François Höpflinger

Grosselternschaft und Generationenbeziehungen

Inhalt:

Gesellschaftlicher Stellenwert von Grosselternschaft

Besonderheiten der Grosselternschaft in Europa und Nordamerika

Grosselternrolle und 'Generativität' in der nachelterlichen Lebensphase

Einflussfaktoren auf Gestaltung der Grosselternrolle

Unterschiedliche Formen von Grosselternschaft bzw. Grossmutterschaft

Literatur zu Grosselternschaft


Gesellschaftlicher Stellenwert von Grosselternschaft

Die Geburt eines ersten Enkelkindes leitet eine neue Phase in den Beziehungen zwischen den Generationen ein. Einerseits verlängern sich die Generationenbeziehungen auf drei Generationen, andererseits ist die Rolle der Grosseltern auszufüllen. Der Begriff 'Grossvater' (grossus pater) lässt sich in der Schweiz seit 1526 (Wallis) nachweisen. Das Wort 'Grossmutter' (magna mater) wird erstmals 1565 schriftlich aufgeführt (Dubuis 1994: 37). Obwohl Grosselternschaft eine lange kulturelle Tradition aufweist, wurde Grosselternschaft in der Familien- und Altersforschung lange Zeit wenig thematisiert. Eine gewichtige Ausnahme bildet die klassische Studie von Neugarten und Weinstein (1964) bei 70 Grosseltern. Erst seit den 1980er Jahren wurde Grosselternschaft - und dabei spezifisch Grossmutterschaft - in der Forschung vermehrt untersucht (vgl. Bengtson, Robertson 1985, Cherlin, Furstenberg 1986, Kivnick 1982, 1986, Roberto 1990). Bis heute sind jedoch Studien zur Grosselternschaft namentlich im deutschsprachigen Raum noch selten (vgl. Wilk 1993, Herlyn, Lehmann 1998). Noch seltener sind im übrigen Studien zur Urgrosselternschaft (vgl. Doka, Mertz 1988).

Aufgrund steigender Lebenserwartung ist die gemeinsame Lebenszeit von Grosseltern und Enkelkindern in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen (vgl. Höpflinger 1999, Lauterbach 1995, 2000). Damit sind Drei-Generationen-Beziehungen - früher aus demographischen Gründen selten - überhaupt erst möglich geworden. Da Ehepaare heute allerdings zumeist nur wenig Kinder haben, sind in einer wachsenden Zahl von Familien mehr Grosseltern als Enkelkinder anzutreffen, und unter Umständen können sich vier Grosseltern um die Aufmerksamkeit eines einzigen Enkelkindes bemühen.

Die gemeinsame Lebenszeit der Generationen wird allerdings nicht nur von der Lebenserwartung, sondern auch vom Alter bei der Geburt von Kindern bzw. Enkelkindern bestimmt. In dieser Hinsicht ergeben sich bedeutsame internationale Unterschiede, und die Schweiz gehört zu den Ländern, in denen vergleichsweise spät eine Familie gegründet wird. Während Frauen in vielen aussereuropäischen Ländern ihr erstes Kind oft schon mit 18 bis 22 Jahren zur Welt bringen, erfolgt die Familiengründung in der Schweiz meist viel später. Da die Schweiz schon in früheren Epochen durch eine vergleichsweise späte Familiengründung gekennzeichnet war, war der Generationenabstand in unserem Land schon früher deutlich höher als beispielsweise in süd- oder osteuropäischen Ländern. Obwohl die Lebenserwartung in der Schweiz international gesehen sehr hoch ist, hat sich die Schweiz deshalb kaum zu einer eigentlichen Vier-Generationen-Gesellschaft entwickelt (vgl. Höpflinger 1999). Auch inskünftig dürfte die Tendenz, Kinder erst spät zur Welt zu bringen, die Zunahme in der Zahl von Urgrosseltern bremsen.

Da Männer im allgemeinen später eine Familie gründen als Frauen und gleichzeitig häufig früher sterben, können Kinder meist länger mit Grossmüttern als mit Grossvätern aufwachsen. Es ist deshalb kein Zufall, dass die familialen Generationenbeziehungen stark durch Frauen geprägt sind. In einem gewissen Sinne sind familiale Generationenbeziehungen durch matriarchale Züge geprägt. Zusätzlich zu den demographischen Faktoren (mehr weibliche Angehörige) sind dafür auch soziale Faktoren verantwortlich. Tatsächlich sind es heute hauptsächlich die weiblichen Familienangehörigen, die sich aktiv um verwandtschaftliche Beziehungen kümmern (vgl. Höpflinger 1994).

