François Höpflinger
Befragung: Wichtige Regeln der Fragenbogen-Konstruktion
Die bisherigen Erfahrungen mit Umfragen, aber auch gezielte Studien zum Effekt verschiedener Frageformulierungen haben zu einer ganzen Reihe von Empfehlungen und Erfahrungsregeln bei der Formulierung von Fragen bzw. Fragebogen geführt. Nachfolgend sind die wichtigsten Regeln bei der Konstruktion eines standardisierten schriftlichen, mündlichen oder telefonischen Fragebogens aufgelistet. Allerdings sind nicht alle Regeln unumstritten, namentlich was Aspekte der Operationalisierung und Antwortvorgaben betrifft). Die nachfolgend aufgeführten Regeln sind entsprechend situationsgerecht der jeweiligen Forschungsfrage und Erhebungsmethode anzupassen. Die nachfolgenden Regeln beziehen sich - wie erwähnt - explizit auf strukturierte Interviews bzw. standardisierte Befragungen. Bei qualitativen Befragungen (Expertengesprächen, narrative Interviews usw.) gelten andere Regeln.
Zum Inhalt:
1. Regeln der Operationalisierung von Zieldimensionen
2. Regeln zur Frageformulierung
3.Antwortvorgaben
4. Regeln zur Dramaturgie einer mündlichen oder telefonischen Befragung
1 Regeln der Operationalisierung von Zieldimensionen bei standardisierten Befragungen
1. Es sollte möglichst die Strategie verfolgt werden, für die Zieldimension (= den Forscher/die Forscherin interessierende Sachverhalte und Einstellungen) quantitative Fragen zu formulieren. Die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Quantifizierbarkeit sind sorgfältig auszuloten.
2. Wenn nicht gewichtige Gründe dagegen sprechen, dann sollte eine Zieldimension so fein wie möglich gemessen werden, um den Messfehler klein zu halten.
Beispiel: Alter erfassen durch Erfragen des genauen Geburtsdatums. D.h. nicht "Wie alt sind Sie?", sondern: "Wann sind Sie geboren? (Jahr/Monat).
3. Die Feinheit, mit der wir messen wollen, muss allerdings mit dem Differenzierungsvermögen von Befragten korrespondieren. Speziell bei Fragen nach Häufigkeiten ausgewählter Tätigkeiten oder bei komplexen Sachverhalten ergeben sich oftmals enge Grenzen im Differenzierungsgrad. Die Frage "Wie viele Minuten pro Woche lesen Sie?" kann nicht gestellt werden. Ebensowenig wissen die meisten Leute über ihre Wohnungsgrösse in Quadratmeter Bescheid.
4. Um die Chance zu erhöhen, dass man auf Fragen Antworten mit befriedigender Zuverlässigkeit und Gültigkeit erhält, sollte man für eine Zieldimension verschiedene Fragen formulieren. Gilt insbesondere bei Einstellungen, die im Zentrum der Untersuchung stehen. Dafür werden häufig ganze 'Frage-Batterien' sowie Skalen mit unterschiedlichen Items verwendet.
5. Je länger die Frageformulierung und je stärker der Reizwert der verwendeten Worte, um so grösser ist die Fremdbestimmtheit einer Frage.
Fremdbestimmtheit = Mass, in dem eine Frage (unerwünschten) Fremddimensionen miterfasst. Tatsächlich werden viele sozialen Sachverhalte (und ihre Erfassung) durch mehrere Dimensionen beeinflusst. Beispiel: 'Arbeitszufriedenheit' kann nicht nur von Arbeitssituation, sondern auch von Lebenssituation mitgeprägt werden. Antworten zur Arbeitszufriedenheit werden durch Zeitpunkt der Befragung mitbeeinflusst (z.B. Antworten kurz vor oder kurz nach dem Mittagessen können unterschiedlich sind).
6. ForscherInnen sollen zu ermitteln versuchen, ob die Zieldimension bei Befragten verbalisiert und vorformuliert vorliegt. Ist dies nicht der Fall, muss die Zieldimension über verbalisierte Ersatzdimensionen gemessen werden.
