François Höpflinger
Demographischer Wandel der Generationenverhältnisse
Die Lebenserwartung der schweizerischen Bevölkerung hat sich im Verlaufe des 20. Jahrhunderts deutlich erhöht, und Menschen von heute können damit rechnen, alt und oft sehr alt zu werden (vgl. Tabelle 1). Unsere Gesellschaft entwickelt sich damit immer deutlicher zu einer Drei-Generationen-Gesellschaft oder sogar zu einer Vier-Generationen-Gesellschaft. War es in vergangenen Jahrhunderten die Ausnahme, wenn Kinder betagte Eltern oder Grosseltern erleben konnten, ist dies heute immer mehr die Norm. Dank der verlängerten Lebenserwartung überschneiden sich die Lebenszeiten von zwei oder drei Generationen einer Familie immer stärker.
Ein längeres Leben bedeutet, dass Familienmitglieder länger Eltern, länger Kinder und auch länger Grosseltern sein können. Die Beziehungen zwischen Generationen bleiben länger erhalten Gleichzeitig werden früher seltene Familienkombinationen häufiger, etwa wenn eine 40-jährige Frau gleichzeitig die Mutter eines heranwachsenden Sohnes und das 'Kind' betagter Eltern ist. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass Enkelkinder alle Grosseltern erleben, ist deutlich angestiegen. Damit sind Drei-Generationen-Beziehungen - früher aus demographischen Gründen selten - überhaupt erst möglich geworden.
Die Abfolge der Generationen wird allerdings nicht allein von der Lebenserwartung, sondern auch vom Alter bei der Geburt von Kindern bestimmt. In dieser Hinsicht ergeben sich bedeutsame internationale Unterschiede, und die Schweiz gehört zu den Ländern, in denen vergleichsweise spät geheiratet wird. Deshalb ist das Alter von Frauen bei der Geburt von Kindern vergleichsweise hoch. Während Frauen in vielen aussereuropäischen Ländern ihr erstes Kind oft mit 18 bis 22 Jahren zur Welt bringen, erfolgt die Familiengründung in der Schweiz meist viel später. Dementsprechend sind die Generationenabstände in unserem Land deutlich höher als in süd- oder osteuropäischen Ländern. Obwohl die Lebenserwartung international gesehen sehr hoch ist, hat sich die Schweiz deshalb kaum zu einer eigentlichen Vier-Generationen-Gesellschaft entwickelt.
Neben der erhöhten Lebenserwartung haben weitere Wandlungen zur historisch einmaligen Prägung verwandtschaftlicher Strukturen beigtragen. Zu nennen ist namentlich der Geburtenrückgang bzw. die Tendenz, nur wenige Kinder zur Welt zu bringen. Heutige Ehepaare haben zumeist zwei bis drei Kinder, wogegen Familien mit vier oder mehr Kinder selbst in katholischen Regionen der Schweiz selten geworden sind. Diese Entwicklung hat entscheidende Folgen für die verwandtschaftlichen Beziehungen: Zum einen nahm die Zahl naher Verwandter ab. Die Zahl von Tanten und Onkel, aber auch von Cousins und Cousinen ist kleiner geworden. Diese Entwicklung hebt die Bedeutung der vertikalen Beziehungen (Kinder, Eltern, Grosseltern) hervor. Für Kinder sind die Grosseltern immer häufiger die einzig bedeutsamen Vertreter/innen der älteren Generation einer Familie. Zum anderen sank die Zahl von Geschwister, und die meisten Kinder wachsen heute höchstens mit ein bis zwei Geschwistern auf. Dasselbe galt für jene Erwachsenen, deren Eltern sich schon früher für wenig Kinder entschieden. Die Verantwortung für Pflege oder Versorgung betagter Eltern verteilt sich damit zwangsläufig auf ein oder zwei Kinder.
