François Höpflinger

Generationenbeziehungen heute

A) Demografischer Wandel

Die Lebenserwartung der schweizerischen Bevölkerung hat sich im Verlaufe des 20. Jahrhunderts deutlich erhöht, und Menschen von heute können damit rechnen, alt und oft sehr alt zu werden. Damit bleiben die Beziehungen zwischen Generationen länger erhalten. Gleichzeitig werden früher seltene Familienkombinationen häufiger, etwa wenn eine 40-jährige Frau gleichzeitig die Mutter eines heranwachsenden Sohnes und das 'Kind' betagter Eltern ist. Frauen und Männer erleben den Tod ihrer Eltern heute meist erst im 5. oder 6. Lebensjahrzehnt. Auch die gemeinsame Lebensspanne von Enkelkindern und Grosseltern hat sich ausgedehnt. Zumindest bis ins Teenageralter sind häufig noch alle Grosseltern am Leben. Heutige Kinder können in den meisten Fällen sogar erwarten, dass zumindest die Grossmütter ihre Volljährigkeit miterleben. Damit sind Drei-Generationen-Beziehungen - früher aus demografischen Gründen selten - überhaupt erst möglich geworden. (Studientext zu Grosselternschaft sowie Ergebnisse einer Enkelkind-Grosseltern-Befragung 2004 (PDF-File auf englisch)

Neben der erhöhten Lebenserwartung haben weitere Wandlungen zur historisch einmaligen Prägung verwandtschaftlicher Strukturen beigetragen. Zu nennen ist namentlich der Geburtenrückgang bzw. die Tendenz, nur wenige Kinder zur Welt zu bringen. Heutige Ehepaare haben meist zwei bis drei Kinder, wogegen Familien mit vier oder mehr Kinder selbst in katholischen Regionen der Schweiz selten geworden sind. Zum einen nahm damit die Zahl naher Verwandter ab. Die Zahl von Tanten und Onkel, aber auch von Cousins und Cousinen ist geringer geworden. Diese Entwicklung hebt die Bedeutung der vertikalen Beziehungen (Kinder, Eltern, Grosseltern) hervor. Für Kinder sind die Grosseltern immer häufiger die einzig bedeutsamen Vertreter/innen der älteren Generation einer Familie.

Die moderne Verwandtschaftsstrukturen gleichen insgesamt immer mehr einer 'Bohnenstange'. Während früher die horizontalen Familienbeziehungen (zu Geschwister, Tanten, Onkel usw.) eine grosse Bedeutung besassen, dominieren heute die vertikalen Beziehungen (Kinder, Eltern, Grosseltern). Die Verwandtschaftsstruktur ist dünner, jedoch zeitlich verlängert. Angesichts der weiterhin geringen Geburtenhäufigkeit und hohen Lebenserwartung wird sich diese Entwicklung inskünftig noch verstärken. (Mehr Details unter Demografischer Wandel der Generationenverhältnisse

B) Generationenbeziehungen in Familien - überraschende Kontinuität

Im Gegensatz zu einer häufig vertretenen Ansicht waren Drei-Generationen-Familien in der Schweiz selbst in früheren Zeiten wenig verbreitet. Heute leben die verschiedenen Generationen meist getrennt, aber die gegenseitigen Kontakte sind vielfach intensiv. In diesem Rahmen wird oft der Begriff 'Intimität auf Distanz' benützt, und FamiliensoziologInnen verwenden für diesen Familientypus den Begriff der "multilokalen Mehrgenerationen-Familie". Im Gegensatz zu einer häufig geäusserten Ansicht führt getrenntes Wohnen nicht zur Schwächung der Solidarität zwischen den Generationen. So bleiben auch die Kontakte zwischen Eltern und erwachsen gewordenen Kindern selbst in der sogenannt 'nachelterlichen Lebensphase' vielfach eng. Die Beziehungen zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern werden nicht nur durch eine Norm geregelt, die wechselseitige Unabhängigkeit vorschreibt, sondern es gibt auch eine Norm gemäss der man gegenüber Eltern und natürlich auch Kindern in stärkerem Masse zur Solidarität verpflichtet ist als gegenüber Freunden. In jedem Fall kann von einem generellen Abbrechen der Generationenbeziehungen nach dem Auszug der Kinder aus dem Elternhaus nicht die Rede sein.