Die gesellschaftliche Stellung der Grosselterngeneration variiert historisch und kulturell. Im allgemeinen ist das Ausmass an Formalität und Respekt in der Beziehung der Enkelkinder zu ihren Grosseltern direkt mit der Macht der älteren Generation in familiären und gesellschaftlichen Strukturen verbunden (vgl. Kivnick, Sinclair 1996). "In Kulturen und historischen Perioden, in denen Entscheidungen von den Älteren getroffen wurden, und in denen die wirtschaftliche Macht bei den Alten lag, waren die Beziehungen zwischen Grosseltern und den anderen Generationen formal und autoritär, sie wurden durch Vorrechte und Übernahme der Versorgung auf der einen Seite und von Abhängigkeit und Achtung auf der anderen charakterisiert. Anders in Kulturen und Perioden, in denen die Alten nicht über funktionelle Autorität verfügen; dann sind Beziehungen zwischen Grosseltern und Enkeln wärmer und nachsichtiger, sie sind durch freundliche Gleichheit charakterisiert, die geeignet ist, Spannungen zwischen Familiengenerationen zu reduzieren." (Olbrich 1997: 181-182).

Besonderheiten der Grosselternschaft in Europa und Nordamerika

Im Vergleich zu vielen aussereuropäischen Kulturen ist Grosselternschaft in Europa und Nordamerika durch einige Besonderheiten gekennzeichnet:

Erstens leben die verschiedenen Generationen zumeist in getrennten Haushalten, und Drei-Generationen-Haushalte sind relativ selten. Namentlich in Nord- und Mitteleuropa wurde mit der Entwicklung des 'europäischen Heiratsmodells' ein getrenntes Wohnen und Haushalten verschiedener Generationen schon vergleichsweise früh zur kulturellen Norm, und die Interessen der Kernfamilie (Eltern-Kind-Beziehungen) gewannen gegenüber den Beziehungen zur älteren Generation eindeutige Priorität. Vorherrschend ist heute eindeutig die 'multilokale Mehrgenerationenfamilie'.

Zweitens bestehen kaum klar formulierte Rechte und Pflichten der Grosseltern. Die Beziehungen zwischen Enkelkindern und Grosseltern beruhen - wie andere verwandtschaftliche Beziehungen - auf Freiwilligkeit und individueller Gestaltung. Im Gegensatz zur Eltern-Kind-Beziehung ist "die Grosseltern-Enkel-Beziehung kaum durch rechtliche und auch nur in geringem Mass durch sozial eindeutig definierte gegenseitige Rechte und Pflichten abgesichert." (Wilk 1993: 206). So ist auch in der Schweiz die Grosseltern-Enkel-Beziehung weniger verrechtlicht als die Ehe oder das Kindesverhältnis (Zu Grosseltern und Enkeln im schweizerischen Recht, vgl. Hegnauer 1995).

Insgesamt betont das heutige gesellschaftliche Wertsystem klar die persönliche Freiheit und Selbständigkeit der verschiedenen Generationen. Eingriffe der Grosseltern in die Erziehung der Enkelkinder werden zurückgewiesen, wie umgekehrt aber auch die Grosseltern auf ihre Eigenständigkeit und Autonomie gegenüber Interventionen dere jüngeren Generation pochen. Diese Tendenz wurde durch den Durchbruch nicht-autoritärer Erziehungsprinzpien verstärkt, und in einer ostdeutschen Studie zeigte sich ein klarer Wandel von einer asymmetrischen zu einer symmetrischen Machtverteilung zwischen Jung und Alt. Damit "wird in den intergenerationalen Interaktionsformen auch verstärkt eine Relativierung der Alterspositionen sichtbar. Das wird auch in der Stellung der ältesten Generation, der Grosseltern, deutlich. Die EnkelInnen werden zu akzeptierten Ansprechpartnern der Grosseltern. Interessant ist auch hier, dass die Verschiebung in der Machtverteilung und damit die Relativierung der Lebensalter von der älteren und der jüngeren Generation gleichzeitig vorangetrieben wird." (Ecarius, Krüger 1997: 156). Die Grosseltern-Enkelkind-Beziehungen sind daher heute weniger instrumentell-materiell als emotional-psychisch geprägt (vgl. dazu auch: Attias-Donfut, Segalen 2000).