Die moderne Verwandtschaftsstrukturen gleichen insgesamt immer mehr einer 'Bohnenstange'. Während früher die horizontalen Familienbeziehungen (zu Geschwister, Tanten, Onkel usw.) eine grosse Bedeutung besassen, dominieren heute die vertikalen Beziehungen (Kinder, Eltern, Grosseltern). Die Verwandtschaftsstruktur ist dünner, jedoch zeitlich verlängert. Angesichts der weiterhin geringen Geburtenhäufigkeit und hohen Lebenserwartung wird sich diese Entwicklung inskünftig noch verstärken. Dazu kommt, dass in der Schweiz eine nicht unbeträchtliche Minderheit von Frauen und Männern kinderlos ist. Von den heutigen hochaltrigen Menschen haben rund 20-25% keine (lebenden) Kinder. Aufgrund von Krieg und Wirtschaftskrise verblieben Frauen und Männer dieser Generationen oft ledig und kinderlos. So blieb beispielsweise jede vierte Frau der Geburtsjahrgänge 1911/15 kinderlos. In den nachfolgenden Geburtsjahrgängen sank die Kinderlosigkeit, und von den Frauen der Geburtsjahrgänge 1936/40 sind nur zehn Prozent ohne Kinder. In den letzten zwei Jahrzehnten kehrte sich der Trend erneut. Der Anteil von Frauen und Männern, die bewusst auf Kinder verzichten, ist wieder deutlich angestiegen. Bei der Frauengenerationen 1955-1960 blieen rund 20% kinderlos, und bei der Frauengeneration 1965 ist es nahezu 30%.
Tabelle 1:
Zur Entwicklung der Lebenserwartung
A) Querschnittsdaten: Mittlere Lebenserwartung
| Männer | Frauen | |||
| bei Geburt | im Alter 65 | bei Geburt | im Alter 65 | |
| 1876/80 |
40.6
|
9.6
|
43.2
|
9.8
|
| 1939/44 |
62.7
|
11.6
|
67.0
|
13.1
|
| 2006 |
79.1
|
18.3
|
84.0
|
21.8
|
B) Längsschnittdaten: Lebenserwartung ausgewählter
Geburtsjahrgänge
|
Frauen
|
Männer
|
|||
|
bei Geburt
|
im Alter: 65 J.
|
bei Geburt
|
im Alter: 65 J.
|
|
| Jahrgang 1880 |
49.9
|
14.5
|
46.0
|
12.7
|
| Jahrgang 1930 |
77.5
|
21.9
|
69.3
|
17.3
|
| Jahrgang 1950 |
83.2
|
23.7
|
75.6
|
19.6
|
| Jahrgang 1970 |
86.2
|
24.7
|
79.9
|
21.3
|
Quelle: A) Schweiz. Sterbetafel; Statistische Jahrbücher der Schweiz
und Bevölkerungsbewegung der Schweiz. B) Generationensterbetafeln, vgl.
Menthonnex, Wanner 1998.
Für eine detaillierte Analyse der Entwicklung der Lebenserwartung in der Schweiz, vgl. Lebenserwartung-historisch1.pdf
Inskünftig werden sich die Generationenbeziehungen aufgrund der erwähnten demographischen Entwicklungen weiter verändern. Einerseits ist der Anteil von Frauen und Männer ohne Nachkommen beträchtlich und neuerdings wieder zunehmend. Andererseits erhöht sich bei Männern und Frauen mit Nachkommen die gemeinsam verbrachte Lebenszeit deutlich. Erstmals in der Geschichte kann tatsächlich von einer Mehr-Generationen-Gesellschaft gesprochen werden.
Zur gemeinsamen Lebensspanne der Generationen
Die letzten Jahrzehnte haben eine deutliche Verlängerung der gemeinsamen Lebensspanne älter werdender Eltern und ihren erwachsenen Kindern gebracht. Die nachfolgende Tabelle 2 illustriert den Anstieg der gemeinsamen Lebenszeit von Eltern und Kindern für die Schweiz auf der Basis von Daten zur Kohortenmortalität. Die gemeinsame Lebenszeit von den Eltern hängt sachgemäss vom Geburtenabstand ab (und spät geborene Kinder erleben den Tod der Eltern früher als früh geborene Kinder bzw. Erstgeborene). Da Männer bei der Familiengründung durchschnittlich älter sind als Frauen und gleichzeitig eine geringere Lebenserwartung haben, ist die gemeinsame Lebenszeit von Kinder mit ihrer Mutter im allgemeinen länger als mit ihrem Vater.
