Memory is imagination

François Höpflinger

Retrospektive Fragen - Probleme und mögliche Strategien

In fast allen (Querschnitts-)-Studien älterer Menschen ist es fast unumgänglich, retrospektive Fragen (über vergangene Ereignisse, biographische Erfahrungen, erlebte kritische Lebensereignisse usw.) zu stellen. Speziell bei der Befragung betagter und hochbetagter Personen sind retrospektive Fragen von besonderer Bedeutung. Dies gilt umso mehr, je eher von kontinuitätstheoretischen und/oder lebenszyklischen Ansätzen ausgegangen wird (d.h. von theoretischen Ansätzen, die aktuelle Lebenslage und aktuelles Verhalten älterer Menschen von früheren Lebensphasen abhängig erachten).

Im Zusammenhang mit retrospektiven Fragen stehen zwei methodische Fragestellungen im Zentrum:

a) Wie zuverlässig sind die Antworten auf retrospektive Fragen? Bei welchen Fragen ergeben sich besonders starke Validitätsprobleme (z.B. aufgrund von Vergessen und/oder Verdrängen von Ereignissen)?

b) Inwiefern bestehen allgemeine Befragungsstrategien, die die Validität retrospektiver Fragen zu verbessern vermögen?

1) Zur Zuverlässigkeit retrospektiver Fragen

Bei retrospektiven Fragen stellt sich immer die grundsätzliche Frage, inwieweit die Gültigkeit und Zuverlässigkeit der Antworten durch Erinnerungslücken oder -fehler beeinträchtigt werden. Zurückliegende Ereignisse können vergessen werden, das Jahr eines Ereignisses kann fehlerhaft erinnert werden oder die Häufigkeit vergangener Tätigkeiten kann falsch wiedergegeben werden. Zusätzlich können unangenehme Ereignisse und Vorkommnisse verdrängt werden, oder zurückliegendes Verhalten kann rückwirkend beschönigt werden. Es ist naheliegend anzunehmen, dass die Gültigkeit der Antworten zu retrospektiven Fragen sowohl vom erfragten Zeithorizont als auch von der Art der Ereignisse bestimmt wird. Allerdings zeigen entsprechende Studien, dass die Gültigkeit der Antworten nicht einfach linear mit dem Zeithorizont reduziert wird, sondern dass der erinnerte Zeithorizont eng mit der Art von Ereignissen bzw. Aktivitäten verknüpft sind. Je nach Art der retrospektiver Frage können auch weit zurückliegende Ereignisse zuverlässig erinnert und datiert werden, wogegen bei anderen Fragen schon nach kurzer Zeit (z.B. zwei oder drei Wochen) Erinnerungsprobleme auftauchen.

Ein sehr bedeutsamer Faktor ist namentlich die Zentralität (saliency) eines Ereignisse, wobei die Zentralität eines Ereignisses mit mindestens drei Faktoren assoziiert ist:

- die emotionale Intensität eines Ereignisses: Emotional intensive Ereignisse und Erlebnisse - etwa aus der Kindheit oder der Jugendzeit - werden weniger vergessen als emotional weniger intensive Ereignisse oder Handlungen. Andererseits werden emotional intensive Ereignisse und Erlebnisse unter Umständen - sofern es sich um negativ erlebte Ereignisse (Unfall, Gewaltakte, Arbeitslosigkeit usw.) handelt - eher verdrängt. Alltägliche oder relativ häufig vorkommende Ereignisse oder Handlungen - wie Urlaubsreisen, Konsumverhalten, Medienkonsum usw - sind hingegen schon nach recht kurzer Zeit nicht mehr differenziert abfragbar.

- das Ausmass, in dem ein Ereignis einen zentralen biographischen Wendepunkt oder lebenszyklische Weichenstellung darstellt. Solche Ereignisse (wie Schuleintritt, Heirat, Geburt von Kindern, Berufseintritt, Pensionierung usw.), werden im allgemeinen relativ zuverlässig erinnert und datiert (wenn auch die damaligen Umstände oder Motive in der Rückerinnerung beschönigt und idealisiert werden). So zeigt eine Analyse deutscher Lebensverlaufsdaten, dass die Zuverlässigkeit der erfassten Retrospektivdaten zur Partnerschaftsbiographie so hoch ist, dass gängige Analysen zum Heiratsverhalten oder zum Scheidungsrisiko kaum durch fehlende Reliabilität beeinträchtigt werden (vgl. Klein, Fischer-Kerli 2000). Auch wichtige lebenskritische Ereignisse (Scheidung, Tod eines Partners) werden im allgemeinen zuverlässig erinnert.