Aufgrund der heutigen familialen Verhältnisse ist die Bedeutung der Grosseltern-Enkel-Beziehung stark individualisiert, und das Verhältnis zu den Enkelkindern variiert stark. Dazu trägt die Tatsache bei, dass das Alter von Frauen und Männern, in denen sie diese Rolle übernehmen, variiert. Je nach Umständen kann eine Frau schon mit 40 oder 45 Jahren zur Grossmutter werden; das heisst zu einem Zeitpunkt, da sie sich beispielsweise um einen beruflichen Wiedereinstieg bemüht und sich deshalb kaum als 'alt und grossmütterlich' fühlt. In diesen Fällen fällt die erste Phase der Grosselternschaft in eine Lebensphase, in welcher ein Grossvater und zunehmend auch eine Grossmutter noch voll beruflich beschäftigt sind. Frauen und Männer, die vergleichsweise früh zu Grosseltern werden, können Mühe aufweisen, sich mit dieser Rolle zu identifizieren, da Grosselternschaft gesellschaftlich mit Altsein verbunden wird. In anderen Fällen wird eine Frau oder ein Mann erst nach der Pensionierung zur Grossmutter bzw. zum Grossvater. Grosselternschaft nach der Pensionierung erleichtert zwar möglicherweise die Übernahme von Betreuungsaufgaben, aber späte Grosselternschaft ist wiederum mit dem Problem behaftet, dass altersbedingte Behinderungen und Krankheiten die gemeinsamen Aktivitäten mit Enkelkindern einschränken können.

Umgekehrt bietet die Geburt von Enkelkindern und ihr Aufwachsen für betagte Menschen eine Gelegenheit, erneut enge, persönliche Kontakte zur jüngsten Generation zu pflegen. Gleichzeitig kann zumindest symbolisch an frühere Lebensphasen angeknüpft werden, wodurch die biographische Kontinuität gestärkt wird. Eine Grossmuter oder ein Grossvater wird im Kontakt mit den Enkelkindern symbolisch mit zwei Kindern konfrontiert; dem Kind aus der Vergangenheit in sich und dem Kind aus der Gegenwart vor sich. Lebensgeschichtliche Erzählungen und die Tradierung des familialen Gedächtnisses sind denn bedeutsame Bestandteile in der Beziehung zwischen Grosseltern und Enkelkindern (vgl. Engelhardt 1997, Segalen 1991). Fehlt Kindern der regelmässige Austausch mit Grosseltern, dann sind sie anfälliger fŸr Vorurteile gegenŸber dem hohen Alter. Wenn man als Kind keine bedeutende Beziehung zu einem Grosselternteil hat, ist die Wahrscheinlichkeit höher, später ebenso keine enge Beziehung zu eigenen Enkelkindern entwickeln zu können (Mueller, Elder 2000: 251).

Grosselternrolle und 'Generativität' in der nachelterlichen Lebensphase

Die Grosselternrolle ist so betrachtet ein zentrales Element von 'Generativität' in der nachelterlichen Lebensphase. Seit Erik H. Erikson spricht die Entwicklungspsychologie von 'Generativität' als einer wichtigen Entwicklungsaufgabe des Alters. "Generativität bezieht sich sowohl auf die Vermittlung und Weitergabe von Erfahrung und Kompetenz an jüngere Generationen, beispielsweise in der Mentoren- oder der Grosselternrolle, als auch auf eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Aktivitäten, durch die alte Menschen einen Beitrag für das Gemeinwesen leisten, sei es durch 'produktive oder kreative' Tätigkeiten oder durch soziales, kulturelles oder politisches Engagement." (Lang, Baltes 1997: 169). Nach Ryff und Heincke (1983) kennzeichnet es 'generative' Personen, dass sie für nachkommende Generationen Sorge tragen, sich ihrer Verantwortung für jüngere Personen bewusst sind, sich selbst als Meinungs- und Normenträger erleben und sich ihrer Einflussmöglichkeiten auf andere bewusst sind. In ähnlicher Weise argumentieren auch Kleiber und Ray (1993), wenn sie betonen, dass sich Generativität im Bemühen und in der Sorge um die nachkommenden Generationen insgesamt zeigt, also nicht ausschliesslich darin, die eigenen Ideen und Handlungen anderen Personen zu vermitteln. Generativität unterscheidet sich von reiner Selbstverwirklichung insofern, als der Wille im Vordergrund steht, eine 'Spur' zu hinterlassen, die über den eigenen Tod hinaus Bestand hat. Die Generativität älterer Menschen besteht im weiteren auch in der Integration von Neuem in das Alte und der Wahrung von Kontinutität. Darin unterscheidet sich die Generativität des Alters von der reproduktiven Generativität des frühen und mittleren Erwachsenenalters. Die Grosselternrolle ist heute vielfach jene sozial akzeptierte Rolle älterer Menschen, in der Elemente der Generativität wie selbstverständlich einfliessen können.