Tabelle 2:
Durchschnittliches Alter beim Tod der Mutter und des Vaters
im Kohortenvergleich
|
Durchschnittliches Alter beim Tod:
|
||||||
|
der Mutter
|
des Vaters
|
|||||
| Alter der Eltern bei Geburt des Kindes | 25 J. | 30 J. | 35 J. | 25 J. | 30 J. | 35 J. |
| Jahrgänge: | ||||||
|
1910
|
46
|
41
|
-
|
42
|
38
|
-
|
|
1920
|
49
|
44
|
39
|
45
|
40
|
35
|
|
1930
|
52
|
47
|
41
|
47
|
41
|
36
|
|
1940
|
56
|
50
|
44
|
49
|
43
|
38
|
|
1950
|
58
|
52
|
47
|
51
|
45
|
40
|
|
1960
|
60
|
54
|
48
|
53
|
47
|
42
|
|
1970
|
61
|
55
|
50
|
54
|
49
|
44
|
|
1980
|
62
|
57
|
51
|
56
|
50
|
45
|
Auch bei der gemeinsamen Lebenszeit von Grosseltern und Enkelkindern lassen sich markante demographische Verschiebungen festhalten (vgl. Tabelle 3): Vor dem 20. Jahrhundert konnte ein Kind seine Grosseltern (und vor allem seine Grossväter) kaum lange erleben. Oft waren zumindest ein oder zwei Grosseltern bei seiner Geburt schon verstorben. Es war selten, wenn Kinder gemeinsam mit den Grosseltern aufwachsen konnten. Schon aus diesem Grund waren Drei-Generationen-Haushalte vergleichsweise selten.
Heute hat sich dies grundlegend geändert, und zumindest bis ins Teenageralter sind häufig noch alle Grosseltern am Leben. Heutige Kinder können in den meisten Fällen sogar erwarten, dass zumindest die Grossmütter ihre Volljährigkeit miterleben. Früher war es selten, dass Grosseltern die Familiengründung (Heirat, Geburt eines ersten Kindes) ihrer Enkelkinder miterlebten. Die Zahl von Urgrosseltern hat sich erst in den letzten Jahrzehnten deutlich erhöht, und sie dürfte auch weiter zunehmen.
Sachgemäss zeigen sich auch beim Überleben der Grosseltern geschlechtsspezifische Unterschiede: Männer leben weniger lang und gründen später eine Familie. Dies bedeutet umgekehrt, dass Kinder meist länger mit Grossmüttern als mit Grossvätern aufwachsen können. Es ist deshalb kein Zufall, dass die familialen Generationenbeziehungen stark durch Frauen geprägt sind.
Tabelle 3:
Zur gemeinsamen Lebenszeit von Grosseltern und Enkelkindern
in der Schweiz
|
Durchschnittliches Alter eines Enkelkindes beim Tod:*
|
||||
|
der Grossmutter mütterlicherseits
|
des Grossvaters mütterlicherseits
|
|||
| Geburtsabstände: |
2*25 Jahre
|
2*30 Jahre
|
2*25 Jahre
|
2*30 Jahre
|
| Geburtsjahr Enkelkind | ||||
| 1930 |
20 J.
|
-
|
17 J.
|
-
|
| 1940 |
23 J.
|
11 J.
|
18 J.
|
8 J.
|
| 1950 |
26 J.
|
14 J.
|
20 J.
|
10 J.
|
| 1960 |
29 J.
|
17 J.
|
23 J.
|
11 J.
|
| 1970 |
32 J.
|
20 J.
|
25 J.
|
13 J.
|
| 1980 |
34 J.
|
22 J.
|
27 J.
|
15 J.
|
Datenquelle für Kohortenmortalität: Jacques Menthonnex, Philippe Wanner (1998) Kohortensterbetafeln für die Schweiz. Geburtsjahrgänge 1880- 1980. Ab 1995 projektierte Kohortenmortalität (zitiert aus Höpflinger 1999).