Auch die Beziehungen zwischen Enkelkinder und Grosseltern wurden intensiver. Waren die Beziehungen zwischen Grosseltern und den anderen Generationen früher formal und autoritär, sind die Beziehungen zwischen Grosseltern und Enkeln heute wärmer und nachsichtiger. Sie sind häufig durch freundliche Gleichheit charakterisiert, die geeignet ist, Spannungen zwischen Familiengenerationen zu reduzieren

Alle empirischen Studien zu den Beziehungen zwischen verschiedenen Generationen (Kinder-Eltern-Grosseltern) zeigen durchgehend folgendes Bild: Die verwandtschaftlichen Strukturen haben sich zwar aus demografischen Gründen stark gewandelt, aber es lässt sich nicht nachweisen, dass verwandtschaftliche Beziehungen und intergenerationelle Solidarität an Bedeutung eingebüsst hätten. Alle Studien bestätigen die überraschend hohe Leistungsfähigkeit intergenerationeller Netzwerke, und von einem Zerfall familialer Solidarität kann nicht die Rede sein. Auch die These, dass der Ausbau sozialstaatlicher Leistungen die familial-verwandtschaftliche Hilfe untergraben hat, findet keine Bestätigung. Im Gegenteil weisen neue Studien darauf, dass der Ausbau des Wohlfahrtsstaates (und namentlich der Altersvorsorge) die wechselseitigen familialen Generationenbeziehungen verstärkt hat.

In vielen Fällen verlaufen die familialen Solidar- und Hilfeleistungen in beide Richtungen; von der jüngeren Generation zur älteren Generation (Hilfe und Pflege im Alter), aber auch von der älteren Generation zur jüngeren Generation (z.B. Geldzuweisungen und finanzielle Unterstützung bei der Familiengründung, Betreuung der Enkelkinder). So zeigen Studien über junge Familien, dass namentlich die Grossmütter einen bedeutsamen Teil der Kleinkinderbetreuung übernehmen. Wechselseitig verlaufen zumeist auch emotionale und moralische Unterstützungen.

Bei der Beurteilung der verwandtschaftlichen Hilfe und Solidarität sind allerdings drei Beobachtungen zentral:

Erstens liegt die Bedeutung der verwandtschaftlichen Solidarität - mit Ausnahme der Hilfe für pflegebedürftige Angehörige - nicht in der Bewältigung des Alltagslebens. Die Verwandtschaft hat primär die Aufgabe eines flexiblen Hilfspotentials, welches in speziellen Situationen (Krisen, Krankheiten, Behinderungen) mobilisiert wird. Deshalb erfolgt die verwandtschaftliche Hilfe oft wenig systematisch und kaum organisiert. Im normalen Alltag tritt die Verwandtschaft stärker in den Hintergrund, da jede Generation ihr Alltagsleben weitgehend selbständig zu organisieren versucht. Deshalb gibt der normale Alltag wenig Auskunft über das Hilfspotential in Krisenzeiten.

Zweitens wird verwandtschaftliche Solidarität zwischen den Generationen primär in vertikaler Richtung (Kinder-Eltern-Grosseltern) ausgeübt. Die horizontalen Verwandtschaftsbeziehungen (mit Geschwistern, Tanten oder Onkeln) fallen weniger ins Gewicht.