Eine 1995 in Deutschland durchgeführte Befragung bei 573 Grossmüttern zeigte, dass Grossmutterschaft für alle Grossmütter eine generell hohe subjektive Bedeutung aufweist: "Bei Vorgabe einer zehnstufigen Skala gaben fast vier Fünftel der Grossmütter Werte zwischen sieben und zehn an; nur eine verschwindend geringe Quote (2%) mass der Grossmutterschaft eine geringere Bedeutung als den Wert fünf bei. Es zeigen sich unabhängig von der Kohortenzugehörigkeit bzw. den Altersklassen grundsätzlich affirmative Grundeinstellungen hinsichtlich der Vorstellungen zur Grossmutterschaft." (Herlyn, Lehmann 1998: 32). Selbst erwerbstätige Grossmütter messen dieser Rolle eine hohe Bedeutung zu, wenn auch unter Beachtung der ausserfamilialen Interessen.

4) Einflussfaktoren auf Gestaltung der Grosselternrolle

Die konkrete Ausgestaltung der Grosselternrolle wird allerdings durch diverse Bedingungen bestimmt:

Zum ersten zeigen sich klare geschlechtsspezifische Unterschiede, und Grossmütter sind oft aktiver und engagierter um Enkelkinder bemüht als Grossväter. Dies gilt vor allem für die Betreuung von Enkelkindern, und in einer deutschen Befragung bei 40-59-jährigen Frauen und Männern zeigte sich, dass nahezu die Hälfte der befragten Frauen bereit war, im Alter ihre Enkelkinder zu betreuen. Die befragten Männer antworteten nur etwa zu einem Viertel in dieser Richtung (vgl. Störtzbach 1992: 307).

Zentral ist zum zweiten die räumliche Distanz zu den jeweiligen Enkelkindern, und mit zunehmender räumlicher Distanz werden Kontakte seltener und auf Ferienzeiten beschränkt (vgl. Marbach 1994). Stark räumlich beeinflusst wird sachgemäss die regelmässige Kleinkinderbetreuung durch die Grosseltern (Templeton, Bauereiss 1994).

Bedeutsam ist zum dritten das Alter der Enkelkinder (und damit verbunden das Alter der Grossmutter). So vermindern sich die Kontakte und vor allem die gemeinsamen Aktivitäten zwischen Grosseltern und Enkelkindern oft mit dem Heranwachsen der Enkelkinder (Cherlin, Furstenberg 1985, Johnson 1985). Teenager erleben neben der Ablösung von den Eltern oft auch eine gewisse Ablösung von der Grosseltern-Generation, und die meisten Aktivitäten mit Enkelkindern ergeben sich, wenn die Enkelkindern zwischen sieben und elf Jahren sind (Herlyn, Lehmann 1998: 36). Dies schliesst nicht aus, dass Grosseltern unter Umständen von Teenagern und Jugendlichen als zusätzliche Vertrauenspersonen benützt werden, insbesondere wenn sich Jung und Alt gegenüber der mittleren Generation zu einer Allianz zusammenschliessen (und Teenager etwa via Grosseltern über die 'Jugendsünden' ihrer eigenen Eltern erfahren).

Weniger eindeutig sind die Resultate bezüglich Schichteffekten oder dem Effekt weiblichen Erwerbstätigkeit. Die Kontakthäufigkeit zu den Enkelkindern scheint von der Schichtzugehörigkeit relativ unabhängig zu sein, und es ist auch nicht der Fall, dass erwerbstätige Grossmütter generell weniger Enkelbetreuung leisten als nicht-erwerbstätige Grossmütter. "Eine eigene Erwerbstätigkeit stellt für die Frauen kein Hinderungsgrund für eine Enkelbetreuung dar." (Herlyn, Lehmann 1998: 39, vgl. auch Templeton, Bauereiss 1994: 265).

