François Höpflinger
Stichworte zu Forschungsplan und Forschungsdesign
A) Von Forschungsfragen zu Fragebogenfragen: ein mehrstufiger Denk- und Arbeitsprozess
Regel: Forschungsfragen und soziologische Konzepte können nicht direkt in Fragebogenfragen umgesetzt werden. Die Umsetzung (Operationalisierung) einer Forschungsfrage bzw. eines alllgemeinen Konzepts ist mehrstufig:
1. Stufe: Festlegung relevanter Forschungsfragen, Konzepte und Hypothesenbildung (theoretisches Modell); Grundfragen: Was wollen wir wissen? Welches theoretisches Modell benützen wir?
2. Stufe: Präzisierung der Forschungsfragen und Konzepte. Beispiel: Festlegung, dass unter sozialer Ungleichheit primär Einkommens- und Vermögensunterschiede interessieren (und nicht Unterschiede in der sozialen Intelligenz), Aufgliederung rsp. Dimensionierung von Konzepten (Wohnlage= Wohnort, Wohnqualität, Wohnbesitz usw.; soziale Integration (Dimensionen: soziale Teilnahme/ Partizipation an wichtigen sozialen Rollen, soziale Einbettung in soziale Netzwerke).
Grundfragen: Welche Teilaspekte umfasst ein Konzept, und welche dieser Teilaspekte sind für unsere Forschung bedeutsam?
3. Stufe: Operationalisierung und Variablenbildung. Hier stehen zwei Grundfragen im Zentrum:
- Festlegung der Forschungsmethode: Mit welchen Methoden können wir das, was wir wissen wollen, erfassen?
- Festlegung operationalisierbarer Variablen: Wie können wir die uns interessierenden Tatbestände (Konzepte) messen?
z.B. wirtschaftliche Armut erfassen via Steuerdaten oder via Befragung. Welche Einkommensgrenzen benützen wir zur Definition von wirtschaftlicher Armut (EL-Grenzen, 50% des Medianeinkommens, SkoS-Richtlinien). Wie tragen wir Unterschieden in der Haushaltszusammensetzung Rechnung? bzw. Welche Aequivalenzskalen benützen wir? Welche Einkommensarten wollen wir berücksichtigen? (Erwerbseinkommen, Vermögenserträge, Eigenmietwert bei Eigentümern usw.).
4. Stufe (sofern Personen über ihre Lage, ihre Einstellungen usw. befragt werden):
Umsetzung operationalisierbarer Variablen in spezifische Fragebogenfragen (welche für Befragte sowohl eindeutig verständlich, beantwortbar als auch gut verständlich sind). Z.B. Variable 'Wohnungsgrösse': Es hat keinen Zweck, Leute nach der Quadratmeter-Grösse ihrer Wohnung zu fragen, sondern man muss sich mit einer einfachen Frage nach der Zahl von Zimmer begnügen (wobei festgelegt werden muss, ob Bad oder Küche als Zimmer gezählt werden oder nicht). Die Variable 'Wohnungsgrösse' macht zudem nur Sinn, wenn wir auch Informationen über die Zahl der in dieser Wohnung lebenden Personen kennen. Bei der Frage nach der Zahl an Wohnpartner/innen bzw. Haushaltsangehörigen muss klar gestellt werden, ob die befragte Person mitgezählt wird oder nicht.
Generell empfiehlt es sich, die einzelnen Schritte und die jeweiligen Ueberlegungen, die zur Operationalisierung führen, gut zu dokumentieren.
B) Wissenschaftliche Umfragen - integriert in Forschungsplan und -design
Bei wissenschaftlichen Forschungsgesuchen wird schon bei der Projekteingabe ein klarer und detaillierter Forschungsplan verlangt (inkl. Kostenaufschlüsselung und genauem Zeitplan). Dasselbe gilt für manche Auftragsforschung. Ein klares Forschungsdesign zu Beginn einer Forschungsarbeit erspart später viel Unsicherheit, Unklarheiten oder massive Zeitüberschreitungen.
