François Höpflinger

Zukunftsperspektiven familialer Lebensformen

 

Auch die Zukunft der Gesellschaft wird durch eine hohe Wertschätzung von Paarbeziehungen geprägt, wobei die formelle Form der Paarbeziehung (verheiratet, unverheiratet, zusammenlebend oder living-apart-together) immer unwichtiger wird. Neben heterosexuellen Paarbeziehungen werden auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften durchaus akzeptiert, wobei gleichgeschlechtliche Paare sich in vielen Belangen (Treue zum Partner, Paarverhalten) wenig von heterosexuellen Paaren unterscheiden.

Der Wunsch nach Kindern ist zwar weniger selbstverständlich als früher, und Kinderlosigkeit ist eine sozial akzeptierte Lebensoption. Dennoch ist der Wunsch nach einem âglücklichen Familienleben' weiterhin verbreitet, und der grösste Teil der heutigen wie zukünftigen Kinderlosigkeit ist weniger eine frühe Entscheidung gegen Kinder als vielfach das Hinausschieben des Kinderwunsches, bis die Entscheidung gefallen ist. Was auch die Zukunft bestimmen wird, ist eine Konzentration auf wenige Kinder, auch wenn in einigen neo-traditionellen Milieus erneut mehr als drei Kinder gewünscht werden.

Die Zukunft der Lebensformen wird somit weiterhin geprägt durch eine im historischen Rahmen einmalige Konzentration auf Kleinhaushalte und Kleinfamilien. Eigentliche Alternativen zur Kernfamilie - wie Mehrgenerationenfamilien, Grossfamilien, aber auch Wohngemeinschaften - bleiben marginale Phänomene (zumindest statistisch betrachtet), und es ist interessant, dass sich aktuelle Diskussionen zu gemeinschaftliche Wohnformen - wie Alters(haus)gemeinschaften stark auf Personen in der "nachelterlichen Lebensphase" konzentrieren. Paar- und Familienbeziehungen werden auch in Zukunft die zentralen Intimgemeinschaften innerhalb einer sich rational verstehenden Gesellschaft bleiben (auch wenn romantische Vorstellungen zur Liebesehe oder zum Familienglück an Prägkraft einbüssen können). Da Scheidungsraten weiterhin hoch bleiben werden, dürften Einelternfamilien wie auch Zweitfamilien weiterhin häufig sein, aber aus demographischen Gründen wird der Anteil etwa von Einelternfamilien nicht weiter ansteigen.

Innerhalb von Paar- und Familienbeziehungen ergeben sich einige bedeutsame Veränderungen, die auch in Zukunft bestimmend sein bleiben. So werden junge Menschen und junge Familien in einer demographisch alternden Gesellschaft immer mehr zu einer sozialen Minderheit (was dazu beitragen kann, dass Familieninteressen auch politisch stärker an den Rand gedrängt werden). Der Trend zu einer strukturellen Rücksichtslosigkeit gegenüber den Interessen und Bedürfnissen von Kindern und jungen Eltern kann sich weiter verstärken. In den nächsten Jahrzehnten ist der Rückgang der Anzahl Paare mit minderjährigen Kindern grösstenteils darauf zurückzuführen, dass die Generationen der Babyboomer in ein Alter kommen, in dem ihre Kinder das Elternhaus verlassen. Dies hat eine Erhöhung der Anzahl älterer Paare, die ohne Kinder in einem Haushalt leben, zur Folge. Auch der Trend zur Verhäuslichung und Verschulung der Kindheit trägt dazu bei, dass Familien und junge Kinder gesellschaftlich unsichtbarer werden.

Parallel dazu führt die Kombination von Geburtenrückgang (wenig Nachkommen) und langer Lebenserwartung zu einer weiteren Vertikalisierug der familialen Generationenstrukturen: Die Zahl an Geschwister, Onkel, Tanten usw. schwindet, aber dank langer Lebenserwartung erhöht sich die gemeinsame Lebensspanne von Generationen: Erwachsene Kinder haben lange alte Elternteile, was zukünftig noch verstärkt zu einem zweiten familial-beruflichen Vereinbarkeitskonflikt (Erwerbstätigkeit und Verantwortung für pflegebedürftig gewordene alte Eltern) führen wird. Auf der positiven Seite haben Kinder länger gesunde Grosseltern, was zu einer Aufwertung der Enkelkind-Grosseltern-Beziehungen beiträgt. In zunehmend mehr Familien übersteigt die Zahl der Grosseltern die Zahl an Enkelkinder (auch weil soziale Grosselternschaft aufgrund erhöhter Scheidungsraten junger wie alter Paare an Bedeutung gewinnt). In den nächsten Jahrzehnten ist zudem mit einer rasch ansteigenden Zahl von Urgrossmüttern zu rechnen (wodurch sich mehr Vier-Generationen-Beziehungen ergeben).