Sofern es nicht zum geographischen Wegzug führt, bleiben Kontakte namentlich der Grosseltern mütterlicherseits zu den Enkelkindern oft auch nach einer Scheidung der Eltern erhalten. Nicht selten übernehmen Grosseltern bei solchen familialen Krisen wichtige, wenn auch temporäre soziale und emotionale Unterstützungsfunktionen (vgl. Ahrons, Bowman 1982, Fabian 1994, Johnson 1988). Teilweise intensivieren sich nach einer Scheidung die Kontakte zu den Grosseltern mütterlicherseits, wogegen sich die Kontakte zu den Grosseltern väterlicherseits teilweise reduzieren (Bray, Berger 1990). Mit steigenden Scheidungs- und Wiederverheiratungszahlen nimmt auch die Zahl von Stiefgrosseltern zu. Die wenigen dazu durchgeführten Studien (vgl. Sanders, Trygstadt 1989) weisen darauf, dass die Beziehung zu den Stiefgrosseltern weniger intensiv sind, wobei die Unterschiede zwischen Grosseltern- und Stiefgrosseltern-Beziehung umso ausgeprägter sind, je älter die Enkelkinder zum Zeitpunkt der Wiederverheiratung der Eltern sind.

In nicht wenigen jungen Familien erfüllen die Grosseltern - und namentlich die Grossmütter - unersetzliche Betreuungsaufgaben. Dies wird namentlich bei jenen Familien deutlich, die auf eine externe Kinderbetreuung angewiesen sind. So zeigt eine Zürcher Studie über junge Familien, dass die Grosseltern und namentlich die Grossmütter einen bedeutsamen Teil der Kinderbetreuung übernehmen. Neben den Eltern der Kinder "waren es hauptsächlich die Grosseltern, welche einen wesentlichen Teil der Kinderbetreuung übernahmen." (Huwiler 1998: 50). So übernahmen beispielsweise schon im ersten Lebensjahr eines Enkelkindes 24% der Eltern der Mutter und 17% der Schwiegereltern regelmässig die Säuglingsbetreuung. Auch für spätere Lebensjahre ergaben sich ähnliche Zahlen.

Gemäss der Schweizerischen Arbeitskräfte-Erhebung 1991 stützten sich 44% der Familien mit Kinder unter sieben Jahren, welche auf eine ausserfamiliale Betreuung angewiesen waren, auf die Grosseltern. Gerade auch bei alleinerziehenden Müttern erfüllen die Grosseltern häufig unersetzliche Betreuungs- und Unterstützungsaufgaben. So zeigte sich in einer 1991 durchgeführten Untersuchung bei Alleinerziehenden im Kanton Zürich, dass bei Erkrankung eines Kindes die Grosseltern die wichtigsten Betreuungspersonen waren. Für rund 23% der befragten Alleinerziehenden mit vorschulpflichtigen Kindern übernahmen die Grosseltern auch im normalen Alltag zentrale Betreuungsaufgaben (Husi, Meier 1995). In einer Tessiner Forschungsstudie über Alleinerziehende wurde die bedeutsame Stellung der Grosseltern gleichfalls deutlich: 46% der befragten Alleinerziehenden wurden mehrere Male pro Woche von ihren Eltern unterstützt (Kinderbetreuung, aber auch moralische Unterstützung) (vgl. Molo Bettelini et al. 1993: 33).

Insgesamt betrachtet leistet die Grosseltern-Generation somit beträchtliche soziale, unterstützende und teilweise finanzielle Unterstützung zugunsten den jüngeren Generationen (Kinder und Enkelkinder). Sowohl die französische Drei-Generationen-Studie (Attias-Donfut 1995) als auch der deutsche Alterssurvey (Kohli, Künemund, Motel, Szydlik 2000) belegen die Bedeutung der persönlichen, aber auch der finanziellen Unterstützung, welche Grosseltern an junge Familien leisten. Neben den finanziellen Generationentransfers - welche entgegengesetzt zu den öffentlichen intergenerationellen Umverteilungen (Rentensystem) verlaufen - ist für junge Familien namentlich auch die Kinderbetreuung durch Grosseltern eine entscheidende Ressource. Gleichzeitig sind heute etwa gemeinsame Ferien von Grosseltern und Enkelkindern häufiger als früher. Dies hängt sicherlich mit der besseren Gesundheit älterer Menschen zusammen, wodurch aktive Grosselternschaft überhaupt erst möglich wurde.