Ein neuerer Trend in der Forschung besteht darin, dass vor allem grössere Erhebungen (Mikrozensen, internationale Studien) zentral von einer Forschergruppe bzw. einem statistischen Amt organisiert und durchgeführt werden, wogegen die Auswertung der Befragungsdaten dezentralisiert an verschiedene Forschergruppen delegiert wird. Eine zentrale Dienstleistungsstelle für sozialwissenschaftliche Forschung in der Schweiz ist FORS - Schweizer Kompetenzzentrum für die Sozialwissenschaften in Lausanne (www.fors.unil.ch).
Ein Forschungsplan, der eine (standardisierte) Befragung vorsieht, schliesst mindestens nachfolgende Schritte ein:
1. Festlegung und Präzisierung der Forschungsfragen z.B. Untersuchung der Lebensbedingungen von alleinerziehenden Müttern, Studie sozialer Mobilität bei Arbeitern, Determinanten von Drogenkonsum usw.
1.1. Festlegung der Stichprobe bzw. der zu befragenden Gruppe (z.B. Jugendliche ab 15 bis 20, Mütter zwischen 20 bis 45 oder repräsentativer Querschnitt aller Schweizer BürgerInnen). Es lohnt sich, diese Festlegung auch an pragmatischen Gesichtspunkten (Adressenbeschaffung, Kostenaufwand) zu messen (z.B. bedeutet eine gesamtschweiz. Befragung, dass der Fragebogen ins Französische und Italienische übersetzt werden muss; eine heterogene Gruppe erfordert eine höhere Zahl an Interviews; Personen im Gefängnis oder Spital sind oft nicht erreichbar usw.).
2. Auflösung der Forschungsfragen in ein Modell operationalisierbarer Variablen (=Variablenmodell). D.h.: Die Frage "Was wollen wir wissen?" muss umgesetzt werden in: "Wie können wir das erfassen, was wir wissen wollen?" Dazu gehört, dass die Grenzen der Befragungstechnik erkannt werden. Erfragen lässt sich grundsätzlich nur, was die Befragten auch effektiv wissen oder was sie zugeben wollen. .
Eine detaillierte Operationalisierungsliste dient zur Disziplinierung der Arbeit der Fragebogenkonstruktion. Die einzelnen Fragen erhalten somit einen klaren theoretischen Stellenwert.
2.1. Aufarbeitung der bestehenden Forschungsliteratur zum gewählten Thema (soweit nicht schon vorher daran gearbeitet wurde). Das "Kolumbus-Syndrom" (=Glaube, man sei die Ersten, welche dieses Thema erforschen) sollte vermieden werden. Heute sind in dieser Phase internationale Kontakte unerlässlich. Hilfreich ist oft auch die Berücksichtigung bisheriger Befragungen (und Fragebogen). Dies erlaubt einen Vergleich z.B. mit früheren Perioden. Auch eine Sekundäranalyse einer schon vorliegenden Befragung kann sinnvoll sein (und für Sekundäranalysen stehen heute aufgearbeitete Datenbanken zur Verfügung).
Teilweise zeigt sich, dass eine eigene (kostspielige) Befragung gar nicht notwendig ist, da die Forschungsfrage international schon beantwortet ist.
2.2. Exploration des Forschungsgegenstandes, um das eigene Primärwissen zu erweitern. Dazu können Gespräche bzw. Interviews mit Experten, aber auch Gruppendiskussionen dienen (z.B. wer das Thema "beruflicher Wiedereinstieg von Frauen" untersucht, tut gut daran, Kontakt mit entsprechenden Frauengruppen zu suchen). Auch Beobachtungen oder die Analyse von Texten kann explorativ wertvoll sein. Vor allem wird ein zu abstraktes Vorgehen vermieden. Befragte sind meistens keine Studenten oder Intellektuelle, und eine Befragung muss sich auf dem Niveau der Alltagssprache und des Alltagsverständnis der Befragten bewegen.
Je weniger Forschungserfahrung zum Thema, desto mehr Zeit muss für Phase 2 eingesetzt werden.