Beispiel: Unsicherheit als Zieldimension liegt nicht vorformuliert vor. Sie muss indirekt, über Indikatoren wie "Zukunftsangst, Gefühl von Traditionsverlust usw. erfasst werden. Dasselbe gilt für viele sozial-psychologische Gefühlszustände (Aengstlichkeit, depressive Stimmungslage usw.).
7. Wenn man nicht gezwungen ist, indirekt zu fragen - weil die Zieldimension nicht verbalisiert ist oder weil Befragte sonst eine sozial erwünschte Antwort geben - sollte man sich bemühen, so direkt wie möglich zu fragen. Dadurch wird die Fremdbestimmtheit (=Beeinflussung der Antwort durch "fremde" Faktoren) verringert.
8. Wenn hingegen Faktoren der sozialen Wünschbarkeit oder fehlender Vorverbalisierung bei direkter Frage zu bedeutsamen Verzerrungen führen, kann es sinnvoll sein, indirekte Fragen zu stellen, unter Umständen so, dass den befragten Personen die eigentliche Zieldimension unbekannt bleibt. (Beispiele: sozio-psychische Skalen zur Erfassung depressiver Stimmung, neurotizierender Persönlichkeitsmerkmale, Skalen zur Erfassung von Fremdenfeindlichkeit, Suchtgefährdung).
9. Da oft nicht klar ist, ob soziale Wünschbarkeit und/oder fehlende Verbalisierung zur indirekten Frageformulierung zwinge oder nicht, werden teilweise, um alle Eventualitäten zu berücksichtigen, zu wichtigen Zieldimensionen (namentlich Einstellungsdimensionen) direkte und - im Fragebogen an anderer Stelle - indirekte Fragen gestellt.
10. Abstrakte Zieldimensionen sollten vor Beginn der FragebogenKonstruktion in mehrere, spezifischere Zieldimensionen umgesetzt werden. Eine direkte, stufenlose Operationalisierung abstrakter soziologischer Konzepte in Fragen ist meist sinnlos. Operationalisierung ist ein mehrstufiger Prozess (und dazu ist das Instrument eines Indikatorenkatalogs sehr wertvoll).
11. Gemäss William Foddy (1993) ist bei der Konstruktion von Fragen vom 'TAP' Paradigma auszugehen:
- Topic: The topic should be properly defined so that each respondent clearly understands what is being talked about.
- Applicability: The applicability of the question to each respondent should be established: respondents should not be asked to give information that they do not have.
- Perspective: The perspective that respondents should adopt, when answering the question, should be specified so that each respondent gives the same kind of answer.
12. Sudman und Bradburn (1985) betonen, dass bei der Fragebogenkonstruktion die folgenden drei Arbeitsregeln eingehalten werden sollten:
(a) Do not formulate specific questions until you have thought through the research question.
(b) Write the research question down and keep it handy while formulating specific questions.
(c) Keep asking, 'Why do I want to know this? ('It would be interesting to know' is not an acceptable answer).
2. Regeln zur Frageformulierung
1. Suggestive Formulierungen sind unzulässig. Suggestive Wirkungen werden bei der Frageformulierung dadurch herbeigeführt, dass
a) dem Befragten die Antwort "in den Mund gelegt" wird,
b) dass Stereotype oder emotional geladene Begriffe verwendet werden,
c) in die Frageformulierung Argumente aufgenommen werden.
Beispiele suggestiver Fragen: "Finden Sie nicht auch, dass eine Prügel als Erziehungsmittel noch niemanden geschadet hat?", "Soll die erfolgreiche Umweltschutzpolitik der Regierung weitergeführt werden oder nicht?", "Eine grosse Mehrheit aller Bürger ist dafür, dass..., Welches ist Ihre Meinung zu...usw.; Beispiele von politischen Reizwörtern mit suggestiver Wirkung sind etwa: Freiheit, Solidarität, Ruhe und Ordnung u.a.