- der finanzielle und soziale Impakt einer Handlung. So werden grosse Konsumeinkäufe besser erinnert als kleinere Einkäufe. Ebenso werden Handlungen mit weittragenden Wirkungen - z.B. besonders ereignisreiche Urlaubsreisen, weitreichende Stellenwechsel usw. - eher erinnert.

Im allgemeinen werden biographische Einmalereignisse - wie Zivilstandswechsel, Geburt von Kindern usw. - recht gut erinnert und auch zuverlässig datiert. Geburtsdaten werden zudem auch deshalb gut erinnert, weil Geburtstage häufig jährlich wiederkehrende Feste darstellen (wodurch die Rückerinnerung jeweils neu aktualisiert wird). Aufgrund von Sozialisationsunterschieden scheinen Frauen namentlich biographische Daten und Ereignisse zuverlässiger erinnern zu können als Männer (vgl. Davies 1991, Skowronski, Thompson 1990). Allerdings variiert die Zuverlässigkeit der Rückerinnerung auch bei Frauen enorm, und neben dem Geschlecht sind viele weitere Faktoren zu berücksichtigen.

Schwieriger zu erfassen als biographische Daten und Einzelereignisse sind sogenannte 'Serienereignisse', d.h. Ereignisse, die sich im Verlaufe eines Lebens mehrfach wiederholten, wie z.B. Auslandsreisen, Stellenwechsel, Beförderungen, Autokäufe). Hier ist die Gefahr gross, dass vor allem weit zurückliegende Ereignisse miteinander verwechselt werden bzw. sich die Erinnerungen verwischen (vgl. Lewandosky, Murdock 1989). So stellt etwa die Erfassung von Berufsverlaufsangaben erhebliche Anforderungen an Erhebungsinstrument, Interviewer und Befragte, insbesondere wenn sie detaillierte Angaben zu beruflichen Veränderungen, Beförderungen, Tätigkeitswechsel usw. rekonstruieren sollen (vgl. dazu Becker 2001; Dex; McCulloch 1998).

Analog hohe Anforderungen stellen sich bei der Rekonstruktion von Krankeitsgeschichten. So ist zwar der letzte Besuch bei einem Arzt zumeist noch präsent, aber weiter zurückgehende Besuchstermine werden mit abnehmender Genauigkeit erinnert (vor allem bei älteren Menschen, die recht häufig einen Arzt aufsuchen) (vgl. Means 1989). Gemäss der Studie von Fathi, Schooler, Loftus (1984) erfolgt das Erinnern medizinischer Visiten von früher nach heute (auch weil in vielen Fällen ein spezifisches Krankheitssymptom Ausgangspunkt entsprechender Arztbesuche ist). Allerdings nimmt etwa die Nichterwähnung (underreporting) von Spitalaufenthalten mit der erfragten Zeitperiode zu (vgl. Cohen, Erickson, Powell 1983). Sachgemäss ist die Zuverlässigkeit der Erinnerung von Spitalaufenthalten nicht allein von der vergangenen Zeitdauer assoziiert, sondern auch mit Faktoren wie der Länge des Spitalaufenthaltes oder damit, ob damit eine Operation verbunden war oder nicht (vgl. Cannell et al. 1981).

Im allgemeinen kann davon ausgegangen werden, dass bedeutsame Lebensereignisse - wie etwa Spitalaufenthalte - bis zu einer Dauer von einem Jahr in etwa zuverlässig erinnert werden. Bei weniger bedeutsamen oder weniger einmaligen Ereignissen ist ein Zeithorizont von maximal einen Monat angebrachter.