3. Revision des Variablenmodells (und vielleicht auch einiger Forschungsfragen) aufgrund der in Phase 2 gewonnenen Erkenntnisse. Ein ständiges Ueberarbeiten und Ueberdenken bisheriger Theorien oder Vorstellungen gehört zu jedem Forschungsprozess (Prinzip: learning by doing, trial-and-error). Oft muss das Forschungsthema eingegrenzt bzw. stärker fokussiert werden. Teilweise muss auch die Stichprobe präzisiert werden (z.B. anstatt alle Frauen im gebärfähigen Alter 15-49 Jahren nur Frauen zwischen 20 bis 35 J., anstatt Süchtige allgemein spezifischefr Alkoholiker, anstatt Schüler allgemein zwei Gruppen bilden (Gewerbeschüler/Mittelschüler) usw.).
4. Vorbereitung der Befragung: Die Vorbereitungsphase einer Befragung umfasst mindestens zwei verschiedene Schritte, die teilweise parallel laufen. Dazu gehören namentlich:
4.1. Fragebogenkonstruktion: Frageformulierung und Aufbau des Fragebogens. Durch eine vorherige Operationalisierungsliste (Phase 2) wird dies erleichtert. Allerdings muss beachtet werden, dass viele gute Fragen noch keinen guten Fragebogen garantieren. Auch dem Aufbau (Ablauf und Rhythmus der Befragung, keine Eintönigkeit usw.) muss genügend Aufmerksamkeit gewidmet werden. Je nach Form der Befragung (mündlich, schriftlich, telefonisch, elektronisch) sind Ablauf und Frageform anders zu gestalten.
Oft können Fragen können auch aus früheren Befragungen übernommen werden (gerade was sozio-demographische Standardfragen betrifft). Wichtig ist: Fragebogenkonstruktion ist nie Einzelarbeit, sondern sinnvollerweise immer Teamarbeit (vgl. auch Zu den Regeln der Operationalisierung und Frageformulierung).
4.2. Festlegung der Stichprobenstrategie: Wieviele Personen sollen befragt werden? Wie sollen die Leute ausgewählt werden, die befragt werden sollen? Wichtig: Nur eine Zufallsauswahl garantiert Repräsentativität. Die genaue Samplingstrategie muss festgelegt werden (einstufiges/mehrstufiges Sampling, Repräsentativumfrage, Quotenumfrage). Auch die Adressenbeschaffung muss vorbereitet werden. Die Adressen müssen zwar oft möglichst aktuell sein, aber die Vorbereitung braucht oft viel Zeit (z.B. Anfragen an Gemeinden, ob sie Adressen liefern). Aus Datenschutz-Gründen ist bei der Beschaffung von Adressen aus Einwohnerkarteien oft eine offizielle Genehmigung notwendig.
5. Pretest: In dieser Phase wird der erste Fragebogenentwurf getestet und wenn nötig revidiert. Z.B. werden 20, 30 oder auch mehr Interviews durchgeführt, um zu sehen, wie der Fragebogen funktioniert. Dabei ist es sinnvoll, wenn alle am Forschungsprojekt beteiligten ForscherInnen selbst auch Interviews durchführen. Durch den Pretest wird geprüft, ob und welche Fragen auf Schwierigkeiten stossen (z.B. Verständnisprobleme, Missverständnisse, falsche Filterfragen usw.) und wie ein Interview abläuft (Dauert es zu lange, ist es zu eintönig, gibt es Brüche). Durch einen guten Pretest lässt sich auch feststellen, ob verwendete Fragebatterien befriedigend eindimensional sind.
Je neuer und unerforschter das Forschungsthema ist, desto wichtiger ist ein Vortest, und in allen Fällen gibt der Pretest Anlass zu wichtigen Revisionen und Verbesserungen des Fragebogens (wozu auch eine Straffung und Kürzung gehört).