Intergenerationelles Unterstützungsverhältnis
Vor allem bei Hochbetagten ist mit substantieller Pflegebedürftigkeit zu rechnen, und sachgemäss müssen diese Pflegeaufgaben von den jüngeren Altersgruppen übernommen werden; sei es in Form familial-verwandtschaftlicher Hilfe; sei es in Form professioneller Pflege und Betreuung. Zur Erfassung der Verschiebungen der Generationenverhältnisse aufgrund der demographischen Entwicklung (weniger junge Menschen aufgrund geringer Geburtenhäufigkeit und mehr ältere Menschen, welche länger leben) werden heute vermehrt sogenannte 'intergenerationelle Unterstützungsraten' (engl. 'parent support ratios') benützt. In vereinfachter Form widerspiegelt dieser Indikator das Verhältnis zweier aufeinanderfolgender Generationen (Generation der hochbetagten Eltern im Verhältnis zur nachfolgenden Generation ihrer Kinder). Auch in der Schweiz zeigen sich klare Verschiebungen der intergenerationellen Unterstützungsraten:. Während 1950 auf 100 50-64-jährige Personen erst 7 80-jährige und ältere Menschen kamen, waren es 1990 schon 23, und im Jahre 2025 dürften auf 100 50-64-jährige Frauen und Männer schon 36 80-jährige und ältere Personen entfallen.
Ähnlich wie andere demographische Indikatoren können auch die intergenerationellen Unterstützungsraten eine suggestive Wirkung ausüben, wodurch steigende Raten zu rasch als 'Beweis' für die belastende Situation der 'Sandwich-Generation' angesehen werden. Gleichzeitig besteht durch eine rein demographische Betrachtung die Gefahr, alle Betagten und Hochbetagten prinzipiell zur Gruppe der Hilfs- und Pflegebedürftigen zuzuordnen, womit Defizitmodelle des Alters unterstützt werden.
Die mittlere Generation als'Sandwich-Generation': Mythos oder soziale Realität?
Personen und namentlich Frauen mittleren Lebensalters (zwischen 40 und 60 Jahren) werden seit den 1970er Jahren in zahlreichen sozialpolitischen durch die Metapher von der 'Sandwich-Generation' gekennzeichnet. Dabei wird unterstellt, dass konkurrierende Anforderungen durch die Eltern- und Kindergeneration für Frauen mittleren Alters häufig und typisch sind. Frauen mittleren Alters müssten gleichzeitig für die betagten Eltern als auch für die heranwachsenden Kinder tätig sein.
Das Konzept der 'Sandwich-Generation ' wird allerdings in der Literatur sehr unterschiedlich benützt und definiert. In der aktuellen Literatur lassen sich folgende Konzepte einer 'Sandwich-Konstellation' festhalten:
A) eine primär sozialpolitische Definition, in welcher die erwerbstätigen Personen sowohl für die noch nicht erwerbstätigen Personen (Kinder, Jugendlichen) als auch für die nicht mehr erwerbstätigen Personen (RentnerInnen) aufzukommen haben. Diese Situation wird statistisch oft durch den demographischen Gesamtquotient (Summe von Jugend- und Altersquotient) dargestellt. Der demographische Gesamtquotient (früher auch Abhängigkeitsverhältnis genannt) misst das Verhältnis von jungen, noch in Ausbildung befindlichen Personen sowie älteren, nicht mehr erwerbsfähigen Personen zum 'produktiven' Teil der Bevölkerung.
B) eine primär familiendemographische Definition, in welcher das Vorhandensein von gleichzeitig drei oder mehr familialen Generationen als Ausgangspunkt genommen wird. 'Sandwich-Konstellation' wird hier etwa durch das gleichzeitige Vorhandensein betagter Eltern und Kindern oder sogar Enkelkindern definiert.
C) Gleichzeitig Kinder wie betagte Eltern im gleichen Haushalt (Mehr-Generationen-Haushalt): Diese Situation ergibt sich etwa, wenn ein betagter Elternteil wegen Hilfs- und Pflegebedürftigkeit in den Haushalt aufgenommen wird. In einer westschweizerischen Studie bei 816 verheirateten Frauen und Männern in zwei mittelgrossen Städten (La Chaux-de-Fonds und Neuenburg) hatten 12% der befragten Ehepaare im Alter zwischen 50-57 Jahren gleichzeitig Kinder und mindestens einen hochbetagten Angehörigen (85-jährig und älter) in der Familie zu betreuen..