Drittens sind - wie in anderen Aspekten des Familienlebens - die Frauen die Hauptträgerinnen verwandtschaftlicher Hilfe. Es sind vorwiegend die weiblichen Angehörigen, welche verwandtschaftliche Beziehungen pflegen und tragen. Entsprechend sind die Kontakte zur Familie der Ehefrau meist enger als zur Familie des Ehemannes, und bei der Pflege betagter Elternteile sind Töchter bzw. Schwiegertöchter weitaus aktiver als Söhne bzw. Schwiegersöhne.

Probleme mit der familialen Generationensolidarität ergeben sich weniger, weil Angehörige nicht mehr zur Hilfe bereit wären, sondern primär, weil heute weniger Angehörige zur Verfügung stehen. So ist in der Schweiz der Anteil von kinderlosen Frauen und Männern beträchtlich (und sachgemäss können diese Personen im Alter nicht auf familiale Hilfe zurückgreifen). Aufgrund der demografischen Entwicklung erhöht sich auch die Gefahr, dass die Verantwortung für die Pflege betagter Eltern auf eine Person (das einzige Kind dieser Eltern) fällt. Zunehmend ist auch ein Ôzweiter beruflich-familialer Vereinbarkeitskonflikt bei Frauen (gleichzeitig erwerbstätig zu sein und für die Pflege betagter Eltern verantwortlich zu sein). Für die zukünftige Entwicklung ist es entscheidend, die familiale Hilfe durch professionelle Beratung und Unterstützung zu ergänzen.

C) Öffentliche und sozialpolitische Generationenbeziehungen

Bei der Diskussion intergenerationeller Beziehungen namentlich von Jugendlichen und junger Erwachsener ist es wichtig, klar zwischen allgemeinen Generationenverhältnissen und konkreten Generationenbeziehungen zu unterscheiden: So konnten zahlreiche Studien zeigen, dass Jugendliche, wenn sie abstrakt nach den Erwachsenen befragt wurden, sich wesentlich kritischer und distanzierter äusserten, als wenn es um die eigenen Eltern ging. Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich auch bei älteren Menschen: Alte Menschen sind zwar oft der Auffassung, erwachsene Kinder im allgemeinen würden ihre alten Eltern vernachlässigen. Nach den eigenen Kindern befragt, sind sie dagegen ganz anderer Meinung. Und am häufigsten behaupten ältere Menschen, dass Kinder ihre alten Eltern nicht genügend beachteten, die selber keine Kinder haben.

Während im familialen Bereich das Muster von Solidarität vorherrscht, sind die Beziehungen zwischen verschiedenen Generationen im Kultur- und Freizeitbereich eher durch eine gewisse Trennung gekennzeichnet. Für junge und ältere Generationen werden unterschiedliche Freizeitformen angeboten. Auch Freundschaften über die Generationengrenzen sind eher selten. Dies führt dazu, dass die Alltagskontakte zwischen den verschiedenen Generationen - ausserhalb von Familien - meist punktuell sind. In Ausbildungs- und Arbeitsorganisationen wiederum werden die intergenerationellen Beziehungen durch hierarchische Beziehungen überlagert, da in diesen Bereichen die nachkommenden Generationen meist die tieferen Positionen einnimmt, während die leitenden Positionen - als Lehrer, Dozent, Chef usw.) häufig von Mitgliedern älterer Generationen besetzt sind.

Auf der sozialpolitischen Ebene herrscht heute eher die Vorstellung gegensätzlicher Interessen von Jung und Alt vor. Dies ist namentlich in der deutschsprachigen Schweiz auffallend, wo viele StimmbürgerInnen starke Gegensätze zwischen Jungen und Alten wahrnehmen..

Die sozialpolitischen Diskussionen zu den negativen Auswirkungen demografischer Alterung, aber auch eine hohe Verunsicherung der älteren Generationen - u.a. aufgrund der Diskussionen zur Rolle der Schweiz im II. Weltkrieg - haben in der Deutschschweiz zeitweise zu einer Verstärkung sozialpolitischer Generationenkonflikte beigetragen.