5) Unterschiedliche Formen von Grosselternschaft bzw. Grossmutterschaft

Die individuellen Unterschiede in der Bedeutung und Ausgestaltung der Grosselternrolle haben seit den 1960er Jahren immer wieder zu Versuchen geführt, die verschiedenen Grosselternstile bzw. Grossmutterstile herauszuarbeiten, sei es auf der Basis rollentheoretischer Überlegungen, sei es mittels faktor- oder clusteranalytischer Verfahren.

In der klassischen Studie von Bernice L. Neugarten und K. Weinstein (The changing American grandparent, Journal of Marriage and the Family, 1964 26: 199-204) bei 70 Grosseltern aus den Mittelschichten wurden fünf Grosselternstile beschrieben:

1) die formellen Grosseltern (formal grandparents), welche traditionelle Formen der Grosselternschaft betonen.

2) die Spass und Vergnügen suchenden Grosseltern (fun seeker grandparents), welche eine stark informelle, spielerische Beziehung zu ihren Enkelkindern suchen.

3) die Grosseltern als 'Reservoire' der Familienweisheit (reservoir of family wisdom grandparents). Diese Grosseltern (vor allem: Grossväter) betonen primär ihre Bedeutung im Rahmen der Familiengeschichte und der familialen Traditionsüberlieferung

4) die Grosseltern als Ersatzeltern (surrogate parent). Diese Grosseltern (vor allem: Grossmütter) übernehmen wesentliche Aufgaben der Kinderbetreuung und -erziehung (z.B. aufgrund einer Abwesenheit der Eltern).

5) die distanzierten Grosseltern (distant figure grandparents) bleiben formal und ihren Enkeln gegenüber distanziert.

In dieser ersten Studie war die Verteilung der Grosselternstile stark mit dem Alter assoziiert (distanzierte Grosselternschaft hauptsächlich bei älteren Grosseltern, spielerische Grosseltern bei jüngeren Grosseltern). Wahrscheinlich spiegelte der Altersunterschied damals jedoch primär einen Generationenwandel, von einer autoritär-hierarchisch geprägten Grosselternrolle zu einer stärker auf Gefährtenschaft orientierten Grosselternrolle.

Mitte der 1970er Jahren postulierte Joan Robertson (Grandmotherhood: A study of role conception, in: Journal of Marriage and the Family, 39, 1977: 165-174) auf der Basis einer Studie bei 125 Grossmüttern vier unterschiedliche Typen der Grossmutter-Enkel-Beziehung:

1) ausgeglichener Grossmutterstil (apportioned typ): Diese Gruppe von Grossmütter war vorwiegend an der moralischen Entwicklung der Enkelkinder interessiert, glaubte gleichzeitig, auch nachsichtig sein zu können.

2) symbolischer Grossmutterstil (symbolic typ): Diese zweite Gruppe hatte ebenfalls ein Interesse an der moralischen Entwicklung, sie verstanden sich jedoch für ihre Enkel selbst als Modell und Vorbild für richtiges Handeln.

3) individualisierter Grossmutterstil (individualized typ): Für diese Grossmütter standen primär die persönliche Beziehung zum Enkelkind und das Beisammensein mit ihren Enkeln im Vordergrund.

4) distanzierter Grossmutterstil (remote typ): Diese Grossmütter unterhielten zu ihren Enkelkindern eine distanzierte, formalisierte und unpersönliche Beziehung.

Der jeweilig gewählte Beziehungstyps war mit dem allgemeinen Lebensstil der Grossmütter eng verknüpft. So gehörten die distanzierten Grossmütter vorwiegend zu einer Gruppe von Frauen, welche mit ihrer Lebenssituation generell unzufrieden waren. Grossmütter mit symbolischem Beziehungsstil waren eher jünger und stark in ausserfamiliale Aktivitäten engagiert, wogegen der individualisierte Beziehungstyp häufiger bei älteren und familienorientierten Frauen auftrat.