Bei 'Serienereignissen' oder Alltagshandlungen nimmt die Zuverlässigkeit retrospektiver Aussagen ganz allgemein mit zunehmender Zeitdauer ab (und zwar sowohl was Erinnerungslücken als auch was Datierungsfehler betrifft). Im allgemeinen vergessen Leute zuerst das genaue Datum und erst später das Ereignis selbst. Datierungsfehler sind deshalb häufiger als Nichterwähnen eines Ereignisses.

Die Ergebnisse einer belgischen Studie illustrieren, wie stark dieses Problem auch bei biographisch vergleichsweise markanten Ereignissen - wie Wohnortswechsel - sein kann (vgl. Auriat, 1991, 1993):

Im Rahmen einer Befragung von 500 belgischen Ehepaaren (Alter 41-57 Jahre) wurden Ehemann und Ehefrau unter anderen auch nach Wohnortswechsel nach der Heirat sowie nach der Geburt von Kindern (als mögliches Referenzdatum für den Wohnortswechsel) gefragt. Die Befragungsdaten konnten via nationale Einwohnerregister auf ihre Gültigkeit geprüft werden. Die Studie brachte folgende Ergebnisse:

a) Die Datierungsfehler bei Wohnortswechsel waren erheblich, wie die Angaben in Tabelle zeigen. 35% der Ehefrauen und 41% Prozent der Ehemänner datierten den ersten Wohnortswechsel nach der Eheschliessung fehlerhaft (wobei häufig das Jahr des Wohnortswechsel verwechselt wurde). Eine anschliessende gemeinsame Befragung des Ehepaares reduziert die Fehlerquote leicht, aber auch in diesem Fall bleiben gut 30% der Migrationsbewegungen falsch datiert.

b) In vielen Fällen war - wie die genauere Analyse zeigte - die inkorrekte Datierung des ersten Ereignisses mit der inkorrekten Datierung der weiteren Ereignisse assoziiert. Auf der anderen Seite führte die zeitliche Nähe und inhaltliche Verknüpfung des Wohnortswechsels mit wichtigen biographischen Ereignissen (wie Geburt eines Kindes) zu einer signifikanten Verringerung der Fehlerquote.

Je alltäglicher und routinehafter ein Ereigniss, ein Erlebnis oder eine Handlung ist, desto kürzer ist allerdings im allgemeinen der Zeithorizont, der retrospektiv zuverlässig erfasst werden kann. In solchen Fällen empfiehlt es sich, gezielt einen kurzen Zeithorizont vorzugeben (z.B. letzte Woche, letzte vier Wochen usw.). Allerdings handelt man sich dabei unter Umständen das gegenteilige Problem des 'Teleskoping' (telescoping), d.h. dass einige Ereignisse als 'kürzlich erlebt' definiert werden, wodurch innerhalb der vorgegebenen Zeitperiode (letzte vier Wochen, letzte sechs Monate) mehr Ereignisse vermerkt werden als tatsächlich erlebt wurden (vgl. Bradburn et al. 1994, Sudman, Bradburn 1982: 44-45, Thompson, Skowronski, Lee 1991). So wird etwa der Gebrauch von Medikamenten (die nicht täglich eingenomnen werden müssen) bei einer kurzen erfragten Zeitperspektive eher überschätzt.

Das Problem der 'Zeitraffung' hat sicherlich auch damit zu tun, dass die subjektiv erlebte Zeit - gerade bei älteren Personen - eine andere Geschwindigkeit aufweist als die 'objektive Zeit. Damit können auch objektiv länger zurückgehende Ereignisse als erst kürzlich geschehen interpretiert werden. Jedenfalls reduzieren retroaktive Interferenzen bei der Erinnerung sich wiederholender Ereignisse die Zuverlässigkeit vor allem von Zeitangaben. Oft wird zudem zu wenig berücksichtigt, dass auch die zeitlichen Referenzen gruppen- und altersspezifisch variieren können. So benüzten nicht alle Rentner/innen die übliche Arbeitswoche als zeitliches Bezugssystem, und für Student/innen kann das Semester die bedeutsamere Zeitreferenz sein als das Jahr usw.