6. Organisation und Durchführung der Befragung: Dazu gehört selbstverständlich ein graphisch sauberes Lay-Out - bei dem z.B. Fragen und Interviewer-Anweisungen optisch klar abgegrenzt sind - und der Druck bzw. die elektronische Bereitstellung der Fragebögen. Daneben müssen bei einer mündlichen Befragung die Interviewer/innen organisiert sein (sofern man die Durchführung der Befragung nicht einem Umfrage-Institut überlässt). Auch müssen die Adressen an die jeweiligen InterviewerInnen verteilt werden und Anweisungen zur Durchführung der Befragung weitergeben ist. Sinnvoll ist auch eine klare Interviewer-Schulung am spezifischen Fragebogen (empfohlen wird ein zweitätiger Kurs).
Eine grössere mündliche Befragung dauert im allgemeinen zwei bis drei Monate (teilweise auch länger). Bei schriftlichen Befragungen muss nach etwa drei Wochen meist auch eine zweite Aufforderung verschickt werden. Telefonische Interviews können hingegen innerhalb von ein bis zwei Wochen organisiert werden. Dasselbe gilt teilweise auch für Internet-Befragungen.
Wichtig ist auch, dass die Befragung terminlich günstig vorgeplant wird (Frühjahr und Herbst sind besser als Sommer, wenn manche Leute ferienhalber vereisen).
Zur Feldarbeit gehört auch eine Nachkontrolle der eingesandten Fragebogen (auf richtiges Kodieren) sowie eine stichprobenweise Ueberprüfung (z.B. Nachfragen, ob Befragung tatsächlich stattfand).
Falls sich Probleme mit zu grossen Ausfallsquoten und Verweigerungen ergeben, muss unter Umständen gezielt "nachgehakt" werden (z.B. Kurzbefragung von Verweigern, zweiter Versand von schriftlichen Fragebögen an Personen, welche noch nicht geantwortet haben. (Zu den Folgen von Ausfällen und Verweigerungen bei Befragungen)
7. Aufbereitung der gewonnenen Daten: Sobald die Fragebögen eintreffen, werden die Daten aufbereitet (d.h. in den Computer eingelesen). Ein gut vorbereiteter Fragebogen sollte so aufgebaut sein, dass das Einlesen der Fragecodes keine Probleme aufwirft. Oft ist es sinnvoll, zuerst die geschlossenen Fragen einzulesen, und die offenen Fragen erst später zu kodieren (anhand eines Codeplans).
Bei computerunterstützten Befragungen entfällt dieser Schritt, allerdings ist auch hier eine Nachkontrolle sinnvoll.
8. Auswertung der Daten: Als erstes wird eine einfache Randauszählung erstellt, auch um Codierungsfehler zu finden und zu korrigieren). Empfehlenswert ist auch eine Kontrolle der Repräsentativität (etwa durch Vergleich mit statistischen Daten). Danach werden häufig Fragebatterien ausgewertet und Skalen gebildet bzw. getestet, mit denen weiter gearbeitet wird. Die Ermittlung von Zusammenhängen zwischen interessierenden Variablen, etwa auf der Basis des theoretischen Modells, geschieht mit Hilfe verschiedener heute verfügbaren multivariaten Auswertungsverfahren (multiple Regression und Pfadmodelle, Varianzanalyse, Clusteranalyse, loglineare Modelle usw). Je nach Thema ist es sinnvoll, die Befragungsdaten durch weitere Daten (statistische Daten, Dokumente usw.) zu ergänzen.
9. Forschungsbericht: Der wissenschaftliche Bericht über die wichtigsten Ergebnisse bildet den Abschluss der Forschungsarbeit. Je nach Auftraggeber werden mehr die wissenschaftlichen oder mehr die politisch-planerischen Konsequenzen ausgearbeitet. Häufig wird die Forschung auch in Form von Zeitschriftenartikeln oder Buchpublikation veröffentlicht (gemäss dem Prinzip "publish or perish"). Persönlich habe ich es immer als sehr nützlich erachtet, schon vor der eigentlichen Auswertung das bzw. die 'Endprodukte' der Arbeit vorzustrukturieren.
Ausgewählte Literaturhinweise zu Forschungsprozessen
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