Andrew Cherlin und Frank Furstenberg (The New American Grandparent, New York: Basic Books 1986) gelangten in ihrer Telefon-Umfrage bei 510 Grosseltern ihrerseits zu drei typischen Beziehungsformen:

1) distanzierte Grosseltern (remote), in Analogie zur Studie von Joan Robertson. Diese Grosseltern sahen ihre Enkelkinder so selten, dass sie höchstens eine ritualisierte Beziehung aufbauen konnten.

2) Engagierte (involved) Grosseltern, welche aktiv an der Kinderbetreuung und -erziehung teilnahmen.

3) Kameradschaftliche (companionate) Grosseltern, welche als Gefährten bzw. freundliche VertreterInnen der älteren Generation eine persönliche Beziehung zu ihren Enkelkindern aufbauten.

Der dritte Typus erwies sich in dieser Studie als häufigste Beziehungsform, und aktuell werden Grosseltern in den USA und Europa am häufigsten als Gefährten bezeichnet. Cherlin und Furstenberg zeigen jedoch in ihrer Studie, dass die Beziehungsformen sich im Verlauf der Zeit (mit dem Älterwerden beider Generationen) verändern. Gleichzeitig haben Grosseltern häufig unterschiedliche Beziehungen zu ihren verschiedenen Enkelkindern (sofern mehr als ein Enkelkind vorliegt).

Im Rahmen einer multidimensionalen Konzeptualisierung der Bedeutung von Grosselternschaft identifizierte H. Kivnick (The Meaning of Grandparenthood, Ann Harbor: UMI Research Press 1982) in ihren Tiefeninterviews mit 286 Grosseltern fünf unterschiedliche Bedeutungsdimensionen von Grosselternschaft:

1) Zentralität (centrality) der Grosselternrolle für das Leben in dieser Lebensphase.

2) Wert des Alters (valued elder). Grosselternschaft wird als wertvolle und sozial anerkannte Altersrolle interpretiert (wobei hier an die Idee der weisen Alten angeknüpft wird).

3) Unsterblichkeit durch Generationenabfolge (immortality through clan): Grosselternschaft ist der sichtbare Beweis der familialen Kontinuität und des persönlichen Weiterlebens durch Nachkommen.

4) Wiedererleben der persönlichen Vergangenheit (reinvolvement with personal past). Grosselternschaft erlaubt durch den Kontakt mit den Enkelkindern, an eigenen Erfahrungen (Kindheit, eigene Elternschaft) anzuknüpfen.

5) Nachsichtigkeit (indulgence): Grosselternschaft ist eine Rolle, die gegenüber den Enkeln eine hohe Toleranz, Nachsichtigkeit oder sogar Verwöhnung erlaubt.

Die angeführten Bedeutungsdimensionen können in je unterschiedlicher Stärke und Kombination auftreten. Eine mehrdimensionale Konzeptualisierung der Bedeutung der Grosselternschaft erscheint angesichts der sozial unscharf definierten und persönlich vielfältigen Beziehungen zwischen Grosseltern und Enkelkindern besser zu sein als eindimensionale Typologien.

In einer 1995 bei 573 deutschen Grossmüttern durchgeführten standardisierten Umfrage ergab eine Clusteranalyse - wie schon bei Neugarten und Weinstein - erneut fünf verschiedene Grossmutterstile (Ingrid Herlyn, Bianca Lehmann, Grossmutterschaft im Mehrgenerationenzusammenhang. Eine empirische Untersuchung aus der Perspektive von Grossmüttern, Zeitschrift für Familienforschung, 10,1,1998: 27-45). Auch hier zeigte sich jedoch, wie bei Cherlin und Furstenberg, eine enge Verknüpfung von Stil und Alter der Enkel sowie Alter der Grossmütter:

1) Pflichtorientierte Grossmütter (21% aller befragten Grossmütter, Durchschnittsalter: 59 Jahre, Durchschnittsalter der Enkel: 7.6 Jahre): Diese Grossmütter betreuten ihre Enkel häufig regelmässig. Dabei sind sie für diese vor allem 'einfach da'. Gleichzeitig nehmen sie verantwortungsvoll an Sorgen um die Enkelkinder Anteil. Wichtig ist ihnen auch die Generationenfolge, dh. das Weiterleben in den Enkelkindern.