Noch schwieriger zuverlässig zu erfassen sind - mit wenigen Ausnahmen - frühere Gefühle, Einstellungen oder Handlungsmotive, die bekanntlich ständig Neu- und Uminterpretationen unterliegen. Fragen etwa zur politischen Einstellung während der Jugend, den Gründen für eine frühere Partnerwahl oder Berufswahl usw. sind höchstens in dem Sinne interessant, als sie eine Vertiefung der gegenwärtigen Stimmungslage erlauben (da die Interpretation der biographischen Vergangenheit (inkl. der gemachten Erfahrungen, Fehler und Erfolge) gerade auch bei älteren Menschen ein zentrales Identitätselement ihrer gegenwärtigen Situation darstellt. Biographische Rückerinnerungen dürfen deshalb keineswegs kausal interpretiert werden, sondern sie sind integrierter Teil der gegenwärtigen Situation.

2) Strategien zur Verbesserung der Zuverlässigkeit der Rückerinnerung

Zur Verbesserung der Zuverlässigkeit der Rückerinnerung biographischer Daten und Ereignisse gibt es verschiedene vorgeschlagene Strategien:

A) Eine Möglichkeit, die Zuverlässigkeit der Erinnerung an weit zurückliegende biographische Daten und Ereignisse zu verbessern, liegt darin, sie mit wichtigen zeitgeschichtlichen Ereignissen zu verknüpfen (z.B. Kriegsbeginn, Kriegsende, Regierungswechsel usw.). (vgl. Loftus, Marburger 1983, Robinson 1986). Da allerdings bedeutende zeitgeschichtliche Ereignisse (landmark events) länderspezifisch variieren, ist keine generelle Vorlage möglich.

B) Zur Erfassung von Serienereignissen kann eine duale Zeitperspektive benützt werden. Loftus et al. (1990) konnten nachweisen, das die Zuverlässigkeit der Angaben zur Benützung medizinischer Dienstleistungen (wie Blutdruckmessung, Augentests usw.) dadurch verbessert werden konnte, dass zuerst nach der Häufigkeit der Benützung in den letzten sechs Monaten und erst danach nach der Benützungshäufigkeit während der letzten zwei Monate gefragt wurde. Aus welchen Gründen dieser duale Zeitrahmen (dual-time-frame) bessere Ergebnisse liefert ist unklar. Es ist jedoch denkbar, dass die Frage nach den letzten sechs Monaten dazu hilft, die letzten zwei Monate zeitlich besser zu fokussieren. Gleichzeitig ist auch möglich, dass das zweimalige Fragen die Befragten darauf aufmerksam macht, dass eine möglichst exakte Antwort erwartet wird.

C) Der Kontext, in dem Ereignisse geschahen, hat einen bedeutsamen Effekt auf das Erinnerungsvermögen, und dementsprechend werden positive Ereignisse besser erinnert als negative Ereignisse. Und sofern die Befragung - wie dies oft der Fall ist - vom Ereigniskontext vollständig dissoziiert ist, wird Erinnerung erschwert. Dies wird durch ein Experiment sehr schön illustriert: Eine Gruppe von Unterwassertaucher lernten eine Liste von Wörtern sowohl im Wasser als auch an Land. Die im Wasser erlernten Wörter wurden nachträglich am ehesten erinnert, wenn die Befragung unter Wasser stattfand, wogegen die an Land erlernten Wörter auch an Land am ehesten erinnert wurden (vgl. Godden, Baddeley 1975). Es ist deshalb denkbar, dass medizinische Ereignisse in Anwesenheit eines Arztes oder in spitalähnlichem Kontext besser erinnert werden als bei normalem Interview zu Hause. Für biographische Detailinterviews (im Sinne von oral history, narrativen Interviews uam.) kann es nützlich sein, wenn Erinnerungsphotos (und andere Erinnerungsgegenstände) als Erinnerungsstützen mitberücksichtigt werden (vgl. Gordon 1984, Foddy 1993: 95-96).

D) Bei Fragen, die biographische Aspekte und Fakten detailliert zu erfassen suchen - etwa im Rahmen von Lebenslaufanalysen - muss das Interview so gestaltet werden, dass

- den Befragten und dabei auch älteren Personen genügend Zeit zur Rückerinnerung gelassen wird. Das Tempo des Interviews - oft ganz allgemein zu schnell - muss bei solchen Fragen gedrosselt werden.