2. Fragen sollten möglichst neutral formuliert werden, und Fragen sollten ausgewogene Antwortalternativen umfassen. Sofern Antwortvorgaben in die Frage eingebaut sind, sollten die Antwortalternativen gleichermassen positive und negative Vorgaben enthalten.
Beispiel für unausgewogene Frage: "Sind Sie mit den Verhältnissen in der Schweiz im allgemeinen zufrieden oder wünschen Sie sich vieles grundlegend anders?" ("vieles grundlegend anders" ist als Kategorie extremer als Kategorie "im allgemeinen". Oder Beispiel aus dem Tages-Anzeiger-Magazin 30/95: 'Wie oft haben Sie das Gefühl, die Politik von National- und Ständerat versage in wichtigen Dingen?'
Unausgewogen ist im Grunde auch eine Frage wie: Wie oft sehen Sie Fernsehen? u.ä.
3. Eine Frage sollte nicht zu allgemein formuliert sein (schon gar nicht im Stile eines Allgemeinplatzes). Sie muss noch so spezifisch und konkret formuliert sein, dass sie in den Befragten eine eindeutige Zieldimension anspricht. Geschieht dies nicht, dann wird eine Ja-Sage-Tendenz erweckt.
Konkrete Fragen sind meist besser als allgemeine Fragen. Dies gilt sowohl für Faktfragen als auch für Einstellungen.
Beispiel einer allgemeinen Frage, die zu nichtssagenden Antworten führt: "Wie ist Ihr Verhältnis zur Demokratie? Sie sind dafür oder dagegen?" Oder: Wie zufrieden bzw. unzufrieden sind Sie mit ihrem Leben? (Lebenszufriedenheit umfasst viele Aspekte, besser: Zufriedenheit mit Gesundheit, mit Arbeit, Partnerschaft, Finanzieller Lage, Wohnsituation gezielt erfassen).
4. Oberstes Gebot der Frageformulierung ist das Prinzip der Einfachheit. Fragen sollten möglichst einfach und verständlich sein. Dies bedeutet:
a) Fragen sollen möglichst kurz sein, das heisst so wenig Worte wie möglich umfassen.
b) Fragen sollen für alle Befragten gut verständlich sein. Befragte dürfen nicht überfordert werden. Zu vermeiden sind: Fremdwörter, Fachausdrücke, komplizierte Sätze und Wendungen (wie z.B. doppelte Verneinungen) usw. Befragte sind meist keine "Intellektuelle". Gerade abstrakte Oberbegriffe werden von Befragten fast ausnahmslos unterschiedlich aufgefasst.
Beispiel von Ueberforderung: "Wieviele Prozent Ihres Haushaltseinkommens geben Sie durchschnittlich aus für...?", "Wie wird sich Ihrer Ansicht nach das neue Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb auswirken?
Beachten: Befragte werden selten zugeben, dass sie eine Frage nicht verstanden haben, sondern sie werden einfach so antworten, wie sie die Frage verstanden haben (z.B. im Sinne sozialer Erwünschtheit, Ja-Sage-Tendenz usw).
c) Fragen sollten umgangssprachlich formuliert werden. Verständlichkeit ist wichtiger als grammatikalische Richtigkeit. In der Schweiz kann es sinnvoll sein, Fragen an die Dialektsprache anzunähern bzw. Helvetismen zu benützen.
5. Fragen sollten eindeutig sein. Mehrdeutige Begriffe und unklare Formulierungen sind zu vermeiden, und vor allem soll jede Frage nur einen Sachverhalt/Einstellungsaspekt erfassen (vermeiden von "double-barreled"-Fragen).
Beispiel: Sind Sie für oder gegen den Bau von Atomkraftwerken zur Verbesserung der Elektrizitätsversorgung der Schweiz?" Hier werden zwei Fragen: Atomkraftwerke, Elektrizitätsversorgung "gemischt". Zudem wird hier ein Zusammenhang zwischen beiden Aspekten suggeriert.