D) Gleichzeitige Verantwortung für Kinder und pflegebedürftigen (Schwieger)-Elternteil. Da ein wesentlicher Teil der familial-verwandtschaftlichen Hilfe im mittleren Lebensalter ausserhalb des eigenen Haushaltes erbracht wird, ist das gemeinsame Zusammenleben von drei Generationen nur ein schlechter Indikator für eine Sandwich-Situation. Eine faktische Sandwich-Situation liegt vor allem vor, wenn gleichzeitig Hilfe und Verantwortung für Kinder und pflegebedürftige Elternteile geleistet werden muss, und zwar auch ausserhalb des eigenen Haushalts. Eine spezielle Form der Sandwich-Situation ist vorhanden, wenn gleichzeitig Enkelkinder und betagte Eltern zu betreuen sind.
Ein aufgrund vorliegender familiendemographischer Daten für die Schweiz durchgeführter Querschnittsvergleich (Höpflinger, Baumgartner 1999) lässt erkennen, dass sich nur eine Minderheit der Frauen im Alter zwischen 40 und 49 Jahren in einer familiendemographischen 'Sandwich-Position' befindet: Von den 40-44-jährigen Frauen haben 7% gleichzeitig noch Kinder zuhause und einen pflegebedürftigen Elternteil. Bei den 45-49-jährigen Frauen sind es etwas über 6% (und eine grobe Schätzung ergibt auch für die nächste Altersgruppe einen analogen Wert von um die 6%).
Zwar befinden sich in den untersuchten Altersgruppen sehr viele Frauen (rund 68% bei den 40-44-jährigen Frauen und 54% bei den 45-49-jährigen Frauen) insofern in einer potentiellen intergenerationellen Sandwich-Position, als sie gleichzeitig noch Kinder im Haushalt und mindestens ein überlebenden Elternteil haben. Darin widerspiegelt sich die heutige Langlebigkeit, welche dazu führt, dass sich die gemeinsame Lebenszeit von Familiengenerationen ausgedehnt hat. Aber nur in einer Minderheit der Fälle führt dies zu einer familialen Sandwich-Situation, und die oft angesprochene intergenerationelle Doppelbelastung ist daher keineswegs die Norm, sondern eher eine Ausnahmesituation.
Der zentrale Grund, wieso eine familiale Sandwich-Situation deutlich seltener ist, als oft vermutet wird, liegt darin, dass in der Schweiz (aber auch in anderen europäischen Ländern) Menschen allgemeinen nicht nur lange leben, sondern auch lange behinderungsfrei bleiben. Da sich die gesundheitliche Lage älterer und betagter Menschen in den letzten Jahrzehnten merkbar gebessert hat, kam es damit vielfach auch zu einer zeitlichen Verzögerung der Pflegebedürftigkeit. Damit werden Eltern oftmals erst pflegebedürftig, wenn die Kinder der mittleren Generation schon erwachsen sind und das Elternhaus endgültig verlassen haben. Allerdings kann späte Elternschaft - wie sie bei den jüngsten Frauenkohorten vermehrt auftritt - inskünftig die Wahrscheinlichkeit einer 'Sandwich-Position' wiederum leicht erhöhen. Die oft gemachte Überschätzung intergenerationeller Sandwich-Positionen hängt wahrscheinlich auch mit Defizit-Modellen zum Alter/n zusammen, wodurch die Abhängigkeit der älteren Generation von den jüngeren Generationen überschätzt wird.
Inwiefern eine familiale Sandwich-Position tatsächlich zu einer intergenerationellen Belastungssituation führt, hängt zudem von weiteren Faktoren ab. So wird erstens ein Teil der Pflege pflegebedürftiger Angehöriger durch ambulante oder stationäre Einrichtungen übernommen. Zweitens ist zu berücksichtigen, dass sich die Pflege betagter Eltern auf verschiedene Geschwister verteilen kann. Tatsächlich ist der faktische Anteil von Frauen mittleren Alters, die gleichzeitig Kinder als auch eine verwandte Person zu betreuen haben, relativ gering. Er beträgt gemäss Auswertung des Mikrozensus Familie (bei dem nach Betreuungssituationen nachgefragt wurde) bei den 40-44-jährigen Frauen um die 2.5% und bei den 45-49-jährigen Frauen bei rund 1.5%.