Die Ausdehnung der gemeinsamen Lebensspanne von drei und in Zukunft vier Familiengenerationen schliesst familiensoziologisch gesehen eine verstärke "vertikale Interkulturalität" ein, da jede Generation andere Vorstellungen zu Partnerschaft, Familienleben, Kindererziehung und Rolle von Mutter und Vater einbringt. Eine zentrale Aufgabe der Zukunft wird es sein, das Verständnis zwischen älteren und jüngeren Generationen zu fördern, da eine demographisch alternde Gesellschaft nur kinder- und familienfreundlich sein kann, wenn auch die älteren Generationen einen Bezug zu jüngeren Generationen aufweisen.

Die Generationenunterschiede der Familienvorstellungen werden durch die Tatsache verstärkt, dass aufgrund von Einwanderung und binationalen Paarbeziehungen junge Familien häufig einen Migrationshintergrund aufweisen. Hohe Lebenserwartung und Migration werden sozusagen zu doppelten sozio-kulturellen Differenzen zu Familienwerten beitragen, Differenzen zwischen Generationen und Differenzen zwischen Kulturen.

Schon heute haben zwei Fünftel der Kinder und Jugendlichen in der Schweiz einen Elternteil, der nicht in der Schweiz geboren ist. Dies dürfte auch in Zukunft nicht wesentlich anders sein. Multikulturelle Paare und Familien können durchaus vom Leben in zwei Kulturen profitieren, sofern die Umwelt eine mehrkulturelle Ausrichtung akzeptiert. Kulturelle Probleme können sich allerdings daraus ergeben, dass das europäische Modell der (intimen) Kernfamilie (unter formeller Gleichstellung von Frau und Mann) weltweit betrachtet sozusagen das Ausnahmemodell darstellt, und die kulturellen Differenzen zwischen europäischen und aussereuropäischen Familienvorstellungen dürften sich eher verschärfen. In diesem Zusammenhang werden sich neue Fragen zum Verhältnis zwischen Individualrechten und Familienrechten stellen.

Die Zukunft der Lebensformen wird sicherlich weiterhin geprägt sein durch eine hohe Bedeutung von Paarbeziehungen und Kleinfamilien, und alternative Lebensformen jenseits der Familie dürften weiterhin ein Randdasein pflegen. Was die Beurteilung familialen Wandels erschwert, ist eine feststellbare komplexe Kombination von neuen Paar- und Familienvorstellungen und traditionellen Werten zu Familie und Kinder-haben. In diesem Rahmen ist es durchaus denkbar, dass in nächster Zukunft zwei gegensätzliche Trends gleichzeitig auftreten können:

Zum einen ist eine Neuaufwertung traditioneller familialer Werte in einer verunsicherten Gesellschaft durchaus möglich, sei es aufgrund neu-religiöser Bewegungen, sei es aber auch im Rahmen einer post-modernen Traditionspflege. Darauf deuten aktuelle Diskussionen über den Wert von Mutterschaft oder einer Aufwertung von Vaterschaft hin.

Zum anderen kann sich - vor allem in urbanen Regionen - eine verstärkte Polarisierung zwischen familial-orientierten Menschen und nicht-familial-orientierten Menschen ergeben. Darauf weisen Beobachtungen, dass jüngere Menschen mit Kindern und Kinderlose unterschiedliche Lebens-, Freizeit- und Konsumstile entwickeln, oder dass mehr Menschen in milieuorientierte Wohnformen leben (seien es kinderlose junge Erwachsene oder ältere Menschen in der nachelterlichen Lebensphase).

Insgesamt betrachtet wird somit auch die Zukunft familialer Lebensformen durch eine Koexistenz von Traditionen und Innovationen bestimmt werden, wobei einige Traditionen eine post-moderne Umwertung erfahren (wie etwa der Wandel von Hochzeiten von einem familien- zu einem freundzentrierten Ereignis illustriert). Der Wert einer Paarbeziehung und einer Familie hat sich nicht eindeutig reduziert, aber in einer Gesellschaft langlebiger Menschen ist ein Familienleben mit Kindern oft nur eine relativ kurze Lebensphase. Das Leben mit minderjährigen Kindern wird inskünftig immer mehr zu einer - oft bewusst gelebten - begrenzten Lebensphase, häufig eingegrenzt zwischen einer längeren jugendlich geprägten vorfamilialen Phase und einer langen Lebensphase ohne direkte elterliche Verantwortung (wenn auch - sofern familiale Beziehungen mit erwachsenen Kindern, Enkelkindern und zunehmend Ur-Enkelkindern gepflegt werden - nicht ohne familiale Beziehungen). Paare und Familien der Zukunft leben - noch stärker als Familien der Gegenwart - in Beziehungsformen, die sich lebenszyklisch immer wieder verändern. Sozial- und familienpolitische Massnahmen, die Familien als eine fixe Struktur festlegen, sind damit von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Letzte Aenderung: 14. Okt. 2010

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