Ungewohnte und/oder mehrdeutige Begriffe sind ebenfalls zu vermeiden. Beispiel: Sind Sie dafür oder dagegen, dass der Konsum von Suchtmitteln verboten ist? Problem: Begriff "Suchtmittel" ist a) zu allgemein, und b) wenig gebräuchlich). Besser ist ein gezieltes Fragen danach, welche konkrete Suchtmittel (Tabak, Heroin, Haschisch) verboten sein sollen oder nicht.
Allerdings gilt, dass viele Alltagsbegriffe mehrdeutig und unscharf definiert sind. Die Frage "Wie oft bzw. selten sind Sie allein?" kann sich beziehen a) auf das Alleinsein als Fakt, oder b) auf Alleinsein als Gefühl von Einsamkeit, Verlassenheit. Auch die Frage nach der Zahl an Personen im Haushalt kann unterschiedlich gesehen werden (z.B. werden einige Leute, nur diejenigen Personen nennen, die gerade jetzt hier leben, andere Befragte werden auch ein zeitweise auswärts wohnendes Kind einbeziehen). Der Begriff "Einkommen" kann sich beziehen auf Erwerbseinkommen, Haushaltseinkommen, Brutto- bzw. Nettoeinkommen usw. Auch eine Spezifikation der Frage wird solche Unklarheiten/ Definitions-Unschärfen nicht lösen.
6. Die Beantwortung von Fragen zu Einstellungen und Bewertungen wird durch die genaue Wortwahl stark beeinflusst, und dies gilt vor allem für Fragen, welche für die Befragten nicht wichtig sind oder wo keine klaren und festen Meinungen bestehen. (Für eine empirische Untersuchung der Auswirkungen unterschiedlicher Frageformen, vgl. Belson1981,Petersen 2002).
3.Antwortvorgaben
1. Wird bei einer Testbefragung festgestellt, dass bei Verwendung des Antwortschemas "stimme stark"... "lehne stark ab" viele Befragte in die linke oder rechte äussere Kategorie fallen, dann sollte man versuchen, noch eine weitere äussere Kategorie zu verwenden (wie "stimme extrem zu" bzw. "lehne extrem ab".
Generell ist bei sozialwissenschaftlichen Studien darauf zu achten, dass die Antwortvarianz (bei Einstellungen oder Skalen) hoch ist. Fragen, bei denen fast alle Antworten in eine Antwortkategorie fallen, sind nicht weiter auswertbar.
2. Wenn von Befragten nicht eine unmittelbar quantitative Antwort zu erwarten ist, dann sollte man quantitative Fragen "geschlossen" (= mit vorgegebenen Antwortkategorien) formulieren. Vor allem bei schriftlichen Fragebogen sollte aus Vergleichsgründen primär mit vorgegebenen Antwortkategorien gearbeitet werden. Damit wird die Perspektive, in der eine Antwort erwartet wird, klar gemacht.
3. Eine interne Antwortvorgabe ist nur zulässig, wenn sie aus zwei oder drei leicht merkbaren Alternativen besteht. Sind mehr Alternativen vorhanden, oder bestehen die Alternativen aus relativ komplexen Formulierungen, dann müssen sie extern vorgegeben werden. Beispiel: Interne Vorgabe: "Sind Sie dafür oder dagegen, dass die Schweiz der Europäischen Union beitritt? Externe Vorgabe: "Wie ist Ihre Haltung zu einem Beitritt der Schweiz zur Europäischen Union?" a) bin stark dafür, b)bin eher dafür, c) bin weder dafür noch dagegen, d) bin eher dagegen, e) bin stark dagegen.
Bei Telefon-Interviews sind primär interne Antwortvorgaben zu verwenden.
4. Ein elementarer Fehler liegt vor, wenn Fragen nach Häufigkeit, Dauer oder Grösse und ähnlichem gestellt werden, ohne dass die Einheiten angegeben werden, in denen die Antworten erfolgen soll.
Beispiel: "Wie häufig bzw. selten gehen Sie ins Kino?" Ohne Zeitraum ist diese Frage sinnlos. Bedingt richtig: "In den letzten zwei Wochen, wie oft gingen Sie ins Kino?" (=inhaltlich unausgewogen). Am besten: "In den letzten zwei Wochen, wie viele Mal gingen Sie ins Kino? (nie, einmal, zweimal, ...). Falsch: Seit wann studieren Sie? Besser: In welchem Jahr begannen Sie mit Ihrem Studium? (plus Zusatzfrage: Haben Sie Ihr Studium unterbrochen oder nicht? Wenn ja, nachfragen: Wann und wie lange?).