2) Selbstbestimmte und hochengagierte Grossmütter (14% aller befragten Grossmütter, Durchschnittsalter: 61 Jahre, Durchschnittsalter der Enkel: 9.5 Jahre): Diese Grossmütter geniessen zwar das Zusammensein mit den Enkeln, geben aber eigenen, ausserfamilialen Interessen im Zweifelsfall den Vorrang.

3) Integrierte Grossmütter (24% aller befragten Grossmütter, Durchschnittsalter: 67 Jahre, Durchschnittsalter der Enkel: 14.8 Jahre): Es sind familial gut integrierte, oft ältere Grossmütter, welche jedoch aufgrund des Alters der Enkel weniger direkt engagiert sind.

4) Ambivalente Grossmütter (21% aller befragten Grossmütter, Durchschnittsalter: 67 Jahre, Durchschnittsalter der Enkel: 17.7 Jahre): Diese (oftmals älteren) Grossmütter sind zwischen dem Wunsch nach mehr Nähe und gleichzeitig mehr Distanz hin und her gerissen. Teilweise widerspiegelt diese Situation das Heranwachsen und die Ablösung der Enkel, welche sich in diesem Alter nicht nur von den Eltern, sondern auch von der Grosselterngeneration ablösen.

5) Relativ familienunabhängige Grossmütter (21% aller befragten Grossmütter, Durchschnittsalter: 68 Jahre, Durchschnittsalter der Enkel: 16.8 Jahre): Ein beachtlicher Teil dieser Grossmütter erklärt, dass ihr Leben mit dem der (heranwachsenden) Enkel wenig gemeinsam hat.


Erwähnte Literatur zu Grosselternschaft

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Zusätzliche Literatur zu Grosseltern (im Text nicht zitiert):

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For research training network project on grandparenthood and intergenerational relationships in Ageing European populations, see: www.gold.ac.uk/research/rtn.

 

(Lauftext 2004), letzte Aenderung:Dezember 2006.

 

Neue Publikation November 2006

François Höpflinger, Cornelia Hummel, Valérie Hugentobler

Enkelkinder und ihre Grosseltern. Intergenerationelle Beziehungen im Wandel

Seismo-Verlag Zürich 2006 (136 Seiten)
ISBN 3-03777-041-4

Untersucht wird die Beziehung zwischen Grosseltern und Enkelkindern aus Sicht beider Generationen. Grundlage ist eine Befragung von 658 12-16-jährigen Enkelkindern über ihre Beziehung zu den Grosseltern. Parallel dazu wurden auch die Grosseltern über ihre Beziehung zur jüngsten Generation befragt.
Die Ergebnisse belegen die wertvolle Bedeutung dieser intergenerationellen Beziehung. Es zeigen sich aber auch klare intergenerationelle Unterschiede in der Beurteilung von Grosselternschaft.
Viele traditionelle Bilder zu Grossmüttern und Grossvätern werden in Frage gestellt, aber die Studie verdeutlicht auch die grosse Bedeutung dieser Generationenbeziehung in heutigen Gesellschaften
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Neue Publikation November 2006 im Rahmen des NFP 52:

François Höpflinger, Cornelia Hummel, Valérie Hugentobler

Enkelkinder und ihre Grosseltern. Intergenerationelle Beziehungen im Wandel

Seismo-Verlag Zürich 2006 (136 Seiten)
ISBN 3-03777-041-4

Untersucht wird die Beziehung zwischen Grosseltern und Enkelkindern aus Sicht beider Generationen. Grundlage ist eine Befragung von 658 12-16-jährigen Enkelkindern über ihre Beziehung zu den Grosseltern. Parallel dazu wurden auch die Grosseltern über ihre Beziehung zur jüngsten Generation befragt.
Die Ergebnisse belegen die wertvolle Bedeutung dieser intergenerationellen Beziehung. Es zeigen sich aber auch klare intergenerationelle Unterschiede in der Beurteilung von Grosselternschaft.
Viele traditionelle Bilder zu Grossmüttern und Grossvätern werden in Frage gestellt, aber die Studie verdeutlicht auch die grosse Bedeutung dieser Generationenbeziehung in heutigen Gesellschaften
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Results of a Swiss Study on Grandchildren-Grandparents-Relationships

François Höpflinger, Cornelia Hummel, Valerie Hugentobler

Teenage grandchildren and their grandparents in urban Switzerland.

Main results of an empirical research study among 12-16-years old grandchildren and their grandparents in urban regions of Switzerland

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