt. Gemeinsam wirtschaften, gemeinsam wohnen und wechselseitige Solidarität, in: Sylvia Gräbe (Hg.) Der private Haushalt im wissenschaftlichen Diskurs, Frankfurt: Campus, S. 227-252.

Dallinger, Ursula (1998) Der Konflikt zwischen familiärer Pflege und Beruf als handlungstheoretisches Problem, Zeitschrift für Soziologie, 27,2: 94-112.

Ecarius, Jutta; Krüger, Heinz-Hermann (1997) Machtverteilung, Erziehung und Unterstützungsleistungen in drei Generationen - Familiale Generationenbeziehungen in Ostdeutschland, in: Lothar Krappmann, Annette Lepenies (Hg.) Alt und Jung. Spannung und Solidarität zwischen den Generationen, Frankfurt: Campus: 137-160.

Fooken, Insa (1999) Geschlechterverhältnisse im Lebensverlauf. Ein entwicklungspsychologischer Blick auf Männer im Alter, in: Birgit Jansen, Fred Karl, Hartmut Radebold, Reinhard Schmitz-Scherzer (Hrsg.) Soziale Gerontologie. Ein Handbuch für Lehre und Praxis, Weinheim: Beltz-Verlag: 441452.

Hegnauer, Cyril (1995) Grosseltern und Enkel im schweizerischen Recht, in: Peter Gauch, Jörg Schmid u.a. (Hrsg.) Familie und Recht/ Famille et Droit. Festgabe der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Freiburg für Bernhard Schnyder zum 65. Geburtstag, Fribourg: Editions universitaires Fribourg: 421-442.

Herlyn, Ingrid; Lehmann, Bianca (1998) Grossmutterschaft im Mehrgenerationenzusammenhang. Eine empirische Untersuchung aus der Perspektive von Grossmüttern, Zeitschrift für Familienforschung, 10,1: 27-45.

Höpflinger, François; Baumgartner, Doris (1999) 'Sandwich-Generation': Metapher oder soziale Realität?, Zeitschrift für Familienforschung, 11,3: 102-111.

Höpflinger, François, Hugentobler, Valérie (2003) Pflegebedürftigkeit in der Schweiz. Prognosen und Szenarien für das 21. Jahrhundert, Bern: Huber-Verlag.

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Künemund, Harald (2000) Pflegetätigkeiten in der zweiten Lebenshälfte - Verbreitung und Perspektiven, in: Gertrud M. Backes, Wolfgang Clemens (Hrsg.) Lebenslagen im Alter. Gesellschaftliche Bedingungen und Grenzen, Leske & Budrich: Opladen: 215-228.

Künemund, Harald; Rein, Martin (1999) There is more to receiving than needing: theoretical arguments and empirical explorations of crowding in and crowding out, Ageing and Society 19: 93-121.

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Molo Bettelini, Cristina; Pezzati Pinciroli, Rita; Clerici, Nathalie (1993) Les familles monoparentales au Tessin. Une enquête psycho-sociale, Mendrisio: Dip. delle opere sociali.

Perrig-Chiello, Pasqualina; Höpflinger, François (2001) Zwischen den Generationen. Frauen und Männer im mittleren Lebensalter, Zürich: Seismo-Verlag.

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Szydlik, Marc (2000) Lebenslange Solidarität? Generationenbeziehungen zwischen erwachsenen Kindern und Eltern, Opladen: Leske & Budrich.

Vaskovics, Laszlo (1997) Solidarleistungen der Eltern für ihre erwachsenen Kinder in den neuen und alten Bundesländern, in: J. Mansel, G. Rosenthal, A. Tölke (Hrsg.) Generationenbeziehungen. Austausch und Tradierung, Opladen: Westdeutscher Verlag: 97-108.

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