5. Es ist unzulässig, eine (oder mehrere) Antwortalternativen nur implizit intern vorzugeben. Die explizit genannten Alternativen werden favorisiert und die nicht genannten Alternativen werden vernachlässigt.
Beispiel: Falsch ist "Glauben Sie, dass Sie durch Ihr Studium auf Ihren Beruf gut vorbereitet sind? Richtig ist: "Glauben Sie, dass Sie durch Ihr Studium auf ihren späteren Beruf gut, weniger gut, oder schlecht vorbereitet sind?"
6. Die Zahl der (externen) vorgegebenen Antwortalternativen muss für den Befragten gut überschaubar sein. Werden die Antwortmöglichkeiten vom Interviewer vorgelesen, muss sich der Befragte, wenn er die letzte Antwortmöglichkeit hört, noch an die erste Möglichkeit erinnern. Sonst wird die zuletzt gehörte Antwortvorgabe bevorzugt. Bei grösserer Zahl von Antwortvorgaben oder komplexen Antwortvorgaben empfehlen sich schriftliche Listen oder Karten. Bei telefonischen Umfragen sind Fragen mit mehreren Antwortalternativen in mehrere Fragen aufzulösen.
7. Je länger und je komplizierter die Antwortvorgaben, desto stärker ist der Einfluss ihrer Reihenfolge. Dies gilt z.B. auch bei Listen von Antwortvorgaben (vgl. Petersen 2002).
Rangreihen-Effekte können durch Verwendung von Kartenspielen oder durch das "Drehen" von Listen vermieden werden. Bei computerunterstützten Befragungen kann die Reihenfolge etwa von Items durch Zufallsparameter variiert werden.
8. Die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten müssen erschöpfend sein (d.h. sie müssten alle relevanten Möglichkeiten enthalten). Ist eine erschöpfende Aufzählung der Antwortalternativen nicht möglich, sollte eine Kategorie "sonstige", "anderes" vorgesehen werden. Dies gilt vor allem bei Faktfragen.
9. Werden mehrere Antwortmöglichkeiten angeboten, dann sollte die Zahl der Antwortmöglichkeiten "rechts" und "links" von der Mittelposition gleich sein, weil von einer Ueberzahl von Kategorien auf einer Seite suggestive Wirkungen ausgehen. Der Befragte bevorzugt die Seite, die mit mehr Antwortmöglichkeiten vertreten ist.
Beispiel: Falsch ist: sehr gut, gut, weder noch, schlecht. Richtig: sehr gut, gut, weder noch, schlecht, sehr schlecht.
10. Zu beachten ist, dass positive Antwortalternativen häufig negativen Antwortalternativen vorgezogen wird (Tendenz zu "Ja-Antworten"). Speziell bei Fragebatterien müssen deshalb negative und positive Aussagen "gemischt" werden.
11. Auch keine Antwort ist eine Antwort, und Meinungslosigkeit ist eine sozial wichtige Dimension. Zu den Antwortvorgaben gehört oft auch die Vorgabe "keine Meinung", bzw. "unsicher", "ist mir egal", oder "weder noch".
4. Regeln zur Dramaturgie einer mündlichen oder telefonischen Befragung
1. Grundvoraussetzung eines guten Fragebogens (für mündliche oder telefonische Interviews) ist, dass er den Eindruck einer echten Gesprächssituation erzeugt, die der Befragte interessant findet. Bei schriftlichem Fragebogen ist hingegen vor allem ein gutes und klares Layout zentral.