Wahrgenommene Interessengegensätze zwischen Jungen und Alten, nach Sprachregionen: 1988 - 2006

%-Befragte, welche starke Interessengegensätze zwischen Jungen und Alten wahrnehmen:
  Total Deutsche
Schweiz
West-
schweiz
1988 57% 60% 47%
1992 56% 64% 32%
1997 55% 63% 30%
2002 50% 56% 37%
2006 46% 48% 37%

Quelle: Univox-Befragungen bei jeweils über 700 Schweizer StimmbürgerInnen.

Während früher primär die Revolte der Jugend Anlass für Generationenkonflikte war, steht heute primär die Stellung der älteren Generation im Zentrum der Auseinandersetzungen. Durch den Ausbau der Altersvorsorge konnte die jahrhundertelang bestehende Altersarmut zwar wirksam bekämpft werden. Die europäischen Sozialstaaten haben sich allerdings in den letzten Jahrzehnten primär zu Sozialstaaten für ältere Menschen entwickelt. Dabei wurde der andere Teil des Generationenvertrags (Betreuung und Pflege der nachkommenden Generation) vernachlässigt. Die Loslösung sozialpolitischer Generationensolidarität von familialen Gegebenheiten führt etwa dazu, dass Kinderlose vom System der Altersversorgung faktisch stärker profitieren als Männer und Frauen, welche sich intensiv um Kinder gekümmert haben. Die Ausrichtung der Sozialversicherungen auf das Erwerbseinkommen führt dazu, dass unbezahlte Erziehungs- und Betreuungsarbeiten (=Arbeit für nachkommende Generationen) vernachlässigt bleiben. Das Resultat dieser Einseitigkeiten zeigt sich darin, dass heute das Armutsrisiko von Kindern und Müttern höher liegt als das Armutsrisiko von RentnerInnen. Gleichzeitig sind die Ungleichheiten innerhalb einzelner Generationen enorm und wachsend. Gerade bei Rentnern sind die Vermögensunterschiede enorm. Solidarität zwischen Generationen setzt eine vermehrte Solidarität innerhalb von Generationen voraus.

Insgesamt kann festgestellt werden, dass die zukünftige Generationensolidarität weniger aufgrund demografischer Entwicklungen gefährdet erscheint, sondern aufgrund bisheriger sozialpolitischer Einseitigkeiten (zu geringe Berücksichtigung von Elternschaftsaufgaben, enorme soziale Ungleichheiten bei älteren Generationen).

Einige Literaturhinweise zum Thema

Attias-Donfut, Claudine (ed.) (1995) Les solidarités entre générations. Vieillesse, familles, état, Paris: Ed. Nathan.

Höpflinger, François (1998) Generationenbeziehungen in Familien. Trends und neue Probleme, Zürich: Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft.

Höpflinger, François (1999) Generationenfrage - Konzepte, theoretische Ansätze und Beobachtungen zu Generationenbeziehungen in späteren Lebensphasen, Lausanne: Réalités Sociales. (neuerdings verfügbar als PDF-File)

Höpflinger, François, Hummel, Cornelia; Hugentobler, Valérie (2006) Enkelkinder und ihre Grosseltern. Intergenerationelle Beziehungen im Wandel, Zürich: Seismo-Verlag.

Kohli, Martin; Szydlik, Marc (Hg.) (2000) Generationen in Familie und Gesellschaft, Opladen: Leske & Budrich

Krappmann, Lothar; Lepenies, Annette (Hg.) (1997) Alt und Jung. Spannung und Solidarität zwischen den Generationen, Frankfurt: Campus.

Liebau, Eckart (Hrsg.) (1997) Das Generationenverhältnis. Über das Zusammenleben in Familie und Gesellschaft, Weinheim: Juventa.

Lüscher, Kurt; Liegle, Ludwig (2003) Generationenbeziehungen in Familie und Gesellschaft, Konstanz: UVK.

Weitere Literaturhinweise zu Generationen

letzte Aenderung: Dezember 2006
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