- den Befragten explizit die Möglichkeit eröffnet und gelassen wird, im Verlaufe des Interviews auf frühere Erinnerungsfragen zurückzukommen, sei es im Daten zu korrieren oder Ergänzungen anzubringen.

- assoziative Querverbindungen (cross-cutting) zwischen Erinnerungsfragen vorgesehen werden, um via assoziatives Verfahren die Qualität der Rückerinnerung zu vergrössern. Gemäss Foddy (1993: 97) gilt denn: "researchers should not just ask whether a respondent has been ill during the last month but should as a series of cross-cutting questions. For example, whether the respondent has had any pain episodes, taken time off work, been hospitalised, needed to take any medication of any sort, and so on."

E) Speziell dort, wo biographische Aspekte und Fragen des Lebenslaufs im Zentrum des Forschungsinteresses stehen, sollten retrospektiv erfasste biographische Daten in einer systematisch verknüpften Weise erfasst. Dies gilt vor allem für sich möglicherwerise wiederholende Lebensereignisse. "..recall of series events should not be 'longitudinal structured free recall.' Instead, it may be more efficient to examine series events in a transversal fashion, looking at surrounding events within a certain time period. The life-history calendar or the time line techniques may be useful for decreasing the thread of errors that seems to exist in free series recall." (Auriat 1993:185). Auch nach der Meinung von Sudman und Bradburn (1982,1987) sollte bei der Erfassung biographischer Lebensaspekte der Fragebogen einer chronologischen Abfolge folgen (was es erleichtert, vorher-nachher-Beziehungen herzustellen).Dabei kann die chronologische Abfolge entweder rückwärts (von heute zu früher) oder vorwärts (von Jahr x zu heute) gerichtet sein. Im allgemeinen scheint ein rückwärts gerichtetes Verfahren (von der Gegenwart zu früher) besser zu sein, vor allem weil Befragten weniger schon zu Beginn der Erinnerungsreise mit Erinnerungslücken konfrontiert werden (was z.B. schon früh ein Gefühl von Versagen hervorrufen kann).
Aus der Analyse von Klein und Fischer-Kerli (2000) zur Zuverlässigkeit retrospektiv erhobener Datumsangaben zur Partnerschaftsbiographie ergab sich die Empfehlung, Datumsangaben auf unterschiedliche Weise parallel zu erheben, z.B. biographisch und kalenderzeitlich verortet.

Sollen verschiedene Lebensbereiche (Familie, Wohnen, Beruf usw.) erfasst werden, kann ein lebensgeschichtlicher Kalendar (life history calendar) benützt werden, der es insbesondere erlaubt, zwischen verschiedenen Lebensereignissen (etwa Heirat und Wohnortswechsel usw.) assoziiative Verknüpfungen zu machen. Der Vergleich von Daten, die via einem lebensgeschichtlichen Kalendar retrospektiv erhoben wurden, mit damals aktuell erhobenen Daten zeigen, dass dieses Verfahren eine recht zuverlässige Datierung von Lebensereignissen (bis auf einen Monat genau) ermöglicht (vgl. für eine Detailbeschreibung: Freedman et. al. 1988). Die Nachteile dieses Verfahrens liegen nicht nur darin, dass eine besonders aufwendige Interviewerschulung notwendig ist und dass auch die Codierung und Auswertung dieser Daten besondere Anforderungen stellt.

Bei allen Verfahren muss berücksichtigt werden, dass eine zuverlässige Erhebung biographischer Daten - die längere Zeit zurückliegen - eine spezielle Frage- und Interviewmethodik erfordert, als dies etwa bei Einstellungsfragen der Fall ist. Dies betrifft etwa das Tempo (Rückerinnerung: Befragte müssen genügend Zeit haben), die Möglichkeit von nachträglichen Korrekturen (bei Einstellungsfragen nicht vorgesehen), den systematischen Bezug verschiedener Fragen (bei Einstellungsfragen wegen Positionseffekten nicht ratsam) uam.

Literaturhinweise

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letzte Aktualisierung: 10. Januar 2010.

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