2. Beim Aufbau des Fragebogens für mündliche und telefonische Interviews muss Bedacht auf die spätere Gesprächssituation genommen werden. Die Unterhaltung soll sich für Interviewer und Befragten möglichst mühelos und frei von Peinlichkeiten vollziehen. Bei schriftlichen Befragungen sollte ein Wirrwar bzw. eine zu hohe Vielfalt an Antwortkategorien vermieden werden (z.B. Beschränkung auf einige wenige Formen von Antwortkategorien, die bei verschiedenen Fragen angewendet werden können).
3. Die vielleicht wichtigste Regel demoskopischer Dramaturgie bestimmt, dass möglichst bald ein Vertrauensklima zwischen Befragten und Interviewer entstehen muss. Die Praxis zeigt, dass der Erfolg einer Befragung wesentlich von der Tauglichkeit der Einleitungsfragen abhängt. Bei telefonischen Befragungen ist der Erstkontakt zentral (was speziell geschulte Interviewerinnen vorausssetzt).
Wichtig ist, dass die Einleitungsfragen" Probleme ansprechen, die den Befragten unmittelbar ansprechen und interessieren. Sie sollten leicht zu beantworten sein, um die Auskunftsperson von der Vorstellung einer Prüfungssituation zu entlasten.
4. Bei umfangreichen mündlichen Befragungen (die z.B. mehr als dreissig Minuten dauern) sollten schwierige und komplexe Passagen des Fragebogens immer wieder durch einfache oder gar spielerische Fragen unterbrochen werden. "Spielfragen" stellen Erholungspausen dar und zudem neutralisieren sie - als sogenannte "Pufferfragen - die nachfolgende Befragungssituation.
5. Ganz allgemein erfordert die Dramaturgie eines guten mündlichen Interviews einen ständigen Wechsel von Spannungen und Entspannungen, von "schweren" und "leichten" Fragen, geschlossenen und offenen Fragen usw., nicht zuletzt aber auch einen genügend grossen Wechsel von Themen.
6. Der allgemeinen Erfahrung nach wirken bei mündlichen Interviews vor allem viele geschlossene Fragen, unmittelbar nacheinander gestellt, ermüdend. Daher ist es zweckmässig, solche Serien durch offene Fragen zu unterbrechen. Bei schriftlichen Fragebogen wirkt vor allem ein zu langer (und dicker) Fragebogen 'abschreckend'.
7. Der Eindruck der Vielfalt und Kurzweil, der einen guten Fragebogen auszeichnet, kann durch einen Wechsel von Fragetechniken - inklusive Kartenspiele, Bildblätter - verstärkt werden. Bei telefonischen Interviews kann das Interesse hingegen durch Tempo-Wechsel und Abwechseln von Ja-Nein-Fragen mit anderen Frageformen verstärkt werden. Bei schriftlichen Fragebogen ist wiederum auf eine gewisse Einheitlichkeit der Antwortvorgaben und des Layouts zu achten (so dass sich Befragte an spezifische Formen des 'Ankreuzens' gewöhnen können). Zu viel Wechsel (z.B. zu viele Schriftarten) wirkt hier störend.
8. Ein Fragebogen sollte nicht zu lang werden (wegen Ermüdungseffekt). Befragungen, die sich über die Dauer einer Stunde hinziehen, überfordern oft die Konzentrationsfähigkeit und Geduld des Befragten, aber auch des Interviewers. Telefonische Befragungen sollten im allgemeinen noch kürzer sein, und bei schriftlichen Befragungen führen zu lange bzw. dicke Fragebogen zur Reduktion der Antwortbereitschaft.
9. Einstellungsfragen, die sich gegenseitig stark beeinflussen können, sollten in mündlichen Befragungen durch "Pufferfragen" getrennt werden.
10. "Filter" sollen nur sparsam verwendet werden. Zu viele Filter bzw. Gabelungen sprengen nicht nur die Einheit der Befragungssituation, sondern sie behindern auch die spätere Auswertung.
11. Generell ist zu beachten, dass standardisierte Fragebögen so konstruiert werden müssen, dass sie von verschiedenen Bevölkerungsteilen verstanden und beantwortet werden können. Faktisch bedeutet dies, dass viele Fragen nicht spezifisch auf jeweilige Sondersituationen zugeschnitten sein können.
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