Bei den oben angeführten Schätzwerten handelt es sich um eine Querschnittsbetrachtung, und die geringen Zahlenwerte können auch eine hohe Dynamik der Lebenssituationen widerspiegeln. So kann sich eine 'Sandwich-Situation' einerseits dadurch auflösen, dass die Kinder von zuhause wegziehen (um in Einzelfällen für einen pflegebedürftigen Elternteil 'Platz zu machen'). Andererseits kann sich eine intergenerationelle Doppelbelastung auch einfach dadurch auflösen, dass der pflegebedürftige Elternteil stirbt. Intergenerationelle Doppelbelastungen haben zumeist einen transitorischen Charakter, was ihre statistische Häufigkeit im Querschnittsvergleich sachgemäss reduziert (und dies umso stärker, je kürzer die Pflegebedürftigkeit betagter Personen dauert). Klare Längsschnittdaten zu diesem Thema fehlen noch, aber ganz grob geschätzt kann davon ausgegangen werden, dass gegenwärtig rund ein Fünftel der Frauen im Laufe ihres Lebens mit einer Sandwich-Position (gleichzeitig Kinder zuhause als auch pflegebedürftigen Elternteil) konfrontiert wird. Ob sich diese intergenerationelle Sandwich-Position jedoch tatsächlich in eine familiale Doppelbelastung auswirkt, hängt - wie erwähnt - von diversen Faktoren ab, wie Geschwisterzahl bzw. Möglichkeit der Aufteilung der Pflege auf mehrere Personen, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bezüglich familialer Pflege usw. Unsere Analyse bestätigt jedoch eindeutig, dass zumindest in der Schweiz eine intergenerationelle Sandwich-Position keineswegs als typische und erwartbare Erfahrung im Lebensverlauf moderner Frauen bezeichnet werden kann. Und der Hauptgrund dafür liegt ganz klar in der hohen behinderungsfreien Lebenserwartung heutiger Menschen.
Literaturhinweise
Bundesamt für Statistik (1996) Bevölkerung und Gesellschaft im Wandel. Bericht zur demographischen Lage der Schweiz, Bern: BFS.
Calot, Gérard (1998) Deux siècles d'histoire démographique suisse, Office fédéral de la statistique, Berne. (mit CD-Rom).
Höpflinger, François (1986) Bevölkerungswandel in der Schweiz. Zur Entwicklung von Heiraten, Geburten, Wanderungen und Sterblichkeit, Grüsch: Rüegger.
Höpflinger, François (1997) Bevölkerungssoziologie. Eine Einführung in bevölkerungssoziologische Ansätze und demographische Prozesse, Weinheim: Juventa.
Höpflinger, François (1999) Generationenfrage - Konzepte, theoretische Ansätze und Beobachtungen zu Generationenbeziehungen in späteren Lebensphasen, INAG-Studienheft 2, Lausanne: Réalités Sociales.
Höpflinger, François; Baumgartner, Doris (1999) "Sandwich-Generation": Metapher oder soziale Realität?, Zeitschrift für Familienforschung,11,3: 102-111.
Höpflinger, François; Astrid Stuckelberger (1999) Demographische Alterung und individuelles Altern. Ergebnisse aus dem NFP 32 'Altern', Zürich: Seismo.
Hörl, Josef; Kytir, Josef (1998) Die 'Sandwich-Generation': Soziale Realität oder gerontologischer Mythos? Basisdaten zur Generationenstruktur der Frauen mittleren Alters in Österreich, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 50,4: 730-741.
Kohli, Martin; Künemund, Harald; Motel, Andreas; Szydlik, Marc (2000) Generationenbeziehungen, in: Martin Kohli, Harald Künemund (Hrsg.) Die zweite Lebenshälfte - Ergebnisse des Alters-Survey, Opladen: Leske & Budrich.
Lauterbach, Wolfgang (1995) Die gemeinsame Lebenszeit von Familiengenerationen, Zeitschrift für Soziologie, 24,1: 22-41.
Menthonnex, Jacques; Wanner, Philippe (1998) Kohortensterbetafeln für die Schweiz. Geburtsjahrgänge 1888-1980, Bern: BFS.
Perrig-Chiello, Pasqualina; Höpflinger, François (2005) Aging parents and their middle-aged children: demographic and psychosocial challenges, European Journal of Ageing, 2: 183-191